Marktentwicklung: Gestrickte Kleidung (CN 61) — 2015–2025
Introduction
Die folgende Analyse betrachtet den Außenhandel der Europäischen Union mit gestrickter Kleidung und Bekleidungszubehör (Zollkapitel 61) gegenüber Nicht-EU‑Ländern im Zeitraum 2015 bis 2025. Grundlage sind die Werte, Mengen und Preise aus dem Dashboard "Trade Dashboard". Der Bericht gliedert sich in drei Teile: die Entwicklung der Importe mit einer Verschiebung der Beschaffungsmärkte, die wertorientierte Ausfuhrstrategie der EU und die prägenden Schocks und Volatilitäten des Jahrzehnts.
Asien baut seine dominierende Lieferantenrolle aus – bei gleichzeitiger Gewichtsverlagerung innerhalb der Beschaffungsmärkte
Die Einfuhrwerte legen um 38 % zu, wobei Bangladesch, Kambodscha und Pakistan die traditionellen Schwergewichte überflügeln
Der Gesamtwert der EU-Importe von gestrickter Kleidung stieg von 35,0 Mrd. EUR (2015) auf 48,3 Mrd. EUR (2025), ein Plus von 38 %. Der Zuwachs wurde nicht gleichmäßig getragen. Während China mit einem Anstieg von 11,7 Mrd. EUR auf 15,1 Mrd. EUR (+29 %) wichtigster Einzellieferant blieb, verzeichneten andere asiatische Länder eine deutlich dynamischere Entwicklung: Bangladesch wuchs um 70 % auf 11,7 Mrd. EUR, Kambodscha um 66 % auf 2,7 Mrd. EUR und Pakistan explodierte förmlich von 0,7 Mrd. EUR auf 1,9 Mrd. EUR (+187 %). Der Einfuhrkonzentrationsindex (HHI) blieb hingegen mit einem Anstieg von nur 1,1 % nahezu stabil, was darauf hindeutet, dass die Zugewinne der Nachrücker genau den relativen Bedeutungsverlust anderer Partner ausgleichen. Die detaillierte Partnerstruktur findet sich unter Top-Partner und Melder.
| Partner | Einfuhrwert 2015 (Mrd. EUR) | Einfuhrwert 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 11,67 | 15,07 | +29,2 % |
| Bangladesch | 6,93 | 11,74 | +69,5 % |
| Kambodscha | 1,62 | 2,69 | +65,7 % |
| Pakistan | 0,67 | 1,91 | +187,2 % |
| Indien | 1,95 | 2,33 | +19,5 % |
| Türkei | 4,62 | 4,91 | +6,2 % |
| V. Königreich | 1,86 | 0,66 | –64,6 % |
Das Importvolumen wächst weit stärker als der Wert – die Preise pro Einheit geben leicht nach
Im selben Zeitraum erhöhte sich die eingeführte Menge von 2,09 Mio. Tonnen auf 3,06 Mio. Tonnen (+46,7 %), während der durchschnittliche Einfuhrpreis von 16.746 EUR/Tonne auf 15.754 EUR/Tonne zurückging (–5,9 %). Die EU bezieht also immer größere Stückzahlen zu tendenziell niedrigeren Stückpreisen. Dies spiegelt den anhaltend hohen Wettbewerbsdruck in den asiatischen Niedriglohnländern wie Bangladesch und Kambodscha wider. Gleichzeitig führt die starke Volumensausweitung bei mäßigen Werteanstiegen dazu, dass das Handelsdefizit in diesem Segment von –24,6 Mrd. EUR auf –33,5 Mrd. EUR anwuchs (eine Verschlechterung um 36 %).
Innerhalb der EU werden Spanien und Polen zu neuen Importdrehscheiben
Unter den EU-Mitgliedstaaten stechen bei den Einfuhren zwei Länder besonders hervor: Spanien verdoppelte seine Bekleidungsimporte von 3,9 Mrd. EUR auf 7,9 Mrd. EUR (+99,9 %), und Polen legte um 316 % von 0,7 Mrd. EUR auf 2,9 Mrd. EUR zu. Beide übernahmen offenbar eine wachsende Logistik- und Distributionsfunktion für den EU-Binnenmarkt. Dagegen sanken die Einfuhren Belgiens um 25 %, wofür unter anderem die Neuausrichtung von Warenströmen nach dem Brexit verantwortlich sein dürfte. Eine vollständige Aufstellung zeigt die Tabelle der Mitgliedstaaten.
