Marktentwicklung: Gestricke und Gewirke (CN 60) — 2015–2025
Einleitung
Die Produktgruppe der Gewirke und Gestricke (Zolltarifcode 60) umfasst eine breite Palette textiler Flächengebilde – von Samt und Plüsch über elastomere bis hin zu Kettengewirken. Die vorliegende Analyse betrachtet den EU‑Außenhandel mit Drittstaaten für den Zeitraum 2015 bis 2025. Der Markt war in dieser Dekade tiefgreifenden strukturellen Veränderungen ausgesetzt: Die in der EU angesiedelte Produktion schrumpfte dramatisch, sodass die Union vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur wurde. Gleichzeitig verschoben sich die Gewichte unter den Handelspartnern – China löste die Türkei als wichtigste Bezugsquelle ab – und externe Schocks führten zu ausgeprägten Preis- und Mengenausschlägen. Der Bericht gliedert sich in drei Hauptkapitel, die diese Dynamiken entschlüsseln.
Strukturelle Erosion der Eigenproduktion und der Wandel zum Nettoimporteur
Die physische Produktionsmenge in der EU sank zwischen 2006 und 2024 um über 60 %.
Die heimische Erzeugung von Gewirken und Gestricken brach innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten massiv ein. Wurden im Jahr 2006 noch 109,6 Mio. kg produziert, waren es 2024 nur noch 42,4 Mio. kg – ein Rückgang um 61,3 %. Der Produktionswert fiel im selben Zeitraum von 769,9 Mio. € auf 332,4 Mio. € (–56,8 %). Diese Entwicklung wird im Dashboard unter Produktionsvolumen detailliert dargestellt.
| Jahr | Produktionsmenge (kg) | Produktionswert (€) |
|---|---|---|
| 2006 | 109 603 675 | 769 885 637 |
| 2024 | 42 449 204 | 332 430 522 |
| Veränderung | –61,3 % | –56,8 % |
Die Nettoimportabhängigkeit kletterte von –2,6 % auf 21,2 %, obwohl die EU im Güterhandel weiterhin Überschüsse erzielte.
Trotz eines durchgehend positiven Handelsbilanzsaldos (2015: +29 Mio. €; 2025: +47 Mio. €) hat sich die strategische Abhängigkeit von ausländischen Lieferungen drastisch erhöht. Die Nettoimportabhängigkeit, die das Verhältnis von Nettoimporten zur Inlandsverwendung misst, stieg von –2,6 % (Nettoexporteur) im Jahr 2006 auf 21,2 % im Jahr 2024. Die entsprechenden Werte finden sich im Abschnitt Nettoimportabhängigkeit. Die Diskrepanz zwischen einem nominalen Handelsüberschuss und wachsender Importabhängigkeit erklärt sich durch die schrumpfende Inlandsproduktion: Selbst wenn mehr exportiert als importiert wird, sinkt der Eigenversorgungsgrad, weil die Produktion schneller zurückgeht als die Nettoexporte.
| Jahr | Nettoimportabhängigkeit (%) | Handelsbilanz (Mio. €) |
|---|---|---|
| 2006 | –2,6 | k. A. (EU noch nicht in heutiger Form) |
| 2024 | 21,2 | 47,3 (2025) |
Die Handelsintensität und Exportneigung verdoppelten sich, was die tiefe Einbindung in globale Textilketten widerspiegelt.
Parallel zur schwindenden Eigenproduktion nahm die außenwirtschaftliche Verflechtung stark zu. Die Handelsintensität (Summe aus Ex- und Importen im Verhältnis zur Produktion) wuchs von 26,9 % (2006) auf 61,2 % (2024). Die Exportneigung (Exporte/Produktion) stieg im gleichen Zeitraum von 16,6 % auf 36,6 %. Die Daten sind im Dashboard unter Handelsintensität sowie Exportneigung abrufbar. Diese Entwicklung belegt, dass die verbliebenen EU‑Produzenten zunehmend für den Weltmarkt fertigen und gleichzeitig die Inlandsnachfrage stärker durch Importe gedeckt wird.
