Marktentwicklung: Keramikfliesen (CN 6907) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 6907 umfasst keramische Fliesen, Boden- und Wandplatten, Mosaiksteine und fertige Formstücke. Im Zeitraum 2015 bis 2025 hat die EU im Handel mit diesen Produkten eine bemerkenswerte Dynamik erlebt: Die Exporte stiegen um über 330 % im Wert, während die Importe aus einem niedrigen Ausgangsniveau sogar um fast 1.000 % wuchsen. Gleichzeitig verschoben sich die Handelspartner, die Produktsegmente und die Wettbewerbsstruktur des Marktes erheblich. Die Gesamtübersicht zeigt, dass die EU ihren Handelsüberschuss bei Keramikfliesen von rund 979 Mio. EUR auf 3,83 Mrd. EUR ausbauen konnte, während sich das Marktgefüge zugleich tiefgreifend wandelte. Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Trends und ihre treibenden Faktoren.
1. Expansiver Handelsboom mit stabilem Exportüberschuss
Exponentielles Wachstum von Exporten und Importen
Die EU verzeichnete im Zeitraum 2015–2025 ein außergewöhnliches Handelswachstum bei Keramikfliesen. Der Exportwert stieg von 1,05 Mrd. EUR (2015) auf 4,54 Mrd. EUR (2025), was einem Plus von 333,9 % entspricht. Die exportierte Menge wuchs sogar um 362,8 % – von 1,42 Mio. Tonnen auf 6,55 Mio. Tonnen. Den Höhepunkt erreichten die EU-Exporte im Jahr 2022 mit einem Wert von 5,48 Mrd. EUR, bevor sie sich bis 2025 auf 4,54 Mrd. EUR leicht zurückbildeten.
Trotz dieses Exportbooms blieb die EU auch ein Nettoimporteur in einigen Segmenten. Die Importe wuchsen prozentual sogar noch deutlicher: von 66,9 Mio. EUR auf 706,7 Mio. EUR (+955,8 %). Die Importmenge stieg von lediglich 183.928 Tonnen auf 2,09 Mio. Tonnen – ein Wachstum von 1.037,7 %. Der Import-Höhepunkt lag ebenfalls 2022 bei 837,7 Mio. EUR.
| Kennzahl | 2015 | 2022 (Höhepunkt) | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| Exportwert | 1,05 Mrd. EUR | 5,48 Mrd. EUR | 4,54 Mrd. EUR | +333,9 % |
| Exportmenge | 1,42 Mio. t | — | 6,55 Mio. t | +362,8 % |
| Importwert | 66,9 Mio. EUR | 837,7 Mio. EUR | 706,7 Mio. EUR | +955,8 % |
| Importmenge | 183.928 t | — | 2,09 Mio. t | +1.037,7 % |
| Handelsbilanz | +979 Mio. EUR | +4.646 Mrd. EUR | +3.832 Mrd. EUR | +291,4 % |
Preisdruck trotz Volumenwachstum
Trotz des massiven Volumenwachstums sank der durchschnittliche Exportpreis pro Tonne um 6,2 % – von 739 EUR/t auf 693 EUR/t. Der Importpreis ging ebenfalls um 7,2 % zurück, von 364 EUR/t auf 338 EUR/t. Diese leichte Preiserosion spiegelt den zunehmenden globalen Wettbewerb wider, insbesondere durch kostengünstige Produzenten aus Asien und der Türkei. Ein Preisschock bei den Exporten in die USA im Jahr 2022 (Preisverschiebung von +38,5 %, Abnormalität: 23,2) deutet jedoch darauf hin, dass die europäischen Hersteller in bestimmten Märkten Preissetzungsmacht behalten haben.
Italien und Spanien als unangefochtene EU-Exportchampions
Innerhalb der EU dominieren zwei Länder den Export: Italien steigerte seine Exporte von 763,8 Mio. EUR auf 2.059,0 Mio. EUR (+169,6 %), während Spanien mit einem Anstieg von 101,6 Mio. EUR auf 2.102,1 Mio. EUR (+1.968,9 %) sogar noch dynamischer wuchs. Besonders bemerkenswert ist Spaniens Aufstieg: 2015 exportierte es nur etwa ein Siebtel so viel wie Italien, 2025 lag es erstmals leicht darüber.
| EU-Exporteur | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 763,8 Mio. EUR | 2.059,0 Mio. EUR | +169,6 % |
| Spanien | 101,6 Mio. EUR | 2.102,1 Mio. EUR | +1.968,9 % |
| Deutschland | 75,8 Mio. EUR | 104,9 Mio. EUR | +38,5 % |
| Polen | 18,4 Mio. EUR | 81,7 Mio. EUR | +343,7 % |
| Portugal | 29,9 Mio. EUR | 81,8 Mio. EUR | +173,0 % |
| Bulgarien | 1,9 Mio. EUR | 22,1 Mio. EUR | +1.050,1 % |
Die Spezialisierungsanalyse bestätigt diese Dominanz: Italien weist einen RSCA-Wert von 0,71 und Spanien von 0,66 auf, was eine sehr hohe Exportspezialisierung im Keramikbereich belegt. Bulgarien (RSCA: 0,50) und Portugal (RSCA: 0,45) folgen auf deutlich niedrigerem Niveau.
