Marktentwicklung: Schuhe und Schaftteile (CN 64) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht untersucht die Entwicklung des EU-Außenhandels mit der Zolltarifposition 64 (Schuhe, Gamaschen und ähnliche Waren; Teile davon) im Zeitraum 2015–2025. Die Analyse stützt sich auf jährliche Daten der Handelsübersicht und vertieft die Erkenntnisse mit Blick auf Partnerländer, Produktsegmente, Produktionsstrukturen und Autonomieindikatoren. Insgesamt steigt der nominale Handelswert sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite deutlich, während sich hinter den aggregierten Zahlen tiefgreifende Verschiebungen bei den Lieferanten, der Produktzusammensetzung und den Abhängigkeiten verbergen.
Asiatische Schuhproduzenten verändern die Importstruktur, während geopolitische Ereignisse die Exportmärkte prägen
Vietnam und Kambodscha gewinnen stark an Bedeutung, China bleibt mengenmäßig dominant, wächst jedoch nur noch moderat
Die Einfuhrseite der EU wird von einem beschleunigten Lieferantenwechsel geprägt. Die wichtigsten Handelspartner zeigen, dass China zwar mit einem Importwert von 8,53 Mrd. EUR im Jahr 2025 der größte Lieferant bleibt, der prozentuale Zuwachs mit 12,8 % jedoch hinter den asiatischen Wettbewerbern zurückbleibt.
| Partner | Importwert 2015 (Mrd. EUR) | Importwert 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 7,56 | 8,53 | +12,8 % |
| Vietnam | 3,15 | 6,68 | +112,4 % |
| Indonesien | 1,37 | 1,66 | +20,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 1,44 | 0,39 | −72,7 % |
| Indien | 1,04 | 1,09 | +4,1 % |
| Kambodscha | 0,32 | 0,71 | +125,5 % |
| Bangladesch | 0,31 | 0,48 | +56,0 % |
Vietnam hat seine Lieferungen mehr als verdoppelt und Kambodscha sogar mehr als verdoppelt, was eine Diversifizierung der Beschaffungsquellen widerspiegelt. Die Mengenentwicklung unterstreicht dies: Chinas gelieferte Menge stieg von 660,9 Mio. kg auf 666,0 Mio. kg (+0,8 %), während Vietnam von 160,7 Mio. kg auf 285,0 Mio. kg (+77,3 %) zulegte.
Der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs führt zu einem nachhaltigen Einbruch der britischen Schuhimporte in die EU
Mit dem Ausscheiden aus dem Binnenmarkt brach der Import aus dem Vereinigten Königreich ab 2021 massiv ein. Lag der Wert 2019 noch bei 1,80 Mrd. EUR, fiel er 2025 auf nur noch 0,39 Mrd. EUR (−72,7 % gegenüber 2015). Mengenseitig zeigt sich der Strukturbruch noch deutlicher: Die importierte Menge fiel von 65,3 Mio. kg (2015) auf 5,1 Mio. kg (2021) und erreichte 2025 wieder 191,1 Mio. kg, allerdings in erster Linie durch Sondereffekte und nicht durch eine Wiederherstellung der früheren Handelsströme. Die Volatilitätsanalyse weist das Vereinigte Königreich mit einem Variationskoeffizienten von 1,02 als die mit Abstand volatilste Importquelle aus.
Die EU-Exporte verlagern sich in die USA und die Türkei, während Russland als Absatzmarkt an Gewicht verliert
Auf der Exportseite bleibt das Vereinigte Königreich mit 1,96 Mrd. EUR 2025 ein bedeutender, aber schrumpfender Markt (−32,1 %). Demgegenüber sind die USA mit einem Plus von 81,0 % auf 3,03 Mrd. EUR zum wichtigsten Einzelmarkt aufgestiegen. Die Türkei (+123,3 %) und die Schweiz (+56,4 %) folgen als dynamische Wachstumsmärkte. Der russische Markt ist infolge der Sanktionen um 37,1 % zurückgefallen – von 0,69 Mrd. EUR auf 0,43 Mrd. EUR.
