Marktentwicklung: Blei Rohform (CN 7801) — 2015–2025
Einleitung
Der CN-Code 7801 (Blei in Rohform) umfasst drei Unterpositionen: raffiniertes Blei (780110), bleihaltiges Legierungsblei mit Antimon (780191) sowie sonstiges Blei in Rohform (780199). Die EU produzierte im Zeitraum 2015–2025 erhebliche Mengen Blei, ist jedoch auf Drittlandslieferungen angewiesen. Dieser Bericht analysiert die Handelsströme der EU mit Nicht-EU-Ländern über diesen Zeitraum, beleuchtet strukturelle Verschiebungen bei Handelsbilanz, Partnerländern und Produktsegmenten und identifiziert die wichtigsten volatilitäts- und geopolitisch getriebenen Dynamiken.
1. Von einem ausgeglichenen zu einem deutlich importlastigen Markt
Die Handelsbilanz hat sich zwischen 2015 und 2025 stark verschlechtert
Die EU verzeichnete im Zeitraum 2015–2025 eine deutliche Verschiebung der Handelsbilanz zugunsten der Importe. Der Saldo entwickelte sich wie folgt:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (Wert) | 330 Mio. € | 451 Mio. € | +36,6 % |
| Exporte (Wert) | 263 Mio. € | 210 Mio. € | −20,1 % |
| Importe (Menge) | 182.658 t | 209.140 t | +14,5 % |
| Exporte (Menge) | 148.281 t | 102.761 t | −30,7 % |
| Handelssaldo | −67 Mio. € | −241 Mio. € | −258,2 % |
Die Importe stiegen sowohl mengen- als auch wertmäßig, während die Exporte insbesondere mengenmarkant einbrachen (−30,7 %). Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 1.774 €/t auf 2.047 €/t (+15,4 %), der Importpreis von 1.808 €/t auf 2.157 €/t (+19,3 %). Die steigenden Preise bei gleichzeitig sinkenden Exportmengen deuten auf einen strukturellen Rückgang der EU-Ausfuhrkapazität hin.
Die Nettostrom-Abhängigkeit ist zwar rückläufig, bleibt aber bestehen
Paradoxerweise sank die Netto-Importabhängigkeit von 19,2 % (2015) auf 9,7 % (2025), nachdem sie in den Jahren 2021 und 2022 sogar leicht negativ wurde (Minimum: −0,2 %). Dies erklärt sich aus dem starken Anstieg der heimischen Produktion:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktion (Menge) | 1.299 Mio. kg | 1.521 Mio. kg | +17,1 % |
| Produktion (Wert) | 1.368 Mio. € | 2.927 Mio. € | +113,9 % |
Die Produktion stieg mengenmäßig moderat, aber wertlich überproportional — ein Hinweis auf die allgemeine Preisentwicklung auf den Bleimärkten. Gleichzeitig sank die Handelsintensität von 27,2 % auf 24,3 %, während die Exportquote von 5,8 % auf 9,2 % stieg — beides Indikatoren einer steigenden inneren Verwertung der EU-Produktion.
Die Konzentration der Exporte nahm deutlich zu
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte verdoppelte sich nahezu von 1.366 (2015) auf 2.372 (2025). Dies bedeutet, dass sich die EU-Ausfuhren zunehmend auf wenige Bestimmungsländer konzentrieren, was die Anfälligkeit gegenüber einzelnen Partnerländern erhöht. Die Importkonzentration blieb dagegen relativ stabil (HHI von 2.939 auf 2.737).
2. Geopolitische Umbrüche prägen die Partnerländerstruktur
Das Vereinigte Königreich ist sowohl wichtigster Import- als auch wachsender Exportpartner
Seit dem Brexit hat sich das Vereinigte Königreich als dominanter Handelspartner für Blei in Rohform etabliert. Im Importbereich war es mit 218 Mio. € (2025) der mit Abstand wichtigste Lieferant — ein Plus von 32,1 % gegenüber 2015. Im Exportbereich wuchs das Volumen in Richtung UK sogar von 6 Mio. € auf 27 Mio. € (+377 %). Der niedrige Variationskoeffizient der UK-Importe (CV = 0,16) unterstreicht die Beständigkeit dieser Handelsbeziehung.
Russland als traditioneller Lieferant verliert stark an Bedeutung
Die Importe aus Russland sanken von 63 Mio. € (2015) auf 24 Mio. € (2025), was einem Rückgang von 62,5 % entspricht. Der Höchstwert lag bei 78 Mio. €. Diese Abnahme korrespondiert mit den nach 2022 verschärften Sanktionen gegen Russland infolge des Ukraine-Krieges.
Serbien und Libanon sind zu neuen, volatilen Zulieferern aufgestiegen
Besonders auffällig ist der Anstieg der Importe aus Serbien: von lediglich 30.000 € (2015) auf 27,6 Mio. € (2025) — ein Zuwachs von über 91.000 %. Ebenso stiegen die Importe aus dem Libanon von 16 Mio. € auf 80 Mio. € (+402 %). Beide Länder kompensieren offenbar teilweise den Rückgang aus Russland, weisen aber auch eine hohe Volatilität auf (Serbien CV = 0,55; Libanon CV = 0,40).
Die EU-Exporte verlagern sich weg von den USA und Brasilien
Auf der Exportseite ist der Zusammenbruch der Ausfuhren in die USA besonders markant: von 42 Mio. € (2015) auf nur noch 4 Mio. € (2025, −91,2 %). Die Exporte nach Brasilien sanken ebenfalls um 90,4 %, die nach Pakistan sogar um 100 %. Demgegenüber stiegen die Ausfuhren nach Nordmazedonien (+248 %), Singapur (+5.893 %) und in die Türkei (+20,2 % auf 91 Mio. €). Die Türkei blieb mit einem CV von nur 0,13 der stabilste Exportpartner der EU.