Neuordnung der Handelspartner: China verdrängt die Türkei, das Vereinigte Königreich fällt zurück
China stieg 2022 zur führenden Bezugsquelle für EU-Importe auf, während die Einfuhren aus Südkorea und dem VK drastisch einbrachen.
Die Rangfolge der Importlieferanten verschob sich grundlegend. China, das 2015 noch hinter der Türkei lag, übernahm ab 2022 die Spitzenposition und baute seine Ausfuhren in die EU von 480 Mio. auf 629 Mio. € aus (+31 %). Die Lieferungen der Türkei schrumpften dagegen um 25,4 % auf 438 Mio. €. Südkorea (‑65,9 %) und das Vereinigte Königreich (‑28,0 %) verloren sogar noch stärker an Gewicht. Die vollständige Partnertabelle enthält die Seite Wichtigste Handelspartner.
| Importpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 480,1 | 629,1 | +31,0 % |
| Türkiye | 586,5 | 437,6 | –25,4 % |
| Korea, Rep. | 144,2 | 49,2 | –65,9 % |
| V. Königreich | 95,5 | 68,8 | –28,0 % |
Die Exporte in die südliche Mittelmeerregion (Marokko, Tunesien) erwiesen sich als robust, wohingegen die Lieferungen ins Vereinigte Königreich um 42 % abnahmen.
Auf der Ausfuhrseite blieben die Maghreb-Staaten die stabilen Anker der EU‑Exporte. Die Ausfuhren nach Marokko wuchsen um 19,2 % auf 266 Mio. €, diejenigen nach Tunesien um 4,2 % auf 224 Mio. €. Auch die Ukraine gewann an Bedeutung (+31,5 %). Hingegen brach das Geschäft mit dem Vereinigten Königreich, das nach dem Brexit zum Drittstaat wurde, um 42,2 % ein. Die Zahlen sind derselben Quelle entnommen (Wichtigste Handelspartner).
| Exportpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Marokko | 223,0 | 265,8 | +19,2 % |
| Tunesien | 214,8 | 223,9 | +4,2 % |
| USA | 113,5 | 110,3 | –2,8 % |
| V. Königreich | 112,1 | 64,9 | –42,2 % |
| Ukraine | 47,1 | 62,0 | +31,5 % |
Innerhalb der EU legte Polen als Importdrehscheibe stark zu, während Frankreichs Rolle sowohl im Import als auch Export massiv schrumpfte.
Die Mitgliedstaaten veränderten ihre Positionen teils dramatisch. Polen vervielfachte seine Einfuhren aus Drittstaaten von 78,3 Mio. auf 187,2 Mio. € (+139 %) und rückte auf den dritten Platz der EU‑Importeure vor. Frankreichs Importe halbierten sich dagegen (–48,2 %). Bei den Ausfuhren baute Spanien seine Stellung aus (+36,0 %), während Deutschland (‑26,3 %) und Frankreich (‑30,2 %) spürbar an Anteil verloren. Italien blieb in beiden Richtungen mit Abstand der größte Akteur. Quellen: Mitgliedstaaten Import / Mitgliedstaaten Export.
| Mitgliedstaat | Import 2015 → 2025 (Mio. €) | Veränderung | Export 2015 → 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Italien | 461,9 → 450,7 | –2,4 % | 454,0 → 500,0 | +10,1 % |
| Deutschland | 146,0 → 121,6 | –16,7 % | 297,8 → 219,5 | –26,3 % |
| Polen | 78,3 → 187,2 | +139,1 % | 35,8 → 42,7 | +19,3 % |
| Spanien | 103,8 → 110,7 | +6,6 % | 154,4 → 210,0 | +36,0 % |
| Frankreich | 129,7 → 67,2 | –48,2 % | 265,2 → 185,1 | –30,2 % |
Preisschocks und Volatilität: Externe Krisen setzen den Markt unter Druck
2022 löste ein sprunghafter Preisanstieg bei Importen aus der Türkei (+29,6 %) einen strukturellen Einbruch der Menge aus.
