Marktentwicklung: Glas und Glaswaren (CN 70) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Bereich Glas und Glaswaren (KN-Code 70) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Position 70 umfasst ein breites Produktspektrum — von Flachglas und Sicherheitsglas über Glasbehälter und Glasfasern bis hin zu Haushaltsglaswaren und Spiegeln. Sie deckt über 20 Unterpositionen ab und ist mit einer EU-Produktion im Wert von 42,4 Mrd. EUR (2025) ein industrielles Schlüsselsegment.
Im Untersuchungszeitraum zeichnen sich drei zentrale Trends ab: eine gravierende Verschiebung der Handelsbilanz zugunsten der Importe, eine tektonische Umstrukturierung der Lieferländer infolge geopolitischer Ereignisse sowie ein anhaltender Preisauftrieb, der die Wertschöpfungskette des Sektors tiefgreifend verändert hat.
1. Vom Überschussmarkt zur Importabhängigkeit: Die strukturelle Erosion der EU-Handelsbilanz
1.1 Der dramatische Rückgang des Handelsüberschusses
Die EU verzeichnete im Jahr 2015 einen Handelsüberschuss von 2,71 Mrd. EUR im Glasbereich. Bis 2025 schmolz dieser auf lediglich 87 Mio. EUR zusammen — ein Rückgang von 96,8 %. Die EU bewegt sich damit praktisch am Punkt der Handelsbilanzneutralität.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exporte (Mrd. EUR) | 7,88 | 8,53 | +8,2 % |
| Importe (Mrd. EUR) | 5,17 | 8,44 | +63,3 % |
| Handelsbilanz (Mrd. EUR) | 2,71 | 0,09 | −96,8 % |
Quelle: Gesamtübersicht
1.2 Asymmetrische Mengen- und Wertschöpfungsdynamik
Die Exporte verloren mengenmäßig an Boden: von 3,80 Mio. Tonnen (2015) auf 3,55 Mio. Tonnen (2025), was einem Rückgang von 6,6 % entspricht. Gleichzeitig stiegen die Importmengen um 51,5 % — von 3,48 Mio. auf 5,28 Mio. Tonnen. Die EU produziert zwar weiterhin mehr Glas, als sie verbraucht, exportiert aber zunehmend hochwertige Güter und importiert mengenmäßig dominante Standardware.
Die Netto-Importabhängigkeit bestätigt diesen Trend: Lag sie 2015 bei −10,6 % (also Exportüberschuss), sank sie bis 2025 auf −0,6 % — eine Veränderung um 94,6 %.
1.3 Aufwertung der Exporte, Inflation bei Importen
Die durchschnittlichen Exportpreise stiegen von 2.075 EUR/t auf 2.406 EUR/t (+15,9 %), während die Importpreise von 1.485 EUR/t auf 1.600 EUR/t zulegten (+7,8 %). Die EU spezialisiert sich zunehmend auf hochpreisige Glasprodukte (Sicherheitsglas, Glasfasern, technische Glaswaren), verliert aber Marktanteile im mengenstarken Segment der Standardgläser.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportpreis (EUR/t) | 2.075 | 2.406 | +15,9 % |
| Importpreis (EUR/t) | 1.485 | 1.600 | +7,8 % |
| Exportmenge (Mio. t) | 3,80 | 3,55 | −6,6 % |
| Importmenge (Mio. t) | 3,48 | 5,28 | +51,5 % |
Quelle: Gesamtübersicht
2. Geopolitische Erdbeben und die Neuordnung der Handelspartner
2.1 China als dominierender Importeur: Wachstum um 115 %
Der mit Abstand gravierende Wandel im EU-Glashandel ist der Aufstieg Chinas zum dominanten Importpartner. Die Einfuhren aus China stiegen von 1,69 Mrd. EUR (2015) auf 3,63 Mrd. EUR (2025) — eine Steigerung von 115,3 %. China allein verursacht damit einen erheblichen Teil des Handelsbilanzrückgangs.
| Importpartner | 2015 (Mrd. EUR) | 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 1,69 | 3,63 | +115,3 % |
| Vereinigtes Königreich | 0,70 | 0,71 | +1,2 % |
| Türkei | 0,35 | 0,73 | +107,4 % |
| Ukraine | 0,06 | 0,15 | +151,5 % |
| Ägypten | 0,06 | 0,19 | +218,4 % |
| Russland | 0,08 | 0,02 | −77,3 % |
| Schweiz | 0,23 | 0,20 | −11,0 % |
Quelle: Top-Handelspartner
2.2 Russlands Zusammenbruch und die Umstrukturierung nach 2022
Die Importe aus Russland brachen nach dem Jahr 2022 dramatisch ein — von einem Spitzenwert von 281 Mio. EUR auf lediglich 18 Mio. EUR im Jahr 2025 (−77,3 % gegenüber 2015). Die Volatilität der russischen Handelsbeziehungen spiegelt sich in einem Variationskoeffizienten von 0,71 wider — der höchste Wert aller Handelspartner.