Innerhalb der EU haben sich die Handelsmuster ebenfalls verschoben
Die wichtigsten EU-Importmitgliedstaaten sind Deutschland, Spanien und Italien. Griechenland verzeichnete einen Anstieg um 586 % (von 9 Mio. € auf 59 Mio. €), Bulgarien um 260 %. Bei den Exporten war Bulgarien mit 117 Mio. € (2025) der mit Abstand größte EU-Ausführer (+45,4 %), während traditionelle Exporteure wie Belgien (−81 %), die Niederlande (−96 %), Italien (−98 %) und Frankreich (−92 %) massiv an Bedeutung verloren. Bulgarien weist zudem den höchsten Spezialisierungsindex (RSCA) aller EU-Staaten auf (0,88), gefolgt von Estland (0,66) und Schweden (0,60).
3. Segmentverschiebung und Preischocks prägen das Marktbild
Raffiniertes Blei dominiert, Legierungsblei mit Antimon verliert an Bedeutung
Die Produktsegmentanalyse zeigt, dass raffiniertes Blei (780110) sowohl bei Importen als auch bei Exporten das dominierende Segment darstellt. Die Importe von 780110 stiegen von 92.014 t (2015) auf 135.906 t (2025), wobei der Höchstwert 2023 bei 248.363 t lag. Demgegenüber sanken die Importe von Legierungsblei mit Antimon (780191) von 52.330 t auf 17.541 t — ein Rückgang von rund 66 %, der auf eine sinkende Nachfrage nach Blei-Antimon-Legierungen (etwa in Batterieanwendungen) hindeuten könnte.
| Segment | Importmenge 2015 | Importmenge 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| 780110 (raffiniert) | 92.014 t | 135.906 t | +47,7 % |
| 780191 (mit Antimon) | 52.330 t | 17.541 t | −66,5 % |
| 780199 (sonstiges) | 38.314 t | 55.693 t | +45,3 % |
Bei den Exporten zeigt sich ein anderes Bild: 780110 schwankte stark (Höchstwert 2021 mit 202.621 t, Tiefstwert 2023 mit 51.907 t), während 780199 und 780191 relativ stabil blieben.
Preisentwicklung verlief segmentübergreifend aufwärts mit Volatilitätsspitzen
Die Preise stiegen in allen drei Segmenten. Der Importpreis für raffiniertes Blei (780110) erreichte 2022 mit 2.281 €/t seinen Höhepunkt und lag 2025 bei 2.012 €/t. Für 780199 (sonstiges Blei) war der Spitzenpreis 2022 mit 2.568 €/t zu verzeichnen, 2025 lag er bei 2.419 €/t. Bemerkenswert ist der Anstieg des Exportpreises für 780191 von 1.932 €/t (2015) auf 3.044 €/t (2025) — ein Plus von 58 % und der höchste Preis aller Segmente, was auf eine zunehmende Knappheit von Antimon-Blei-Legierungen hindeuten könnte.
Preischocks betrafen vor allem die Ukraine und die USA
Die Volatilitätsanalyse identifizierte drei bedeutende Preisschock-Ereignisse:
| Ereignis | Typ | Richtung | Abnormalität | Preisänderung | Jahr |
|---|---|---|---|---|---|
| Ukraine | Preis | Import | 472,9 | +24,0 % | 2017 |
| USA | Preis | Export | 36,3 | +1.073,1 % | 2018 |
| Türkei | Preis | Export | 16,2 | +24,5 % | 2017 |
Der Ukraine-Importpreisschock (Abnormalität 472,9) war der mit Abstand auffälligste und könnte mit der politischen Instabilität im Land und der Beeinträchtigung der ukrainischen Bleiproduktion zusammenhängen. Der extreme Exportpreisanstieg in die USA (2018, +1.073 %) ist vermutlich auf eine abrupte Handelsumlenkung oder Qualitäts-/Mengeneffekte zurückzuführen. Weitere volatilitätsbehaftete Partner sind Südkorea (CV = 1,21 bei Importen), Kasachstan (CV = 1,15) sowie die USA (CV = 2,64 bei Exporten) und Singapur (CV = 2,13).
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Blei in Rohform (CN 7801) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei zentrale Trends lassen sich zusammenfassen:
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Strukturelle Importlastigkeit: Trotz steigender heimischer Produktion wuchs der Handelsbilanzdefizit auf −241 Mio. €. Die EU exportiert weniger Blei, importiert aber mehr — bei gleichzeitig steigenden Preisen.
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Geopolitische Neuausrichtung: Russland als traditioneller Lieferant verliert rapide an Bedeutung, während Serbien, der Libanon und das Vereinigte Königreich neue bzw. gestärkte Rollen einnehmen. Auf der Exportseite brachen die traditionellen Märkte USA und Brasilien ein, ersetzt durch die Türkei, Nordmazedonien und Singapur. Innerhalb der EU hat sich Bulgarien zum dominierenden Exporteur entwickelt.
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Segmentverschiebung und Preisdruck: Raffiniertes Blei gewinnt an Importanteil, während Legierungsblei mit Antimon kontinuierlich an Bedeutung verliert. Die Preise stiegen in allen Segmenten, mit besonderer Dynamik bei Antimon-Blei (780191) im Exportbereich. Vereinzelte extreme Preisschocks — insbesondere bei der Ukraine und den USA — unterstreichen die anhaltende Anfälligkeit bestimmter Handelsbeziehungen gegenüber geopolitischen und marktstrukturellen Störungen.