Marktentwicklung: Eisen und Stahl (CN 72) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 72 (Eisen und Stahl) umfasst ein breites Spektrum von Erzeugnissen — von Roheisen und Ferrolegierungen über Halbzeug und Flacherzeugnisse bis hin zu Walzdraht und Profilen. Im Zeitraum 2015 bis 2025 durchlebte der EU-Außenhandel mit diesen Produkten fundamentale Veränderungen: Ein sich vertiefendes Handelsdefizit, einen beispiellosen Preisboom in den Jahren 2021–2022 sowie eine geopolitisch bedingte Umorientierung der Handelspartner. Der vorliegende Bericht analysiert diese drei zentralen Entwicklungen auf Grundlage der verfügbaren Handelsdaten.
1. Ein sich vertiefendes Handelsdefizit: Importe überholen Exporte strukturell
1.1 Die Handelsbilanz hat sich zwischen 2015 und 2025 dramatisch verschlechtert
Die EU verzeichnete im Jahr 2015 noch ein vergleichsweise moderates Handelsdefizit von −1,5 Mrd. €. Bis 2025 wuchs dieses Defizit auf −11,1 Mrd. € an — eine Verschlechterung um mehr als das Siebenfache. Den negativen Höhepunkt bildete das größte Defizit von −18,7 Mrd. € im Kontext des Preisbooms 2022. Die Netto-Importabhängigkeit stieg von 1,1 % (2015) auf 5,3 % (2025) — ein Anstieg um 388 %. Bemerkenswert: In einem Jahr innerhalb des Betrachtungszeitraums sank die Netto-Importabhängigkeit sogar auf −4,4 %, was bedeutet, dass die EU kurzzeitig Nettoexporteur war.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 26,5 Mrd. € | 28,0 Mrd. € | +5,4 % |
| Exportmenge | 39,5 Mio. t | 33,6 Mio. t | −14,9 % |
| Exportpreis | 672 €/t | 831 €/t | +23,8 % |
| Importwert | 28,0 Mrd. € | 39,0 Mrd. € | +39,3 % |
| Importmenge | 50,4 Mio. t | 54,0 Mio. t | +7,1 % |
| Importpreis | 556 €/t | 723 €/t | +30,0 % |
| Handelsbilanz | −1,5 Mrd. € | −11,1 Mrd. € | — |
1.2 Die Diskrepanz zwischen Volumen- und Wertentwicklung offenbart steigende Preiseffekte
Ein zentraler Befund ist die unterschiedliche Dynamik von Mengen und Werten. Die EU exportierte 2025 zwar nur noch 33,6 Mio. Tonnen (−14,9 % gegenüber 2015), erzielte aber dank gestiegener Preise dennoch einen leicht höheren Exportwert. Auf der Importseite stieg sowohl das Volumen (+7,1 %) als auch der Preis (+30,0 %), wodurch der Importwert um 39,3 % anwuchs. Der Handelsintensitätsindex erhöhte sich von 20,7 % auf 28,4 % und die Exportquote von 11,1 % auf 14,2 % — die EU-Stahlindustrie ist insgesamt internationaler verflochten als noch zu Beginn des Betrachtungszeitraums.
1.3 Im Binnenmarkt zeigen sich divergierende Rollen der Mitgliedstaaten
Innerhalb der EU zeichnen sich deutliche Rollenunterschiede ab. Deutschland blieb mit 5,4 Mrd. € der größte Stahlexporteur, während seine Importe um 45,9 % auf 1,6 Mrd. € zurückgingen. Italien entwickelte sich dagegen zum mit Abstand größten Importeur (10,4 Mrd. €, +52,8 %), bei gleichzeitig rückläufigen Exporten (2,3 Mrd. €, −28,0 %). Polen (+84,1 %) und Rumänien (+155,1 %) verzeichneten die stärksten Importzuwächse unter den größeren Mitgliedstaaten.
