Marktentwicklung: Strickblusen (CN 6106) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU im Bereich der Strickblusen und Hemdblusen für Frauen und Mädchen (KN-Code 6106, ausgenommen T-Shirts und Unterhemden) im Zeitraum 2015 bis 2025. CN 6106 umfasst drei Unterpositionen: Baumwollblusen (610610), Chemiefaserblusen (610620) und Blusen aus sonstigen Spinnstoffen (610690). Der Markt zeigt über den Betrachtungszeitraum ein Muster aus sinkenden physischen Volumen, steigenden Einheitspreisen und einer sich dramatisch vertiefenden Importabhängigkeit bei gleichzeitigem Zusammenbruch der inländischen Produktion. Diese Entwicklungen werden im Folgenden in drei Abschnitten analysiert.
Für eine allgemeine Übersicht der Handelsströme siehe Produktübersicht auf dem Trade Dashboard.
1. Schrumpfende Volumen bei stabilen Werten: Die vertiefende Importabhängigkeit der EU
Die gesamten Importe verloren deutlich an Volumen, blieben aber wertmäßig relativ stabil
Die EU-Importe von Strickblusen aus Drittländern sanken zwischen 2015 und 2025 sowohl im Gewicht (von 44.343 t auf 36.355 t, −18,0 %) als auch in der Stückzahl (von 217,3 Mio. auf 174,0 Mio. Stück, −19,9 %). Der Importwert verringerte sich von 870 Mio. € auf 745 Mio. € (−14,3 %). Bemerkenswert ist, dass der Wertverlust geringer ausfiel als der Mengenrückgang — ein Indiz für steigende Preise pro Einheit.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mrd. €) | 0,870 | 0,745 | −14,3 % |
| Importmenge (t) | 44.343 | 36.355 | −18,0 % |
| Importe (Mio. Stück) | 217,3 | 174,0 | −19,9 % |
| Preis pro t (€) | 19.609 | 20.493 | +4,5 % |
| Preis pro Stück (€) | 4,00 | 4,28 | +6,8 % |
Importentwicklung nach Werten und Mengen
Exporte der EU blieben nominal stabil, verloren aber massiv an physischem Volumen
Die EU-Exporte in Drittländer hielten ihren Wert weitgehend (von 278 Mio. € auf 275 Mio. €, lediglich −0,8 %), doch die exportierte Menge brach dramatisch ein: von 7.108 t auf 3.897 t (−45,2 %) bzw. von 35,6 Mio. auf 18,7 Mio. Stück (−47,5 %). Dies bedeutet, dass der durchschnittliche Exportpreis pro Tonne von 39.050 € auf 70.644 € stieg (+80,9 %), und pro Stück von 7,80 € auf 14,75 € (+89,0 %). Die EU exportierte demnach weniger, aber zu deutlich höheren Preisen — ein Hinweis auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Produkten oder Nischen.
Der Handelsbilanzdefizit verbesserte sich, aber nur wegen des Volumenrückgangs auf beiden Seiten
Das EU-Handelsbilanzdefizit bei Strickblusen verringerte sich nominal von −592 Mio. € auf −470 Mio. € (Verbesserung um 20,6 %). Diese Verbesserung ist jedoch nicht Ausdruck einer wettbewerbsfähigeren EU-Produktion, sondern Folge des stärkeren Mengenrückgangs bei den Importen. Die Netto-Importabhängigkeit stieg sogar von 19,6 % auf 53,8 % — eine Verdopplung um 174,3 %. Auch die Handelsintensität nahm von 62,0 % auf 87,4 % zu, und die Exportquote gegenüber Drittländern stieg von 38,2 % auf 64,5 %.
2. Partnerwechsel und geopolitische Verschiebungen: Bangladesch gewinnt, Türkei und Großbritannien verlieren
Bangladesch festigte seine Position als wichtigster Importlieferant
Im Zeitraum 2015–2025 verschoben sich die Importströme der EU erheblich. Bangladesch wurde zum wichtigsten Lieferanten mit einem Anstieg von 144 Mio. € auf 180 Mio. € (+24,6 %). China blieb ebenfalls stark (175 Mio. € auf 189 Mio. €, +7,6 %) und übernahm zeitweise die führende Position. Demgegenüber verlor die Türkei als zweitwichtigster Lieferant von 219 Mio. € auf 131 Mio. € (−40,2 %).
