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Marktentwicklung: Glas und Glaswaren (CN 70) — 2015–2025

Einleitung

Die vorliegende Marktanalyse untersucht die Entwicklung des Außenhandels der Europäischen Union mit dem Produktkapitel 70 (Glas und Glaswaren) im Zeitraum 2015 bis 2025. Grundlage sind jährliche Handelsdaten mit Nicht‑EU‑Ländern, die über das Dashboard für Handelsentwicklung abrufbar sind. Die Analyse konzentriert sich auf die drei zentralen Dynamiken: die Erosion des traditionellen EU-Handelsüberschusses, die Verschiebung der Partnerstrukturen infolge geopolitischer Verwerfungen sowie den segmentgetriebenen Strukturwandel bei gleichzeitig steigender Verwundbarkeit.


1. Schwindender Handelsüberschuss der EU bei Glas und Glaswaren

Exporte wachsen moderat, während die Importe förmlich explodieren

Im Beobachtungszeitraum ist der Wert der EU‑Glasausfuhren von 7,88 Mrd. EUR auf 8,53 Mrd. EUR gestiegen (+8,2 %). Die importierten Werte legten hingegen von 5,17 Mrd. EUR auf 8,44 Mrd. EUR zu (+63,3 %). Mengenseitig sanken die Exporte um 6,6 %, während die Importmenge um 51,5 % zunahm. Der Außenhandel wurde damit immer stärker von Einfuhren getrieben.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert (Mrd. EUR) 7,883 8,527 +8,2 %
Importwert (Mrd. EUR) 5,171 8,444 +63,3 %
Exportmenge (Mio. t) 3,799 3,547 –6,6 %
Importmenge (Mio. t) 3,482 5,277 +51,5 %
Ausfuhrpreis (EUR/t) 2.075 2.404 +15,9 %
Einfuhrpreis (EUR/t) 1.485 1.600 +7,7 %

Quelle: Handelsentwicklung

Der bilaterale Saldo schmilzt auf ein Minimum

Der EU‑Handelsüberschuss fiel von 2,71 Mrd. EUR (2015) auf 83,7 Mio. EUR (2025) – ein Einbruch um 96,9 %. Die Nettoimportabhängigkeit (Verhältnis von (Import‑Export)/BIP‑Proxy) bewegte sich von –10,4 % (2015) auf –1,9 % (2024); die EU ist somit kaum noch Nettoexporteur von Glas.
(Daten: Nettoimportabhängigkeit)

Die Ausfuhrpreise steigen stärker als die Einfuhrpreise

Während der durchschnittliche Exportpreis um 15,9 % auf 2.404 EUR/t kletterte, legte der Importpreis nur um 7,7 % auf 1.600 EUR/t zu. Das spricht für eine höhere Wertschöpfung der EU‑Exporte, die jedoch den Mengenrückgang nicht kompensieren konnte.


2. Neue Schwergewichte im Handel: China, die Türkei und die geopolitischen Verschiebungen

China festigt seine Position als dominierender Lieferant

Die Einfuhren aus China haben sich von 1,69 Mrd. EUR (2015) auf 3,63 Mrd. EUR (2025) mehr als verdoppelt (+115,3 %). Der Herfindahl‑Hirschman‑Index (HHI) für die Importe stieg im gleichen Zeitraum von 1.670 auf 2.200, was eine deutlich höhere Lieferantenkonzentration anzeigt.
(Quelle: Top-Handelspartner nach Wert, Konzentration (HHI))

Die Türkei und die Ukraine gewinnen stark an Bedeutung

Sowohl auf der Import‑ als auch auf der Exportseite verzeichneten die Türkei und die Ukraine überdurchschnittliche Zuwächse:

Partner Einfuhr 2015 (Mio. EUR) Einfuhr 2025 (Mio. EUR) Ausfuhr 2015 (Mio. EUR) Ausfuhr 2025 (Mio. EUR)
China 1.685,5 3.629,4 607,5 655,8
Türkei 350,7 727,4 287,4 448,7
Ukraine 60,1 151,1 51,0 170,0
Ägypten 60,5 192,6

Die Exporte in die Ukraine stiegen um 233,7 %, getrieben durch Hilfslieferungen und Wiederaufbaubedarf. Die türkischen Einfuhren legten um 107,4 % zu, was auf eine wachsende Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Glasindustrie hindeutet.

