Marktentwicklung: Gestrickte Kleidung (CN 61) — 2015–2025
Einleitung
Der Markt für gestrickte Kleidung und Bekleidungszubehör (KN 61) umfasst ein breites Produktspektrum — von Pullovern und T-Shirts über Damen- und Herrenoberbekleidung bis hin zu Strumpfwaren und Spezialbekleidung. Im Beobachtungszeitraum 2015–2025 hat sich die EU in diesem Segment zu einem zunehmend importabhängigen Markt entwickelt, während die heimische Produktion stark zurückging. Der Handelswert stieg zwar insgesamt an, doch die zugrunde liegenden Dynamiken — geographische Verschiebungen der Lieferketten, Preisschocks und ein sich vertiefendes Handelsdefizit — werfen Fragen zur Widerstandsfähigkeit der europäischen Wertschöpfungskette auf.
Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Entwicklungen anhand von Handelsdaten der EU mit Drittländern (extra-EU). Die Datenquelle ist das EU Trade Dashboard — Gesamtübersicht CN 61.
1. Wachsende Importabhängigkeit bei schwindender Inlandsproduktion
Das Handelsdefizit vertieft sich kontinuierlich
Die EU weist im Segment gestrickte Kleidung ein erhebliches und wachsendes Handelsdefizit auf. Lag es 2015 bei rund −24,6 Mrd. EUR, so verschlechterte es sich bis 2025 auf −33,5 Mrd. EUR (−36,2 %). Der Höchstwert wurde 2022 mit −36,3 Mrd. EUR erreicht. Dieses strukturelle Defizit spiegelt wider, dass die EU als Konsumentenmarkt stark von Importen abhängig ist.
| Kennzahl | 2015 | 2022 | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| Importe (Wert, Mrd. EUR) | 35,0 | 52,5 | 48,3 | +38,0 % |
| Exporte (Wert, Mrd. EUR) | 10,4 | 16,2 | 14,8 | +42,4 % |
| Handelsbilanz (Mrd. EUR) | −24,6 | −36,3 | −33,5 | −36,2 % |
Quelle: Übersicht Handelsströme
Volumenwachstum bei Importen, Preiserosion bei Einfuhren
Die importierte Menge stieg von 2,09 Mio. t (2015) auf 3,06 Mio. t (2025), ein Plus von 46,7 % — und damit deutlich stärker als der Wertzuwachs (+38,0 %). Gleichzeitig sank der durchschnittliche Importpreis von 16.747 EUR/t auf 15.755 EUR/t (−5,9 %). Dies deutet auf zunehmenden Preiswettbewerb bei den Lieferanten hin.
Im Gegensatz dazu stiegen die EU-Exportpreise kräftig: von 40.102 EUR/t auf 58.799 EUR/t (+46,6 %), bei gleichzeitig leicht rückläufigem Exportvolumen (−2,9 %). Die EU exportiert also tendenziell hochwertigere und teurere Produkte, importiert jedoch mengenmäßig wachsende Volumina zu sinkenden Stückpreisen.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importmenge (t) | 2.089.000 | 3.064.580 | +46,7 % |
| Importpreis (EUR/t) | 16.747 | 15.755 | −5,9 % |
| Exportmenge (t) | 258.639 | 251.202 | −2,9 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 40.102 | 58.799 | +46,6 % |
Quelle: Übersicht Handelsströme
Heimische Produktion bricht dramatisch ein
Besonders alarmierend ist der Rückgang der EU-Produktion. Die Produktionsmenge sank von 7,71 Mrd. Stück (2015) auf 2,34 Mrd. Stück (2025) — ein Rückgang von 69,6 %. Auch der Produktionswert fiel von 20,1 Mrd. EUR auf 12,7 Mrd. EUR (−36,9 %). Diese Entwicklung unterstreicht die massive Verlagerung der textilen Wertschöpfung in Niedriglohnländer.
