Marktentwicklung: Aluminium und Waren daraus (CN 76) — 2015–2025
Introduction
Der vorliegende Bericht analysiert die Entwicklung des EU-Außenhandels mit Aluminium und Waren daraus (Zolltarifkapitel 76) von 2015 bis 2025 auf Basis von Eurostat-Daten, visualisiert im Trade Dashboard. Das Produkt umfasst die gesamte Wertschöpfungskette von Rohaluminium über Halbzeug bis zu Konstruktionsteilen und Haushaltswaren. Zwischen 2015 und 2025 hat sich das Handelsbild grundlegend gewandelt: Das Defizit weitete sich massiv aus, die Lieferantenstruktur wurde durch den Russland-Rückzug und neue Partner neu geordnet, und ein heftiger Preisschock im Jahr 2022 hinterließ Spuren in Abhängigkeiten und Produktspezialisierung.
1. Das wachsende Handelsdefizit und der Umbruch der Lieferantenstruktur
Die EU importiert immer mehr Aluminium – das Defizit steigt kontinuierlich
Die Einfuhren legten deutlich stärker zu als die Ausfuhren. Der Importwert stieg von 20,0 Mrd. EUR im Jahr 2015 auf 32,5 Mrd. EUR im Jahr 2025 (+62,2 %), während der Exportwert von 13,6 Mrd. EUR auf 19,0 Mrd. EUR zulegte (+40,0 %) (Überblick). Das Handelsdefizit verdoppelte sich nahezu von –6,4 Mrd. EUR auf –13,4 Mrd. EUR. Die Mengenentwicklung zeigt ein ähnliches Bild: Importmengen stiegen um 18,6 %, Exportmengen nur um 12,0 %. Deutlich wird der Preiseffekt – der durchschnittliche Importpreis je Tonne erhöhte sich um 36,8 %, der Exportpreis um 25,0 %.
Russland fällt weg, China, die Türkei und Norwegen übernehmen
Unter den außereuropäischen Lieferanten spiegelt sich eine tektonische Verschiebung wider. Die Einfuhren aus der Russischen Föderation brachen von 2,64 Mrd. EUR (2015) auf 0,75 Mrd. EUR (2025) ein (–71,5 %) (Handelspartner). Parallel dazu gewannen andere Lieferanten massiv hinzu:
| Partner | Wert Einfuhren 2015 (Mrd. EUR) | Wert Einfuhren 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Norwegen | 2,99 | 4,54 | +51,9 % |
| China | 2,33 | 4,01 | +71,9 % |
| Island | 0,71 | 2,20 | +210,3 % |
| Türkei | 1,19 | 2,94 | +147,1 % |
| Verein. Arab. Emirate | 1,08 | 1,38 | +27,6 % |
Norwegen bleibt der größte Lieferant, während China und die Türkei erheblich an Bedeutung gewannen. Island verfünffachte seinen Marktanteil. Der russische Anteil wurde somit durch mehrere Alternativen ersetzt – die Bezugsquellen diversifizierten sich deutlich.
Exporte steigen langsamer als Importe – das Vereinigte Königreich bleibt der wichtigste Abnehmer
Das Vereinigte Königreich hielt mit 3,77 Mrd. EUR auch 2025 die Spitze der Exportziele, gefolgt von der Schweiz (2,65 Mrd. EUR) und den USA (2,61 Mrd. EUR). Auffällig ist das dynamische Wachstum nach Indien (+183,6 % auf 0,93 Mrd. EUR) und in die Türkei (+84,2 % auf 0,96 Mrd. EUR) (Handelspartner Exporte). Deutschland, Italien und Frankreich sind die mit Abstand größten Exporteure innerhalb der EU (EU-Mitgliedstaaten). Trotz der nominalen Zuwächse blieb das Exportwachstum hinter den Importen zurück, was die strukturelle Unterdeckung vertiefte.
2. Preisschock 2022 und seine Nachwirkungen: Teuerung und strukturelle Abhängigkeit
Der Aluminiumpreis schießt 2022 in die Höhe – deutliche Preisschocks auf vielen Märkten
Infolge der Energiekrise und Angebotsverknappung schnellten die Durchschnittpreise 2022 in die Höhe. Bei Importen aus Mosambik, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain wurden Preissprünge um 65,6 %, 64,9 % bzw. 69,5 % registriert (Preisschocks Importe). Auch auf der Exportseite trafen Preisschocks mehrere wichtige Märkte:
| Exportpartner | Preisanstieg 2022 (Schock) | Anteil am Gesamtexportwert |
|---|---|---|
| Japan | +51,7 % | 2,1 % |
| Korea, Rep. | +70,8 % | 2,4 % |
| Kanada | +49,4 % | 2,6 % |
| Türkei | +42,9 % | 5,7 % |
Die Volatilitätsanalyse zeigt besonders hohe Mengenschwankungen bei Einfuhren aus Kanada (CV 0,830), Indien (CV 0,674) und Bahrain (CV 0,525), während norwegische Lieferungen sehr stabil blieben (CV 0,045) (Volatilitätsbalken).
