Marktentwicklung: Eisen und Stahl (CN 72) — 2015–2025
Introduction
Der EU-Außenhandel mit Eisen und Stahl (Zolltarifkapitel 72) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verändert. Die vorliegenden Daten zeigen nicht nur eine markante Verschlechterung der Handelsbilanz, sondern auch tiefgreifende Verschiebungen bei den Handelspartnern, ausgeprägte Preisschocks und eine wachsende Konzentration der Ausfuhren bei gleichzeitig breiter gestreuten Einfuhren. Dieser Bericht beschreibt und interpretiert die wichtigsten Dynamiken auf Basis der verfügbaren Zahlen.
1. Das Handelsdefizit explodiert – Preissprünge überlagern den Mengenrückgang
1.1 Die Einfuhren wachsen wert- und mengenmäßig deutlich schneller als die Ausfuhren
Die Zahlen der Gesamtübersicht zeigen eine dramatische Ausweitung des Außenhandelsdefizits: Während der Einfuhrwert von 28,0 Mrd. EUR (2015) auf 39,0 Mrd. EUR (2025) um 39,3 % stieg, legten die Ausfuhren nur um 5,4 % von 26,5 Mrd. EUR auf 27,96 Mrd. EUR zu. Die Folge: Das Handelsdefizit vergrößerte sich von −1,5 Mrd. EUR auf −11,1 Mrd. EUR (−637,8 %), mit einem Tiefpunkt von −18,7 Mrd. EUR im Jahr 2022.
| Kennzahl (EUR) | 2015 | 2020 | 2022 | 2025 | Veränderung 2015–2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Ausfuhren (Mrd.) | 26,53 | 24,35 | 39,56 | 27,96 | +5,4 % |
| Einfuhren (Mrd.) | 28,03 | 25,06 | 58,27 | 39,04 | +39,3 % |
| Saldo (Mrd.) | −1,50 | −0,71 | −18,72 | −11,07 | −637,8 % |
Die Mengen liefern ein differenziertes Bild: Das Exportvolumen sank um 14,9 % von 39,5 Mio. t auf 33,6 Mio. t, während die Importmenge um 7,1 % von 50,4 Mio. t auf 54,0 Mio. t zulegte. Der wertmäßige Anstieg der Ausfuhren ist somit ausschließlich auf höhere Preise zurückzuführen.
1.2 Starke Preissteigerungen kompensieren den Volumenrückgang nur unzureichend
Der durchschnittliche Ausfuhrpreis pro Tonne kletterte von 671,64 EUR (2015) auf 831,42 EUR (2025) – ein Plus von 23,8 % –, der Einfuhrpreis stieg im gleichen Zeitraum von 555,64 EUR auf 722,54 EUR (+30,0 %). Die Preisdifferenz hat sich also zugunsten der Exporte entwickelt, was den Volumenrückgang abmilderte. Dass das Defizit dennoch explodierte, liegt an dem überproportionalen Anstieg der Importmenge und den extremen Preisspitzen in den Jahren 2021 / 2022, die insbesondere die Einfuhrkosten in die Höhe trieben.
2. Geopolitische Verwerfungen formen das Partnernetz fundamental um
2.1 Russland und die Ukraine büßen als Lieferanten ein, während die Türkei, Indien und Südkorea aufholen
Die Liste der wichtigsten Handelspartner zeigt tiefgreifende geopolitisch bedingte Verschiebungen:
| Einfuhrpartner (EUR) | 2015 (Mrd.) | 2025 (Mrd.) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Russland | 4,05 | 2,17 | −46,3 % |
| Ukraine | 2,45 | 2,16 | −11,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 3,47 | 2,63 | −24,3 % |
| China | 4,07 | 4,20 | +3,2 % |
| Türkei | 1,03 | 3,79 | +269,6 % |
| Indien | 1,38 | 3,21 | +133,4 % |
| Südkorea | 1,68 | 3,39 | +101,7 % |
Der Einbruch der russischen Lieferungen (Sanktionen, Krieg) wurde durch massive Zuwächse aus der Türkei, Indien und Südkorea mehr als kompensiert. Auch China blieb ein stabil wichtiger, aber volatiler Lieferant (Spitze 2022: 5,70 Mrd. EUR). Der Import aus dem Vereinigten Königreich ging unter anderem infolge des Brexits um fast ein Viertel zurück.