2. Geopolitische Neuausrichtung der Handelspartner
Aufstieg Indiens und der Türkei als neue Importdominanz
Die dramatischste Veränderung vollzog sich auf der Importseite: Indien und die Türkei haben China als Hauptlieferanten der EU abgelöst. Indiens Exporte in die EU stiegen von 4,1 Mio. EUR (2015) auf 271,3 Mio. EUR (2025) – ein Wachstum von 6.475 %. Die Türkei verfünfzehnfachte ihre Lieferungen von 17,8 Mio. EUR auf 251,2 Mio. EUR. Damit sind diese beiden Länder mit Abstand die wichtigsten Importquellen für Keramikfliesen in die EU.
| Importpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 17,8 Mio. EUR | 251,2 Mio. EUR | +1.313,9 % |
| Indien | 4,1 Mio. EUR | 271,3 Mio. EUR | +6.475,2 % |
| China | 24,0 Mio. EUR | 12,6 Mio. EUR | −47,2 % |
| VAE | 4,6 Mio. EUR | 25,0 Mio. EUR | +440,6 % |
| Ukraine | 1,4 Mio. EUR | 34,5 Mio. EUR | +2.397,2 % |
| Russland | 4,5 Mio. EUR | 1.091 EUR | −100,0 % |
| Serbien | 111.587 EUR | 11,8 Mio. EUR | +10.444,2 % |
Rückgang Chinas und geopolitische Schocks
Chinas Bedeutung als Importpartner nahm spürbar ab: von 24,0 Mio. EUR auf 12,6 Mio. EUR (−47,2 %). Noch dramatischer war der Zusammenbruch der russischen Lieferungen: von 4,5 Mio. EUR auf praktisch null – ein direktes Ergebnis der Sanktionen nach dem Angriffskrieg gegen die Ukraine ab 2022. Im Gegenzug stiegen die ukrainischen Lieferungen in die EU von 1,4 Mio. EUR auf 34,5 Mio. EUR, was auf vertiefte Handelsbeziehungen im Kontext des EU-Integrationsprozesses hindeutet. Auch Serbien als EU-Beitrittskandidat verzeichnete ein bemerkenswertes Wachstum auf 11,8 Mio. EUR.
Unter den Importpartnern weisen die Vereinigten Arabischen Emirate die höchste Volatilität auf (Variationskoeffizient: 1,04), gefolgt von China (0,96) und Russland (0,83). Ein bemerkenswerter Preisschock bei den Importen aus den VAE im Jahr 2019 (Preisverschiebung von +225,8 %, Abnormalität: 208,9) verdeutlicht die Schwankungsanfälligkeit bestimmter Handelsbeziehungen.
Zunehmende Importkonzentration bei stabil diversifizierten Exporten
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 2.178 auf 2.808 (+28,9 %), was eine zunehmende Konzentration auf wenige Lieferanten widerspiegelt. Die Exporte blieben hingegen mit einem HHI von rund 800 relativ gut diversifiziert (+1,3 %). Dies deutet darauf hin, dass die EU-Importseite anfälliger für Lieferengpässe einzelner Partnerländer werden könnte, während die Exportseite breiter abgestützt ist.
Neuer Schwung in Nahost und Nordafrika
Auf der Exportseite stachen neben den traditionellen Märkten USA und Großbritannien vor allem der Nahe Osten und Nordafrika hervor. Marokko verfünfzehnfachte seine EU-Importe von 9,5 Mio. EUR auf 171,9 Mio. EUR, Israel wuchs von 26,5 Mio. EUR auf 262,8 Mio. EUR, und Saudi-Arabien vervierfachte sich von 24,9 Mio. EUR auf 107,0 Mio. EUR. Die USA blieb mit Abstand der größte EU-Exportmarkt – von 230,4 Mio. EUR auf 1,09 Mrd. EUR (+371,5 %) – und machte 2025 rund 24 % des EU-Exportwerts aus.
3. Feinsteinzeugfliesen als neuer Standard: Segmentverschiebung und Premiumisierung
Porzellanfliesen (≤ 0,5 % Wasseraufnahme) dominieren den Handel
Innerhalb des Produktportfolios CN 6907 vollzog sich eine klare segmentale Verschiebung: Feinsteinzeugfliesen mit einem Wasseraufnahmekoeffizienten von ≤ 0,5 % (Unterposition 690721) dominierten zunehmend sowohl Importe als auch Exporte. Bei den Importen stieg 690721 von 925.973 Tonnen (2017) auf 1,80 Mio. Tonnen (2025) – eine Verdopplung. Der Importwert dieser Position erreichte 2022 mit 667,2 Mio. EUR seinen Höhepunkt und lag 2025 bei 583,7 Mio. EUR. Parallel dazu sanken die Importe aller anderen Segmente erheblich.
