Live-Daten erkunden →

Marktentwicklung: Zinn und Waren daraus (CN 80) — 2015–2025

Einleitung

Der Handel der Europäischen Union mit Zinn und Waren daraus (CN 80) durchlief zwischen 2015 und 2025 tiefgreifende Veränderungen. Die Daten zeigen ein bemerkenswertes Auseinanderdriften von Mengen und Werten: Während die gehandelten Mengen – insbesondere bei den Importen – stark zurückgingen, trieben kräftige Preisanstiege die nominalen Handelswerte nach oben. Gleichzeitig kam es zu einer Neuordnung der wichtigsten Lieferanten‑ und Abnehmerländer, einer Diversifizierung der Bezugsquellen und einer spürbar gesunkenen Nettoimportabhängigkeit. Der vorliegende Bericht beschreibt und interpretiert diese Dynamiken entlang dreier zentraler Entwicklungslinien. Datenübersicht

1. Starker Preisanstieg treibt Handelswerte trotz rückläufiger Mengen

Die durchschnittlichen Ein‑ und Ausfuhrpreise haben sich im Beobachtungszeitraum mehr als verdoppelt.

Lag der durchschnittliche Importpreis 2015 noch bei 12,6 €/kg, erreichte er 2025 28,3 €/kg – ein Plus von 125,2 %. Noch deutlicher fiel der Preisanstieg bei den Exporten aus: von 14,9 €/kg auf 32,5 €/kg (+118,9 %). Diese Preisentwicklung ist der dominierende Treiber der nominalen Handelswerte und spiegelt die weltweit gestiegenen Zinnpreise wider, insbesondere in den Jahren 2021 und 2022. Handelswerte und -mengen

Die physische Handelsmenge entwickelte sich rückläufig, vor allem auf der Importseite.

Die importierte Menge sank von 62,1 Tsd. Tonnen (2015) um 45,4 % auf 33,9 Tsd. Tonnen (2025). Die Exportmenge verringerte sich im gleichen Zeitraum von 12,3 Tsd. auf 9,4 Tsd. Tonnen (−24,2 %). Infolgedessen stieg der Exportwert von 183,5 Mio. € auf 304,5 Mio. € (+65,9 %), der Importwert von 781,7 Mio. € auf 961,3 Mio. € (+23,0 %), obwohl das physische Volumen schrumpfte. Das Handelsbilanzdefizit weitete sich von −598 Mio. € auf −657 Mio. € aus, nachdem es 2022 zeitweise −1,02 Mrd. € erreichte. Handelsbilanzverlauf

Die Dominanz von Zinn in Rohform (8001) prägt die Struktur, doch höherwertige Segmente gewinnen an Bedeutung.

Innerhalb der Warenkapitel 8001, 8002, 8003 und 8007 entfällt der mit Abstand größte Teil der Einfuhren auf Zinn in Rohform. Dessen Mengenrückgang von 56,9 Tsd. Tonnen (2015) auf 31,4 Tsd. Tonnen (2025) erklärt den Großteil des gesamten Importmengenrückgangs. Gleichzeitig stieg der Durchschnittspreis dieses Segments von 12,8 €/kg auf 28,7 €/kg. Ausfuhrseitig nahm die Rohformmenge leicht zu (6,4 Tsd. auf 7,2 Tsd. Tonnen), während sich die Preise auch hier verdoppelten. Bei den weiterverarbeiteten Waren – insbesondere „Waren aus Zinn, a.n.g.“ (8007) und „Stangen, Profile, Draht“ (8003) – stiegen die Exportpreise überproportional: von 20,7 €/kg auf 41,2 €/kg (8007) bzw. von 17,8 €/kg auf 33,1 €/kg (8003). Produktsegmentdetails

2. Neuordnung der Handelspartner: Asien und Lateinamerika ersetzen traditionelle Lieferanten

Die Importseite erlebt eine massive Verschiebung von südostasiatischen Ländern hin zu Brasilien, Bolivien und China.

