Marktentwicklung: Gummischuhe Plastikschuhe (CN 6402) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 6402 umfasst Schuhe mit Laufsohlen und Oberteilen aus Kautschuk oder Kunststoff — ein breites Segment, das von Alltagsschuhen und Sportschuhen über Skistiefel bis hin zu Sandalen mit Zapfensohlen reicht. Dieser Markt ist für die EU von erheblicher handelspolitischer Bedeutung: Die Union ist ein großer Nettoimporteur dieses Produktsegments und gleichzeitig ein zunehmend wettbewerbsfähiger Exporteur. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung im Zeitraum 2015 bis 2025 anhand der verfügbaren EU-Daten und identifiziert die zentralen strukturellen Veränderungen, die den Markt in diesem Jahrzehnt geprägt haben.
1. Stagnierende Mengen, steigende Werte: Die Preistreiberdynamik im EU-Schuhhandel
Die Importpreise blieben weitgehend stabil, während Exportpreise kräftig stiegen
Ein zentrales Merkmal des Untersuchungszeitraums ist die asymmetrische Preisentwicklung zwischen Importen und Exporten. Die durchschnittlichen Importpreise stiegen lediglich von 11.384 €/t auf 11.811 €/t (+3,8 %), während die Exportpreise im selben Zeitraum von 22.088 €/t auf 38.689 €/t (+75,2 %) zulegten. Diese Divergenz deutet auf eine qualitative Aufwertung der EU-Exporte hin — die Union exportiert zunehmend hochpreisige Schuhe und importiert vor allem günstigere Massenware.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importpreis (€/t) | 11.384 | 11.811 | +3,8 % |
| Exportpreis (€/t) | 22.088 | 38.689 | +75,2 % |
| Importpreis (€/Paar) | 5,84 | 7,41 | +26,8 % |
| Exportpreis (€/Paar) | 15,65 | 25,83 | +65,1 % |
Die Handelsvolumen entwickelten sich entgegengesetzt zu den Werten
Obwohl der Importwert von 4,47 Mrd. € auf 5,91 Mrd. € (+32,2 %) und der Exportwert von 1,14 Mrd. € auf 1,99 Mrd. € (+74,3 %) stiegen, blieben die Mengenentwicklungen deutlich verhaltener. Die Importmengen legten in Tonnen um 27,4 % zu, die Exportmengen sanken sogar leicht um 0,5 %. Die zusätzliche Maßeinheit in Paaren zeigt ein ähnliches Bild: Importe in Paaren stiegen nur um 3,8 %, Exporte um 5,6 %. Der starke Wertzuwachs bei Exporten ist somit fast vollständig auf Preissteigerungen zurückzuführen — ein Hinweis auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Produkten im EU-Exportportfolio.
Der Handelsbilanzdefizit vertiefte sich trotz Exportwachstums
Das Handelsbilanzdefizit verschlechterte sich von −3,33 Mrd. € auf −3,92 Mrd. € (−17,8 %). Bemerkenswert ist jedoch, dass das Defizit im Zeitraum 2020–2022 mit einem Spitzenwert von −4,51 Mrd. € (2022) temporär stark anstieg, bevor es sich in den Folgejahren wieder etwas erholte. Die Pandemiejahre und die anschließende Nachholeffekte haben hier deutliche Spuren hinterlassen.
2. Vietnam und Südostasien auf dem Vormarsch: Verschiebungen in der Lieferstruktur
China bleibt der dominante Lieferant, verliert aber Marktanteile
China war und bleibt der mit Abstand wichtigste Importpartner der EU für CN 6402. Mit einem Importwert von 3,04 Mrd. € im Jahr 2025 (+4,9 % gegenüber 2015) dominiert das Land den Markt nach wie vor. Allerdings ist der relative Anteil Chinas an den Gesamimporten rückläufig — ein Trend, der sich in den Importzahlen der südostasiatischen Konkurrenten widerspiegelt.