| Lieferant | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Bangladesch | 144,1 | 179,7 | +24,6 % |
| China | 175,4 | 188,6 | +7,6 % |
| Türkiye | 218,6 | 130,7 | −40,2 % |
| Indien | 70,4 | 46,2 | −34,3 % |
| Kambodscha | 47,3 | 33,4 | −29,5 % |
| Vereinigtes Königreich | 59,3 | 11,5 | −80,6 % |
| Nordmazedonien | 26,5 | 8,4 | −68,3 % |
Der Brexit verursachte den dramatischsten Einbruch bei den Handelsströmen mit dem Vereinigten Königreich
Das Vereinigte Königreich zeigt als Handelspartner die stärksten Veränderungen. Im Importbereich sanken die Werte von 59 Mio. € auf 12 Mio. € (−80,6 %). Noch deutlicher: Im Exportbereich fielen die EU-Ausfuhren nach Großbritannien von 87 Mio. € auf 39 Mio. € (−54,9 %). Die Volatilität der Importe aus dem Vereinigten Königreich war mit einem Variationskoeffizienten von 1,30 die höchste aller Partner — ein klares Signal für einen strukturellen Bruch. Großbritannien fiel vom wichtigsten Exportmarkt der EU auf den zweiten Platz hinter die Schweiz zurück. Die Konkurrenzanalyse nach Partnern bestätigt diese Umwälzung.
Die Exportziele der EU verschoben sich: die USA und die Ukraine gewannen stark an Bedeutung
Auf der Exportseite gewannen die Vereinigten Staaten (+113,1 %, von 13,5 Mio. € auf 28,7 Mio. €) und die Ukraine (+223,6 %, von 2,8 Mio. € auf 9,0 Mio. €) erheblich an Bedeutung. Die Schweiz blieb als stabiler Markt (36,7 Mio. € auf 39,3 Mio. €, +7,3 %), während die Exporte nach Russland um 65,6 % sanken (von 23,0 Mio. € auf 7,9 Mio. €), was auf Sanktionen und geopolitische Spannungen zurückzuführen ist.
Die EU-weite Konzentration der Importe nahm zu, die der Exporte nahm ab
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) bei den Importen stieg von 1.487 auf 1.644 (+10,6 %), was eine leicht höhere Konzentration auf weniger Lieferanten bedeutet. Der Export-HHI hingegen sank von 1.345 auf 744 (−44,7 %), was auf eine deutliche Diversifizierung der Exportziele hindeutet. Innerhalb der EU zeigt die Spezialisierungsanalyse, dass Griechenland (RSCA: 0,79), Bulgarien (0,62) und Dänemark (0,54) die stärkste komparative Spezialisierung bei Strickblusen aufweisen, während Malta, Luxemburg und Irland am wenigsten spezialisiert sind.
Innerhalb der EU verschob sich die Importnachfrage: Polen stieg zur fünftgrößten Importnation auf
Unter den EU-Mitgliedstaaten zeigt sich ein bemerkenswerter Wandel. Deutschland blieb zwar der größte Importeur (von 248 Mio. € auf 168 Mio. €, −32,1 %), doch Polen verfünffachte seine Importe nahezu (von 36 Mio. € auf 100 Mio. €, +175,4 %). Italien wiederum wurde zum wichtigsten EU-Exporteur (von 36 Mio. € auf 82 Mio. €, +127,6 %), während Spanien als Exporteur massiv an Boden verlor (von 73 Mio. € auf 15 Mio. €, −79,6 %).
EU-Mitgliedstaaten als Importeure und Exporteure
3. Strukturelle Transformation: Kollabierende EU-Produktion, steigende Preise und Preisschocks
Die inländische EU-Produktion von Strickblusen brach dramatisch ein
Die Produktionsvolumen in der EU fielen von 132,5 Mio. Stück auf 32,9 Mio. Stück (−75,2 %), und der Produktionswert sank von 648 Mio. € auf 371 Mio. € (−42,8 %). Dies ist der wohl gravierendste Befund des gesamten Berichts: In nur einem Jahrzehnt gingen mehr als drei Viertel der EU-Produktion verloren. Gleichzeitig sank der Anteil der Produktion am Gesamthandel drastisch, wie die steigende Netto-Importabhängigkeit (von 19,6 % auf 53,8 %) eindrücklich belegt.
