Marktentwicklung: Eisen- und Stahlwaren (CN 73) — 2015–2025
Einleitung
Das Kapitel 73 der Kombinierten Nomenklatur umfasst ein breites Spektrum an Waren aus Eisen oder Stahl – von Rohren und Profilen über Schrauben und Konstruktionsteile bis hin zu Haushaltsartikeln. Der vorliegende Bericht analysiert die Entwicklung des Außenhandels der Europäischen Union mit Nicht‑EU‑Ländern für diese Produktgruppe im Zeitraum 2015 bis 2025 auf Basis des EU Trade Dashboard. Im Fokus stehen die Dynamik von Aus‑ und Einfuhren, Verschiebungen unter den wichtigsten Handelspartnern sowie strukturelle Veränderungen durch Preisschocks und Spezialisierung.
1. Rasantes Importwachstum bei rückläufigem Handelsbilanzüberschuss
Die EU-Exporte steigen wertmäßig nur moderat, während die Einfuhren um mehr als zwei Drittel zulegen
Zwischen 2015 und 2025 wuchsen die EU‑Exporte von 36,8 Mrd. EUR auf 44,5 Mrd. EUR (+20,9 %). Die Importe legten im gleichen Zeitraum jedoch von 20,9 Mrd. EUR auf 35,3 Mrd. EUR zu (+68,9 %). Damit hat sich die Einfuhrdynamik deutlich gegenüber der Ausfuhr beschleunigt (Übersicht).
| Kennziffer | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exporte (Mrd. EUR) | 36,8 | 44,5 | +20,9 % |
| Importe (Mrd. EUR) | 20,9 | 35,3 | +68,9 % |
| Handelsbilanz (Mrd. EUR) | 16,0 | 9,2 | -42,0 % |
| Exportmenge (Mio. t) | 12,1 | 9,7 | -19,9 % |
| Importmenge (Mio. t) | 8,5 | 12,9 | +52,9 % |
Mengen und Preise entkoppeln sich: Die Exportpreise steigen mehr als dreimal so stark wie die Importpreise
Die ausgeführten Mengen sanken um fast ein Fünftel (‑19,9 %), während die eingeführten Mengen um mehr als die Hälfte zunahmen (+52,9 %). Gleichzeitig verteuerten sich die EU‑Exporte je Tonne von 3.034 EUR auf 4.578 EUR (+50,9 %), während die Importpreise nur von 2.469 EUR auf 2.728 EUR (+10,5 %) kletterten. Die Wertsteigerung der Exporte ist also fast ausschließlich preisgetrieben, während die Importe sowohl mengen‑ als auch preisseitig expandierten.
Der Überschuss sinkt um über 40 Prozent, bleibt aber positiv
Der Handelsbilanzsaldo schrumpfte von 16,0 Mrd. EUR auf 9,2 Mrd. EUR (‑42,0 %), wobei das Minimum mit 3,2 Mrd. EUR im Jahr 2020 erreicht wurde. Trotz des kräftigen Einfuhrwachstums behauptet die EU einen substanziellen Nettoexportüberschuss in dieser Warengruppe.
2. Geopolitische Verschiebungen und Neuordnung der Handelspartner
China dominiert die Importseite mit einer Verdopplung des Einfuhrwerts
Die Bezüge aus China stiegen von 6,6 Mrd. EUR auf 14,0 Mrd. EUR (+112,5 %) und machen damit den mit Abstand größten Lieferanten aus. Auch die Einfuhren aus der Türkei wuchsen überproportional von 1,6 Mrd. EUR auf 4,5 Mrd. EUR (+175,0 %), ebenso wie die aus Indien (+82,3 %).
| Importpartner | 2015 (Mrd. EUR) | 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 6,6 | 14,0 | +112,5 % |
| Türkei | 1,6 | 4,5 | +175,0 % |
| Ver. Königreich | 2,3 | 2,8 | +26,0 % |
| Indien | 1,0 | 1,8 | +82,3 % |
| Taiwan | 1,4 | 1,5 | +10,6 % |
| Russland | 0,2 | <0,01 | -98,0 % |
| Schweiz | 1,7 | 1,6 | -3,2 % |
Datenbasis: Handelspartner
Russland bricht als Liefer- und Absatzmarkt nahezu vollständig ein
Der Einfuhrwert aus Russland kollabierte um 98,0 %, die entsprechenden Ausfuhren um 90,1 %. Wurden 2015 noch 1,4 Mrd. EUR in die Russische Föderation exportiert, waren es 2025 nur noch 133 Mio. EUR. Dies markiert den dramatischsten Strukturbruch im gesamten Datensatz.