Quelle: Produktionsvolumina
Netto-Importabhängigkeit vervierfacht sich
Die Netto-Importabhängigkeit (Net Import Reliance) stieg von 19,8 % im Jahr 2015 auf 70,3 % im Jahr 2025 — eine Steigerung um 254,7 %. Die Handelsintensität (Trade Intensity) verdoppelte sich nahezu von 42,8 % auf 105,7 %, und die Exportneigung (Export Propensity) stieg sogar von 18,2 % auf 126,6 %. Diese Kennzahlen zeigen, dass der Markt zwar offener und exportaktiver wurde, die fundamentale Abhängigkeit von Drittlandimporten aber drastisch zugenommen hat.
Quelle: Netto-Importabhängigkeit
2. Geographische Neuausrichtung der Handelsströme
Süd- und Südostasien gewinnen massiv an Bedeutung bei EU-Importen
Die wichtigsten Lieferanten für gestrickte Kleidung in die EU haben sich im Zeitverlauf deutlich verschoben. Bangladesh und China dominieren die Einfuhren, doch das Wachstumsmuster unterscheidet sich:
| Lieferant | Importwert 2015 (Mrd. EUR) | Importwert 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 11,7 | 15,1 | +29,2 % |
| Bangladesh | 6,9 | 11,7 | +69,5 % |
| Türkiye | 4,6 | 4,9 | +6,2 % |
| Indien | 2,0 | 2,3 | +19,5 % |
| Kambodscha | 1,6 | 2,7 | +65,7 % |
| Pakistan | 0,7 | 1,9 | +187,2 % |
| Vereinigtes Königreich | 1,9 | 0,7 | −64,6 % |
Quelle: Top-Handelspartner
Pakistan zeigt mit einem Anstieg von 187,2 % das mit Abstand stärkste relative Wachstum, wenn auch auf niedrigerem Ausgangsniveau. Bangladesh (+69,5 %) und Kambodscha (+65,7 %) haben ihre Liefermengen ebenfalls stark ausgeweitet. Dies spiegelt die strategische Diversifizierung der globalen Modekonzerne wider, die nach den Lieferkettenkrisen und geopolitischen Spannungen ihre Abhängigkeit von China reduzieren.
Vereinigtes Königreich: Brexit-Effekte auf beiden Seiten
Das Vereinigte Königreich zeigt als Handelspartner die auffälligste Veränderung. Als Importquelle sank der Wert von 1,86 Mrd. EUR auf 0,66 Mrd. EUR (−64,6 %). Gleichzeitig gingen die EU-Exporte in das Vereinigte Königreich von 3,07 Mrd. EUR auf 2,12 Mrd. EUR zurück (−30,9 %). Der Rückgang der Importe ab 2019/2020 — zuvor war das VK mit einem Wert von bis zu 2,26 Mrd. EUR (2020) noch ein relevanter Lieferant — korreliert zeitlich mit dem Brexit und den damit verbündeten neuen Handelsbarrieren. Als Exportmarkt bleibt das VK mit 2,12 Mrd. EUR zwar weiterhin der größte Einzelmarkt, hat aber deutlich an Gewicht verloren.
EU-Exportziele: Schweiz, USA und Türkei als Wachstumsmärkte
Auf der Exportseite haben sich die EU-Hauptmärkte verschoben:
| Exportziel | Exportwert 2015 (Mrd. EUR) | Exportwert 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 3,1 | 2,1 | −30,9 % |
| Schweiz | 1,3 | 2,5 | +90,3 % |
| USA | 0,8 | 1,5 | +96,1 % |
| Russland | 0,8 | 0,6 | −24,9 % |
| Türkei | 0,3 | 0,8 | +191,3 % |
| Norwegen | 0,3 | 0,6 | +84,9 % |
| Serbien | 0,1 | 0,2 | +116,0 % |
Quelle: Top-Exportziele
Die Schweiz hat das VK als wichtigstes Exportziel fast eingeholt. Die Exporte in die Türkei (+191,3 %), die USA (+96,1 %) und Norwegen (+84,9 %) wuchsen besonders dynamisch. Russland verlor hingegen an Bedeutung (−24,9 %), was mit den Sanktionen nach 2022 zusammenhängt.
