Marktentwicklung: Keramische Haushaltswaren (CN 6912) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 6912 umfasst Geschirr, Haushaltsgegenstände, Hygiene- und Toilettenartikel aus keramischen Stoffen außer Porzellan. Im Zeitraum 2015 bis 2025 hat sich der EU-Markt für diese Produktegruppe grundlegend verändert: Die EU entwickelte sich von einer nahezu ausgeglichenen Handelsposition (Handelsbilanzdefizit von −€134,7 Mio. im Jahr 2015) zu einem deutlichen Defizit von −€392,9 Mio. im Jahr 2025. Die Importe stiegen um 90,4 % auf €706,6 Mio., während die Exporte lediglich um 32,7 % auf €313,7 Mio. wuchsen. Parallel dazu brach die inländische Produktionsmenge um 68,8 % ein. Dieser Bericht analysiert die zentralen Triebkräfte dieser Entwicklung und bewertet die sich daraus ergebenden Abhängigkeiten und Risiken.
1. Importboom und die Dominanz Chinas
Die EU-Importe haben sich zwischen 2015 und 2025 nahezu verdoppelt
Der Handelsüberblick zeigt ein außergewöhnliches Wachstum der EU-Importe in diesem Zeitraum:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | €371,1 Mio. | €706,6 Mio. | +90,4 % |
| Importmenge | 164.526 t | 281.505 t | +71,1 % |
| Importpreis | €2.255/t | €2.510/t | +11,3 % |
Die Importmenge stieg um über 116.000 Tonnen, wobei der durchschnittliche Preis pro Tonne lediglich moderat zunahm. Der Höchststand der Importe wurde 2024 mit €772,0 Mio. erreicht; 2025 sank der Wert leicht auf €706,6 Mio.
China ist der mit Abstand wichtigste Herkunftsmarkt
Die Partnerländer-Analyse offenbart eine extreme Konzentration auf China:
| Herkunftsland | Importwert 2015 | Importwert 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | €234,6 Mio. | €562,5 Mio. | +139,8 % |
| Thailand | €45,7 Mio. | €54,2 Mio. | +18,6 % |
| Vereinigtes Königreich | €34,6 Mio. | €32,1 Mio. | −7,1 % |
| Türkei | €18,7 Mio. | €18,1 Mio. | −3,4 % |
| Indonesien | €8,2 Mio. | €4,8 Mio. | −42,0 % |
| Vietnam | €5,5 Mio. | €2,0 Mio. | −63,3 % |
| Tunesien | €2,1 Mio. | €1,2 Mio. | −42,5 % |
China allein steht 2025 für rund 80 % der EU-Importe nach Wert — ein Anstieg von rund 63 % im Jahr 2015. Der Anstieg von €234,6 Mio. auf €562,5 Mio. (+€327,9 Mio.) erklärt nahezu das gesamte Importwachstum der gesamten Produktegruppe. Gleichzeitig verloren südostasiatische Hersteller wie Indonesien und Vietnam sowie tunesische Produzenten deutlich an Marktanteilen, was auf eine Verlagerung der Beschaffungsketten hin zu China hindeutet.
Die Importkonzentration hat stark zugenommen
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 4.273 auf 6.495 (+52,0 %). Ein HHI über 2.500 gilt bereits als hochkonzentriert; der Wert von 6.495 im Jahr 2025 signalisiert eine extreme Abhängigkeit von wenigen Lieferanten — in der Praxis vor allem von China.
2. Strukturwandel der EU-Produktion und Preisdivergenz
Die inländische Produktion ist dramatisch eingebrochen
Die Produktionsvolumina der EU in diesem Segment haben sich im Betrachtungszeitraum drastisch verringert:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge | 616.206 t | 192.081 t | −68,8 % |
| Produktionswert | €1.067 Mio. | €624 Mio. | −41,5 % |
Während die Menge um fast 70 % sank, fiel der Wert nur um 41,5 % — ein Hinweis darauf, dass die verbleibende EU-Produktion zunehmend auf hochwertige Nischenprodukte ausgerichtet ist. Der Produktionspreis pro Tonne stieg damit rechnerisch von rund €1.732/t auf rund €3.249/t an.
EU-Exporte entwickeln sich zu einer Premiumposition
Im Gegensatz zu den Importen weisen die EU-Exporte eine bemerkenswerte Preisentwicklung auf:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | €236,4 Mio. | €313,7 Mio. | +32,7 % |
| Exportmenge | 66.478 t | 59.593 t | −10,4 % |
| Exportpreis | €3.555/t | €5.264/t | +48,0 % |
Die Exporte erreichten trotz sinkender Mengen ein Wertwachstum von über 30 %, da der durchschnittliche Exportpreis um 48 % auf €5.264/t anstieg. Im Vergleich dazu liegen die Importpreise bei lediglich €2.510/t — die EU exportiert also zu mehr als dem Doppelten des Importpreises. Diese Preisdivergenz spiegelt eine qualitative Aufwertung wider: Die EU verlagert sich von der Massenproduktion hin zu hochwertigem, preispremiumfähigem Keramikgeschirr.