Hochwertige EU‑Exporte: Wertwachstum ohne Mengenausweitung und zunehmende Marktdiversifikation
Der Ausfuhrwert steigt um 42 %, während die Exportmenge stagniert – die Preise steigen um 47 %
Die EU exportierte im Jahr 2025 gestrickte Kleidung im Wert von 14,8 Mrd. EUR, verglichen mit 10,4 Mrd. EUR im Jahr 2015 (+42,4 %). Die exportierte Menge sank leicht von 258,6 Tsd. Tonnen auf 251,2 Tsd. Tonnen (–2,9 %), sodass der durchschnittliche Exportpreis von 40.102 EUR/Tonne auf 58.797 EUR/Tonne kletterte (+46,6 %). Diese Entwicklung belegt eine strategische Verlagerung hin zu hochwertigeren, margenträchtigeren Produkten – etwa Designermode, technische Textilien oder nachhaltige Strickwaren.
Neue Zielmärkte ersetzen den rückläufigen britischen Markt
Die Exporte in das Vereinigte Königreich brachen von 3,1 Mrd. EUR auf 2,1 Mrd. EUR ein (–30,9 %), eine direkte Folge des Brexit. Kompensiert wurde dieser Rückgang durch kräftige Zuwächse in anderen Märkten: Die Ausfuhren in die USA verdoppelten sich nahezu auf 1,5 Mrd. EUR (+96 %), die in die Schweiz wuchsen um 90 % auf 2,5 Mrd. EUR, und die in die Türkei stiegen um 191 % auf 0,8 Mrd. EUR. Auch kleinere Partner wie Serbien (+116 %) und Norwegen (+85 %) gewannen an Bedeutung. In der Konsequenz sank der Herfindahl-Hirschman-Index der Exportmärkte um 36 %, von 1.244 auf 795 – ein deutliches Zeichen für eine erfolgreiche Diversifizierung (siehe Konzentrationsmaße).
| Partner | Ausfuhrwert 2015 (Mrd. EUR) | Ausfuhrwert 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Schweiz | 1,32 | 2,51 | +90,3 % |
| USA | 0,75 | 1,47 | +96,1 % |
| V. Königreich | 3,07 | 2,12 | –30,9 % |
| Türkei | 0,28 | 0,82 | +191,3 % |
| Russland | 0,76 | 0,57 | –24,9 % |
| Norwegen | 0,31 | 0,58 | +84,9 % |
| Serbien | 0,11 | 0,24 | +116,0 % |
Italien bleibt größter Exporteur, Polen und Frankreich holen am stärksten auf
Innerhalb der EU behauptet Italien mit einem Exportwert von 4,5 Mrd. EUR (+49 %) die Spitzenposition. Deutschland folgt mit 2,6 Mrd. EUR (+51 %). Die dynamischste Steigerung erzielte jedoch Polen: 2025 lagen die polnischen Ausfuhren bei 0,86 Mrd. EUR – ein Plus von 446 % gegenüber 2015. Frankreich wuchs um 84 % auf 2,1 Mrd. EUR. Besonders in Polen dürfte der Aufbau einer wettbewerbsfähigen Bekleidungsfertigung die Exportfähigkeit beflügelt haben, während Frankreich von seiner starken Modemarken-Präsenz profitierte. Die Aufschlüsselung der Spezialisierung zeigt, dass Länder wie Kroatien, Portugal und Dänemark die höchsten RCA-Werte bei gestrickter Bekleidung aufweisen (vgl. Spezialisierungskarte).