Die Nettoimportabhängigkeit steigt und die Exportneigung sinkt
Die Nettoimportabhängigkeit (Anteil der Nettoimporte am inländischen Verbrauch) stieg von 9,4 % im Jahr 2015 auf 11,5 % im Jahr 2024, mit einem Höchstwert von 17,0 % im Ausnahmejahr 2022 (Nettoimportabhängigkeit). Parallel dazu nahm die Exportneigung (Exportquote an der Produktion) von 20,1 % auf 17,2 % ab, während die Handelsintensität (Außenhandelsumsatz zu Produktionswert) von 51,7 % auf 36,4 % sank (Exportneigung). Die EU produzierte deutlich mehr Aluminium (Menge von 68,3 Mio. Tonnen 2015 auf 114,7 Mio. Tonnen 2024, +68 %), absorbierte jedoch einen wachsenden Teil der Produktion im Binnenmarkt, sodass die Abhängigkeit von Drittlandimporten nicht zurückging (Produktionsmengen).
Die Konzentration der Bezugsquellen nimmt ab – die EU diversifiziert ihre Lieferanten
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Importe sank von 875 (2015) auf 679 (2025), also um 22,4 %. Auch auf der Exportseite verringerte sich die Partnerkonzentration leicht (–11,7 %) (Konzentration). Die EU breitete damit ihre Lieferbasis aus – ein Trend, der durch den Abbau der Russland-Abhängigkeit beschleunigt wurde.
3. Strukturwandel im Warenkorb: Schrott, Bleche und Bauprodukte im Fokus
Aluminiumschrott wird zum Exportschlager
Die größte Verschiebung auf der Exportseite zeigt sich bei Aluminiumabfällen und Schrott (7602). Die Ausfuhrmenge verdoppelte sich nahezu von 679 Tsd. Tonnen (2015) auf 1.273 Tsd. Tonnen (2025), der Wert schoss von 0,85 Mrd. EUR auf 2,32 Mrd. EUR empor. Schrott ist damit zum wertmäßig zweitwichtigsten Exportsegment hinter Blechen und Bändern (7606) geworden (Produktvergleich Exporte). Dies signalisiert eine wachsende Rolle der EU als globaler Lieferant von Recyclingrohstoff – ein kontraintuitiver Exportboom für einen Rohstoff, der eigentlich zur heimischen Kreislaufwirtschaft beitragen könnte.
Einfuhren werden von Rohaluminium und Halbzeug dominiert
Die Importstruktur wird bestimmt von Aluminium in Rohform (7601), das 2025 eine Menge von 6,33 Mio. Tonnen und einen Wert von 16,4 Mrd. EUR erreichte, gefolgt von Blechen und Bändern (7606, 3,93 Mrd. EUR) und Schrott (7602, 1,25 Mrd. EUR) (Produktvergleich Importe). Auffällig ist das starke Wachstum bei Stangen und Profilen (7604) sowie Draht (7605) – beides Halbzeuge, die auf eine steigende Weiterverarbeitung innerhalb der EU hinweisen.
Konstruktionsteile und „andere Waren“ treiben die Wertschöpfung im Export
Im Export zeigt sich eine Verlagerung zu höherwertigen Produkten. Konstruktionsteile (7610) kletterten wertmäßig von 1,66 Mrd. EUR auf 2,32 Mrd. EUR und erzielten mit 12.451 EUR je Tonne mit Abstand den höchsten Stückpreis. Die Kategorie der „Waren aus Aluminium, a.n.g.“ (7616) vervierfachte ihren Wert nahezu auf 2,56 Mrd. EUR und weist einen Einheitswert von 19.123 EUR je Tonne auf – ein Zeichen für komplexere, veredelte Erzeugnisse. Diese Segmente tragen überproportional zur Bruttowertschöpfung der EU-Exporte bei.
Conclusion
Die Analyse des EU-Aluminiumhandels 2015–2025 zeichnet das Bild einer im Außenhandel wachsenden, zugleich aber verletzlicheren Branche. Das Defizit verdoppelte sich nahezu, getrieben von stark steigenden Importen aus diversifizierten, nicht‑russischen Quellen. Der Preisschock 2022 offenbarte die Anfälligkeit der Preise und trieb die Nettoimportabhängigkeit auf einen Höchststand. Gleichzeitig strukturierte sich der Warenkorb neu: Die EU exportiert zunehmend Schrott sowie hochwertige Konstruktionsteile und Spezialwaren, während die Einfuhren von Rohaluminium und Halbzeug dominieren. Die gestiegene Produktionsmenge im Binnenmarkt und die verringerte Partnerkonzentration zeigen eine gewisse Robustheit an, doch die rückläufige Exportneigung und die hohe Importdynamik bleiben zentrale Herausforderungen für die strategische Autonomie der EU.