2.2 Die Ausfuhren konzentrieren sich stärker – Algerien als Extrembeispiel des Absturzes
Auf der Exportseite (gleiche Partnerübersicht) wuchsen Lieferungen in die Türkei (+41,7 % auf 5,23 Mrd. EUR), in die USA (+15,8 % auf 4,37 Mrd. EUR) und nach Indien (+46,3 % auf 1,39 Mrd. EUR). Besonders dynamisch war Ägypten mit einem Sprung um 119,8 % auf 0,72 Mrd. EUR. Ein drastischer Einbruch kennzeichnet dagegen Algerien: Die Exporte fielen von 1,89 Mrd. EUR (2015) auf nur noch 0,25 Mrd. EUR (2025) – ein Minus von 86,6 %.
Die Konzentrationsanalyse bestätigt diese Entwicklung: Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Einfuhren sank von 845 (2015) auf 606 (2025) um 28,3 % – die Bezugsquellen werden vielfältiger. Der Export-HHI stieg hingegen um 20,1 % von 785 auf 943; die EU-Ausfuhren bündeln sich zunehmend auf wenige große Abnehmer.
3. Preisschocks und extreme Volatilität – der Stahlmarkt im Krisenmodus
3.1 2021 als Epizentrum sprunghafter Preisanstiege und Angebotsverknappungen
Die Untersuchung der Preisschocks deckt mehrere Ereignisse mit außergewöhnlichen Preisausschlägen auf. Die vier auffälligsten Schocks traten 2021 zentriert auf:
- Ägypten (Exportpreis): Abnormalitätswert 48,5, Preisanstieg um 29,8 % bei gleichzeitiger Mengensteigerung um 36,3 % gegenüber dem Vorkrisenniveau.
- Türkei (Importpreis): Abnormalität 21,1, Preissprung um 53,2 % bei nahezu gleichbleibender Menge.
- Indien (Exportpreis): Abnormalität 13,4, Preisschub um 53,0 % trotz eines Mengenrückgangs um 27,1 %.
- Brasilien (Importpreis): Abnormalität 10,6, Preisanstieg um 83,8 %, während die importierte Menge um 46,6 % einbrach.
Die Daten zeigen, dass die globale Nachfrageerholung nach der Pandemie, Lieferkettenengpässe und der Krieg in der Ukraine zu einem synchronen Preisschock führten, der sowohl Import- als auch Exportpreise in die Höhe schießen ließ. In vielen Fällen blieben die Preise auch 2022 / 2023 erhöht, ehe sie sich allmählich normalisierten.
3.2 Die größten Volatilitäten betreffen neue Lieferanten und Schwellenländer
Die Volatilitätsanalyse auf Basis der Mengenflüsse offenbart, dass die Lieferbeziehungen mit den höchsten relativen Schwankungen vor allem Schwellenländer betreffen:
- Einfuhren: Vietnam (Variationskoeffizient 0,97), Brasilien (0,44), China (0,43), Taiwan (0,44), Türkei (0,35).
- Ausfuhren: Algerien (1,14 – bedingt durch den fast vollständigen Einbruch), Ägypten (0,33), Indien (0,31).
Hingegen weisen traditionelle, enge Partner wie Norwegen (CV Einfuhr 0,04, Ausfuhr 0,08) und die Schweiz (CV Einfuhr 0,10, Ausfuhr 0,12) äußerst stabile Mengenströme auf. Diese Kluft unterstreicht, dass die Neuausrichtung der Handelsströme mit erhöhter Unsicherheit und abrupten Lieferverschiebungen einhergeht.
Conclusion
Der EU-Außenhandel mit Eisen und Stahl hat sich im letzten Jahrzehnt von einem annähernd ausgeglichenen Saldo (2020 nur −0,7 Mrd. EUR) zu einem erheblichen strukturellen Defizit von über 11 Mrd. EUR entwickelt. Treiber sind eine kräftig gestiegene Importmenge, die nur teilweise durch höhere Exportpreise kompensiert wird, sowie geopolitisch bedingte Umwälzungen der Lieferketten. Die Abkehr von Russland und der Ukraine, der forcierte Einstieg der Türkei, Indiens und Südkoreas sowie die starke Konzentration der Exporte auf wenige Abnehmer prägen das neue Bild. Die Jahre 2021 / 2022 ragen als Zeiten extremer Preissprünge und Angebotsengpässe heraus, die den strukturellen Wandel überlagerten. Ohne eine Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit bei höherwertigen Stahlerzeugnissen und eine weitere Diversifizierung risikoarmer Lieferquellen dürfte das Defizit eine anhaltende Herausforderung bleiben.