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Marktentwicklung: Keramische Waren (CN 69) — 2015–2025

Einleitung

Keramische Waren (CN 69) umfassen eine breite Palette von Produkten – von Fliesen und Sanitärkeramik über Geschirr und Ziergegenstände bis hin zu technischer Keramik und feuerfesten Bauteilen. Der vorliegende Bericht analysiert die Entwicklung des EU‑Handels mit Nicht‑EU‑Ländern von 2015 bis 2025 anhand der verfügbaren Jahresdaten. Das Jahrzehnt ist geprägt von einem tiefgreifenden Strukturwandel: Während die Exportmengen deutlich zurückgingen, stieg der Exportwert merklich, was auf eine Verlagerung hin zu hochwertigeren Gütern hindeutet. Gleichzeitig wuchsen die Importe sowohl wert- als auch mengenmäßig kräftig, wobei China seine Dominanz weiter ausbaute und geopolitische Ereignisse die Handelsströme spürbar veränderten.

1. Vom Volumen zur Wertschöpfung: Strukturwandel im EU‑Keramikhandel

In diesem Abschnitt wird die gegenläufige Dynamik von Export- und Importentwicklung beschrieben und interpretiert.

Die Exporte zeigen einen stabilen Gesamtwert, aber die gelieferte Menge ist um ein Viertel gesunken.

Der EU‑Exportwert für CN 69 stieg von 7,788 Mrd. EUR (2015) auf 9,174 Mrd. EUR (2025), ein Plus von 17,8 % (Gesamtüberblick). Die exportierte Tonnage verringerte sich im selben Zeitraum jedoch von 12,31 Mio. t auf 9,21 Mio. t (−25,2 %). Daraus resultiert ein sprunghafter Anstieg des durchschnittlichen Exportpreises von 633 EUR/t auf 997 EUR/t (+57,5 %). Dieser Befund deutet klar auf eine Höherpositionierung der ausgeführten Waren hin – weg von Massengütern, hin zu spezialisierten, hochwertigen Keramikprodukten.

Die Importe werden von deutlich mehr Volumen bei fallenden Stückpreisen getragen.

Die Importe legten wertseitig um 62,4 % zu (von 2,977 Mrd. EUR auf 4,834 Mrd. EUR), die importierte Menge sogar um 74,4 % (von 2,38 Mio. t auf 4,15 Mio. t). Der durchschnittliche Importpreis gab hingegen um 6,9 % nach (von 1.251 EUR/t auf 1.165 EUR/t). Die EU kauft also zunehmend preisgünstigere Keramikwaren in großen Mengen ein, vor allem aus asiatischen Ländern, während die eigenen Exporte im Premiumsegment verbleiben.

Die Nettoexportposition hat sich trotz eines leicht gesunkenen Handelsbilanzüberschusses strukturell verbessert.

Der Handelsbilanzüberschuss verringerte sich von 4,811 Mrd. EUR (2015) auf 4,341 Mrd. EUR (2025) (−9,8 %). Gleichzeitig verbesserte sich die Nettoimport‑Abhängigkeit (Net Import Reliance) von −7,1 % auf −20,6 % (Nettoimport‑Abhängigkeit). Der Anteil der Exporte an der einheimischen Produktion (Export‑Propensity) kletterte von 16,6 % auf 35,1 % (Export‑Neigung). Zusammengenommen zeigt dies, dass die EU‑Keramikindustrie ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit auf höherwertigen Stufen gesteigert hat.

2. Geopolitische Zäsuren und neue Handelsströme: Von Russland zu den USA und Indien

Die Verschiebungen auf den internationalen Märkten spiegeln nicht nur ökonomische, sondern auch politische Entwicklungen wider.

China festigt seine Dominanz auf der Importseite, Indien verzeichnet den stärksten relativen Zuwachs.

Der Wert der Einfuhren aus China stieg von 1,226 Mrd. EUR auf 2,238 Mrd. EUR (+82,6 %), aus der Türkei von 318 Mio. EUR auf 514 Mio. EUR (+61,5 %) und aus Indien von 64 Mio. EUR auf 361 Mio. EUR (+467,5 %) (Top‑Partner). Die Importkonzentration (HHI) nahm von 2.047 auf 2.435 zu (+19,0 %), vor allem weil China seinen Anteil stark ausbaute (Konzentration). Weitere dynamische Lieferanten sind Serbien (+199,8 %) und die Ukraine (+229,1 %), während die Einfuhren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (−15,8 %) und aus dem Vereinigten Königreich (−4,0 %) leicht zurückgingen.

Die USA überholen das Vereinigte Königreich als wichtigster Exportmarkt; Russland bricht ein.

Die EU‑Ausfuhren in die USA wuchsen von 1,157 Mrd. EUR auf 1,862 Mrd. EUR (+61,0 %), die in das Vereinigte Königreich sanken von 1,107 Mrd. EUR auf 999 Mio. EUR (−9,8 %). Damit haben die USA das Vereinigte Königreich als größten Absatzmarkt abgelöst. Auffällig ist der Einbruch der Exporte nach Russland von 446 Mio. EUR auf 158 Mio. EUR (−64,6 %), eine direkte Folge der nach 2022 verhängten Sanktionen. Positive Entwicklungen gab es bei den Ausfuhren nach Israel (+78,8 %), in die Schweiz (+27,9 %) und nach Marokko (+83,4 %), während Saudi‑Arabien (−48,9 %) stark an Bedeutung verlor.

Schocks und Volatilität: Ukraine‑Krieg und Sanktionen führen zu massiven Preisausschlägen.