Die drei vormals dominierenden Importpartner Indonesien, Malaysia und das Vereinigte Königreich büßten ihre führende Stellung ein. Die Einfuhren aus Indonesien gingen von 274,5 Mio. € auf 216,1 Mio. € (−21,3 %) zurück, aus Malaysia von 67,2 Mio. € auf 18,8 Mio. € (−72,0 %) und aus dem Vereinigten Königreich – nach dem Brexit – von 62,9 Mio. € auf 5,4 Mio. € (−91,5 %). Demgegenüber traten Brasilien (+314,5 %), Bolivien (+304,5 %) und China (+332,8 %) als neue bedeutende Lieferanten auf den Plan. Peru konnte seine Position als wichtiger Lieferant mit einem Anstieg um 11,4 % behaupten. Top-Importpartner

Partner (Import) Wert 2015 (Mio. €) Wert 2025 (Mio. €) Veränderung
Indonesien 274,5 216,1 −21,3 %
Peru 113,2 126,1 +11,4 %
Brasilien 31,9 132,2 +314,5 %
Bolivien 28,1 113,7 +304,5 %
China 28,6 123,9 +332,8 %
Vereinigtes Königreich 62,9 5,4 −91,5 %
Malaysia 67,2 18,8 −72,0 %

Die Ausfuhrströme verlagern sich deutlich in die USA und nach Japan, während das Vereinigte Königreich an Bedeutung verliert.

Die Exporte in die USA stiegen von 39,5 Mio. € auf 85,4 Mio. € (+116,2 %), nach Japan sogar von 2,8 Mio. € auf 52,6 Mio. € (+1779,5 %). Ebenfalls stark zugenommen haben die Lieferungen nach Bosnien‑Herzegowina (+177,6 %), in die Türkei (+62,1 %) und nach Malaysia (+234,5 %), letzteres allerdings von geringem Niveau aus. Fast halbiert haben sich dagegen die Ausfuhren nach Mexiko (−45,3 %) und in das Vereinigte Königreich (−58,8 %), letzteres ein Effekt des Ausscheidens aus dem EU‑Binnenmarkt. Top-Exportpartner

Partner (Export) Wert 2015 (Mio. €) Wert 2025 (Mio. €) Veränderung
Vereinigte Staaten 39,5 85,4 +116,2 %
Vereinigtes Königreich 55,3 22,8 −58,8 %
Bosnien‑Herzegowina 10,6 29,4 +177,6 %
Japan 2,8 52,6 +1779,5 %
Türkei 9,0 14,5 +62,1 %
Mexiko 8,9 4,9 −45,3 %
Malaysia 0,8 2,7 +234,5 %

Die Partnerkonzentration auf der Importseite nimmt ab, die Bezugsquellen werden diverser.

Der Herfindahl‑Hirschman‑Index (HHI) der Importe fiel von 2.063 (2015) auf 1.243 (2025), ein Rückgang um 39,7 %. Dies unterstreicht die breitere Streuung der Lieferanten, die durch die starken Zuwächse Brasiliens, Boliviens und Chinas erreicht wurde. Auch exportseitig sank der HHI leicht (−11,7 %), blieb mit 1.330 im Jahr 2025 aber auf einem noch mäßig konzentrierten Niveau. Konzentrationsmaße

3. Abnehmende Importabhängigkeit und mehr Resilienz – aber volatile Preisschocks

Die Nettoimportabhängigkeit der EU ist im Beobachtungszeitraum deutlich zurückgegangen.

