Marktentwicklung: Blei und Bleiwaren (CN 78) — 2015–2025
Einleitung
Das Zollkapitel 78 umfasst „Blei und Waren daraus“, darunter Rohblei (7801), Bleiabfälle und -schrott (7802), Bleche, Bänder, Pulver (7804) sowie andere Bleiwaren (7806). Der Bericht analysiert die Entwicklung des EU‑Außenhandels mit Nicht‑EU‑Ländern für den Zeitraum 2015 bis 2025 anhand jährlicher Daten. Die EU ist durchgehend Nettoimporteur; das Handelsbilanzdefizit weitete sich von 69,4 Mio. EUR auf 201,7 Mio. EUR aus. Hinter dieser Verschlechterung stehen ein kräftiger Preisanstieg bei Blei, gravierende geopolitische Umwälzungen in den Lieferbeziehungen und eine hohe Volatilität auf den Exportmärkten. Gleichzeitig ist die Nettoimportabhängigkeit der EU seit 2023 wieder gesunken und die inländische Produktion hat wertmäßig stark zugelegt.
Vom Rohstofflieferanten Russland zu neuen Bezugsquellen: Importverschiebungen als Spiegel geopolitischer Spannungen
Die Importstruktur der EU erfuhr im Untersuchungszeitraum einen tektonischen Wandel. Sanktionen, Handelskonflikte und regionale Krisen führten zu einer Neuordnung der Lieferanten, wobei das Vereinigte Königreich seine dominierende Rolle behauptete und gleichzeitig neue Akteure sprunghaft an Bedeutung gewannen.
Das Vereinigte Königreich bleibt trotz Brexit der unangefochtene Hauptlieferant
Die Einfuhren aus dem Vereinigten Königreich stiegen von 217,6 Mio. EUR (2015) auf 282,9 Mio. EUR (2025) – ein Plus von 30,0 %. Die Mengen expandierten dabei von rund 119 000 t auf 134 000 t. Die Schwankungsbreite blieb mit einem Variationskoeffizienten von nur 0,14 gering, was auf eine ausgesprochen stabile Lieferbeziehung hinweist. (Die zehn wichtigsten Partner im EU‑Bleihandel)
Russlands Anteil bricht infolge von Sanktionen fast vollständig weg
Die Importe aus der Russischen Föderation kollabierten von 63,4 Mio. EUR (2015) auf nur noch 0,09 Mio. EUR (2025) – ein Rückgang um 99,9 %. Die gelieferte Menge fiel von 38 300 t auf unter 10 t. Der Einbruch vollzog sich in zwei Phasen: Nach einem Rückgang ab 2022 kam es ab 2023 zu einem quasi vollständigen Lieferstopp. Gleichzeitig schossen die Einheitspreise der verbliebenen Restmengen in die Höhe (Preisschock 2023 mit einer Verschiebung von +350 %), was auf eine akute Verknappung hindeutet. (Angebots‑ und Preisschocks im EU‑Bleihandel)
Libanon und Serbien profitieren als alternative Rohbleiexporteure
Zwei kleinere Lieferländer füllten die Lücke teilweise aus. Der Libanon steigerte seinen Lieferwert um 402,6 % auf 79,9 Mio. EUR; die Menge verdoppelte sich nahezu. Serbien wuchs sogar um 1 971,3 % auf 27,9 Mio. EUR, wobei die Preise nach einem Preisschock 2017 auf einem höheren Niveau verharrten. Beide Länder liefern überwiegend Rohblei (7801) und profitierten von der Neuausrichtung der EU‑Bleieinfuhren fernab russischer Quellen.
Ukraine und Nigeria verlieren an Bedeutung, Südkorea zeigt extreme Volatilität
Die Importe aus der Ukraine sanken wertmäßig um 51,2 % (von 16,6 Mio. EUR auf 8,1 Mio. EUR), aus Nigeria sogar um 74,8 %. Südkorea ist durch eine extreme Instabilität gekennzeichnet (CV = 1,21); nach einem Hoch 2017 von 63,5 Mio. EUR brachen die Lieferungen phasenweise fast vollständig ein, erholten sich 2023 wieder und fielen zuletzt auf 2,8 Mio. EUR.
