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Marktentwicklung: Walzdraht (CN 7213) — 2015–2025

Einleitung

Der Walzdraht aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl (CN 7213) gehört zu den wichtigsten Grundstoffen dereuropäischen Stahlindustrie. Er findet Verwendung im Bauwesen (Bewehrungsstäbe), in der Automobilzulieferung, in der Drahtverarbeitung und in zahlreichen weiteren Industriezweigen. Der Zollcode 7213 umfasst vier Unterpositionen: gerippten Walzdraht (721310), Automatenstahl-Draht (721320), Walzdraht mit kreisförmigem Querschnitt unter 14 mm Durchmesser (721391) sowie sonstigen Walzdraht (721399). Der untersuchte Zeitraum 2015–2025 ist von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen geprägt: Pandemie, Energiepreisschocks, der Krieg in der Ukraine und eine Reihe von Handelsschutzmaßnahmen haben den Markt nachhaltig umgeformt. Dieser Bericht analysiert die wesentlichen Dynamiken anhand der verfügbaren Handelsdaten.


1. Eine strukturelle Wende: EU verliert ihre Rolle als Nettoexporteur

1.1 Exporte fallen um mehr als die Hälfte, Importe steigen deutlich

Der markanteste Befund der Daten ist ein fundamentaler Rollenwechsel der EU im Welthandel mit Walzdraht. Im Jahr 2015 lagen die EU-Exporte bei 2,044,305 Tonnen und 931 Mio. EUR; 2025 sanken sie auf 887,104 Tonnen (−56,6 %) bzw. 594 Mio. EUR (−36,2 %). Die EU-Importe entwickelten sich gegenläufig: von 2,069,577 Tonnen / 893 Mio. EUR im Jahr 2015 auf 2,487,785 Tonnen / 1,405 Mio. EUR im Jahr 2025 (Volumen +20,2 %, Wert +57,3 %). Der Exportwert erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 2018 mit rund 1,242 Mio. EUR; der Importwert kulminierte 2022 bei rund 2,324 Mio. EUR.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert 931 Mio. EUR 594 Mio. EUR −36,2 %
Exportmenge 2,044,305 t 887,104 t −56,6 %
Importwert 893 Mio. EUR 1,405 Mio. EUR +57,3 %
Importmenge 2,069,577 t 2,487,785 t +20,2 %

1.2 Die Handelsbilanz kippt ins Negative

Aus einem leicht positiven Handelsbilanzsaldo von +37,9 Mio. EUR im Jahr 2015 wurde bis 2025 ein Defizit von −810,9 Mio. EUR. Der tiefste Punkt wurde mit rund −1,189 Mrd. EUR erreicht. Die Netto-Importabhängigkeit stieg im selben Zeitraum von 5,5 % auf 9,1 % — ein Anstieg um 64,1 %. In einzelnen Jahren war die EU sogar kurzzeitig Nettoexporteur (die Netto-Importabhängigkeit sank zeitweise auf −6,1 %).

1.3 Preisanstieg deckt Mengenrückgang nur teilweise

Sowohl Export- als auch Importpreise stiegen im Betrachtungszeitraum deutlich an. Der durchschnittliche Exportpreis erhöhte sich von 455 EUR/t auf 669 EUR/t (+47,0 %), der Importpreis von 432 EUR/t auf 565 EUR/t (+30,8 %). Beide Preise erreichten ihren Spitzenwert 2022 (Exportpreis: 996 EUR/t, Importpreis: 845 EUR/t), bevor sie sich bis 2025 wieder zurückbildeten. Der Preisrückgang nach 2022 spiegelt die Normalisierung der Energie- und Rohstoffkosten wider. Trotz steigender Preise konnte der Exportwert die Mengenverluste nicht kompensieren — die Preiselastigkeit des Exportvolumens war offensichtlich gering.

1.4 Die EU-Produktion schrumpft, während der Wert steigt

Die EU-Produktion sank mengenmäßig von 16,07 Mrd. kg im Jahr 2015 auf 11,80 Mrd. kg im Jahr 2025 (−26,6 %), bei einem Tiefststand von 9,15 Mrd. kg. Der Produktionswert stieg hingegen von 4,67 Mrd. EUR auf 6,54 Mrd. EUR (+40,2 %). Dies deutet auf eine Verschiebung hin: Die verbleibende EU-Produktion konzentriert sich offenbar auf höherwertige Qualitäten und Nischenprodukte, während das Mengenvolumen an Drittländer verloren geht.


