Marktentwicklung: Eisen- und Stahlwaren (CN 73) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifbereich CN 73 — Waren aus Eisen oder Stahl umfasst ein breites Spektrum von Halbzeugen und Fertigerzeugnissen — von Schrauben und Bolzen über Rohre und Konstruktionsteile bis hin zu Haushaltsartikeln. Mit einem Exportvolumen von rd. 44,5 Mrd. € und Importen von rd. 35,3 Mrd. € im Jahr 2025 zählt CN 73 zu den bedeutendsten Warengruppen im EU-Außenhandel.
Der Zeitraum 2015–2025 war durch drei übergreifende Dynamiken gekennzeichnet: Erstens wuchsen die Handelswerte kräftig, während die exportierten Mengen gleichzeitig zurückgingen — ein Indiz für die dominierende Rolle von Preiseffekten. Zweitens verschoben sich die Importströme geopolitisch erheblich: China und die Türkei gewannen massiv an Bedeutung, während der Handel mit Russland nahezu zum Erliegen kam. Drittens vollzog sich innerhalb der Produktsegmente ein Strukturwandel hin zu Konstruktionsteilen (KN 7308), die sich zum dynamischsten Wachstumsbereich entwickelten.
Die EU-Produktion von Eisen- und Stahlwaren stieg im selben Zeitraum mengenmäßig um 30,6 % (von 86,2 auf 112,6 Mio. t), wertmäßig jedoch um 208,5 % (von 55,0 auf 169,7 Mrd. €). Diese Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertentwicklung zieht sich als roter Faden durch den gesamten Markt.
1. Preisgetriebenes Wachstum bei divergierenden Mengentrends
Die EU exportierte 2025 fast 20 % weniger Tonnen als 2015, erzielte jedoch über 20 % höhere Erlöse
Die Exportentwicklung zeigt ein bemerkenswertes Auseinanderfallen von Mengen- und Wertentwicklung:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 36,8 Mrd. € | 44,5 Mrd. € | +20,9 % |
| Exportmenge | 12,1 Mio. t | 9,7 Mio. t | −19,9 % |
| Exportpreis (Ø/t) | 3.034 € | 4.578 € | +50,9 % |
Der Exportpreis pro Tonne stieg von 3.034 € auf 4.578 € — ein Plus von über 50 %. Die EU exportierte damit zwar mengenmäßig weniger, kompensierte diesen Rückgang durch deutlich höhere Stückpreise. Der Exportpreis erreichte seinen Tiefpunkt 2016 bei 2.840 €/t und kletterte danach kontinuierlich bis auf 4.582 €/t (dem Maximum im gesamten Beobachtungszeitraum).
Importwachstum wurde überwiegend durch steigende Volumina getrieben — im Gegensatz zur Exportseite
Auf der Importseite war das Bild grundlegend anders:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 20,9 Mrd. € | 35,3 Mrd. € | +68,9 % |
| Importmenge | 8,5 Mio. t | 12,9 Mio. t | +52,9 % |
| Importpreis (Ø/t) | 2.469 € | 2.728 € | +10,5 % |
Während die Exportpreise um über 50 % stiegen, erhöhten sich die Importpreise lediglich um 10,5 %. Der Löwenanteil des Importwachstums (+68,9 %) ging auf die mengenmäßige Ausweitung (+52,9 %) zurück. Der Importpreis erreichte sein Maximum 2022 mit 3.264 €/t, fiel danach jedoch wieder — ein Hinweis auf den temporären Charakter der Energiekrise-Preisspitze.
Der Handelsüberschuss schrumpfte trotz stark steigender EU-Produktionswerte um über 42 %
Die EU blieb im gesamten Zeitraum Nettoexporteur von Eisen- und Stahlwaren. Allerdings verringerte sich der Handelsüberschuss erheblich:
| Kennzahl | 2015 | Minimum | Maximum | 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Handelsbilanz | 16,0 Mrd. € | 3,2 Mrd. € | 16,0 Mrd. € | 9,2 Mrd. € |
Der Überschuss sank von 16,0 Mrd. € auf 9,2 Mrd. € (−42,1 %). Der Tiefstwert von 3,2 Mrd. € — wahrscheinlich im Jahr 2022, als die Energiekrise die Importpreise stark in die Höhe trieb — markierte eine Phase außergewöhnlicher Belastung. Gleichzeitig stieg die Handelsintensität (Anteil von Im- und Exporten an der Produktion) von 20,6 % auf 39,0 %, und die Exportquote verdoppelte sich nahezu von 14,2 % auf 26,8 %. Die EU-Stahlindustrie ist damit heute deutlich stärker in den globalen Markt eingebunden als noch vor einem Jahrzehnt.
