Marktentwicklung: Aluminium und Waren daraus (CN 76) — 2015–2025
Einführung
Der Zolltarifposten CN 76 — Aluminium und Waren daraus umfasst ein breites Produktspektrum — von unlegiertem und legiertem Rohaluminium (7601) über Aluminiumschrott (7602), Halbzeuge wie Bleche, Bänder, Folien, Drähte, Stäbe und Profile bis hin zu Konstruktionsteilen, Behältern und diversen Fertigwaren. Die analysierte Zeitspanne von 2015 bis 2025 war von tiefgreifenden geopolitischen und konjunkturellen Ereignissen geprägt: die COVID-19-Pandemie, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die darauf folgenden Sanktionen sowie extreme Energiepreisschwankungen. Diese Entwicklungen haben die Handelsströme der EU im Aluminiumsektor erheblich verändert. Der vorliegende Bericht untersucht die wichtigsten Dynamiken anhand der verfügbaren Jahresdaten.
1. Ein sich vertiefendes Handelsdefizit: Strukturelle Abhängigkeit der EU von Aluminiumimporten
Die Importe wachsen deutlich schneller als die Exporte
Im Zeitraum 2015 bis 2025 stiegen die EU-Importe von Aluminium und Aluminiumwaren (CN 76) von 20,0 Mrd. EUR auf 32,5 Mrd. EUR — ein Anstieg um 62,2 %. Im gleichen Zeitraum erhöhten sich die Exporte lediglich von 13,6 Mrd. EUR auf 19,0 Mrd. EUR (+40,0 %). Besonders auffällig war das Import-Spitzenjahr 2022 mit einem Wert von 40,6 Mrd. EUR, was fast dem Dreifachen des Jahres 2015 entsprach. Auf der Exportseite betrug das Maximum ebenfalls 2022 mit 19,4 Mrd. EUR (Übersicht Handelsentwicklung).
Das Handelsbilanzdefizit hat sich mehr als verdoppelt
Das Defizit der EU im Aluminiumhandel mit Drittländern verschärfte sich von −6,4 Mrd. EUR im Jahr 2015 auf −13,4 Mrd. EUR im Jahr 2025, eine Verschlechterung um 109,3 %. Im Krisenjahr 2022 erreichte das Defizit mit −21,3 Mrd. EUR seinen historischen Höchststand. Der Grund dafür liegt nicht allein in den Mengen, sondern vor allem in den stark gestiegenen Preisen: Während die Importpreise von 2.384 EUR/t (2015) auf 3.261 EUR/t (2025) kletterten (+36,8 %), lagen die Exportpreise stets höher — von 3.953 EUR/t auf 4.942 EUR/t (+25,0 %) — konnten das mengenmäßige Ungleichgewicht jedoch nicht kompensieren.
Rohaluminium (7601) dominiert die Importstruktur
Die Produktaufschlüsselung zeigt, dass die Position 7601 (Aluminium in Rohform) den mit Abstand größten Anteil an den Importen ausmacht — sowohl mengen- als auch wertmäßig. Die importierte Menge an Rohaluminium schwankte zwischen 5,3 Mio. t (2015 und 2020) und 6,6 Mio. t (2022). Der Importwert stieg von 10,1 Mrd. EUR (2015) auf 16,4 Mrd. EUR (2025), mit einem Spitzenwert von 21,0 Mrd. EUR im Jahr 2022. Die Importpreise für Rohaluminium verfünffachten sich nahezu im Vergleich zum Tiefpunkt 2016 (1.612 EUR/t) zum Höchststand 2022 (3.180 EUR/t). Weitere wichtige Importpositionen sind Bleche und Bänder (7606, 1,08 Mio. t / 3,9 Mrd. EUR in 2025), Aluminiumschrott (7602, 652.350 t / 1,3 Mrd. EUR) sowie Stäbe und Profile (7604, 388.110 t / 2,0 Mrd. EUR).
Die Exportstruktur ist breiter diversifiziert
Auf der Exportseite dominieren nicht die Rohstoffe, sondern die Halb- und Fertigwaren. Den größten Exportwert erzielte 2025 die Position 7606 (Bleche und Bänder) mit 4,5 Mrd. EUR, gefolgt von 7616 (Waren aus Aluminium, a.n.g.) mit 2,6 Mrd. EUR, 7610 (Konstruktionsteile) mit 2,3 Mrd. EUR, 7602 (Schrott) mit 2,3 Mrd. EUR und 7607 (Folien) mit 1,7 Mrd. EUR. Auffällig ist, dass die EU Aluminiumschrott (7602) in steigendem Umfang exportierte: von 679.385 t im Jahr 2015 auf 1,27 Mio. t im Jahr 2025 (+87,4 %), wertmäßig sogar von 848 Mio. EUR auf 2,3 Mrd. EUR (+174,2 %). Dies reflektiert die wachsende Bedeutung der Kreislaufwirtschaft und den globalen Bedarf an Sekundärrohstoffen.