Tabelle 1: Wichtigste EU‑Importpartner 2015 vs. 2025 (Wert in Mio. EUR)
| Partner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 217,6 | 282,9 | +30,0 % |
| Libanon | 15,9 | 79,9 | +402,6 % |
| Serbien | 1,3 | 27,9 | +1 971,3 % |
| Ukraine | 16,6 | 8,1 | −51,2 % |
| Nigeria | 10,0 | 2,5 | −74,8 % |
| Korea, Republik | 6,2 | 2,8 | −55,3 % |
| Russische Föderation | 63,4 | 0,1 | −99,9 % |
Preisdominanz im Bleihandel: Deutliche Wertsteigerung trotz rückläufiger und schwankender Mengen
Die Entwicklung der Handelswerte wird maßgeblich von der globalen Bleipreisentwicklung bestimmt, die sowohl Ein- als auch Ausfuhren überformt. Mengenmäßig stagnierte der Handel eher, während die gestiegenen Einheitspreise die Werte in die Höhe trieben.
Die Bleipreise auf den Weltmärkten und ihre Durchschlagskraft im EU‑Außenhandel
Der durchschnittliche Importeinheitswert stieg von 1 749 EUR/t (2015) auf 2 160 EUR/t (2025) – ein Plus von 23,5 %. Im Export erhöhte sich der Einheitswert sogar um 20,4 % von 1 867 EUR/t auf 2 248 EUR/t. Beide Preiskurven folgen weitgehend dem globalen Bleipreiszyklus mit Tiefstständen 2020 (Import: 1 620 EUR/t) und Höchstwerten 2022–2023 (Import: 2 347 EUR/t). Auch der EU‑Produktionspreis für Blei verdoppelte sich nahezu: Der Produktionswert legte von 2,35 Mrd. EUR (2015) auf 3,14 Mrd. EUR (2024) zu, obwohl die Produktionsmenge im selben Zeitraum nur um gut 10 % von 1,45 Mio. t auf 1,60 Mio. t zunahm. (Generelle Übersicht des EU‑Außenhandels mit Blei; EU‑Produktionsstatistiken für Blei)
Importwert steigt um 28 %, während die Einfuhrmenge nur moderat zunimmt
Die Einfuhren legten wertmäßig von 443,6 Mio. EUR auf 567,8 Mio. EUR zu (+28,0 %). Die importierte Menge wuchs im selben Zeitraum jedoch nur um 3,6 % (von 254 000 t auf 263 000 t). Der Preiseffekt erklärt also den größten Teil des Anstiegs. Im Einzelnen schwankte die Importmenge zwischen 254 000 t (2025) und 436 000 t (2023), was auf einmalige Lageraufbaue oder Sondereffekte hindeuten könnte.
Exportvolumen schrumpft um fast ein Fünftel, der Preisanstieg federt den Wertverlust ab
Die EU‑Ausfuhren gingen mengenmäßig um 18,8 % zurück (von 200 000 t auf 163 000 t). Dank des Preisplus konnte der Exportwert mit 366,1 Mio. EUR fast auf dem Niveau von 2015 (374,2 Mio. EUR) gehalten werden (−2,2 %). Die Spitzenwerte lagen 2021 bei 531 Mio. EUR, getrieben von einem einmaligen Exportboom in die USA (siehe Abschnitt 3).
Rohblei (7801) dominiert die Importstruktur, Sekundärrohstoffe und Bleiwaren gewinnen wertmäßig
Untergliedert nach Warennummern entfällt der Löwenanteil der Importe auf Rohblei (7801). 2025 beliefen sich die Einfuhren auf 209 000 t im Wert von 451 Mio. EUR. Bleiabfälle und Schrott (7802) folgten mit 34 700 t (50,8 Mio. EUR). Höher veredelte Waren wie Bleche und Pulver (7804: 13 800 t, 33,6 Mio. EUR) sowie andere Bleiwaren (7806: 5 300 t, 32,4 Mio. EUR) sind mengenmäßig klein, erzielen jedoch hohe Einheitspreise und gewinnen wertmäßig an Bedeutung. (Handel nach Unterkapiteln der CN 78)
Tabelle 2: EU‑Außenhandel in Blei und Bleiwaren – Eckdaten
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 374,2 | 366,1 | −2,2 % |
| Exportmenge (t) | 200 445 | 162 857 | −18,8 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 1 867 | 2 248 | +20,4 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 443,6 | 567,8 | +28,0 % |
| Importmenge (t) | 253 671 | 262 834 | +3,6 % |
| Importpreis (EUR/t) | 1 749 | 2 160 | +23,5 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | −69,4 | −201,7 | −190,6 % |
Exportdynamik unter Vorzeichen der Unberechenbarkeit: Indien löst die USA ab, die Türkei bleibt stabil
Auf der Exportseite prägen eine stabile Achse Türkei und sprunghafte Verlagerungen zwischen außereuropäischen Zielmärkten das Bild. Die hohe Volatilität vieler Destinationen unterstreicht die Anfälligkeit der EU‑Bleiexporte für länderspezifische Sondereffekte.