| Lieferant | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 2.900 | 3.043 | +4,9 % |
| Vietnam | 621 | 1.316 | +112,1 % |
| Indonesien | 192 | 413 | +114,9 % |
| Kambodscha | 85 | 239 | +179,9 % |
| Bangladesch | 52 | 125 | +142,6 % |
| Türkei | 32 | 52 | +63,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 259 | 34 | −86,9 % |
Vietnam hat sich zum zweitgrößten Lieferanten aufgeschwungen
Die bemerkenswerteste Entwicklung auf der Importseite ist der Aufstieg Vietnams. Mit einem Anstieg von 621 Mio. € auf 1.316 Mio. € (+112,1 %) hat sich Vietnam vom drittgrößten zum zweitgrößten Lieferanten entwickelt. Indonesien (+114,9 %), Kambodscha (+179,9 %) und Bangladesch (+142,6 %) zeigen ebenfalls zweistellige Wachstumsraten. Diese Dynamik spiegelt die globale Diversifizierungsstrategie der Schuhindustrie wider, die Produktionskapazitäten verstärkt aus China in andere asiatische Länder verlagert.
Der Brexit hat die Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich grundlegend verändert
Der dramatischste Rückgang betrifft die Importe aus dem Vereinigten Königreich: von 259 Mio. € auf 34 Mio. € (−86,9 %). Vor dem Brexit (2019) lag der Wert noch bei 304 Mio. €. Diese Entwicklung ist eindeutig auf den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU und die damit verbundenen Handelsbarrieren zurückzuführen. Gleichzeitig sind die EU-Exporte in das Vereinigte Königreich von 407 Mio. € auf 355 Mio. € (−12,9 %) ebenfalls rückläufig, wenn auch weniger stark.
Die EU exportiert zunehmend in die USA und die Schweiz
Auf der Exportseite sind die USA und die Schweiz die dynamischsten Wachstumsmärkte. Die Exporte in die USA stiegen von 143 Mio. € auf 367 Mio. € (+157,2 %), in die Schweiz sogar von 113 Mio. € auf 338 Mio. € (+200,2 %). Auch die Türkei verzeichnete ein starkes Wachstum von 71 Mio. € auf 194 Mio. € (+174,9 %). Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit der EU-Schuhindustrie im Premiumsegment auf globalen Märkten.
Die Importkonzentration nimmt ab — die Lieferbasis wird breiter
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe sank von 4.472 auf 3.275 (−26,8 %), für Exporte von 1.639 auf 1.132 (−30,9 %). Die fallende Konzentration bei den Importen spiegelt die oben beschriebene Diversifizierung der Lieferketten wider: Während China an relativer Bedeutung verliert, gewinnen Vietnam, Indonesien, Kambodscha und Bangladesch Marktanteile — ein struktureller Wandel, der die EU weniger abhängig von einem einzelnen Lieferanten macht.
3. Produktion im Wandel: Weniger Paare, höherer Wert
Die EU-Produktion verzeichnete einen dramatischen Rückgang der Stückzahlen
Die inländische Produktion von Schuhen nach CN 6402 sank von 98,4 Mio. Paar (2015) auf 61,1 Mio. Paar (2025) — ein Rückgang von 37,9 %. Der Tiefpunkt wurde 2020 mit nur 42,6 Mio. Paar erreicht, was auf die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zurückzuführen ist. Obwohl sich die Produktion danach teilweise erholte, blieb sie deutlich unter dem Niveau von 2015.
Der Produktionswert stieg trotz sinkender Stückzahlen
Paradoxerweise stieg der Produktionswert im gleichen Zeitraum von 1,28 Mrd. € auf 1,54 Mrd. € (+20,3 %). Der Tiefpunkt lag bei 755 Mio. € (2020). Diese Gegenläufigkeit zwischen Mengen- und Wertentwicklung deutet auf eine fundamentale Strukturverschiebung hin: Die EU produziert zwar weniger Schuhe, konzentriert sich dabei aber zunehmend auf hochwertige, hochpreisige Produkte. Der durchschnittliche Produktionswert pro Paar stieg entsprechend von etwa 13 € auf über 25 €.