Politische Brüche und externe Schocks bestimmen die Volatilität des Handels
Der Brexit verursacht einen strukturellen und dauerhaften Einbruch des bilateralen Handels
Die größte diskrete Veränderung im Beobachtungszeitraum betrifft das Vereinigte Königreich. Weil das Land 2021 aus dem EU-Binnenmarkt ausschied, brach die Importmenge dramatisch ein – der Mengen-CV (Variationskoeffizient) liegt bei 0,91 und ist damit mit Abstand der höchste unter den Hauptlieferanten. Das jährliche Importvolumen fiel von zuvor über 100.000 Tonnen auf unter 15.000 Tonnen. Ähnlich volatil, wenn auch auf niedrigerem Niveau, zeigte sich der Exportsaldo, dessen Mengen-CV in die Höhe schnellte. Im Ergebnis verlor das Vereinigte Königreich rapide an Bedeutung und rangiert 2025 mit einem Importwert von nur noch 0,66 Mrd. EUR weit außerhalb der Spitzengruppe.
Preisschocks 2022 bei Einfuhren aus Indien und Bangladesch belasten die Lieferkette
Das Jahr 2022 war durch außergewöhnliche Preisausschläge gekennzeichnet. Der Algorithmus identifizierte einen Preisschock bei Einfuhren aus Indien im Umfang von +18,9 % (Abnormalität 95,0) und einen noch stärkeren Anstieg bei Importen aus Bangladesch von +27,0 % (Abnormalität 60,5). Beide Ereignisse sind vor dem Hintergrund globaler Lieferengpässe, stark gestiegener Frachtraten und Rohstoffpreise nach der COVID-19-Pandemie zu sehen. Die Preise normalisierten sich zwar 2023/24 teilweise, erreichten aber nicht wieder das Vorkrisenniveau. Pakistan durchlief einen ähnlichen, wenn auch statistisch weniger extremen Preisanstieg von +17,4 %. Im Exportbereich traten zeitgleich Preissprünge bei Lieferungen nach Japan (+127,3 %) und Mexiko (+101,9 %) auf, die auf einen plötzlichen Anstieg hochpreisiger Produkte schließen lassen – allerdings bei stark rückläufigen Mengen (vgl. Schockereignisse).
Der pandemiebedingte Einbruch 2020 wird rasch durch eine kräftige Erholung abgelöst
Das Jahr 2020 brachte mit dem Ausbruch der Pandemie einen vorübergehenden Rückgang des Importwerts auf 33,5 Mrd. EUR (das Minimum des Jahrzehnts). Die Mengen sanken sowohl bei Importen als auch bei Exporten. Bereits 2021 zogen die Handelsströme wieder kräftig an, wobei der Importwert 2022 mit 52,5 Mrd. EUR einen historischen Höchststand erreichte. Diese V‑förmige Entwicklung unterstreicht die Widerstandsfähigkeit der textilen Lieferketten, auch wenn die anschließende Normalisierung von Preisüberhitzungen begleitet war. Die Volatilitätsprofile der wichtigsten Partner sind unter Volatilitätsanalyse zusammengefasst.
Fazit
Der EU-Handel mit gestrickter Bekleidung hat sich zwischen 2015 und 2025 dreifach gewandelt. Erstens hat sich der Import weiter stark nach Asien verlagert, wobei die Dominanz Chinas durch das rapide Wachstum von Ländern wie Bangladesch, Kambodscha und Pakistan ergänzt und teilweise relativiert wurde – das Handelsdefizit ist dadurch deutlich gestiegen. Zweitens verfolgten die EU-Exporte eine erfolgreiche Hochpreisstrategie: Bei stabilen oder leicht rückläufigen Mengen erzielten die Hersteller durch höhere Qualität und Markenpositionierung eine Wertsteigerung von fast 50 %, und neue Abnehmer in Übersee sowie der Schweiz kompensierten den Brexit-bedingten Verlust des britischen Marktes. Drittens wurde das Jahrzehnt von externen Schocks geprägt: der Brexit zerriss gewachsene Lieferbeziehungen zum Vereinigten Königreich, die COVID‑19‑Pandemie verursachte einen tiefen, aber kurzen Einbruch, und die Inflations- und Logistikschocks 2022 trieben die Einfuhrpreise sprunghaft in die Höhe. Die zunehmende Diversifizierung der Exportzielmärkte, der Aufstieg Polens als Akteur und die Konzentration auf hochwertige Segmente deuten darauf hin, dass die EU‑Bekleidungsindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit trotz wachsender Importkonkurrenz gezielt stärkt.