2. Geografische Neuausrichtung: Neue Lieferanten dominieren, alte Absatzmärkte brechen ein

2.1 Türkei wird zum wichtigsten Importeur, Algerien verschwindet als Exportmarkt

Die geografische Struktur der Handelsströme hat sich zwischen 2015 und 2025 drastisch verändert. Bei den Importen sticht die Türkei hervor: Von 64 Mio. EUR im Jahr 2015 stiegen die Importe auf 254 Mio. EUR im Jahr 2025 (+293,9 %), mit einem Spitzenwert von 463 Mio. EUR. Die Ukraine (+46,4 % auf 200 Mio. EUR) und Russland (+92,2 % auf 143 Mio. EUR) gewannen ebenfalls deutlich an Bedeutung.

Herkunftsland Importwert 2015 Importwert 2025 Veränderung
Türkei 64 Mio. EUR 254 Mio. EUR +293,9 %
Vereinigtes Königreich 210 Mio. EUR 188 Mio. EUR −10,4 %
Ukraine 137 Mio. EUR 200 Mio. EUR +46,4 %
Schweiz 127 Mio. EUR 124 Mio. EUR −2,5 %
Russland 74 Mio. EUR 143 Mio. EUR +92,2 %

Bei den Exporten ist das Bild gegensätzlich. Algerien, 2015 mit 235 Mio. EUR der mit Abstand wichtigste Exportmarkt, brach bis 2025 auf unter 0,4 Mio. EUR zusammen (−99,9 %). Israel (−79,3 %), die Türkei (−79,2 %) und Marokko (−93,2 %) verloren ebenfalls massiv an Bedeutung. Die Schweiz blieb als stabilster Exportpartner mit 215 Mio. EUR (+49,2 %).

2.2 Innerhalb der EU verschieben sich die Produktions- und Handelszentren

Auch innerhalb der EU zeigen sich erhebliche Verschiebungen. Bei den EU-weiten Exporten stachen traditionell Deutschland (270 Mio. EUR in 2015) und Spanien (291 Mio. EUR) als größte Exporteure hervor. Bis 2025 sank Spanien um 85,0 % auf nur noch 44 Mio. EUR, Italien um 69,9 % auf 52 Mio. EUR. Im Gegenzug stieg Frankreich von 31 Mio. EUR auf 141 Mio. EUR (+361,0 %) und Polen von 1,2 Mio. EUR auf 16,8 Mio. EUR (+1.299,9 %). Deutschland bewahrte seine Position als größter EU-Exporteur mit 215 Mio. EUR, verlor aber 20,4 % seines Werts.

EU-Mitgliedstaat Exportwert 2015 Exportwert 2025 Veränderung
Deutschland 270 Mio. EUR 215 Mio. EUR −20,4 %
Spanien 291 Mio. EUR 44 Mio. EUR −85,0 %
Italien 172 Mio. EUR 52 Mio. EUR −69,9 %
Frankreich 31 Mio. EUR 141 Mio. EUR +361,0 %
Portugal 86 Mio. EUR 42 Mio. EUR −51,5 %

Bei den EU-internen Importen stiegen Rumänien (+153,7 % auf 362 Mio. EUR), die Niederlande (+421,9 % auf 157 Mio. EUR), Belgien (+154,8 % auf 119 Mio. EUR) und Spanien (+215,9 % auf 122 Mio. EUR) stark an, während Deutschland (−39,7 %) und Italien (−34,0 %) an Importbedeutung verloren. Diese Verschiebung spiegelt die Verlagerung der stahlverarbeitenden Industrie in mittel- und osteuropäische Mitgliedstaaten wider.

2.3 Volatilität und Preisschocks bei Drittlands-Beziehungen

Die Schwankungsintensität der Handelsströme variiert stark je nach Partnerland. Besonders volatil waren die Exporte nach Algerien (Variationskoeffizient 1,56) und die Importe aus Indonesien (1,39) bzw. Vietnam (1,98). Dagegen blieben die Handelsbeziehungen mit der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und Norwegen vergleichsweise stabil (CV unter 0,33). Die drei größten Preisschocks im Zeitraum betrafen:

  • Algerien (Exporte, 2021): Preisabnormalität 14,7, Preissprung +120,4 %
  • Malaysia (Importe, 2022): Preisabnormalität 7,5, Preissprung +67,0 %
  • Moldawien (Importe, 2021): Preisabnormalität 7,1, Preissprung +48,1 %

Diese Schocks fielen zeitlich mit dem globalen Rohstoff- und Energiepreisboom 2021/2022 zusammen.