Innerhalb der EU: Polen und Spanien als dynamische Akteure
Auch innerhalb der EU zeigen sich beachtliche Verschiebungen:
| EU-Mitgliedstaat | Importe 2015 (Mrd. EUR) | Importe 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 9,5 | 11,0 | +15,0 % |
| Spanien | 3,9 | 7,9 | +99,9 % |
| Niederlande | 4,7 | 6,8 | +47,0 % |
| Frankreich | 5,0 | 5,6 | +12,7 % |
| Italien | 3,8 | 4,7 | +24,1 % |
| Polen | 0,7 | 2,9 | +315,5 % |
Quelle: EU-Reporter — Importe
Spanien verdoppelte seine Importe nahezu auf 7,9 Mrd. EUR, und Polen wuchs sogar um 315,5 % — ein Zeichen für die zunehmende Rolle Polens als Umschlagplatz und Konsummarkt in Mittelosteuropa. Bei den Exporten zeigt sich ein ähnliches Bild: Polen steigerte seine EU-Außenausfuhren von 158 Mio. EUR auf 865 Mio. EUR (+445,8 %), und Italien blieb mit 4,53 Mrd. EUR der mit Abstand größte EU-Exporter, gefolgt von Deutschland (2,62 Mrd. EUR) und Frankreich (2,11 Mrd. EUR).
Exportkonzentration sinkt — Importkonzentration bleibt stabil
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) bei den Exporten fiel von 1.244 auf 795 (−36,1 %), was auf eine zunehmende Diversifizierung der Exportziele hindeutet. Bei den Importen blieb der HHI dagegen weitgehend stabil bei rund 1.802 — die Lieferantenstruktur hat sich also nicht wesentlich verändert, obwohl sich die einzelnen Partnerländer unterschiedlich entwickelten.
Quelle: Konzentration HHI
3. Preisschocks, Segmentstruktur und regionale Spezialisierung
Preisschocks 2022 — Indien und Bangladesh im Fokus
Das Jahr 2022 markierte einen Wendepunkt mit signifikanten Preisschocks im Importbereich. Zwei Ereignisse stachen besonders hervor:
| Schockereignis | Typ | Jahr | Abnormalität | Preisänderung | Anteil am Importwert |
|---|---|---|---|---|---|
| Indien (Importe) | Preis | 2022 | 95,0 | +18,9 % | 6,5 % |
| Bangladesh (Importe) | Preis | 2022 | 60,5 | +27,0 % | 29,6 % |
Quelle: Supply-Shocks
Diese Preissprünge fallen in die Phase nach der COVID-19-Pandemie und dem Beginn des Ukraine-Konflikts, als globale Lieferketten unter erheblichem Druck standen und Rohstoff- sowie Energiekosten stark anstiegen. Der Bangladesch-Schock ist besonders relevant, da dieser Partner fast 30 % der EU-Importe ausmacht.
Volatilitätsprofile der Handelspartner
Der Variationskoeffizient (CV) zeigt unterschiedliche Volatilitätsprofile:
Importseite — höchste Volatilität:
- Myanmar: CV 0,49
- Pakistan: CV 0,35
- Kambodscha: CV 0,22
Exportseite — höchste Volatilität:
- Ukraine: CV 0,45
- Türkei: CV 0,39
- UK: CV 0,37
Quelle: Volatilitätsanalyse
Die hohe Volatilität bei Exporten in die Ukraine (CV 0,45) und die Türkei (CV 0,39) reflektiert geopolitische und wirtschaftliche Unsicherheiten in diesen Regionen.