Gleichzeitig wuchsen alternative Lieferanten stark: Die Türkei (+107,4 %), die Ukraine (+151,5 %) und Ägypten (+218,4 %) kompensierten teilweise den russischen Wegfall. Diese Länder profitierten von der Neuausrichtung der EU-Lieferketten.
2.3 Zunahme der Importkonzentration
Die Konzentration der Importe (HHI) nahm deutlich zu — von 1.671 (2015) auf 2.200 (2025), eine Steigerung von 31,7 %. Dies signalisiert eine zunehmende Abhängigkeit von wenigen Lieferländern, vor allem China. Für die Exporte blieb die Konzentration hingegen stabil (HHI um 855–896), was auf diversifizierte Absatzmärkte hindeutet.
2.4 Hauptexportmärkte: Stabilität mit Schwerpunkt Westeuropa
Die wichtigsten Exportziele der EU bleiben das Vereinigte Königreich (1,43 Mrd. EUR, −2,7 %), die USA (1,55 Mrd. EUR, +8,5 %) und die Schweiz (0,82 Mrd. EUR, +29,4 %). Bemerkenswert ist das Wachstum der Ausfuhren in die Ukraine (+233,7 %) und Serbien (+94,9 %), was auf die EU-Annäherung dieser Länder hindeutet.
| Exportpartner | 2015 (Mrd. EUR) | 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 1,47 | 1,43 | −2,7 % |
| USA | 1,43 | 1,55 | +8,5 % |
| Schweiz | 0,63 | 0,82 | +29,4 % |
| Türkei | 0,29 | 0,45 | +56,1 % |
| Norwegen | 0,26 | 0,30 | +15,2 % |
| Ukraine | 0,05 | 0,17 | +233,7 % |
| Serbien | 0,11 | 0,21 | +94,9 % |
Quelle: Top-Handelspartner
2.5 Die EU-internen Spezialisierungsmuster
Innerhalb der EU zeigen sich deutliche Unterschiede in der Spezialisierung. Laut dem bereinigten Spezialkoeffizienten (RSCA) sind Kroatien (RSCA 0,517), Bulgarien (0,475) und Luxemburg (0,458) am stärksten auf Glas spezialisiert, während Irland (−0,865), Zypern (−0,859) und Griechenland (−0,570) kaum in diesem Sektor aktiv sind.
Deutschland dominiert sowohl den Import (1,66 Mrd. EUR) als auch den Export (2,62 Mrd. EUR) innerhalb der EU und fungiert als zentraler Handelsdrehscheibe. Besonders stark wuchsen die Importe in Polen (+171,4 %) und den Niederlanden (+122,3 %).
Quelle: Top-Reporter
3. Preisschocks, Segmentverschiebungen und Lieferkettenresilienz
3.1 Der Preisschock von 2022 und seine Nachwirkungen
Das Jahr 2022 markierte einen Wendepunkt im EU-Glashandel. Ausgelöst durch Energiepreissprünge und Lieferkettenunterbrechungen stiegen die Preise in zahlreichen Segmenten sprunghaft an. Drei signifikante Preisschockereignisse wurden identifiziert:
| Ereignis | Schocktyp | Abnormalität | Preisänderung | Zeitpunkt |
|---|---|---|---|---|
| Serbien (Exporte) | Preis | 9,4 | +29,9 % | 2022 |
| Ägypten (Importe) | Preis | 8,4 | +34,7 % | 2022 |
| Bosnien-Herzegowina (Exporte) | Preis | 6,9 | +45,0 % | 2022 |
Besonders betroffen waren die Importpreise für Flachglas (KN 7005): Hier verdoppelte sich der Preis nahezu — von 360 EUR/t (2018) auf über 594 EUR/t (2022), bevor er sich 2025 auf 472 EUR/t stabilisierte. Der Variationskoeffizient für Russland-Handel (0,71) und Ukraine-Exporte (0,51) unterstreicht die anhaltende Instabilität in diesen Korridoren.