Die türkischen Lieferungen wurden 2022 von einem heftigen Preisausschlag getroffen. Gegenüber der Basisperiode 2020‑2021 verteuerten sich die Einfuhren im Schnitt um 29,6 %, während die gelieferte Menge von durchschnittlich 113 900 t auf 93 100 t einbrach. Diese Schockdaten sind unter Preisschocks Import dokumentiert. Obwohl die Preise in den Folgejahren wieder etwas zurückgingen, lag das Mengenniveau 2024/2025 nur noch bei rund 80 000 t – ein Hinweis auf bleibende Angebotsverlagerungen oder Nachfragerückgänge.
Die Exportpreise in die Ukraine und nach Russland erlebten kriegsbedingte Extremschübe mit Anomalien von bis zu 96 Indexpunkten.
Die geopolitischen Ereignisse 2022/2023 trafen auch die EU‑Exporte schwer. Die Preise der Lieferungen in die Ukraine schnellten 2022 um 17,8 % in die Höhe, während die Menge um mehr als ein Fünftel einbrach. Der Schock wies eine Außergewöhnlichkeit von 96,0 auf (maximale Anomalie aller erfassten Handelspartner). Exporte nach Russland verteuerten sich 2023 sogar um 55,9 %, bei einer gleichzeitigen Halbierung der Menge. Beide Ereignisse sind in der Analyse Exportpreisschocks hinterlegt.
| Ereignis | Zeitpunkt | Preisänderung | Mengenänderung | Anomalitätswert |
|---|---|---|---|---|
| Ukraine (Exportpreis) | 2022 | +17,8 % | –21,7 % | 96,0 |
| Russland (Exportpreis) | 2023 | +55,9 % | –56,4 % | 8,7 |
| Türkei (Importpreis) | 2022 | +29,6 % | –18,2 % | 4,8 |
Die Mengenvolatilität bei Einfuhren aus Usbekistan (CV 0,89) und Nordmazedonien (0,38) weist auf unzuverlässige Lieferketten hin.
Die Volatilitätskennzahlen für Importmengen verdeutlichen, dass einige jüngere Lieferquellen extrem schwankungsanfällig sind. Usbekistan, dessen Einfuhren innerhalb von zehn Jahren von 12 t auf über 5 000 t sprunghaft zunahmen, verzeichnet mit einem Variationskoeffizienten von 0,89 die höchste Instabilität. Nordmazedonien (0,38), das seine Lieferungen dagegen stark reduzierte, und weitere Akteure wie Südkorea (0,35) zeigen ebenfalls überdurchschnittliche Ausschläge. Die Werte stammen aus dem Volatilitäts‑Dashboard.
Fazit
Die EU‑Handelsströme für Gestricke und Gewirke durchliefen zwischen 2015 und 2025 eine tiefgreifende Transformation. Der Kollaps der Inlandsproduktion ließ die Nettoimportabhängigkeit von einem negativen Wert auf über 21 % steigen, auch wenn die Handelsbilanz nominell positiv blieb. Die Verschiebung der Lieferströme – China löste die Türkei als Hauptimporteur ab, Polen wurde zur Drehscheibe, während Frankreich und das Vereinigte Königreich an Bedeutung verloren – spiegelt eine neu justierte Arbeitsteilung wider. Hinzu kamen außergewöhnliche Preisschocks, ausgelöst durch die Pandemiefolgen, den Ukraine‑Krieg und Sanktionen, die die Fragilität der Lieferketten schonungslos offenlegten. Unter dem Strich steht die EU vor der Herausforderung, eine strategische Verwundbarkeit in einem Segment zu managen, das für die Bekleidungs- und technische Textilindustrie unentbehrlich bleibt.