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Marktentwicklung: Schuhteile (CN 6406) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifcode 6406 umfasst ein breites Spektrum an Schuhteilen — von Schuhoberteilen (640610) über Laufsohlen und Absätze aus Kautschuk oder Kunststoff (640620) bis hin zu Einlegesohlen, Fersenstücken und Gamaschen (640690). Im Zeitraum 2015 bis 2025 hat sich der EU-Außenhandel mit diesen Waren grundlegend verändert. Der Gesamtüberblick zeigt ein Bild, das von drei zentralen Trends geprägt ist: einer sich vertiefenden Importabhängigkeit, einer regionalen Neuordnung der Handelsbeziehungen und einem fundamentalen Shift von Volumen hin zu Wert. Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Entwicklungen und ordnet sie in ihren wirtschaftlichen Kontext ein.


1. Strukturelle Zunahme der Importabhängigkeit und Expansion des Handelsdefizits

Das EU-Handelsdefizit bei Schuhteilen hat sich im Betrachtungszeitraum nahezu verdoppelt — von rund 606 Mio. EUR (2015) auf rund 1.139 Mio. EUR (2025). Diese Entwicklung ist das Ergebnis gegenläufiger Dynamiken auf der Import- und Exportseite.

Die Importe wachsen im Wert, während die Exporte sowohl mengen- als auch wertseitig schrumpfen

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mrd. EUR) 1,20 1,67 +39,6 %
Exportwert (Mio. EUR) 592 533 −10,0 %
Importmenge (t) 49.315 56.649 +14,9 %
Exportmenge (t) 54.311 29.110 −46,4 %
Handelsbilanz (Mio. EUR) −606 −1.139 −88,0 %

Quelle: Gesamtüberblick – Handel

Auffällig ist die Asymmetrie: Während die EU ihre Einfuhren mengenmäßig um knapp 15 % ausgeweitet hat, sank die exportierte Menge um fast die Hälfte. Die EU wird damit zunehmend zum Nettoimporteur von Schuhteilen — eine Trendwende, die sich auch in der Netto-Importabhängigkeit widerspiegelt:

Indikator 2015 2025 Veränderung
Netto-Importabhängigkeit (%) 13,1 25,7 +96,1 %
Handelsintensität (%) 34,3 45,7 +33,3 %
Exportneigung (%) 14,7 17,4 +18,6 %

Quelle: Verwundbarkeit – Netto-Importabhängigkeit

Die Netto-Importabhängigkeit hat sich nahezu verdoppelt. Gleichzeitig stiegen sowohl die Handelsintensität als auch die Exportneigung — die EU ist also insgesamt stärker in den globalen Schuhteile-Handel eingebunden, allerdings in zunehmend importdominierter Weise. Die Exportneigung als wichtigster Salienz-Indikator (Salience-Score: 51,2) deutet darauf hin, dass die EU zwar weiterhin relevante Exportaktivitäten aufweist, die aber im Verhältnis zur Importdynamik an Gewicht verlieren.

Italien als dominanter Importeur und zunehmend geschrumpfter Exporteur

Innerhalb der EU zeigt sich ein differenziertes Bild der Mitgliedstaaten:

Importeure (Top 3 nach Wert, 2025):

Land 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Italien 410 673 +64,3 %
Deutschland 190 257 +35,1 %
Slowakei 114 109 −4,7 %

Exporteure (Top 3 nach Wert, 2025):

Land 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Italien 325 232 −28,5 %
Deutschland 37 87 +133,8 %
Tunesien* 92 112 +22,3 %

Quelle: Länderberichterstatter

Italien hat seine Importe um fast zwei Drittel gesteigert und ist mit Abstand der größte EU-Importeur von Schuhteilen — ein Indiz für die starke italienische Schuhindustrie, die in zunehmendem Maße auf Vorprodukte aus Drittländern setzt. Gleichzeitig haben Italiens Exporte um 28,5 % abgenommen. Deutschland hingegen hat seine Exporte mehr als verdoppelt und sich vom fünftgrößten zum zweitgrößten EU-Exporteur entwickelt. Frankreich und Rumänien verloren hingegen deutlich an Boden.


2. Regionale Umstrukturierung der Handelsbeziehungen und zunehmende Konzentration

Die zweite zentrale Dynamik betrifft die geografische Verschiebung der wichtigsten Handelspartner. Die EU hat ihre Bezugsquellen für Schuhteile erheblich diversifiziert und gleichzeitig die Konzentration erhöht — ein scheinbarer Widerspruch, der sich auflöst, wenn man die unterschiedlichen Wachstumspfade der einzelnen Partner betrachtet.