3.2 Produktsegmentanalyse: Drei Kategorien dominieren den Handel
Die Analyse der Produktsegmente zeigt klare Schwerpunkte sowohl bei Importen als auch bei Exporten:
Importe nach Segment (2025):
| Segment | Beschreibung | Wert (Mrd. EUR) | Menge (t) | Preis (EUR/t) |
|---|---|---|---|---|
| 7019 | Glasfasern und Glaswolle | 1,56 | 823.955 | 1.894 |
| 7009 | Spiegel aus Glas | 1,42 | 263.883 | 5.398 |
| 7013 | Haushalts-/Küchenglaswaren | 1,06 | 466.167 | 2.276 |
| 7007 | Sicherheitsglas | 1,30 | 671.831 | 1.933 |
| 7010 | Glasbehälter | 1,14 | 1.201.519 | 947 |
| 7005 | Floatglas | 0,25 | 534.846 | 472 |
Exporte nach Segment (2025):
| Segment | Beschreibung | Wert (Mrd. EUR) | Menge (t) | Preis (EUR/t) |
|---|---|---|---|---|
| 7013 | Haushalts-/Küchenglaswaren | 1,32 | 212.849 | 6.196 |
| 7010 | Glasbehälter | 1,50 | 1.212.866 | 1.239 |
| 7007 | Sicherheitsglas | 1,03 | 241.836 | 4.279 |
| 7019 | Glasfasern und Glaswolle | 1,24 | 272.751 | 4.541 |
| 7005 | Floatglas | 0,55 | 731.788 | 755 |
3.3 Divergierende Preisschere: Export- und Importpreise auseinander
Ein zentrales Ergebnis ist die zunehmende Preisschere zwischen Export- und Importpreisen. Im Segment 7013 (Haushaltsglas) betragen die Exportpreise 6.196 EUR/t gegenüber Importpreisen von nur 2.276 EUR/t — ein Verhältnis von fast 3:1. Dies belegt, dass die EU hochwertige, preisintensive Glaswaren exportiert, während mengenstarke Standardprodukte importiert werden.
Besonders auffällig ist die Produktionsentwicklung: Die EU-Produktion stieg mengenmäßig von 97,9 Mrd. kg auf 104,2 Mrd. kg (+6,4 %), wertmäßig jedoch von 27,4 Mrd. EUR auf 42,4 Mrd. EUR (+54,7 %). Der Preisanstieg in der Produktion übertrifft die Mengenausweitung damit um ein Vielfaches.
3.4 Handelsintensität und strategische Verflechtung
Die Handelsintensität des Sektors stieg von 24,7 % auf 33,1 % (+34,0 %), während die Exportquote von 18,2 % auf 20,0 % zulegte (+10,1 %). Die zunehmende Handelsintensität bei gleichzeitiger Importabhängigkeit unterstreicht die Notwendigkeit strategischer Diversifizierung.
Fazit
Die EU-Glasindustrie durchlebt im Zeitraum 2015–2025 eine fundamentale Transformation. Der einstige Überschussmarkt ist an der Schwelle zur Handelsbilanzneutralität angelangt — bedingt durch einen massiven Importanstieg (+63,3 %) bei stagnierenden Exportmengen (−6,6 %). Diese Entwicklung wird maßgeblich durch den Aufstieg Chinas als dominierenden Lieferanten (+115,3 %) und die geopolitisch bedingte Umstrukturierung der Handelsbeziehungen nach 2022 getrieben.
Zwar konnte die EU ihre Position im Hochpreissegment behaupten und ausbauen — die durchschnittlichen Exportpreise liegen deutlich über den Importpreisen, und die Produktion wertete sich um 54,7 % auf. Gleichzeitig verschärft sich die Importkonzentration (HHI: +31,7 %), was strategische Risiken birgt. Der Preisschock von 2022 hat zudem die Verletzlichkeit der Lieferketten offengelegt.
Für die Zukunft des Sektors sind drei Handlungsfelder zentral: Die Diversifizierung der Importquellen zur Reduktion der China-Abhängigkeit, die Stärkung der energieintensiven Flachglasproduktion innerhalb der EU sowie die gezielte Förderung von Recyclingglas (KN 7001), dessen Handelsvolumen von 576.000 t auf 829.000 t (+44 %) stieg — ein vielversprechender Ansatz für eine kreislauforientierte Glaswirtschaft.