Die USA und das Vereinigte Königreich bleiben zentrale Absatzmärkte, doch die Konzentration nimmt zu
Die EU‑Exporte in die USA wuchsen um 49,1 % auf 8,1 Mrd. EUR, die in das Vereinigte Königreich um 18,5 % auf 6,0 Mrd. EUR. Die Schweiz (+38,2 %), Norwegen (+49,2 %) und die Türkei (+58,1 %) folgen als wichtige Abnehmer. Gleichzeitig stieg der Herfindahl‑Hirschman‑Index (HHI) der Importkonzentration von 1.430 auf 1.956 (+36,8 %) und jener der Exporte von 618 auf 793 (+28,4 %), was eine spürbare Konzentration der Handelsströme auf die führenden Partner belegt (Konzentration).
| Exportpartner | 2015 (Mrd. EUR) | 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 5,4 | 8,1 | +49,1 % |
| Ver. Königreich | 5,0 | 6,0 | +18,5 % |
| Schweiz | 2,6 | 3,6 | +38,2 % |
| Norwegen | 2,0 | 3,0 | +49,2 % |
| Türkei | 1,2 | 1,9 | +58,1 % |
| China | 2,2 | 2,5 | +12,3 % |
| Russland | 1,4 | 0,1 | -90,1 % |
3. Preisschocks und strukturelle Spezialisierung prägen das Marktbild
Das Jahr 2022 bringt massive Preissprünge bei Einfuhren aus dem Vereinigten Königreich, Vietnam und Indien
Insgesamt vier signifikante Preisschocks wurden identifiziert (Volatilität & Schocks). Auf der Einfuhrseite stiegen die Preise für britische Eisen‑ und Stahlwaren 2022 um 33,7 % über das Normalmaß (Abnormalität 23,4), bei vietnamesischen Lieferungen um 39,7 % und bei indischen Importen um 33,5 %. Die Mengen blieben dabei teils unter dem Vor‑Corona‑Niveau.
| Schock‑Ereignis | Fluss | Jahr | Preisverschiebung | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|
| Ver. Königreich (Import) | Import | 2022 | +33,7 % | 23,4 |
| Vietnam (Import) | Import | 2022 | +39,7 % | 11,8 |
| Indien (Import) | Import | 2022 | +33,5 % | 9,5 |
| Algerien (Export) | Export | 2020 | +57,7 % | 16,8 |
| Ver. Arab. Emirate (Exp.) | Export | 2022 | +78,1 % | 8,3 |
| Ägypten (Export) | Export | 2017 | +40,6 % | 2,8 |
Auf der Exportseite treten Preisschocks vor allem in Algerien und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf
Die Ausfuhrpreise nach Algerien schnellten 2020 um 57,7 % in die Höhe, während die Lieferungen in die Vereinigten Arabischen Emirate 2022 einen Sprung von 78,1 % erlebten und danach auf hohem Niveau verharrten. Diese Extrembewegungen deuten auf eine gestiegene Knappheit oder stark erhöhte Kosten in einzelnen Marktsegmenten hin.
Die EU‑Mitgliedstaaten zeigen eine ausgeprägte Spezialisierung, allen voran Estland und Italien
Im Jahr 2025 weisen Estland (RSCA 0,35), Luxemburg (0,34), Italien (0,24) und Lettland (0,23) den höchsten relativen Spezialisierungsgrad bei CN 73 auf (Spezialisierung). Dagegen zeigen Zypern, Irland und Malta eine sehr geringe Ausrichtung auf diese Warengruppe.
Baukonstruktionen und nahtlose Rohre dominieren die Ausfuhr, während Schrauben und andere Waren die Einfuhr prägen
Die Produktsegment‑Analyse zeigt, dass bei den Importen die Positionen 7326 (andere Waren aus Eisen/Stahl, 7,3 Mrd. EUR), 7318 (Schrauben, Muttern usw., 6,6 Mrd. EUR) und 7308 (Konstruktionsteile, 6,2 Mrd. EUR) führend sind. Im Export liegen Konstruktionsteile (7308, 9,8 Mrd. EUR), andere Waren (7326, 8,3 Mrd. EUR) und nahtlose Rohre (7304, 4,0 Mrd. EUR) vorn.
| Einfuhr‑Top‑3 2025 | Wert (Mrd. EUR) | Ausfuhr‑Top‑3 2025 | Wert (Mrd. EUR) |
|---|---|---|---|
| 7326 – a.n.g. Waren | 7,3 | 7308 – Konstruktionen | 9,8 |
| 7318 – Schrauben | 6,6 | 7326 – a.n.g. Waren | 8,3 |
| 7308 – Konstruktionen | 6,2 | 7304 – nahtlose Rohre | 4,0 |
Fazit
Der EU‑Handel mit Eisen‑ und Stahlwaren erlebte von 2015 bis 2025 eine markante Asymmetrie: Während die Ausfuhren vor allem über höhere Preise wertmäßig zulegten, explodierten die Importe sowohl mengen‑ als auch wertseitig. Geopolitisch haben China, die Türkei und Indien ihre Stellung massiv ausgebaut, während Russland als Partner vollständig wegfiel. Preisschocks im Jahr 2022 wirkten vor allem auf der Importseite und trugen zur Verteuerung bei. Die hohe Spezialisierung einiger EU‑Staaten und die Konzentration bei Baukonstruktionen und Schrauben unterstreichen den technologisch‑industriellen Charakter dieses Warensegments. Der Handelsbilanzüberschuss ist gesunken, aber weiterhin deutlich positiv – ein Zeichen für die anhaltende Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Stahlverarbeitung.