Segmentaufteilung: Pullover und T-Shirts dominieren
Die Importe gliedern sich nach Produktsegmenten wie folgt (Werte 2025):
| Segment | CN | Importwert 2025 (Mrd. EUR) | Importmenge 2025 (t) |
|---|---|---|---|
| Pullover, Strickjacken, Westen | 6110 | 12,3 | 728.756 |
| T-Shirts und Unterhemden | 6109 | 9,4 | 618.392 |
| Damenoberbekleidung | 6104 | 6,7 | 414.981 |
| Strumpfwaren | 6115 | 2,6 | 264.006 |
| Damenunterwäsche/-nachtwäsche | 6108 | 2,3 | 142.583 |
| Herrenoberbekleidung | 6103 | 1,9 | 172.171 |
| Herrenunterwäsche/-nachtwäsche | 6107 | 1,7 | 127.576 |
Quelle: Produktsegmente
Pullover und Strickjacken (CN 6110) sind mit Abstand das größte Importsegment — sowohl nach Wert als auch nach Menge. Die Importmenge stieg von 472.111 t (2015) auf 728.756 t (2025), ein Plus von 54,4 %. Der Importpreis sank dabei von 19.492 EUR/t auf 16.893 EUR/t (−13,3 %), was auf zunehmenden Preiswettbewerb hindeutet.
T-Shirts (CN 6109) verzeichneten ein ähnliches Mengenwachstum (+22,0 %), bei gleichzeitig leicht sinkendem Preisniveau.
Bei den Exporten überwiegen ebenfalls Pullover (CN 6110) mit 4,52 Mrd. EUR und T-Shirts (CN 6109) mit 3,15 Mrd. EUR. Allerdings fielen die Exportvolumina bei Pullovern von 51.254 t (2015) auf 55.478 t (2025) nur moderat, während der Exportpreis von 51.604 EUR/t auf 81.505 EUR/t stieg (+57,9 %) — ein weiterer Beleg für die Positionierung der EU-Exporte im Hochpreissegment.
Regionale Spezialisierung innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse (RSCA) für 2025 zeigt, dass innerhalb der EU vor allem einige mittel- und südeuropäische Länder eine komparative Spezialisierung im Bereich gestrickte Kleidung aufweisen:
| Land | RSCA | RCA |
|---|---|---|
| Kroatien | 0,44 | 2,56 |
| Portugal | 0,39 | 2,26 |
| Dänemark | 0,38 | 2,23 |
| Spanien | 0,25 | 1,65 |
| Polen | 0,23 | 1,61 |
Am wenigsten spezialisiert sind Irland (RSCA −0,89), Malta (−0,82) und Finnland (−0,77).
Quelle: Spezialisierung
Schlussfolgerung
Der Markt für gestrickte Kleidung in der EU hat sich zwischen 2015 und 2025 tiefgreifend verändert. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:
-
Strukturelle Importabhängigkeit: Die Netto-Importabhängigkeit stieg von unter 20 % auf über 70 %, getrieben durch einen dramatischen Rückgang der heimischen Produktion (−69,6 % mengenmäßig) und ein stark wachsendes Importvolumen (+46,7 %). Die EU hat sich endgültig von einer teilweise autarken zu einer stark importabhängigen Volkswirtschaft in diesem Segment gewandelt.
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Geographische Verschiebung: Süd- und Südostasiatische Lieferanten — insbesondere Bangladesh, Kambodscha und Pakistan — haben ihre Marktanteile erheblich ausgebaut, während der Handel mit dem Vereinigten Königreich auf beiden Seiten des Kanals deutlich zurückging. Gleichzeitig diversifizierten sich die EU-Exportziele in Richtung Schweiz, USA und Türkei.
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Preisdruck und Schocks: Die EU importiert mengenmäßig wachsende Volumina zu sinkenden Preisen, exportiert aber zu steigenden Preisen — ein Muster, das auf eine Spezialisierung im Premiumsegment hindeutet. Die Preisschocks von 2022 bei den Importen aus Bangladesh und Indien verdeutlichen jedoch die Vulnerabilität der Lieferketten.
Die Daten legen nahe, dass die EU trotz steigender Exportwerte strategisch zunehmend auf ausländische Produktionskapazitäten angewiesen ist. Die Frage, wie diese Abhängigkeit mit den Zielen der strategischen Autonomie und Nachhaltigkeit der EU in Einklang zu bringen ist, bleibt eine der zentralen Herausforderungen für die europäische Textil- und Bekleidungspolitik.