| Segment | Beschreibung | Importmenge 2017 | Importmenge 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 690721 | Wasseraufnahme ≤ 0,5 % | 925.973 t | 1.802.441 t | +94,6 % |
| 690723 | Wasseraufnahme > 10 % | 488.200 t | 168.789 t | −65,4 % |
| 690722 | Wasseraufnahme > 0,5 %, ≤ 10 % | 153.464 t | 94.508 t | −38,4 % |
| 690740 | Fertige Formstücke | 97.887 t | 10.511 t | −89,3 % |
| 690730 | Mosaiksteine & ähnliche Waren | 29.621 t | 16.380 t | −44,7 % |
Dramatischer Rückgang traditioneller Fliesensorten im Export
Noch deutlicher war der Strukturwandel bei den Exporten: Während 690721 seine Exportmenge von 4,99 Mio. Tonnen (2017) auf 5,44 Mio. Tonnen (2025) moderat steigern konnte, brachen die Exporte von Fliesen mit höherer Wasseraufnahme dramatisch ein. 690723 sank von 1,81 Mio. Tonnen auf 605.076 Tonnen (−66,5 %), 690722 von 1,82 Mio. Tonnen auf 448.605 Tonnen (−75,3 %). Dies spiegelt eine globale Verschiebung in Richtung hochwertiger Feinsteinzeugfliesen wider, die sowohl in der Bauindustrie als auch im Wohnungsbau zunehmend nachgefragt werden.
| Segment | Exportmenge 2017 | Exportmenge 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| 690721 | 4.992.110 t | 5.436.155 t | +8,9 % |
| 690723 | 1.807.555 t | 605.076 t | −66,5 % |
| 690722 | 1.815.017 t | 448.605 t | −75,3 % |
| 690740 | 230.426 t | 50.212 t | −78,2 % |
| 690730 | 24.404 t | 13.139 t | −46,2 % |
Premiumisierung: Weniger Fläche, höherer Wert
Die EU-Produktion spiegelte diesen Trend wider: Die Produktionsmenge sank von 1,30 Mrd. m² auf 1,16 Mrd. m² (−10,5 %), während der Produktionswert von 10,72 Mrd. EUR auf 11,93 Mrd. EUR (+11,3 %) stieg. Die EU produziert also weniger Quadratmeter, erzielt aber höhere Erlöse – ein klares Indiz für Premiumisierung.
Dies bestätigt sich auch auf der Preisebene: Der EU-Exportpreis pro Quadratmeter für Feinsteinzeugfliesen (690721) stieg von 11,00 EUR/m² (2017) auf 13,84 EUR/m² (2025) – ein Plus von 25,8 %. Demgegenüber blieb der Importpreis pro Quadratmeter mit 6,38 EUR/m² (2017) bzw. 6,33 EUR/m² (2025) nahezu unverändert. EU-Exporte erzielen also mehr als den doppelten Quadratmeterpreis im Vergleich zu Importen, was die klare Qualitäts- und Wertschöpfungsdifferenz unterstreicht.
Fazit
Der Markt für Keramikfliesen (CN 6907) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die EU ist eine globale Exportmacht geblieben und hat ihren Handelsüberschuss auf fast 3,9 Mrd. EUR ausgebaut. Gleichzeitig kristallisierten sich drei zentrale Dynamiken heraus:
Erstens haben sich die Handelspartner verschoben: Indien und die Türkei haben China als dominante Importlieferanten abgelöst, während geopolitische Ereignisse – insbesondere die Sanktionen gegen Russland – die Handelsströme umstrukturiert haben. Die zunehmende Importkonzentration (HHI von 2.178 auf 2.808) birgt dabei ein gewisses Abhängigkeitsrisiko.
Zweitens hat eine Produktsegmentverschiebung stattgefunden: Feinsteinzeugfliesen mit ≤ 0,5 % Wasseraufnahme dominieren zunehmend den Handel, während traditionelle Fliesen mit höherer Wasseraufnahme an Bedeutung verlieren. Diese Verschiebung ist sowohl auf Import- als auch auf Exportseite spürbar.
Drittens zeigt sich eine klare Premiumisierung der EU-Produktion: Weniger Fläche wird produziert, aber zu höheren Werten. Die Netto-Importabhängigkeit der EU blieb mit −47,7 % (2025) zwar stark negativ, hat sich aber gegenüber −53,4 % (2015) leicht abgeschwächt – ein Hinweis darauf, dass das Importwachstum das Exportwachstum in Relation übertrifft. Die Exportquote (Salience-Score: 12,8) und die Handelsintensität (Salience-Score: 9,5) unterstreichen, dass dieser Markt hochgradig international verflochten bleibt. Für die Zukunft könnten steigende Energiekosten, der Wettbewerb aus Asien und die Konzentration auf wenige Importlieferanten die europäische Keramikfliesenindustrie vor neue Herausforderungen stellen – auch wenn die starke Position im Premiumsegment eine solche Grundlage bietet.