Marktentwicklung: Gestricke und Gewirke (CN 60) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der EU im Bereich Gewirke und Gestricke (KN-Code 60) im Zeitraum 2015–2025. Der Warenkreis umfasst verschiedene Unterpositionen — von Samt und Plüsch (6001) über elastomergehaltige Gewirke (6002, 6004) bis hin zu Kettengewirken (6005) und sonstigen breiten Gewirken/Gestricke (6006). Er deckt sowohl den Gesamthandelsüberblick als auch die Länderspezialisierung, Volatilität und Verwundbarkeit ab.
Die Analyse basiert auf Eurostat-Außenhandelsdaten mit Jahresfrequenz. Unvollständige Perioden wurden bereits ausgeschlossen, sodass der Vergleichszeitraum vollständig von 2015 bis 2025 reicht.
Rückläufige Handelsvolumen bei steigender Wertschöpfung pro Tonne
Der Gesamthandelwert ist leicht gesunken
Der EU-Außenhandel mit Gewirken und Gestricken zeigt über den gesamten Betrachtungszeitraum einen leicht abwärtsgerichteten Trend. Die Exporte sanken im Wert von 1,518 Mrd. EUR (2015) auf 1,467 Mrd. EUR (2025), was einem Rückgang von −3,3 % entspricht. Die Importe fielen im gleichen Zeitraum von 1,488 Mrd. EUR auf 1,418 Mrd. EUR (−4,8 %). Damit blieb die EU in diesem Segment nahezu ausgeglichen; die Handelsbilanz schwankte zwischen einem leichten Defizit (2022: −87,8 Mio. EUR) und einem Überschuss (2023: +148,5 Mio. EUR).
Die Mengenentwicklung fällt deutlicher aus
Während die Wertveränderungen moderat ausfallen, ist der Rückgang bei den Handelsmengen erheblich. Die Exportmengen sanken von 131.903 t auf 122.475 t (−7,1 %), wobei der Tiefpunkt 2025 erreicht wurde. Die Importmengen hingegen blieben mit 280.074 t (2015) gegenüber 283.723 t (2025) nahezu stabil (+1,3 %), nachdem sie zwischenzeitlich auf über 323.500 t (2019) gestiegen waren.
Die Preisdynamik kompensiert den Mengenrückgang
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportpreis (EUR/t) | 11.505 | 11.976 | +4,1 % |
| Importpreis (EUR/t) | 5.314 | 4.996 | −6,0 % |
| Exportmenge (t) | 131.903 | 122.475 | −7,1 % |
| Importmenge (t) | 280.074 | 283.723 | +1,3 % |
Die Exportpreise stiegen über den Zeitraum um 4,1 %, was den Wertverlust durch sinkende Mengen teilweise ausglich. Dies deutet auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Produkten im EU-Exportportfolio. Im Importbereich fielen die Preise dagegen um 6,0 %, was auf intensiveren Preiswettbewerb — insbesondere durch asiatische Lieferanten — hindeutet.
Die EU-Produktion ist stark geschrumpft
Besonders auffällig ist der Einbruch der inländischen Produktion. Die Produktionsmenge sank von 470.498 t (2015) auf 322.565 t (2025), ein Rückgang von 31,4 %. Noch drastischer fiel der Wertverlust aus: von 3,538 Mrd. EUR auf 2,326 Mrd. EUR (−34,2 %). Parallel dazu stieg der Exportanteil an der Produktion von 35,3 % auf 67,9 %, was darauf hindeutet, dass die verbleibende EU-Produktion zunehmend exportorientiert arbeitet.
Verschiebungen bei den Handelspartnern und wachsende Konzentration
China dominiert die Importe, Türkei verliert deutlich
Die Hauptlieferanten der EU haben sich im Zeitraum 2015–2025 erheblich verschoben:
| Lieferant | Importe 2015 (Mio. EUR) | Importe 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 480,1 | 629,1 | +31,0 % |
| Türkei | 586,5 | 437,6 | −25,4 % |
| Südkorea | 144,2 | 49,2 | −65,9 % |
| Vereinigtes Königreich | 95,5 | 68,8 | −28,0 % |
| Vietnam | 12,0 | 11,9 | −1,0 % |
China übernahm die Position als wichtigster EU-Lieferant mit einem Zuwachs von 480 Mio. auf 629 Mio. EUR (+31 %). Die Türkei, 2015 noch der größte Lieferland, verlor hingegen über ein Viertel ihres Exportwerts in die EU (−25,4 %). Der stärkste Rückgang betraf jedoch Südkorea (−65,9 %), das von 144 Mio. EUR auf unter 50 Mio. EUR fiel.
Marokko und Tunesien als tragende Säulen des EU-Exports
Auf der Exportseite sticht Marokko als wichtigster Abnehmer hervor — mit einem Anstieg von 223 Mio. EUR auf 266 Mio. EUR (+19,2 %). Tunesien verzeichnete ebenfalls ein Plus (+4,2 %). Beide Länder profitieren von Nähveredelungsabkommen (Outward Processing Traffic), bei denen EU-Gewirke und -Gestricke zur Weiterverarbeitung exportiert werden. Der stärkste Rückgang betraf das Vereinigtes Königreich (−42,2 %), was teilweise auf die Brexit-bedingten Handelsbarrieren zurückzuführen sein dürfte.