Südosteuropa und Nordafrika gewinnen massiv an Bedeutung

Partnerland Importe 2015 (Mio. EUR) Importe 2025 (Mio. EUR) Veränderung
China 175 244 +39,7 %
Albanien 120 255 +112,0 %
Indien 170 180 +5,8 %
Vietnam 109 178 +62,9 %
Tunesien 103 191 +86,1 %
Marokko 68 77 +12,5 %
Ukraine 54 72 +33,3 %

Quelle: Handelspartner – Importe

Albanien hat sich mit einem Wachstum von 112 % zum zweitgrößten Importpartner der EU entwickelt — von 120 Mio. EUR (2015) auf 255 Mio. EUR (2025). Dies spiegelt die vertiefte Integration der westbalkanischen Länder in die europäische Lieferkette wider. Tunesien (+86,1 %) und Vietnam (+62,9 %) zeigen ebenfalls starkes Wachstum, während Indien nahezu stagnierte.

China, nach wie vor der größte Einzellieferant, verlor dagegen in Relation an Bedeutung: Chinas Importanteil ging von einem Spitzenwert von rund 343 Mio. EUR (in einem der Zwischenjahre) auf 244 Mio. EUR im letzten Jahr zurück — möglicherweise ein Hinweis auf eine Diversifizierungsstrategie der EU-Hersteller, die ihre Beschaffung zunehmend in nähere Regionen verlagern (Nearshoring).

Die Konzentration des Handels nimmt zu

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) misst die Marktkonzentration und ist sowohl bei Importen als auch bei Exporten gestiegen:

HHI (nach Wert) 2015 2025 Veränderung
Importe 882 1.033 +17,2 %
Exporte 854 1.077 +26,1 %

Quelle: Konzentration – HHI

Obwohl absolute HHI-Werte unter 1.500 typischerweise als „niedrig konzentriert" gelten, ist der Anstieg bemerkenswert. Bei den Exporten ist der Zuwachs sogar noch steiler (+26,1 %), was auf eine zunehmende Spezialisierung weniger EU-Länder hindeutet. Die Spezialisierungsanalyse bestätigt dies: Rumänien (RCA 9,15), Kroatien (6,89) und Bulgarien (5,93) weisen die höchsten Spezialisierungsraten auf — Länder mit traditionell starker arbeitsintensiver Schuhproduktion, die zunehmend auf Schuhteile als Zwischenprodukte setzen.

Volatilität und Preisschocks als Risikofaktoren

Einige Handelsbeziehungen weisen eine hohe Volatilität auf, die auf Lieferkettenrisiken hindeutet:

Beziehung Variationskoeffizient (CV) Bewertung
Exporte → Russland 0,43 hoch
Exporte → Indien 0,44 hoch
Exporte → Nigeria 0,53 sehr hoch
Exporte → Algerien 0,51 sehr hoch
Importe aus Indonesien 0,30 erhöht

Quelle: Volatilität

Zudem wurden konkrete Preisschocks identifiziert: Ein extremer Preisanstieg bei Exporten in die Türkei im Jahr 2022 (+67,4 %, Abnormalitäts-Score 646), Preisanstiege bei Importen aus Marokko 2022 (+15,6 %) und Brasilien 2023 (+24,3 %). Diese Ereignisse verweisen auf die Fragilität bestimmter Handelsrouten, die durch geopolitische Spannungen, Pandemie-Nachwirkungen und Lieferunterbrechungen verursacht wurden.

Quelle: Angebotschocks


3. Volumeneinbruch bei gleichzeitigem Wertanstieg — Preisanstieg als dominantes Strukturmerkmal

Die vielleicht auffälligste Entwicklung im gesamten Betrachtungszeitraum ist die Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertentwicklung. Die EU-Produktion von Schuhteilen (gemessen in Stückzahlen) ist dramatisch eingebrochen, während der Produktionswert gestiegen ist — ein Muster, das sich auch im Außenhandel wiederholt.

Die EU-Produktion: Weniger Stücke, mehr Euro

Indikator 2015 2025 Veränderung
Produktionsmenge (Mio. Stück) 1.774 328 −81,5 %
Produktionswert (Mrd. EUR) 2,52 3,23 +27,8 %

Quelle: Produktionsvolumen

Der Rückgang der Produktionsmenge um über 80 % bei gleichzeitigem Anstieg des Produktionswerts um fast 28 % ist ein starkes Signal für einen strukturechen Wandel: Die EU produziert nicht weniger Schuhteile, sondern deutlich hochwertigere. Dies entspricht dem Muster einer Aufwertung (Upgrading) in der Wertschöpfungskette.