3. Segmentwandel und zunehmende Exportkonzentration

3.1 Gerippter Walzdraht (721310) gewinnt an Bedeutung

Innerhalb des Gesamtprodukts CN 7213 vollzog sich ein bemerkenswerter struktureller Wandel zwischen den vier Unterpositionen. Im Import dominiert zwar weiterhin 721391 (Walzdraht < 14 mm), doch sein mengenmäßiger Anteil sank von 77,3 % (2015) auf 68,1 % (2025). Dafür stieg der Anteil von 721310 (gerippter Walzdraht) von 11,2 % auf 25,3 % — eine Verdopplung des Marktanteils.

Segment Importmenge 2015 Importmenge 2025 Anteil 2015 Anteil 2025
721391 (< 14 mm) 1,598,905 t 1,694,710 t 77,3 % 68,1 %
721310 (gerippt) 232,159 t 628,705 t 11,2 % 25,3 %
721320 (Automatenstahl) 194,315 t 134,494 t 9,4 % 5,4 %
721399 (sonstiger) 44,198 t 29,876 t 2,1 % 1,2 %

Im Export vollzog sich eine noch stärkere Verschiebung: 721391 brach mengenmäßig von 1,086 Mio. Tonnen auf 242,000 Tonnen ein (−77,7 %) und verlor seinen dominanten Marktanteil von 53,1 % auf 27,3 %. Im Gegenzug wurde 721310 mit 504,000 Tonnen (56,8 % Anteil) zum führenden Exportsegment. Diese Verschiebung könnte mit der steigenden Nachfrage nach Bewehrungsstahl (gerippter Draht) im Zuge von Infrastrukturinvestitionen zusammenhängen und spiegelt möglicherweise auch die Auswirkungen von Antidumpingmaßnahmen gegen bestimmte Walzdraht-Qualitäten wider.

3.2 Die Exportkonzentration nimmt zu

Während sich die Importquellen leicht diversifizierten (HHI nach Wert von 1,288 auf 1,135, −11,9 %), verschärfte sich die Exportkonzentration deutlich. Der HHI für Exporte nach Wert stieg von 1,309 auf 1,793 (+37,0 %), nach Volumen von 1,450 auf 1,998 (+37,8 %). Dies bedeutet, dass die EU-Exporte zunehmend auf wenige Absatzmärkte — vor allem die Schweiz und das Vereinigte Königreich — konzentriert sind. Die Abhängigkeit von wenigen Partnern erhöht die Verwundbarkeit gegenüber einzelnen Nachfrageeinbrüchen.

3.3 Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 zeigt, dass Griechenland (RSCA 0,71, RCA 5,91) und Portugal (RSCA 0,69, RCA 5,36) die höchste Spezialisierung im Walzdraht-Export aufweisen, gefolgt von Italien (RSCA 0,36), Tschechien (RSCA 0,31) und Deutschland (RSCA 0,18). Deutschland dominiert mit einem Produktionsanteil von 30,6 % absolut, ist aber vergleichsweise weniger stark spezialisiert. Am anderen Ende stehen Dänemark, Irland und Schweden mit Spezialisierungsindizes nahe Null — diese Länder produzieren und exportieren praktisch keinen Walzdraht außerhalb der EU.


Schlussfolgerung

Der EU-Markt für Walzdraht (CN 7213) hat sich im Zeitraum 2015–2025 grundlegend gewandelt. Der wohl folgenreichste Trend ist der Übergang von einer ausgeglichenen Handelsbilanz zu einem erheblichen Importdefizit: Die Exporte halbierten sich mengenmäßig, während die Importe — insbesondere aus der Türkei, der Ukraine und Russland — deutlich zunahmen. Innerhalb der EU verschoben sich die Produktions- und Handelsschwerpunkte: Traditionelle Exporteure wie Spanien und Italien verloren stark, während Frankreich und Polen an Bedeutung gewannen. Auf Produktebene verdrängt gerippter Walzdraht (721310) zunehmend den Standardwalzdraht (721391) sowohl im Import als auch im Export — ein Hinweis auf die wachsende Bedeutung von Bewehrungs- und Konstruktionsanwendungen. Gleichzeitig hat sich die Exportkonzentration verschärft, was die Abhängigkeit der EU von wenigen Absatzmärkten erhöht. Angesichts der rückläufigen EU-Produktionsmengen und der zunehmenden Importabhängigkeit stellen Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zentrale Herausforderungen für die europäische Stahlindustrie dar.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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