| Partner | Exportwert 2015 (Mrd. EUR) | Exportwert 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 2,89 | 1,96 | −32,1 % |
| USA | 1,67 | 3,03 | +81,0 % |
| Schweiz | 1,33 | 2,08 | +56,4 % |
| Türkei | 0,35 | 0,78 | +123,3 % |
| Russische Föderation | 0,69 | 0,43 | −37,1 % |
Der EU-Schuhmarkt durchläuft eine tiefgreifende Produkt- und Wertsteigerungstransformation
Lederschuhe bleiben das wertmäßige Rückgrat der EU-Ausfuhren, doch Textilschuhe holen rasant auf
Die Produktsegmentanalyse zeigt, dass Lederschuhe (CN 6403) mit 8,96 Mrd. EUR im Jahr 2025 weiterhin das mit Abstand wichtigste Exportsegment sind (+19,7 %). Die exportierte Menge sank jedoch von 120,3 Mio. kg auf 99,3 Mio. kg, sodass der Durchschnittspreis von 62.178 EUR/t auf 90.151 EUR/t kletterte. Schuhe mit Oberteil aus Spinnstoffen (CN 6404) verdoppelten ihren Exportwert nahezu auf 3,21 Mrd. EUR (+124,7 %), getragen von einem Mengenanstieg um 9,8 % und einer Preissteigerung um über 100 %.
Die Importe verlagern sich auf Schuhe aus Kunststoff und Spinnstoffen, während Lederschuhe stagnieren
Importseitig entfällt das stärkste Wachstum auf Kunststoffschuhe (CN 6402) und Spannstoffschuhe (CN 6404). Die folgende Tabelle fasst die Importwerte für die 6‑Steller zusammen:
| Code | Bezeichnung (Kurzform) | Importwert 2015 (Mrd. EUR) | Importwert 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 6402 | Schuhe mit Oberteil aus Kautschuk/Kunststoff | 4,47 | 5,91 | +32,2 % |
| 6404 | Schuhe mit Oberteil aus Spinnstoffen | 4,77 | 7,66 | +60,5 % |
| 6403 | Lederschuhe | 7,24 | 7,32 | +1,1 % |
| 6406 | Schuhteile | 1,20 | 1,67 | +39,6 % |
| 6401 | Wasserdichte Schuhe | 0,17 | 0,21 | +18,3 % |
| 6405 | Andere Schuhe | 0,34 | 0,36 | +4,8 % |
Die Mengenzahlen unterstreichen die Verlagerung: Die Importmenge von CN 6402 stieg von 392,7 Mio. kg auf 500,2 Mio. kg, die von CN 6404 von 333,0 Mio. kg auf 495,4 Mio. kg, während CN 6403 nur von 357,2 Mio. kg auf 375,5 Mio. kg zulegte. Die stabilen Importpreise für Lederschuhe (ca. 20.000 EUR/t) und die leichte Zunahme bei Textilschuhen deuten auf eine preisgünstige Massenware hin, während die EU bei den Exporten zunehmend hochwertige Nischen bedient.
Die steigenden Exportpreise spiegeln eine Höherpositionierung der EU-Schuhproduktion wider
Der aggregierte Exportpreis der EU schnellte um 66,6 % von 37.947 EUR/t auf 63.212 EUR/t, während der Importpreis nahezu unverändert blieb (+2,9 %). Diese Schere öffnet sich besonders bei Lederschuhen und Spannstoffschuhen. Die EU-Erzeuger setzen vermehrt auf Qualität und Design, was sich auch in der Entwicklung der inländischen Produktionsvolumina widerspiegelt: Die physische Produktionsmenge sank von 861,6 Mio. Paar (2003) auf 371,8 Mio. Paar (2024; −56,8 %), während der Produktionswert im gleichen Zeitraum von 16,2 Mrd. EUR auf 15,3 Mrd. EUR nur moderat zurückging (−5,9 %). Der implizite Produktionspreis stieg damit von etwa 19 EUR/Paar auf über 41 EUR/Paar.