Die Preise steigen in allen Segmenten — sowohl bei Importen als auch bei Exporten

Im Außenhandel zeigt sich dasselbe Muster. Die folgende Tabelle fasst die Preisentwicklung (EUR/t) der drei Unterpositionen zusammen:

Importpreise (EUR/t):

Produkt 2015 2025 Veränderung
640610 — Schuhoberteile 33.025 46.104 +39,6 %
640690 — Sonstige Schuhteile 15.574 19.497 +25,2 %
640620 — Laufsohlen/Absätze 12.566 14.884 +18,4 %

Exportpreise (EUR/t):

Produkt 2015 2025 Veränderung
640610 — Schuhoberteile 22.746 36.220 +59,2 %
640690 — Sonstige Schuhteile 10.018 16.181 +61,5 %
640620 — Laufsohlen/Absätze 9.057 12.464 +37,6 %

Quelle: Produktvergleich

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung bei den Exportpreisen: Schuhoberteile (640610) werden im Export durchschnittlich mit 36.220 EUR/t gehandelt — ein Zuwachs von fast 60 % gegenüber 2015. Dies ist das Segment mit dem höchsten absoluten Preisniveau und dem stärksten Preisanstieg, was darauf hindeutet, dass die EU zunehmend hochwertige, spezialisierte Oberteile exportiert.

Schuhoberteile als treibende Importkategorie

Im Segment der Schuhoberteile (640610) — der mengen- und wertmäßig größten Unterposition — zeigt sich ein differenziertes Bild:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert 640610 (Mio. EUR) 840 1.036 +23,3 %
Importmenge 640610 (t) 25.435 22.464 −11,7 %
Importpreis 640610 (EUR/t) 33.025 46.104 +39,6 %

Die EU importiert weniger Schuhoberteile (mengenmäßig −11,7 %), zahlt aber insgesamt mehr (+23,3 %), weil der Preis pro Tonne um fast 40 % gestiegen ist. Dies unterstreicht die These der qualitativen Aufwertung: Es werden nicht einfach mehr Teile importiert, sondern teurere, hochwertigere Produkte.

Im Exportbereich ist die Situation bei 640690 (sonstige Schuhteile, Einlegesohlen etc.) besonders auffällig: Die exportierte Menge sank von 33.010 t auf 16.759 t (−49,2 %), doch der Preis stieg von 10.018 auf 16.181 EUR/t (+61,5 %). Dies deutet auf eine Spezialisierung der EU-Ausfuhr auf hochwertige Nischenprodukte hin.


Schlussfolgerung

Die Marktentwicklung der Schuhteile (CN 6406) im Zeitraum 2015–2025 ist durch drei ineinandergreifende Strukturwandel gekennzeichnet:

  1. Steigende Importabhängigkeit: Das Handelsdefizit hat sich nahezu verdoppelt, die Netto-Importabhängigkeit stieg von 13 % auf 26 %. Die EU bezieht zunehmend Schuhteile aus Drittländern, insbesondere aus Albanien, Tunesien und Vietnam — eine regionale Verschiebung weg von China als dominanter Quelle.

  2. Zunehmende Konzentration und regionale Neuausrichtung: Der HHI ist sowohl bei Importen als auch bei Exporten gestiegen. Die westbalkanischen und nordafrikanischen Länder profitieren von geografischer Nähe, Handelsabkommen und komparativen Kostenvorteilen. Innerhalb der EU konzentriert sich die Spezialisierung auf wenige Mitgliedstaaten — allen voran Rumänien, Kroatien und Italien.

  3. Preisdominanz statt Volumenwachstum: Dieeuropäischen Produktionsmengen sind um über 80 % eingebrochen, während der Produktionswert stieg. Im Außenhandel steigen die Preise in allen Segmenten und bei allen Handelsströmen — ein klares Signal für eine qualitative Aufwertung der Produktion und des Handels.

Zusammengenommen deuten diese Entwicklungen darauf hin, dass sich die EU-Schuhteileindustrie von einem volumenorientierten Produktionsstandort hin zu einem hochwertigen, spezialisierten Segment der globalen Wertschöpfungskette bewegt. Die wachsende Importabhängigkeit birgt jedoch strategische Risiken — insbesondere angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen und der hohen Volatilität bei bestimmten Handelsrouten. Die Fähigkeit der EU, ihre Position in der Hochwertsegmentierung zu halten und gleichzeitig die Resilienz der Lieferketten zu stärken, wird die künftige Marktentwicklung maßgeblich bestimmen.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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