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Marktentwicklung: Gestrickte Herrenbekleidung (CN 6103) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifposition CN 6103 umfasst gestrickte und gewirkte Herren- und Knabenbekleidung — insbesondere Anzüge, Jacken, lange Hosen, Latzhosen und kurze Hosen (ausschließlich Trainingsanzüge, Skianzüge, Badebekleidung, Windjacken und Westen). Der Warenkorb ist breit gefächert und reicht von klassischen Wollanzügen über Baumwolljacken bis hin zu Hosen aus synthetischen Chemiefasern. Im Beobachtungszeitraum 2015–2025 durchlief der EU-Außenhandel mit dieser Warengruppe eine fundamentale Transformation: Die Einfuhren haben sich mehr als verdoppelt, die heimische Produktion ist drastisch geschrumpft, und das Handelsmuster hat sich — geprägt durch die Brexit-Verwerfungen, geopolitische Ereignisse und eine zunehmende Verlagerung der Beschaffung nach Süd- und Südostasien — nachhaltig verschoben. Der vorliegende Bericht analysiert diese Entwicklungen anhand der verfügbaren Handelsdaten.

Übersicht: CN 6103 im Trade Dashboard


1. Starker Importanstieg bei gleichzeitigem Preisverfall — Die EU als Wachstumsmarkt für asiatische Hersteller

1.1 Die Einfuhren haben sich in Volumen und Wert mehr als verdoppelt

Die Einfuhren gestrickter Herrenbekleidung in die EU verzeichneten im gesamten Beobachtungszeitraum ein außerordentliches Wachstum. Der importierte Wert stieg von 907 Mio. EUR (2015) auf 1.927 Mio. EUR (2025), was einem Anstieg von 112,4 % entspricht. Noch deutlicher fiel die Zunahme beim Mengenwachstum aus: Die importierte Masse stieg von 60.588 t auf 172.171 t — ein Plus von 184,2 %. Die Anzahl importierter Stücke wuchs von 180 Mio. auf rund 410 Mio. (+127,5 %). Damit stiegen die Einfuhren sowohl im Wert als auch im Volumen kontinuierlich an, mit einem besonders starken Sprung zwischen 2020 und 2022, als die Nachholeffekte nach der COVID-19-Pandemie die Nachfrage befeuerten.

Kennzahl 2015 2019 2022 2025 Veränderung 2015–2025
Einfuhrwert (Mio. EUR) 907 1.168 2.372 1.927 +112,4 %
Einfuhrmenge (t) 60.588 94.640 138.702 172.171 +184,2 %
Einfuhrpreis (EUR/t) 14.971 12.345 17.098 11.189 −25,3 %
Stückzahl (Mio. p/st) 180 287 418 410 +127,5 %

Handelsübersicht im Dashboard

1.2 Die durchschnittlichen Importpreise sind langfristig deutlich gefallen

Trotz des massiven Anstiegs der Importwerte sank der durchschnittliche Einfuhrpreis pro Tonne von 14.971 EUR (2015) auf 11.189 EUR (2025) — ein Rückgang von 25,3 %. Im selben Zeitraum stiegen die Ausfuhrpreise der EU von 39.335 EUR/t auf 52.628 EUR/t (+33,8 %). Diese gegenläufige Preisentwicklung spiegelt eine fundamentale Differenzierung wider: Die EU importiert zunehmend mengenstarke, preisgünstige Massenware — vor allem Hosen aus Baumwolle und Synthetikfasern — und exportiert dagegen hochwertige, höherpreisige Produkte. Der Preisabstand zwischen Aus- und Einfuhren hat sich damit von einem Faktor 2,6 (2015) auf einen Faktor 4,7 (2025) fast verdoppelt, was auf eine zunehmende Spezialisierung der EU-Ausfuhr im Premiumsegment hindeutet.

1.3 Der Handelsbilanzdefizit hat sich auf über 1,3 Mrd. EUR ausgeweitet

Die EU-Handelsbilanz bei CN 6103 verschlechterte sich im Beobachtungszeitraum kontinuierlich. Das Defizit vertiefte sich von −531 Mio. EUR (2015) auf −1.362 Mio. EUR (2025), wobei der Tiefpunkt mit −1.700 Mio. EUR im Krisenjahr 2022 erreicht wurde. Der Nettoimportanteil stieg von 21,9 % auf 73,8 % — die EU ist in diesem Segment heute in hohem Maße vom Import abhängig. Die Handelsintensität verdoppelte sich von 53 % auf 107 %, was bedeutet, dass der Außenhandel mittlerweile das Binnenangebot bei Weitem übersteigt.


2. Süd- und Südostasiatische Lieferländer verdrängen traditionelle Partner

2.1 Bangladesch, Pakistan und Kambodscha haben ihre Marktanteile massiv ausgebaut

Die mit Abstand dynamischste Entwicklung vollzog sich auf der Angebotsseite des EU-Importmarktes. Bangladesch entwickelte sich zum wichtigsten Lieferanten: Der Importwert stieg von 140 Mio. EUR (2015) auf 448 Mio. EUR (2025), ein Plus von 220 %. Pakistan (+233 %) und Kambodscha (+236 %) verzeichneten ein ähnlich starkes Wachstum. Indien, als weiterer südasiatischer Anbieter, zeigte mit +244 % das stärkste prozentuale Wachstum unter den Top-7-Importpartnern.