Italien ist der zentrale EU-Mitgliedstaat in diesem Segment
Innerhalb der EU zeigt sich eine klare Spezialisierungsstruktur:
| Mitgliedstaat | RSCA | RCA | Produktionsanteil |
|---|---|---|---|
| Malta | 0,91 | 21,26 | 0,9 % |
| Portugal | 0,64 | 4,59 | 6,3 % |
| Italien | 0,48 | 2,84 | 22,7 % |
| Griechenland | 0,46 | 2,67 | 1,8 % |
| Spanien | 0,25 | 1,67 | 9,7 % |
Italien dominiert sowohl die EU-Importe (450,7 Mio. EUR in 2025) als auch die Exporte (500,0 Mio. EUR). Die polnischen Importe stiegen besonders stark: von 78 Mio. EUR auf 187 Mio. EUR (+139,1 %), was auf eine wachsende Rolle Polands als Verarbeitungsstandort in der EU-Textil-Lieferkette hindeutet. Demgegenüber verloren Deutschland (Importe −16,7 %) und Frankreich (Importe −48,2 %) an Bedeutung.
Preis-Schocks, geopolitische Ereignisse und strukturelle Veränderungen
Geopolitische Ereignisse hinterlassen Spuren im Handel
Die Volatilitätsanalyse identifiziert mehrere bemerkenswerte Preis-Schocks:
| Ereignis | Schocktyp | Fluss | Abnormalität | Preisänderung | Zeitpunkt |
|---|---|---|---|---|---|
| Ukraine | Preis | Exporte | 96,0 | +17,8 % | 2022 |
| Russland | Preis | Exporte | 8,7 | +55,9 % | 2023 |
| Marokko | Preis | Exporte | 7,3 | +16,0 % | 2022 |
Der Ukraine-Schock von 2022 (Abnormalität: 96,0) steht im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Krieges und den damit verbundenen Lieferkettenunterbrechungen. Der extreme Preis-Schock bei Exporten nach Russland (2023, +55,9 %) dürfte die Auswirkungen der Sanktionen widerspiegeln. Beide Ereignisse illustrieren die Verwundbarkeit des EU-Textilhandels gegenüber geopolitischen Krisen.
Die Importkonzentration nimmt zu, die Exportdiversifikation bleibt begrenzt
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) zeigt für die Importe einen Anstieg von 2.769 auf 2.983 (+7,7 %), was auf eine wachsende Konzentration der Bezugsquellen hindeutet — vor allem zugunsten Chinas. Im Mengenterm stieg der HHI sogar um 32,7 % (von 3.344 auf 4.436). Die Exportkonzentration blieb mit einem HHI von unter 800 deutlich geringer, stieg aber ebenfalls leicht (+15,3 %).
Segmentanalyse: Breitengewirke dominieren, Nischenprodukte gewinnen an Boden
Die Produktaufschlüsselung zeigt folgende Dynamik innerhalb der einzelnen Unterpositionen:
| Segment | Code | Importmenge 2015 (t) | Importmenge 2025 (t) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Sonstige Gewirke > 30 cm | 6006 | 133.597 | 121.672 | −8,9 % |
| Elastomergewirke > 30 cm | 6004 | 87.515 | 66.647 | −23,8 % |
| Kettengewirke > 30 cm | 6005 | 32.435 | 40.627 | +25,2 % |
| Samt/Plüsch | 6001 | 23.571 | 51.522 | +118,6 % |
Besonders auffällig ist der massive Anstieg der Samt- und Plüschimporte (6001): Diese verdoppelten sich nahezu von 23.571 t auf 51.522 t (+118,6 %), wohingegen die elastomergehaltigen Breitengewirke (6004) um fast ein Viertel schrumpften. Auf der Exportseite ist der Rückgang bei 6006 (−4,5 %) und 6004 (−20,8 %) ebenfalls erkennbar, während Kettengewirke (6005) ihr Exportniveau nahezu hielten (42.845 t → 42.393 t).
Schlussfolgerung
Der EU-Handel mit Gewirken und Gestricken (KN 60) durchlebte im Zeitraum 2015–2025 eine Phase der strukturellen Umgestaltung. Drei zentrale Trends lassen sich zusammenfassen:
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Schrumpfende inländische Basis: Die EU-Produktion fiel um über 30 %, während der Exportanteil an der verbleibenden Produktion auf fast 68 % stieg. Die EU wird zunehmend zum Nettoexporteur — allerdings auf einem schrumpfenden Produktionsfundament.
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Geopolitische Neuausrichtung der Lieferketten: China festigte seine Stellung als dominierender Lieferant, während die Türkei und Südkorea deutlich verloren. Auf der Exportseite profitierten die nordafrikanischen Partner Marokko und Tunesien, während der Handel mit dem Vereinigten Königreich und Russland durch den Brexit bzw. Sanktionen stark zurückging.
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Wert statt Menge: Trotz sinkender Handelsmengen blieben die Werte weitgehend stabil — ein Indiz für eine Aufwertung der Produktstruktur. Die Preise pro Tonne stiegen bei Exporten, was auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Spezialgewirken hindeuten könnte.
Die steigende Importkonzentration und die Abhängigkeit von wenigen Lieferanten — insbesondere China — stellen mittelfristig ein strategisches Risiko dar. Gleichzeitig zeigt die hohe Exportquote, dass die verbleibende EU-Produktion durchaus wettbewerbsfähig bleibt, insbesondere im hochpreisigen Segment und in den traditionellen Textilstärken Italiens und Portugals.