2. Geopolitische Umwälzungen: Vom russischen Rückzug zur Diversifizierung der Lieferketten
Russland als Lieferant verlor stark an Bedeutung
Die Entwicklung der Handelspartner zeigt einen dramatischen Bedeutungsverlust Russlands als Aluminiumlieferant der EU. Die Importe aus der Russischen Föderation sanken von 2,6 Mrd. EUR im Jahr 2015 auf nur noch 755 Mio. EUR im Jahr 2025 — ein Rückgang um 71,5 %. Der Höhepunkt der russischen Aluminiumexporte in die EU lag 2018 bei 3,0 Mrd. EUR. Die Sanktionen infolge des Ukraine-Krieges ab 2022 führten zu einem drastischen Rückgang. Die Volatilität der Importe aus Russland war mit einem Variationskoeffizienten (CV) von 0,446 bereits vor den Sanktionen hoch und stieg danach weiter an (Volatilitätsanalyse).
Neue und gestärkte Lieferanten füllen die Lücke
Der russische Rückzug wurde durch mehrere Lieferanten teilweise kompensiert, die teils erhebliche Zuwächse verzeichneten:
| Lieferant | Importe 2015 (Mio. EUR) | Importe 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Norwegen | 2.988 | 4.539 | +51,9 % |
| China | 2.332 | 4.008 | +71,9 % |
| Türkei | 1.190 | 2.941 | +147,1 % |
| Island | 710 | 2.204 | +210,3 % |
| Vereinigte Arabische Emirate | 1.078 | 1.376 | +27,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 1.627 | 1.813 | +11,4 % |
Quelle: Top-Handelspartner nach Wert
Island (+210,3 %) und die Türkei (+147,1 %) verzeichneten die stärksten relativen Zuwächse. China stieg von 2,3 Mrd. EUR auf 4,0 Mrd. EUR und wurde damit zum zweitwichtigsten Importpartner nach Norwegen. Die Importe aus Island sind besonders bemerkenswert: Das Land mit seiner energieintensiven Aluminiumindustrie (geothermische Energie) mehrte seine Exporte in die EU von 710 Mio. EUR auf 2,2 Mrd. EUR.
Die Konzentration der Importe nimmt ab
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importpartner sank von 875 (2015) auf 679 (2025) — eine Reduktion um 22,4 %. Auch die Exportkonzentration ging von 1.018 auf 899 zurück (−11,7 %). Die fallende Konzentration auf der Importseite spiegelt die Diversifizierung der Lieferantenstruktur wider: Der russische Rückgang wurde durch mehrere neue Zulieferer ausgeglichen, was die Lieferantenbasis insgesamt verbreiterte. Dies ist grundsätzlich als positiv für die Versorgungssicherheit zu werten.
Die Exportmärkte blieben stabiler
Die wichtigsten Exportziele der EU blieben über den gesamten Zeitraum relativ konstant: Das Vereinigte Königreich führte mit 3,8 Mrd. EUR (2025), gefolgt von der Schweiz (2,7 Mrd. EUR), den USA (2,6 Mrd. EUR) und Indien (927 Mio. EUR). Die Exporte in die USA stiegen um 69,7 %, in die Schweiz um 54,5 %. Besonders stark wuchsen die Exporte nach Indien (+183,6 %) und in die Türkei (+84,2 %). Diese Entwicklungen deuten auf eine Reorientierung der EU-Exporte in Richtung Schwellen- und Wachstumsmärkte hin.
3. Preisschocks und Energiekrise: 2022 als Wendepunkt
Die Aluminiumpreise explodierten 2022
Das Jahr 2022 markiert einen deutlichen Preisschock über nahezu alle Aluminiumpositionen hinweg. Die detaillierte Produktaufschlüsselung zeigt beispielhaft die Importpreise ausgewählter Positionen:
| Produkt | Importpreis 2019 (EUR/t) | Importpreis 2022 (EUR/t) | Veränderung | Importpreis 2025 (EUR/t) |
|---|---|---|---|---|
| 7601 – Rohaluminium | 1.843 | 3.180 | +72,5 % | 2.594 |
| 7602 – Schrott | 1.169 | 2.077 | +77,7 % | 1.921 |
| 7604 – Stäbe/Profile | 3.524 | 5.272 | +49,6 % | 5.141 |
| 7606 – Bleche/Bänder | 2.623 | 4.317 | +64,6 % | 3.627 |
| 7607 – Folien | 3.321 | 5.337 | +60,7 % | 4.638 |
Quelle: Produktaufschlüsselung CN 76
Die Preise stiegen 2022 bei Rohaluminium um 72,5 % und bei Schrott sogar um 77,7 % gegenüber 2019. Ursächlich waren die extrem gestiegenen Energiepreise — Aluminium ist einer der energieintensivsten Grundwerkstoffe — sowie die Angebotsunsicherheit durch den Wegfall russischer Lieferungen. Bis 2025 normalisierten sich die Preise teilweise, blieben aber über dem Vorkrisenniveau.