Russland bricht ein, die USA und die Schweiz bleiben stabile Abnehmer

Die Importe aus der Russischen Föderation fielen von 79,7 Mio. EUR auf 18,1 Mio. EUR (–77,3 %). Auch die EU‑Ausfuhren nach Russland brachen – außerhalb der Top‑7‑Liste – von 285,5 Mio. EUR (2015) auf 77,3 Mio. EUR (2025) ein.
Demgegenüber erwiesen sich die Vereinigten Staaten (+8,5 % Ausfuhren) und die Schweiz (+29,4 % Ausfuhren) als verlässliche Abnehmer. Die Konzentration der Exportziele blieb dabei stabil (HHI: 888 → 855).


3. Produktsegmente im Wandel und wachsende Verwundbarkeit

Behälterglas und Glasfasern treiben den Handelsanstieg

Die Produktsegmentaufschlüsselung zeigt, dass vor allem drei Warengruppen den Importanstieg erklären:

HS‑Code Warengruppe Einfuhr 2015 (Mio. EUR) Einfuhr 2025 (Mio. EUR) Veränderung
7010 Behältnisse aus Glas 479,4 1.138,4 +137,6 %
7019 Glasfasern 1.219,6 1.560,5 +28,0 %
7009 Spiegel 790,9 1.424,4 +80,0 %

Bei den Ausfuhren hielten Behälterglas (7010) mit +28,1 % und Glasfasern (7019) mit +33,1 % dagegen. Hingegen sanken die Exporte von Tisch‑ und Küchenglaswaren (7013) um 6,1 % und von Sicherheitsglas (7007) um 8,5 %.

Die Energiekrise 2022 verursacht massive Preissprünge

Die Preisschock‑Analyse identifiziert mehrere auffällige Ereignisse, die alle um das Jahr 2022 zentriert sind:

Diese Preisschübe spiegeln die stark gestiegenen Energiekosten für die Glasproduktion wider. Die hohe Volatilität der Importmengen (Russland CV 0,71, Ägypten 0,37) unterstreicht die gestiegene Unsicherheit.

Die EU‑Produktion wächst wertmäßig stark, doch die Importabhängigkeit nimmt zu

Die heimische Produktion (Menge und Wert) legte zwischen 2015 und 2024 wertmäßig um 61,0 % auf 29,3 Mrd. EUR zu, die Menge expandierte moderat (+7,4 %). Die Handelsintensität ( (Export+Import)/Produktion ) kletterte von 23,2 % auf 31,0 %, die Exportquote von 17,2 % auf 19,1 %.
Die Spezialisierung (RSCA) variiert innerhalb der EU stark: kleine Volkswirtschaften wie Kroatien (RSCA 0,517), Bulgarien (0,475) und Portugal (0,377) sind hochspezialisiert, während der größte Exporteur Deutschland mit einem RSCA von –0,003 nahe dem EU‑Durchschnitt liegt und große Dienstleistungsökonomien (Irland –0,865, Zypern –0,859) kaum Glaswaren exportieren.


Fazit

Der EU‑Handel mit Glas und Glaswaren hat sich im letzten Jahrzehnt fundamental gewandelt. Der jahrzehntelange Handelsüberschuss ist nahezu verschwunden; die Importe, allen voran aus China, wuchsen um mehr als 60 %. Geopolitische Spannungen spalteten die Partnerstruktur: Während Russland als Lieferant und Abnehmer marginalisiert wurde, stiegen die Türkei und die Ukraine zu dynamischen Handelspartnern auf. Der Energieschock 2022 verursachte teils extreme Preissprünge, von denen Behälterglas und Glasfasern besonders betroffen waren. Die EU‑Produktion expandierte preisgetrieben, doch die gestiegene Handelsintensität und die auf fast Null geschrumpfte Nettoexportposition erhöhen die Verwundbarkeit des Sektors. Die europäische Glasindustrie bleibt wettbewerbsfähig, muss sich aber auf eine dauerhaft importlastigere Handelsstruktur einstellen.