Die Einheitspreise stiegen sowohl bei Importen als auch Exporten — bei Exporten besonders stark
Die Preisentwicklung verlief asymmetrisch. Die durchschnittlichen Importpreise pro Tonne stiegen moderat von 19.609 € auf 20.493 € (+4,5 %), was weitgehend der allgemeinen Inflation entspricht. Deutlich stärker stiegen hingegen die Exportpreise pro Tonne: von 39.050 € auf 70.644 € (+80,9 %). Diese Divergenz deutet darauf hin, dass die EU sich auf hochwertige, preisintensivere Nischenprodukte konzentriert. Bezogen auf die einzelnen Materialgruppen lagen die Exportpreise für Chemiefaserblusen (610620) bei 52.743 €/t und für Baumwollblusen (610610) bei 74.567 €/t — letztere stiegen besonders stark an.
| Segment | Importpreis 2015 (€/t) | Importpreis 2025 (€/t) | Exportpreis 2015 (€/t) | Exportpreis 2025 (€/t) |
|---|---|---|---|---|
| 610610 (Baumwolle) | 16.940 | 18.225 | 42.268 | 74.567 |
| 610620 (Chemiefasern) | 22.141 | 21.842 | 35.316 | 52.743 |
| 610690 (Sonstige) | 33.438 | 38.891 | 53.532 | 134.254 |
Segmentvergleich nach Unterpositionen
Preisschocks 2022 bei Bangladesch und Indien markierten einen Wendepunkt
Die Analyse von Preisschocks identifizierte signifikante Ereignisse. Der gravierendste Schock trat 2022 bei Importen aus Bangladesch auf (Anomalie-Score: 11,0, Preissprung: +30,4 %). Bangladesch hatte zu diesem Zeitpunkt einen Importwertanteil von 26,5 % — ein Schock dieser Größenordnung bei so einem gewichtigen Lieferanten hat erhebliche Auswirkungen auf die gesamte EU-Wertschöpfungskette. Zeitgleich zeigte auch Indien einen Preisschock (Anomalie-Score: 4,7, Preissprung: +17,7 %). Diese Schocks fallen in die Phase der Nach-COVID-Lieferkettenstörungen und steigender Energie- und Rohstoffkosten.
Bangladesh und China als stabile, die Türkei als instabile Bezugsquelle
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass Bangladesch (CV: 0,11) und China (CV: 0,18) die volatilitätsärmsten Importpartner sind — ein Vorteil für Planungssicherheit. Demgegenüber weisen Indien (CV: 0,30), Kambodscha (CV: 0,46) und Nordmazedonien (CV: 0,46) höhere Schwankungen auf. Auf der Exportseite ist die Schweiz der stabilste Markt (CV: 0,14), während Exporte nach Serbien (CV: 0,63), Mexiko (CV: 0,62) und der Ukraine (CV: 0,58) deutlich volatiler sind.
Fazit
Die Entwicklung des EU-Marktes für Strickblusen (CN 6106) im Zeitraum 2015–2025 ist durch drei übergeordnete Dynamiken geprägt: Erstens einen drastischen Rückgang der inländischen Produktion um mehr als drei Viertel, der die EU zunehmend importabhängig macht. Zweitens eine Verlagerung der Lieferantenstruktur — weg von der Türkei und dem post-Brexit-Vereinigten Königreich, hin zu Bangladesch und China, bei gleichzeitig wachsender Konzentration. Drittens eine Preis- und Nischenverschiebung auf der Exportseite, bei der die EU weniger, aber zu deutlich höheren Preisen exportiert, was auf eine Spezialisierung auf hochwertige Produkte hindeutet.
Die Netto-Importabhängigkeit hat sich von unter 20 % auf über 53 % mehr als verdoppelt — ein Indiz für eine strukturelle Abhängigkeit der EU von Drittländern in diesem Segment. Gleichzeitig zeigt der Kollaps der EU-Produktion (−75 % in Stückzahlen), dass die Verlagerung der Wertschöpfungskette in Niedriglohnländer nicht nur anhält, sondern sich beschleunigt hat. Die Preisschocks von 2022 bei zentralen Lieferanten wie Bangladesch illustrieren die damit verbundenen Vulnerabilitäten. Für die EU-Politik stellt sich die Frage, ob und wie diese Entwicklung im Kontext der Textilstrategie und der Überlegungen zur Lieferkettensouveränität eingeordnet werden sollte.