Portugal ist der führende Exporteur innerhalb der EU
Laut Reporterdarstellung dominieren wenige Mitgliedstaaten den EU-Export:
| Land | Exportwert 2015 | Exportwert 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Portugal | €63,5 Mio. | €101,2 Mio. | +59,4 % |
| Italien | €36,8 Mio. | €38,4 Mio. | +4,4 % |
| Frankreich | €30,5 Mio. | €30,6 Mio. | +0,2 % |
| Deutschland | €23,9 Mio. | €33,8 Mio. | +41,3 % |
| Polen | €17,3 Mio. | €23,5 Mio. | +35,9 % |
| Niederlande | €10,9 Mio. | €13,1 Mio. | +20,8 % |
| Spanien | €9,1 Mio. | €15,1 Mio. | +66,7 % |
Portugal allein exportiert 2025 keramische Haushaltswaren im Wert von über €101 Mio. und besitzt mit einem RSCA-Index von 0,8622 die mit Abstand stärkste Spezialisierung in der EU. Die exportstarke portugiesische Keramikindustrie profitiert dabei sowohl von traditionellem Know-how als auch von der geografischen Nähe zu wichtigen Märkten wie den USA und dem Vereinigten Königreich. Auch Spanien (+66,7 %) und Deutschland (+41,3 %) konnten ihre Exporte deutlich steigern.
3. Geopolitische Verwerfungen und steigende Lieferabhängigkeit
Preis-Schocks haben einzelne Handelsströme stark getroffen
Die Volatilitäts- und Schockanalyse identifiziert drei signifikante Preisschocks im Betrachtungszeitraum:
| Handelspartner | Schocktyp | Richtung | Zeitpunkt | Preissprung | Abnormalität | Anteil am Exportwert |
|---|---|---|---|---|---|---|
| USA | Preis | Export | 2022 | +38,0 % | 138,0 | 40,5 % |
| Russland | Preis | Export | 2020 | +97,3 % | 30,2 | 4,0 % |
| Südkorea | Preis | Export | 2022 | +54,9 % | 13,4 | 5,0 % |
Der stärkste Schock betraf die Exporte in die USA im Jahr 2022 — mit einer Abnormalität von 138 und einem Preissprung von 38 %. Dies fiel in die Phase globaler Lieferkettenstörungen nach der COVID-19-Pandemie und dem Beginn des Ukraine-Konflikts. Der Preisschock bei den Exporten nach Russland im Jahr 2020 (+97,3 %) ist ebenfalls bemerkenswert, wenn auch der Anteil am Gesamtwert geringer war.
Der russische Markt ist als Exportziel nahezu zusammengebrochen
Der russische Markt entwickelte sich von einem nennenswerten Exportziel mit €11,3 Mio. (2015) zu einem marginalen Abnehmer mit nur noch €2,4 Mio. (2025), was einem Rückgang von 79 % entspricht. Der Koeffizient der Variation von 0,989 für die Exporte nach Russland ist der höchste aller betrachteten Handelspartner — ein Indikator für extreme Instabilität. Die Sanktionen infolge des Ukraine-Konflikts haben diesen Markt für EU-Exporteure faktisch verschlossen.
Neue Absatzmärkte gewinnen an Bedeutung
Gleichzeitig expandierten EU-Exporteure in alternative Märkte:
| Markt | Exportwert 2015 | Exportwert 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Schweiz | €13,1 Mio. | €31,8 Mio. | +143,0 % |
| Norwegen | €11,1 Mio. | €21,8 Mio. | +96,3 % |
| Kanada | €4,1 Mio. | €10,2 Mio. | +150,4 % |
| Brasilien | €2,2 Mio. | €7,6 Mio. | +251,5 % |
Die starken Zuwächse in die Schweiz (+143 %), Norwegen (+96 %), Kanada (+150 %) und Brasilien (+252 %) zeigen eine geographische Diversifizierung der EU-Exportmärkte. Die Exportkonzentration (HHI) sank entsprechend von 1.629 auf 1.447 (−11,2 %).
Die Netto-Importabhängigkeit der EU ist stark gestiegen
Die Netto-Importabhängigkeit als Anteil des Binnenverbrauchs stieg von lediglich 1,0 % (2015) auf 34,6 % (2025). Der Höchstwert wurde 2024 mit 43,9 % erreicht. Gleichzeitig verdoppelte sich die Handelsintensität von 35,7 % auf 74,6 % (+109,2 %), und die Exportquote stieg von 21,3 % auf 48,7 % (+129,0 %). Der Markt ist damit insgesamt deutlich stärker in den internationalen Handel eingebunden — sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite.
Fazit
Der EU-Markt für keramische Haushaltswaren (CN 6912) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:
-
Massiver Importzuwachs bei gleichzeitigem Produktionsrückgang. Die EU-Importe verdoppelten sich nahezu, während die inländische Produktionsmenge um fast 70 % einbrach. China ist der bestimmende Lieferant und hat seinen Marktanteil auf über 80 % ausgebaut — die Importkonzentration (HHI) stieg um 52 %.
-
Zwei-Geschwindigkeits-Markt. Die EU verliert im Segment der Massenproduktion kontinuierlich Boden, positioniert sich aber gleichzeitig im Hochpreissegment neu: Exportpreise liegen mit €5.264/t mehr als doppelt so hoch wie Importpreise (€2.510/t). Portugal, Italien und Deutschland sind die treibenden Exportakteure.
-
Geopolitische Umbrüche und steigende Verwundbarkeit. Der Zusammenbruch des russischen Exportmarktes, Preisschocks in den Handelsbeziehungen mit den USA und Südkorea sowie eine Netto-Importabhängigkeit von fast 35 % unterstreichen die Exposition gegenüber externen Risiken. Die geographische Diversifizierung der Exportmärkte (Schweiz, Norwegen, Kanada, Brasilien) ist ein positiver Trend, kann aber die strukturelle Abhängigkeit von chinesischen Importen nicht kompensieren.