2. Geopolitische Umbrüche und wachsende Importkonzentration
China hat seinen Anteil an EU-Einfuhren von 32 % auf fast 40 % ausgebaut und dominiert nun das Importgeschehen
Die Importpartner-Struktur hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verschoben. China stellte die mit Abstand wichtigste Veränderung dar:
| Partnerland | Importwert 2015 | Importwert 2025 | Veränderung | Anteil 2015 | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| China | 6,6 Mrd. € | 14,0 Mrd. € | +112,5 % | 31,6 % | 39,7 % |
| Türkei | 1,6 Mrd. € | 4,5 Mrd. € | +175,0 % | 7,8 % | 12,7 % |
| Vereinigtes Königreich | 2,3 Mrd. € | 2,8 Mrd. € | +26,0 % | 10,8 % | 8,0 % |
| Indien | 1,0 Mrd. € | 1,8 Mrd. € | +82,3 % | 4,8 % | 5,2 % |
| Taiwan | 1,4 Mrd. € | 1,5 Mrd. € | +10,6 % | 6,7 % | 4,4 % |
| Russland | 0,2 Mrd. € | 0,004 Mrd. € | −98,0 % | 1,1 % | < 0,1 % |
| Schweiz | 1,7 Mrd. € | 1,6 Mrd. € | −3,2 % | 8,1 % | 4,6 % |
China und die Türkei zusammen deckten 2025 bereits rd. 52 % der EU-Importe ab — 2015 waren es noch 39 %. China allein erhöhte seinen Importwert um 112,5 % von 6,6 auf 14,0 Mrd. €, wobei der Höchstwert bei 15,5 Mrd. € lag.
Russlands Rückzug aus dem EU-Stahlmarkt vollzog sich in zwei Phasen — erst schleichend, dann abrupt
Der Zusammenbruch des Handels mit Russland gehört zu den markantesten strukturellen Veränderungen des Beobachtungszeitraums. Sowohl die EU-Importe aus Russland (−98,0 %) als auch die EU-Exporte nach Russland (−90,1 %) brachen dramatisch ein. Mit einem Variationskoeffizienten von 0,98 bei den Importen und 0,81 bei den Exporten war Russland der volatilste Handelspartner — ein Spiegelbild der Sanktionspolitik nach 2022.
Gleichzeitig wuchs die türkische Exportposition in die EU mit +175 % am stärksten aller wichtigen Partner. Auf der Exportseite blieben die USA (8,1 Mrd. €, +49,1 %) und das Vereinigte Königreich (6,0 Mrd. €, +18,5 %) die wichtigsten Abnehmer.
Steigende Konzentration und signifikante Preisschocks kennzeichnen das veränderte Handelspartner-Portfolio
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importe stieg signifikant:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.430 | 1.956 | +36,8 % |
| HHI Importe (Volumen) | 1.553 | 2.311 | +48,8 % |
| HHI Exporte (Wert) | 618 | 793 | +28,4 % |
| HHI Exporte (Volumen) | 668 | 889 | +33,0 % |
Die Importkonzentration nähert sich damit dem Bereich moderater Konzentration (HHI > 2.500). Die Exporte bleiben deutlich diversifizierter.
Zudem wurden signifikante Preisschocks detektiert, insbesondere bei Importen aus dem Vereinigten Königreich (2022, +33,7 % Preissprung) und Vietnam (2022, +39,7 %), die beide in die Phase der Energiekrise fielen. Auf der EU-Binnenseite dominierte Deutschland mit 12,7 Mrd. € Exporten und 7,7 Mrd. € Importen, gefolgt von Italien (6,9 Mrd. € Exporte) und Frankreich (3,7 Mrd. € Exporte, 3,5 Mrd. € Importe). Poland verzeichnete das stärkste Importwachstum aller EU-Mitgliedstaaten (+126,6 %).
3. Konstruktionsteile als Strukturgewinner und die Verschiebung innerhalb der Produktsegmente
KN 7308 (Konstruktionsteile) verfünffachte seinen Importwert und wurde zum drittgrößten Importsegment
Innerhalb der Produktsegmente vollzog sich eine deutliche strukturelle Verschiebung. Der mit Abstand dynamischste Bereich war KN 7308 — Konstruktionen und Konstruktionsteile (Brücken, Türme, Gerüste, Tore, Türen usw.):
| Segment | Importwert 2015 | Importwert 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| KN 7308 — Konstruktionsteile | 1,7 Mrd. € | 6,2 Mrd. € | +253 % |
| KN 7326 — Waren a.n.g. | 4,0 Mrd. € | 7,3 Mrd. € | +79 % |
| KN 7318 — Schrauben, Bolzen, Muttern | 4,6 Mrd. € | 6,6 Mrd. € | +44 % |
| KN 7306 — Geschweißte Rohre | 1,2 Mrd. € | 1,8 Mrd. € | +50 % |
| KN 7321 — Heizöfen, Küchenherde | 0,9 Mrd. € | 1,3 Mrd. € | +34 % |
| KN 7304 — Nahtlose Rohre | 0,9 Mrd. € | 1,2 Mrd. € | +30 % |
| KN 7325 — Gusswaren a.n.g. | 0,8 Mrd. € | 1,2 Mrd. € | +41 % |
Bei KN 7308 war das Wachstum überwiegend mengengetrieben: Die Importmenge stieg von 928.664 t auf 2.751.628 t (+196 %), während der Preis pro Tonne lediglich von 1.880 € auf 2.242 € (+19 %) zunahm. Damit hat KN 7308 seinen Anteil an den Gesamtimporten von 8,4 % (2015) auf 17,5 % (2025) mehr als verdoppelt und ist vom fünftgrößten zum drittgrößten Importsegment aufgestiegen.