| EU-Mitgliedstaat | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 6,8 Mrd. € | 10,4 Mrd. € | +52,8 % |
| Belgien | 3,5 Mrd. € | 5,1 Mrd. € | +48,2 % |
| Niederlande | 3,4 Mrd. € | 4,1 Mrd. € | +23,2 % |
| Spanien | 2,8 Mrd. € | 4,1 Mrd. € | +46,6 % |
| Deutschland | 2,9 Mrd. € | 1,6 Mrd. € | −45,9 % |
| Polen | 1,4 Mrd. € | 2,6 Mrd. € | +84,1 % |
| Rumänien | 0,7 Mrd. € | 1,8 Mrd. € | +155,1 % |
2. Preiszyklen zwischen Boom und Normalisierung
2.1 Der Preisboom 2021–2022 war der bestimmende Makrotrend des Jahrzehnts
Der auffälligste Einzeltrend im gesamten Zeitraum war der dramatische Preisanstieg in den Jahren 2021 und 2022. Die durchschnittlichen Importpreise erreichten 2022 mit 1.138 €/t ihr Maximum — mehr als doppelt so hoch wie der Tiefststand von 496 €/t. Die Exportpreise stiegen auf 1.062 €/t (Minimum: 589 €/t). Getrieben wurde dieser Boom durch die Kombination aus pandemiebedingter Nachfrageerholung, Lieferkettenengpässen und der Energiekrise nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Bis 2025 normalisierten sich die Preise wieder, lagen aber noch deutlich über dem Vor-Krisen-Niveau. Die EU-Produktionswerte stiegen im selben Zeitraum von 45,9 Mrd. € auf 170,1 Mrd. € (+270 %), was sowohl auf Mengenwachstum als auch auf den Preisboom zurückzuführen ist.
| Segment | Importpreis 2015 | Importpreis 2022 (Peak) | Importpreis 2025 |
|---|---|---|---|
| 7208 – Warmgewalzte Flacherzeugnisse | 413 €/t | 946 €/t | 572 €/t |
| 7207 – Halbzeug | 342 €/t | 710 €/t | 457 €/t |
| 7210 – Plattierte Flacherzeugnisse | 669 €/t | 1.268 €/t | 830 €/t |
| 7204 – Schrott | 321 €/t | 555 €/t | 383 €/t |
| 7202 – Ferrolegierungen | 1.421 €/t | 2.805 €/t | 1.827 €/t |
2.2 Preis-Schocks trafen insbesondere Handelsströme mit der Türkei, Ägypten und Indien
Die Analyse signifikanter Schockereignisse identifiziert drei bemerkenswerte Preis-Schocks im Jahr 2021: Bei den Importen aus der Türkei stieg der Preis um 53,2 % (Anormalitätsindex: 21,1), bei den Exporten nach Ägypten um 29,8 % (Anormalitätsindex: 48,5) und bei den Exporten nach Indien um 53,0 % (Anormalitätsindex: 13,4). Diese Ereignisse stehen im Kontext der globalen Angebotsverknappung und der massiven Nachfrage nach Stahlprodukten in Schwellenländern.
2.3 Die Volatilität der Handelsströme variiert erheblich je nach Partner
Der Variationskoeffizient (CV) zeigt große Unterschiede in der Stabilität der Handelsbeziehungen. Importseitig waren die Ströme aus Norwegen (CV: 0,04) und der Schweiz (0,10) am stabilsten, während Vietnam (0,97), Taiwan (0,44) und Brasilien (0,44) die höchste Volatilität aufwiesen. Exportseitig waren die Handelsströme mit Norwegen (0,08) und der Schweiz (0,12) am vorhersehbarsten, während Algerien (1,14) und China (0,38) stark schwankten. Die hohe Volatilität bei Algerien spiegelt den Zusammenbruch der Exporte in dieses Land (−86,6 %) wider.
3. Geopolitische Neuausrichtung der Handelsströme
3.1 Russland als Importquelle hat stark an Bedeutung verloren
Die Entwicklung der Importpartner spiegelt geopolitische Umbrüche wider. Russland, 2015 noch mit 4,1 Mrd. € einer der wichtigsten Eisen- und Stahl-Lieferanten der EU, verlor bis 2025 fast die Hälfte seines Handelsvolumens (−46,3 % auf 2,2 Mrd. €). Der Rückgang setzte bereits vor den Sanktionen infolge des Ukraine-Kriegs ein und beschleunigte sich danach deutlich. Die Ukraine als zweiter bedeutender osteuropäischer Lieferant verlor ebenfalls an Boden (−11,6 %), wobei der Rückgang hier vor allem mit der Zerstörung produktiver Infrastruktur zusammenhängt.