Abhängigkeit und Resilienz: Der europäische Schuhsektor wird globaler und verletzlicher
Die Nettoimportabhängigkeit hat sich dramatisch erhöht, die Eigenproduktion deckt nur noch einen geringen Teil des Bedarfs
Der Indikator Nettoimportabhängigkeit stieg von 4,8 % im Jahr 2003 auf 29,4 % im Jahr 2024 – ein Sprung um 508 %. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Außenhandelsintensität von 56,3 % auf 99,0 %. Die EU ist damit bei Schuhen zu einem Nettoimporteur geworden, der fast den gesamten Inlandsverbrauch über Einfuhren deckt und gleichzeitig einen großen Teil der heimischen Produktion exportiert. Die Exportorientierung, gemessen als Exportneigung, stieg von 37,6 % (2003) auf 97,6 % (2024), was die ausgeprägte internationale Arbeitsteilung im Sektor belegt.
Die Spezialisierung innerhalb der EU ist ausgeprägt, Italien und Portugal sind die traditionellen Kompetenzzentren, während Deutschland bei den Ausfuhren überproportional wächst
Laut Spezialisierungsdaten weisen Portugal (RSCA 0,40) und Italien (RSCA 0,26) die höchsten offenbarten komparativen Vorteile auf. Italien bleibt mit 5,75 Mrd. EUR der größte EU-Exporteur, doch Deutschland hat seinen Exportwert seit 2015 um 151,3 % auf 2,90 Mrd. EUR gesteigert und sich zum zweitgrößten Lieferanten für Drittländer entwickelt. Auf der Importseite traten die Niederlande mit einem Anstieg von 124,7 % auf 4,17 Mrd. EUR als bedeutende Drehscheibe hervor, während Polen sowohl bei den Einfuhren (+139,9 %) als auch bei den Ausfuhren (+221,3 %) stark expandierte. Die Konzentration der Lieferanten (HHI wertmäßig) blieb auf der Importseite mit Werten um 2.200 nahezu stabil, während der HHI der Exporte von 1.174 auf 953 zurückging – die Exportmärkte diversifizieren sich also.
Trotz gestiegener Verwundbarkeit bleibt die extreme Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten begrenzt
Die Lieferantenbasis ist breiter geworden: Vietnam und Kambodscha treiben die Diversifizierung voran, und keiner der großen asiatischen Lieferanten weist eine exzessive wertmäßige Volatilität auf. So liegt der Variationskoeffizient der Importmengen für China bei 0,12 und für Vietnam bei 0,21. Einziger statistisch auffälliger Preisschock wurde bei den Exporten nach Algerien im Jahr 2017 verzeichnet (+51,4 % Preisabweichung bei sehr geringem Marktanteil). Der Schuhsektor ist damit stark in globale Wertschöpfungsketten eingebunden, zeigt aber keine unmittelbare, auf wenige Akteure konzentrierte Krisenanfälligkeit.
Fazit
Der EU-Außenhandel mit Schuhen hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die Importe stiegen wertmäßig um 29,1 %, getrieben von einer rapiden Zunahme der Lieferungen aus Vietnam und Kambodscha, während der Brexit das Vereinigte Königreich als Importquelle fast vollständig verdrängte. Die Exporte legten um 34,7 % zu und verlagerten sich auf die USA und die Türkei, während Russland an Bedeutung verlor. Auf Produktebene zeichnet sich eine klare Polarisierung ab: Die EU importiert zunehmend preiswerte Kunststoff- und Textilschuhe, exportiert aber hochpreisige Lederschuhe, deren Wert durch einen stark gestiegenen Durchschnittspreis getrieben wird. Die heimische Produktion schrumpfte mengenmäßig drastisch, kompensierte dies jedoch teilweise durch höhere Wertschöpfung. In der Folge erreichte die Nettoimportabhängigkeit ein historisches Hoch von knapp 30 %, und die Exportorientierung stieg auf nahezu 100 %. Die Lieferantenkonzentration blieb moderat, und die Diversifizierung der Beschaffungsmärkte hat die unmittelbare Störanfälligkeit begrenzt. Insgesamt zeigt das Bild eine hochgradig globalisierte Branche, deren strukturelle Abhängigkeit von asiatischen Zulieferern in den kommenden Jahren strategische Fragen zur Resilienz der EU-Schuhversorgung aufwerfen wird.