Schrauben, Bolzen und Muttern (KN 7318) bleiben das wertvollste Einzelprodukt im Exportgeschäft
KN 7318 (Schrauben, Bolzen, Muttern, Niete, Unterlegscheiben) entwickelte sich auf der Exportseite besonders dynamisch:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert KN 7318 | 3,9 Mrd. € | 5,8 Mrd. € | +50,0 % |
| Exportpreis KN 7318 (Ø/t) | 6.985 € | 10.586 € | +51,5 % |
| Exportmenge KN 7318 | 553.024 t | 547.552 t | −1,0 % |
Die Exportmenge blieb nahezu unverändert, doch der Durchschnittspreis stieg um über 50 % — ein Indiz für eine Verschiebung hin zu höherwertigen Spezialschrauben (z. B. für die Automobil- oder Windkraftindustrie). KN 7318 blieb sowohl im Import- als auch im Exportgeschäft unter den drei umsatzstärksten Segmenten.
Die Rohreexporte (KN 7304, 7305, 7306) verloren mengenmäßig deutlich an Boden
Während Konstruktionsteile und Verbindungselemente zulegten, verzeichneten die Rohresegmente auf der Exportseite einen mengenmäßigen Rückgang:
| Segment | Exportmenge 2015 | Exportmenge 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| KN 7304 — Nahtlose Rohre | 1.734.301 t | 1.210.972 t | −30,2 % |
| KN 7305 — Rohre > 406 mm | 986.691 t | 531.534 t | −46,1 % |
| KN 7306 — Geschweißte Rohre | 972.525 t | 682.471 t | −29,8 % |
| KN 7302 — Oberbaumaterial | 712.885 t | 555.547 t | −22,1 % |
Die drei Rohresegmente zusammen verloren rd. 1,3 Mio. t Exportvolumen — ein Rückgang von rd. 39 %. KN 7305 (Rohre mit Durchmessern über 406,4 mm, typisch für Pipeline-Projekte) halbierte sich nahezu. Hier spiegelt sich vermutlich der Abschluss größerer Pipeline-Bauprojekte sowie die geopolitische Neuorientierung der europäischen Energieinfrastruktur wider.
Wertmäßig konnten KN 7304 und KN 7306 den Rückgang teilweise durch höhere Preise kompensieren (KN 7304 Exportpreis: +32,6 %; KN 7306: +64,3 %), blieben aber insgesamt hinter dem Marktwachstum zurück.
Fazit
Die Marktentwicklung von Eisen- und Stahlwaren (CN 73) im Zeitraum 2015–2025 lässt sich als eine Geschichte dreier ineinandergreifender Transformationen zusammenfassen:
Preis- statt Mengenwachstum. Der EU-Außenhandel mit Eisen- und Stahlwaren wuchs nominal kräftig, doch die zugrunde liegenden Mengentrends divergierten: Während die Exportmengen um fast 20 % sanken und durch um 51 % höhere Preise kompensiert wurden, wuchsen die Importe sowohl mengenmäßig (+53 %) als auch preislich (+11 %). Der Handelsüberschuss schrumpfte von 16,0 auf 9,2 Mrd. € — ein Zeichen dafür, dass die EU ihre Nettoexporteur-Position zwar hielt, aber an Substanz verlor.
Geopolitische Neuaufstellung. China festigte seine Stellung als dominierender Importeur (von 32 % auf 40 % Marktanteil), die Türkei wurde zum zweiten großen Wachstumstreiber (+175 %), während der Handel mit Russland nahezu vollständig zusammenbrach (−98 % Importe, −90 % Exporte). Die steigende Importkonzentration (HHI +37 %) birgt mittelfristig Risiken für die Versorgungssicherheit.
Produktstruktureller Wandel. Innerhalb des Warenkorbs verschob sich das Gewicht hin zu Konstruktionsteilen (KN 7308), die ihren Importwert verfünffachten und mengenmäßige Importzuwächse von fast 200 % verzeichneten. Gleichzeitig verloren die traditionellen Rohreexporte (KN 7304/7305/7306) erheblich an Volumen. Der Trend zu höherwertigen Erzeugnissen zeigt sich besonders bei Schrauben und Bolzen (KN 7318), deren Exportpreis um über 50 % stieg, obwohl die Mengen stagnierten.
Die zunehmende Handelsintensität (Verdopplung auf 39 %) und die steigende Exportquote (Verdopplung auf 27 %) unterstreichen, dass der EU-Stahlsektor heute stärker als je zuvor vom internationalen Handel abhängt — sowohl als Absatzmarkt als auch als Bezugsquelle.