Preispreisschocks bei Exporten nach Asien
Die Analyse der Versorgungsschocks identifizierte signifikante Anomalien bei den Exportpreisen im Jahr 2022. Besonders betroffen waren die Exportmärkte Japan (Preisanstieg von 51,7 %, Abnormalitätswert 18,7), Südkorea (+70,8 %, Abnormalität 12,0) und Kanada (+49,4 %, Abnormalität 8,8). Diese Preisschocks reflektieren die globale Aluminiumknappheit und die Sonderprämien, die füreuropäische Lieferungen gezahlt wurden.
Rohaluminiumimporte blieben mengenmäßig relativ stabil
Trotz der massiven Preisanstiege blieb die importierte Menge an Rohaluminium (7601) bemerkenswert stabil: Sie schwankte zwischen 5,3 Mio. t (2015, 2020) und 6,6 Mio. t (2022) — ein enger Korridor von nur ±12 %. Dies unterstreicht die nicht-elastische Nachfrage der europäischen Aluminiumverarbeitung: Die Industrie benötigt die Rohstoffe unabhängig vom Preisniveau, um die Produktionsketten aufrechtzuerhalten. Die Mengenstabilität bei gleichzeitigem Preisanstieg führte in Kombination dazu, dass sich der Importwert verdoppelte.
Sinkende Exportquote trotz steigender Produktionsbasis
Die Autonomie- und Verwundbarkeitsindikatoren offenbaren einen besorgniserregenden Trend: Die Netto-Importabhängigkeit stieg von 1,8 % (2015) auf 10,2 % (2025) — eine Verschärfung um 454,7 %. Im Jahr 2021 wurde mit 16,2 % sogar der Höchstwert erreicht. Gleichzeitig sank die Exportquote von 33,3 % auf 19,3 % (−42,0 %). Die Handelsintensität (Exportquote + Importquote bezogen auf die Produktion) fiel von 50,7 % auf 38,3 %. Dies deutet darauf hin, dass die EU zwar ihre Aluminiumproduktion ausgeweitet hat (die Produktionsvolumina stiegen von 12,4 Mrd. kg auf 116,6 Mrd. kg), diese Produktion jedoch zunehmend für den Binnenmarkt verwendet, anstatt sie zu exportieren. Die Spezialisierungsmuster zeigen, dass Griechenland (RSCA 0,65), Kroatien (0,41) und Slowenien (0,39) die höchste komparative Spezialisierung im Aluminiumsektor aufweisen, während Malta, Irland und Lettland am wenigsten spezialisiert sind.
Schlussfolgerung
Der EU-Aluminiummarkt durchlebte zwischen 2015 und 2025 eine Phase tiefgreifender struktureller Veränderungen. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild: Erstens hat sich die Handelsbilanz der EU im Aluminiumsektor erheblich verschlechtert — das Defizit verdoppelte sich auf 13,4 Mrd. EUR, und die Netto-Importabhängigkeit stieg auf über 10 %. Zweitens führten geopolitische Ereignisse, insbesondere die Sanktionen gegen Russland, zu einer bemerkenswerten Diversifizierung der Lieferantenstruktur. Island, die Türkei und China gewannen erheblich an Marktanteilen, während der russische Anteil kollabierte. Die fallende HHI-Konzentration belegt, dass die EU ihre Importquellen breiter aufgestellt hat. Drittens war das Jahr 2022 ein Preisschock-Jahr ohnegleichen, in dem die Importwerte auf über 40 Mrd. EUR explodierten — getrieben durch Energiepreise und Angebotsunsicherheit. Obwohl sich die Preise bis 2025 teilweise erholten, liegen sie deutlich über dem Vorkrisenniveau. Die steigende Netto-Importabhängigkeit bei gleichzeitig sinkender Exportquote stellt die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Aluminiumindustrie vor mittel- bis langfristige Herausforderungen. Die zunehmende Bedeutung von Schrottexporten (7602) unterstreicht zwar den Wert der Kreislaufwirtschaft, wirft aber auch die Frage auf, ob ausreichend Sekundärrohstoffe für die heimische Verarbeitung zurückgehalten werden.