Die Daten zur Volatilität zeigen besonders unruhige Handelsströme bei Indien, den VAE und Russland. Bei den Preisschocks ragen die Importe aus der Ukraine im Jahr 2022 hervor, bei denen sich der Einfuhrpreis um 52,6 % erhöhte, während die Menge um mehr als die Hälfte einbrach (Preisschock Ukraine). Ein noch extremerer Preissprung (+235,9 %) wurde 2019 bei Importen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten registriert, als die gelieferte Menge drastisch zurückging. Auf der Exportseite führte der Brexit 2017 zu einem Preisschub von 47,3 % im Handel mit dem Vereinigten Königreich, und 2022 stieg der Preis für US‑Exporte um 40,7 %, vermutlich inflations‑ und logistikbedingt.

3. Italien, Spanien und die Fliesen: Regionale Spezialisierung und die neuen Exportstars

Der innergemeinschaftliche Wettbewerb sowie die Produktstruktur erklären einen großen Teil der makroökonomischen Dynamik.

Italien, Spanien und Portugal weisen die höchste Exportspezialisierung auf.

Gemessen am RSCA‑Wert (2025) sind Portugal (0,5545), Italien (0,4688) und Spanien (0,4452) die am stärksten auf Keramik spezialisierten EU‑Mitgliedstaaten (Spezialisierung). Italien bleibt mit 2,504 Mrd. EUR wertmäßig der größte Exporteur, gefolgt von Spanien (2,588 Mrd. EUR) und Deutschland (1,580 Mrd. EUR). Polen verzeichnete ein kräftiges Exportwachstum (+29,9 %), während Österreichs Ausfuhren um 37,5 % einbrachen (Berichts‑EU‑Staaten). Bei den Importen ragen Deutschland (997 Mio. EUR), die Niederlande (611 Mio. EUR) und Belgien (472 Mio. EUR) heraus; Polen steigerte seine Einfuhren um +224,4 %, getrieben von der lebhaften Baukonjunktur im Inland.

Keramische Fliesen (6907) dominieren das Exportgeschäft – ebenso wie die Importe.

Der Handel mit keramischen Fliesen (Code 6907) verzeichnete eine dramatische Expansion: Der Exportwert stieg von 1,046 Mrd. EUR auf 4,538 Mrd. EUR, während sich die Ausfuhrmenge mehr als vervierfachte. Auch die Importe von Fliesen legten von 66,9 Mio. EUR auf 706,7 Mio. EUR zu. Ein ähnlich starkes Wachstum zeigten die Importe von Sanitärkeramik (6910, von 372,2 Mio. EUR auf 815,4 Mio. EUR) und von sonstigem Geschirr aus nicht‑porzellanhaltigen Materialien (6912, von 371,1 Mio. EUR auf 706,6 Mio. EUR). Technische Keramik (6909) blieb mit 1,197 Mrd. EUR Exportvolumen das zweitwichtigste Ausfuhrsegment. Die folgende Tabelle fasst die Entwicklung der wertmäßig bedeutendsten Unterpositionen zusammen.

Produktsegment (CN‑Code) Exportwert 2015 (Mio. EUR) Exportwert 2025 (Mio. EUR) Importwert 2015 (Mio. EUR) Importwert 2025 (Mio. EUR)
Keramische Fliesen (6907) 1.046 4.538 66,9 706,7
Technische Keramik (6909) 969 1.197
Sanitärkeramik (6910) 491 449 372,2 815,4
Porzellangeschirr (6911) 514,0 619,0
Anderes Geschirr (6912) 371,1 706,6
Feuerfeste Steine (6902) 787 816 152,8 225,9

Die EU‑Produktion wird hochwertiger: Wert steigt, Mengen sinken drastisch.

Die einheimische Produktionsmenge fiel von 16,7 Mrd. Einheiten (2015) auf 5,7 Mrd. Einheiten (2024) (−65,7 %), während der Produktionswert im gleichen Zeitraum von 15,0 Mrd. EUR auf 25,5 Mrd. EUR stieg (+69,8 %, Produktionsdaten). Der rechnerische Stückpreis erhöhte sich dadurch von 0,90 EUR/Einheit auf 4,44 EUR/Einheit. Dies belegt den eingangs beschriebenen Trend: Die europäischen Hersteller konzentrieren sich auf technisch anspruchsvolle, margenstarke Produkte – vor allem Fliesen und technische Keramik – und lassen preiswerte Massenware von außerhalb der EU kommen.

Fazit

Der EU‑Außenhandel mit keramischen Waren hat in der Dekade 2015–2025 einen fundamentalen Wandel vollzogen. Die Exportseite ist gekennzeichnet durch einen starken Preisanstieg und eine deutliche Reduzierung der ausgeführten Menge, während die Importe durch ein kräftiges Volumenwachstum bei moderaten Preisen geprägt sind. Die EU hat ihre Nettogläubigerposition ausgebaut und ihre Spezialisierung auf hochwertige Erzeugnisse deutlich erhöht.

China ist mit Abstand der wichtigste Bezugsmarkt geblieben, wobei Indien und die Türkei stark an Bedeutung gewonnen haben. Auf der Absatzseite lösten die USA das Vereinigte Königreich als Spitzenreiter ab, und die Sanktionen gegen Russland hinterließen tiefe Spuren. Innerhalb der EU sind Italien, Spanien und Portugal die dominanten Exportnationen, vor allem dank der enorm gestiegenen Ausfuhr keramischer Fliesen. Die Zukunftsfähigkeit des Sektors wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die Produktion weiter zu differenzieren und politische wie konjunkturelle Risiken auf den internationalen Märkten abzufedern.