3.2 Türkei, Indien und Südkorea füllen die entstandene Lücke
Als Gewinner der Umorientierung zeichnen sich drei Partner ab: Die Türkei verfünffachte ihre Exporte in die EU nahezu (von 1,0 Mrd. € auf 3,8 Mrd. €, +269,6 %) und wurde zum drittgrößten Lieferanten. Indien (+133,4 %) und Südkorea (+101,7 %) verdoppelten ihre Lieferungen an die EU jeweils. China blieb mit 4,2 Mrd. € nahezu unverändert der größte einzelne Importpartner.
| Importpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 4,1 Mrd. € | 4,2 Mrd. € | +3,2 % |
| Türkei | 1,0 Mrd. € | 3,8 Mrd. € | +269,6 % |
| Südkorea | 1,7 Mrd. € | 3,4 Mrd. € | +101,7 % |
| Indien | 1,4 Mrd. € | 3,2 Mrd. € | +133,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 3,5 Mrd. € | 2,6 Mrd. € | −24,3 % |
| Russland | 4,1 Mrd. € | 2,2 Mrd. € | −46,3 % |
| Ukraine | 2,4 Mrd. € | 2,2 Mrd. € | −11,6 % |
Auf der Exportseite gewann die Türkei als größter Exportmarkt (+41,7 %) und Ägypten (+119,8 %) an Bedeutung, während Algerien als Exportmarkt zusammenbrach (−86,6 %).
| Exportpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 3,7 Mrd. € | 5,2 Mrd. € | +41,7 % |
| USA | 3,8 Mrd. € | 4,4 Mrd. € | +15,8 % |
| Vereinigtes Königreich | 3,6 Mrd. € | 3,7 Mrd. € | +2,5 % |
| Schweiz | 1,8 Mrd. € | 1,9 Mrd. € | +8,6 % |
| Indien | 0,9 Mrd. € | 1,4 Mrd. € | +46,3 % |
| Ägypten | 0,3 Mrd. € | 0,7 Mrd. € | +119,8 % |
| Algerien | 1,9 Mrd. € | 0,3 Mrd. € | −86,6 % |
3.3 Die Konzentration der Handelsströme entwickelt sich gegenläufig
Während sich die Importquellen spürbar diversifiziert haben — der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Werten sank von 845 auf 606 (−28,3 %) —, haben sich die Exportziele leicht konzentriert (HHI von 785 auf 943, +20,1 %). Mengenbasiert ist der Unterschied noch ausgeprägter: Der Import-HHI fiel von 1.088 auf 603 (−44,6 %), der Export-HHI stieg von 1.112 auf 1.680 (+51,1 %). Die EU exportiert demnach zunehmend in wenige Kernmärkte, während die Bezugsquellen breiter gestreut sind.
Auf Produktebene dominieren bei den Importen warmgewalzte Flacherzeugnisse (CN 7208) mit 6,6 Mrd. € und plattierte Flacherzeugnisse (CN 7210) mit 5,3 Mrd. €. Bei den Exporten stellt Schrott (CN 7204) sowohl mengenmäßig (15,8 Mio. t) als auch wertmäßig (5,1 Mrd. €) das wichtigste Erzeugnis dar — ein Hinweis auf die Rolle der EU als bedeutender Schrottexporteur im globalen Kreislauf.
| Top-Importprodukte (Wert, 2025) | Wert |
|---|---|
| 7208 – Warmgewalzte Flacherzeugnisse | 6,6 Mrd. € |
| 7210 – Plattierte Flacherzeugnisse | 5,3 Mrd. € |
| 7202 – Ferrolegierungen | 4,1 Mrd. € |
| 7207 – Halbzeug | 4,1 Mrd. € |
| 7204 – Schrott | 1,8 Mrd. € |
Fazit
Der EU-Außenhandel mit Eisen und Stahl hat sich im Zeitraum 2015 bis 2025 in mehrfacher Hinsicht grundlegend verändert. Strukturell hat sich das Handelsdefizit von 1,5 Mrd. € auf 11,1 Mrd. € vertieft, getrieben durch stärker steigende Importe als Exporte — sowohl mengen- als auch preisbedingt. Der beispiellose Preisboom 2021–2022, der die Importpreise zeitweise auf über 1.100 €/t trieb, verstärkte die ohnehin bestehende Schieflage und normalisierte sich erst 2023–2025 teilweise. Gleichzeitig vollzog sich eine geopolitische Neuausrichtung: Russland und die Ukraine verloren als Lieferanten deutlich an Bedeutung, während die Türkei, Indien und Südkorea diese Lücke zunehmend füllten. Die Importquellen haben sich dadurch zwar diversifiziert (HHI-Rückgang um 28 %), die Exportziele konzentrieren sich jedoch leicht. Angesichts der steigenden Spezialisierung einzelner Mitgliedstaaten — von Finnland und Österreich bis Belgien — sowie des wachsenden Verhältnisses von Außenhandel zu Produktion bleibt der Stahlsektor ein sensibles Feld europäischer Handels- und Industriepolitik.