Die Nettoimportabhängigkeit (Net Import Reliance), die den Außenhandelssaldo ins Verhältnis zum europäischen Zinnverbrauch setzt, fiel von 72,3 % (2006; erste verfügbare Angabe) auf 46,6 % im Jahr 2024 – eine Reduktion um rund 36 %. Die europäische Zinnproduktion stieg unterdessen von 29,7 Mio. kg (2015) auf 36,0 Mio. kg (2024; Angabe gerundet), was wertmäßig einem Anstieg von 158 Mio. € auf 630 Mio. € (+298,5 %) entspricht. Gleichzeitig verringerte sich die Exportneigung (Export Propensity) von 94,5 % auf 43,1 %, was darauf hindeutet, dass ein größerer Teil der heimischen Produktion nun innerhalb der EU verbleibt und die Importabhängigkeit dämpft. Vulnerabilitätsindikatoren Produktionsvolumina

Die Jahre 2021 und 2022 brachten heftige Preisschocks, die das Marktgefüge nachhaltig veränderten.

Die Shock‑Analyse identifiziert für alle großen Importpartner außergewöhnliche Preisausschläge im Jahr 2021: Bei den Lieferungen aus Indonesien schnellte der Durchschnittspreis um 59,0 % gegenüber dem Vorjahresniveau in die Höhe, bei Peru um 53,9 %, bei China um 67,0 %. In der Folge brachen die Importmengen aus diesen Ländern teilweise massiv ein, während die Preise auf dem neuen Niveau verharrten. Auch auf der Exportseite traten Schocks auf: Die Ausfuhrpreise nach Japan stiegen 2021 um 56,9 %, nach Korea gar um 86,1 % im Jahr 2022, wobei die Mengen zeitweise stark schwankten. Diese Schocks korrespondieren mit den globalen Zinnpreis-Höchstständen und den Störungen der Lieferketten während der Pandemie-Erholungsphase. Schockereignisse

Die EU-interne Spezialisierung auf Zinnverarbeitung zeigt klare regionale Schwerpunkte.

Im Jahr 2025 wiesen Belgien (RSCA 0,53), Portugal (0,33), die Niederlande (0,32), Spanien (0,23) und Polen (0,02) die höchsten relativen Spezialisierungsvorteile im Zinnsektor auf. Diese fünf Länder vereinen einen großen Teil des innergemeinschaftlichen Handels und der Produktion auf sich, während andere Mitgliedstaaten wie Kroatien, Irland oder Lettland praktisch keine Zinnspezialisierung aufweisen. Die ausgeprägten komparativen Vorteile der genannten Länder unterstreichen die Bedeutung verarbeiteter Zinnprodukte im EU‑Ausfuhrportfolio und stützen die Beobachtung, dass die Union ihre Wertschöpfung zunehmend in weiterverarbeitete Segmente verlagert. Spezialisierungskarte

Fazit

Der EU‑Außenhandel mit Zinn und Waren daraus ist zwischen 2015 und 2025 von drei gegenläufigen Entwicklungen geprägt: stark steigenden Preisen bei rückläufigen Mengen, einer tiefgreifenden geopolitischen Neuordnung der Lieferanten‑ und Abnehmerstrukturen sowie einer gestiegenen Widerstandsfähigkeit des europäischen Marktes, messbar an der gesunkenen Importabhängigkeit. Die einstige Abhängigkeit von wenigen südostasiatischen Lieferanten wurde durch eine breitere, lateinamerikanisch‑chinesische Lieferantenbasis ersetzt, während die Exporte in die USA und nach Japan massiv zulegten und die Brexit‑bedingten Verluste im Vereinigten Königreich mehr als kompensiert wurden. Die europäische Eigenproduktion wuchs und speist heute einen höheren Anteil des Bedarfs, zudem gewinnen verarbeitete Zinnwaren mit höherer Wertschöpfung an Gewicht. Dennoch bleibt das Segment rohstoffgetrieben und anfällig für abrupte Preisschocks, wie sie 2021/2022 auftraten. Die strukturelle Entwicklung hin zu mehr Diversifikation und einer stärkeren Binnenverarbeitung legt nahe, dass die EU ihre strategische Position im globalen Zinnmarkt langsam, aber stetig verbessert.