Die steigende Nettoimportabhängigkeit verstärkt sich
Die Nettoimportabhängigkeit der EU stieg von 49,1 % auf 70,2 % (+42,9 %), mit einem Spitzenwert von 75,9 % im Jahr 2022. Das bedeutet, dass über zwei Drittel des in der EU verbrauchten Volumens an CN-6402-Schuhen importiert wird. Gleichzeitig stieg die Exportquote (Produktion, die exportiert wird) von 58,6 % auf 149,8 % — ein Wert über 100 % bedeutet, dass die EU mehr Paare exportiert als sie produziert, was auf Re-Exporte oder Umpackungen hindeuten kann.
Die Spezialisierung innerhalb der EU ist heterogen
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten. Belgien (RSCA: 0,345, RCA: 2,05), Polen (RSCA: 0,182, RCA: 1,44) und Italien (RSCA: 0,119, RCA: 1,27) weisen eine überdurchschnittliche Spezialisierung auf. Italiens Position spiegelt die traditionsreiche Schuhindustrie des Landes wider, während Belgiens hoher Wert teilweise auf die Rolle des Hafens Antwerpen als Handelsdrehscheibe zurückzuführen ist. Am anderen Ende der Skala liegen Irland (RSCA: −0,970), Malta (RSCA: −0,956) und Finnland (RSCA: −0,897) mit einer ausgeprägten Despezialisierung.
Das Segment 640299 dominiert sowohl Importe als auch Exporte
Die Produktsegmentanalyse zeigt, dass das Unterposition 640299 (übrige Schuhe aus Kautschuk/Kunststoff, nicht den Knöchel bedeckend) sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten den größten Anteil ausmacht. Bei den Importen machte 640299 2025 rund 356.505 t (ca. 592 Mio. Paar) aus, bei den Exporten 35.454 t (ca. 63 Mio. Paar). Sportschuhe (640219) zeigten bei den Exporten das dynamischste Wachstum mit einem Preisanstieg von 40.894 €/t auf 74.875 €/t (+83,1 %), was die These der qualitativen Aufwertung der EU-Exporte unterstreicht. Skistiefel (640212) verzeichneten bei den Importen einen starken Preisanstieg von 38,85 €/Paar auf 64,97 €/Paar, was auf Nachfrageeffekte nach der Pandemie zurückzuführen sein könnte.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für CN-6402-Schuhe hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt. Drei zentrale Trends dominieren das Bild:
Erstens vollzieht sich ein struktureller Wandel hin zu einer Wertschöpfungsdualisierung: Die EU importiert zunehmend günstigere Massenware — vor allem aus Südostasien — und exportiert gleichzeitig hochpreisige, hochwertige Schuhe in wohlhabende Märkte wie die USA und die Schweiz. Die Exportpreise verdoppelten sich nahezu, während die Importpreise stabil blieben.
Zweitens hat sich die geographische Diversifizierung der Lieferketten beschleunigt. China bleibt zwar dominant, doch Vietnam, Indonesien, Kambodscha und Bangladesch haben ihre Marktanteile erheblich ausgebaut. Der HHI-Rückgang um 27 % bei den Importen belegt diese Diversifizierung quantitativ. Gleichzeitig hat der Brexit die Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich nachhaltig gestört.
Drittens schrumpft die inländische Produktion mengenmäßig erheblich (−38 % bei den Stückzahlen), gewinnt aber wertmäßig hinzu. Die EU wird somit zu einem Hochlohnstandort für Premiumschuhe, während die Massenproduktion zunehmend ins Ausland verlagert wird. Die Nettoimportabhängigkeit von über 70 % unterstreicht diese Abhängigkeit von globalen Lieferketten — eine Konstellation, die angesichts geopolitischer Unsicherheiten und potenzieller Handelskonflikte ein nicht zu unterschätzendes strategisches Risiko darstellt.