Importpartner 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Bangladesch 140 448 +220 %
China 300 412 +37 %
Pakistan 77 256 +233 %
Kambodscha 51 170 +236 %
Türkei 107 182 +70 %
Vereinigtes Königreich 56 28 −51 %
Indien 29 99 +244 %

Partnerübersicht im Dashboard

2.2 China verliert als dominanter Lieferant an relativer Bedeutung

China blieb zwar absolut gesehen der zweitgrößte Importeur (300 Mio. EUR in 2015, 412 Mio. EUR in 2025, +37 %), doch sein relatives Wachstum blieb weit hinter dem der südasiatischen Konkurrenten zurück. China hatte 2015 noch einen Anteil von rund einem Drittel am EU-Importwert; 2025 lag der Anteil deutlich darunter. Diese Verschiebung entspricht dem bekannten Muster der Diversifizierung globaler Bekleidungslieferketten, bei dem niedrigere Arbeitskosten und Handelspräferenzabkommen (z. B. das EBA-Abkommen der EU mit Bangladesch und Kambodscha) die Beschaffung in andere Länder verlagern. Die Importkonzentration (HHI) sank entsprechend von 1.645 auf 1.410, was eine messbar geringere Konzentration und breitere Diversifizierung der Importquellen bestätigt.

2.3 Der Brexit hat den Handel mit dem Vereinigten Königreich nachhaltig gestört

Das Vereinigte Königreich als historisch bedeutendster Handelspartner der EU bei CN 6103 verlor im Beobachtungszeitraum erheblich an Gewicht. Die EU-Importe aus dem UK sanken von 56 Mio. EUR auf 28 Mio. EUR (−51 %), und die EU-Ausfuhren in das UK fielen von 137 Mio. EUR auf 84 Mio. EUR (−38 %). Das UK war 2015 noch mit Abstand das wichtigste Exportziel der EU; 2025 wurde es von der Schweiz und den USA überholt. Gleichzeitig weist das UK als Importquelle mit einem Variationskoeffizienten von 1,72 die mit Abstand höchste Schwankungsintensität aller Top-Lieferanten auf, was auf die durch den Brexit verursachten Handelsreibungen und Anpassungsprozesse zurückzuführen ist.

Volatilitätsanalyse im Dashboard

2.4 Geopolitische Schocks und Lieferkettenunterbrechungen hinterlassen Spuren

Die Daten zeigen mehrere markante Preis-Schocks. Der auffälligste war ein abnormaler Preisanstieg bei Importen aus Bangladesch im Jahr 2022 (Abnormalitäts-Score: 42,2, Preissprung: +28,6 %), als die weltweite Energie- und Rohstoffkrise nach dem Beginn des Ukraine-Krieges die Produktionskosten in Bangladesch stark verteuerte. Bei den Exporten fielen Preissprünge nach Panama (2018, +189 %) und Algerien (2022, +117 %) auf, die jedoch aufgrund ihres geringen Handelsanteils volkswirtschaftlich weniger bedeutsam waren.

Supply-Shock-Ereignisse im Dashboard


3. Strukturwandel in der EU: Produktionseinbruch, Export-Spezialisierung und regionale Verlagerung

3.1 Die EU-Produktion gestrickter Herrenbekleidung ist dramatisch eingebrochen

Die heimische Produktion von CN-6103-Artikeln in der EU erlitt einen historischen Rückgang. Die Produktionsmenge sank von 55,9 Mio. Stück (2015) auf nur noch 14,0 Mio. Stück (2025) — ein Rückgang von 75 %. Der Produktionswert ging von 500 Mio. EUR auf 425 Mio. EUR zurück (−15 %). Der vergleichsweise moderate Rückgang des Produktionswerts bei dramatisch fallender Stückzahl zeigt, dass die verbleibende EU-Produktion sich zunehmend auf höherwertige Nischen konzentriert: Es werden weniger, aber teurer produziert. Der durchschnittliche Produktionspreis pro Stück stieg damit von ca. 8,95 EUR auf ca. 30,39 EUR.

3.2 Die EU exportiert zunehmend in hochwertige Drittmärkte

Die EU-Ausfuhren stiegen im Wert von 376 Mio. EUR auf 565 Mio. EUR (+50 %), blieben aber mengenmäßig weitgehend stabil (9.568 t auf 10.733 t, +12 %). Der durchschnittliche Ausfuhrpreis nahm von 39.335 EUR/t auf 52.628 EUR/t zu (+34 %), was die Qualitätsaufwertung der EU-Exporte bestätigt. Die Exportpropensity stieg von 27 % auf 135 % — ein außergewöhnlicher Anstieg, der darauf hindeutet, dass die EU-Ausfuhren inzwischen das Volumen der heimischen Produktion übersteigen (was durch Re-Exporte und Handelswarenläufe erklärbar ist).