Die Türkei festigt ihre Position als EU‑Exportziel Nr. 1
Die Lieferungen in die Türkei stiegen wertmäßig um 22,4 % auf 95,8 Mio. EUR, die versandte Menge blieb mit rund 46 600 t nahezu konstant. Trotz eines temporären Preisschocks 2017 (+23,4 %) erweist sich der türkische Markt mit einem CV von nur 0,13 als außerordentlich stabil und planbar.
Indien verzeichnet ein explosives Wachstum, die Vereinigten Staaten stürzen ab
Die Exporte nach Indien schnellten von 17,7 Mio. EUR auf 70,9 Mio. EUR empor (+300,7 %); die Menge vervierfachte sich nahezu auf 41 600 t. Indien überholte damit die Vereinigten Staaten, deren Abnahmen von 48,3 Mio. EUR auf 14,1 Mio. EUR einbrachen (−70,7 %). Der US‑Markt litt unter einer extremen Volatilität (CV 2,38): Nach einem einmaligen Spitzenwert 2021 von 205 Mio. EUR (Menge 103 000 t) fielen Lieferungen bereits im Folgejahr auf 17,8 Mio. EUR zurück und verharrten seither auf niedrigem Niveau.
Extreme Volatilität bei außereuropäischen Exportmärkten
Auch Singapur (CV 1,95) und Brasilien (CV 1,41) zeigen ausgeprägte Instabilität. Singapur verzeichnete 2024 einen Ausschlag auf 62,8 Mio. EUR nach zuvor meist einstelligen Millionenbeträgen, fiel 2025 aber wieder auf 18,0 Mio. EUR. Brasilien schrumpfte von 7,5 Mio. EUR auf 1,1 Mio. EUR. Selbst der an sich stabile Schweizer Markt erlebte 2021 einen Preisschock von +50,3 %, der die Ausfuhrmenge einbrechen ließ. (Volatilitätsranking der Handelspartner)
Die Exportkonzentration nimmt zu, die Importstruktur bleibt hoch konzentriert
Der Herfindahl‑Hirschman‑Index (HHI) für den Exportwert stieg von 961 (2015) auf 1 393 (2025; +44,8 %), bleibt damit aber im moderaten Bereich. Mengenseitig erhöhte sich der Export‑HHI sogar um 77,3 %. Dies spiegelt die zunehmende Bedeutung weniger großer Abnehmer wie Türkei und Indien wider. Die Importkonzentration ist mit einem HHI um 2 700 deutlich höher – das Vereinigte Königreich allein stellt rund die Hälfte aller Einfuhren – und blieb über die Jahre weitgehend konstant. (Konzentrationsmaße im EU‑Bleihandel)
Tabelle 3: Wichtigste EU‑Exportpartner 2015 vs. 2025 (Wert in Mio. EUR)
| Partner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 78,3 | 95,8 | +22,4 % |
| Indien | 17,7 | 70,9 | +300,7 % |
| Vereinigtes Königreich | 48,0 | 47,3 | −1,5 % |
| Nordmazedonien | 9,6 | 34,1 | +256,7 % |
| Singapur | 1,6 | 18,0 | +1 061,3 % |
| Vereinigte Staaten | 48,3 | 14,1 | −70,7 % |
| Brasilien | 7,5 | 1,1 | −85,6 % |
Schlussfolgerung
Der EU‑Bleihandel war zwischen 2015 und 2025 von einer preisgetriebenen Wertsteigerung bei stagnierenden bis rückläufigen Mengen geprägt. Geopolitisch erzwangen die Sanktionen gegen Russland eine Neuordnung der Importseite: Während das Vereinigte Königreich seine dominierende Stellung hielt, sprangen Libanon und Serbien in die Bresche. Auf der Exportseite vollzog sich ein Wandel von den USA hin zu Indien und der Türkei, begleitet von außergewöhnlich hoher Volatilität auf vielen Drittmärkten. Die inländische Bleiproduktion legte wertmäßig stark zu, und die Nettoimportabhängigkeit – nach einem Hoch von 18,5 % im Jahr 2023 – fiel 2024 auf 9,1 % zurück. (Nettoimportabhängigkeit und Verwundbarkeit) Dennoch bleibt die EU exponiert gegenüber globalen Bleipreisschwankungen und abrupten Verschiebungen in den Lieferketten, was eine fortlaufende Beobachtung der Konzentrationsrisiken und der Preisdynamik erfordert.