Die Exportziele haben sich dabei erheblich verschoben. Neben dem Bedeutungsverlust des UK gewannen die Schweiz (+77 %), die USA (+106 %), die Türkei (+286 %) und die Ukraine (+362 %) stark an Gewicht. Besonders auffällig ist der Anstieg der Ausfuhren nach Algerien — von 0,8 Mio. EUR auf 36,0 Mio. EUR (+4.382 %) — der auf eine Nischenmarktdynamik mit stark schwankenden Volumina hindeutet.

Exportziel 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Vereinigtes Königreich 137 84 −38 %
Schweiz 30 53 +77 %
USA 27 55 +106 %
Türkei 12 46 +286 %
Russland 20 24 +18 %
Algerien 0,8 36 +4.382 %
Ukraine 4 17 +362 %

Partnerübersicht (Exporte) im Dashboard

3.3 Innerhalb der EU verschiebt sich die Import- und Exportstruktur zugunsten neuer Akteure

Auf der Importseite innerhalb der EU verzeichneten insbesondere die Niederlande (+241 %), Polen (+650 %), Deutschland (+128 %) und Frankreich (+150 %) überdurchschnittliche Importzuwächse. Die Niederlande entwickelten sich zum größten EU-Importeur (von 96 Mio. EUR auf 327 Mio. EUR), was auf ihre Funktion als Logistikdrehscheibe und die Bedeutung des Rotterdamer Hafens zurückzuführen ist. Polens starkes Wachstum spiegelt die zunehmende Rolle des Landes als EU-weites Verteilzentrum wider.

Auf der Exportseite blieb Italien mit 196 Mio. EUR der mit Abstand größte Ausführer und verzeichnete ein Wachstum von 61 %. Deutliche Zuwächse zeigten auch Frankreich (+265 %) und Deutschland (+134 %). Spanien hingegen verlor als Exporteur massiv (−63 %), was auf die Verlagerung der spanischen Textilproduktion in Billiglohnländer hindeutet. Die Exportkonzentration (HHI) sank dabei besonders stark von 1.577 auf 678 (−57 %), was eine breitere Streitung der EU-Ausfuhren über mehrere Mitgliedstaaten anzeigt.

3.4 Baumwoll- und Synthetikhosen dominieren das Handelsvolumen auf Produktsegmentebene

Die Produktaufschlüsselung zeigt, dass auf der Importseite zwei Segmente das Gesamtvolumen dominieren:

  • CN 610342 (Hosen aus Baumwolle): 30.723 t und 453 Mio. EUR (2015) → 86.395 t und 940 Mio. EUR (2025). Damit entfällt rund die Hälfte des Importwerts auf dieses Segment. Der Preis pro Tonne sank von 14.748 EUR auf 10.880 EUR.
  • CN 610343 (Hosen aus Synthetikfasern): 15.532 t und 221 Mio. EUR (2015) → 59.020 t und 564 Mio. EUR (2025). Die importierte Masse hat sich fast vervierfacht, der Preis pro Tonne fiel von 14.215 EUR auf 9.560 EUR — der stärkste Preiseinbruch aller Segmente.

Auf der Exportseite dominierten ebenfalls Hosen aus Baumwolle (CN 610342) mit 214 Mio. EUR (2025), gefolgt von Hosen aus Synthetik (130 Mio. EUR). Bemerkenswert ist, dass die Exportpreise beider Segmente deutlich über den Importpreisen lagen — ein weiteres Indiz für die Positionierung der EU-Exporte im höherwertigen Marktsegment.


Fazit

Der EU-Markt für gestrickte Herrenbekleidung (CN 6103) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt. Drei zentrale Trends prägen das Bild:

Erstens hat sich die EU in diesem Segment zu einem stark importabhängigen Markt entwickelt. Der Nettoimportanteil stieg von 22 % auf 74 %, während die heimische Produktionsmenge um drei Viertel einbrach. Die Importe wuchsen sowohl mengen- als auch wertmäßig überproportional, getrieben von der steigenden Nachfrage nach preisgünstiger Massenbekleidung.

Zweitens haben sich die Lieferketten nachhaltig verschoben. Bangladesch, Pakistan und Kambodscha haben China als dominante Beschaffungsquelle weitgehend eingeholt, während der Brexit den bilateralen Handel mit dem Vereinigten Königreich um rund die Hälfte einbrechen ließ. Die Importkonzentration ist dabei gesunken, was auf eine breitere Diversifizierung der Beschaffungsbasis hindeutet.

Drittens vollzieht sich innerhalb der EU eine qualitative Aufwertung der Exporte. Die verbleibende Produktion konzentriert sich auf hochwertige Nischenprodukte mit deutlich höheren Stückpreisen. Italien, Frankreich und Deutschland haben ihre Exportposition gestärkt, während traditionelle Exporteure wie Spanien an Boden verloren. Insgesamt zeigt die Entwicklung von CN 6103 beispielhaft den Strukturwandel der europäischen Textil- und Bekleidungsindustrie: weg von der volumenorientierten Massenproduktion, hin zu einer Kombination aus hochwertiger Exportnische und wachsender Importabhängigkeit im Basissegment.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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