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Marktentwicklung: Halbzeug aus Stahl (CN 7207) — 2015–2025

Einführung

Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollprodukt CN 7207 — Halbzeug aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl — über den Zeitraum 2015 bis 2025. Der Produktcode umfasst vier Unterpositionen, die sich nach Kohlenstoffgehalt und Querschnittsform unterscheiden (Produktübersicht):

Code Beschreibung
720711 C < 0,25 %, quadratischer oder schmal-rechteckiger Querschnitt
720712 C < 0,25 %, breiter rechteckiger Querschnitt (Breite ≥ 2 × Dicke)
720719 C < 0,25 %, runder oder sonstiger Querschnitt
720720 C ≥ 0,25 %

Halbzeug ist ein kritisches Vorprodukt der Stahlindustrie und bildet die Grundlage für Walzdraht, Profile, Bleche und Rohre. Der untersuchte Zeitraum ist durch mehrere einschneidende Ereignisse geprägt: die Stahlkrise 2015–2016, den Brexit (2020), die COVID-19-Pandemie, die Energiekrise 2022 sowie die Sanktionen gegen Russland. Die Daten zeigen, dass die EU in diesem Segment ihre ohnehin bestehende Importabhängigkeit erheblich vertieft hat, während sich die Handelspartnerstruktur grundlegend verschoben hat.


1. Schrumpfende Produktionsbasis und wachsende Importabhängigkeit

Die EU-Produktion von Halbzeug ist langfristig rückläufig

Die inländische Produktion von Halbzeug in der EU (Produktionsvolumen) zeigt im Betrachtungszeitraum einen deutlichen Rückgang:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Produktionsmenge (Mio. t) 17,26 13,18 −23,6 %
Produktionswert (Mrd. EUR) 4,52 6,77 +49,7 %

Die Produktionsmenge sank von 17,3 Mio. Tonnen auf 13,2 Mio. Tonnen, wobei das Minimum bei nur 10,2 Mio. Tonnen lag. Gleichzeitig stieg der Produktionswert um knapp die Hälfte an — ein klares Signal dafür, dass die Preisentwicklung den Mengenrückgang überlagert hat. Der Wertanstieg ist primär auf die stark gestiegenen Stahlpreise in den Jahren 2021–2022 zurückzuführen, nicht auf eine Ausweitung der Kapazitäten.

Der Handelsdefizit vertieft sich strukturell

Die EU ist im Segment Halbzeug durchgängig Nettoimporteur. Das Handelsdefizit gegenüber Drittländern (Handelsübersicht) hat sich über den Zeitraum verschärft:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mrd. EUR) 2,82 4,09 +45,2 %
Importmenge (Mio. t) 8,24 8,94 +8,6 %
Exportwert (Mio. EUR) 276 607 +120,0 %
Exportmenge (kt) 643 982 +52,7 %
Saldo (Mrd. EUR) −2,54 −3,48 −37,1 %

Obwohl auch die EU-Ausfuhren kräftig zulegten — der Exportwert verdoppelte sich sogar — blieb das Handelsdefizit bestehen und wuchs nominal um rund 940 Mio. EUR. Die Importe wuchsen mengenmäßig lediglich um 8,6 %, wertmäßig aber um 45,2 %, was auf erhebliche Preissteigerungen hindeutet. Der durchschnittliche Importpreis stieg von 342 EUR/t auf 457 EUR/t (+33,8 %), der Exportpreis von 429 EUR/t auf 618 EUR/t (+44,1 %).

Die Netto-Importabhängigkeit hat sich mehr als verdoppelt

Der Indikator für die Netto-Importabhängigkeit (Netto-Importabhängigkeit) zeigt eine dramatische Verschärfung:

Indikator 2015 2025 Veränderung
Netto-Importabhängigkeit (%) 11,6 27,3 +134,4 %
Handelsintensität (%) 18,9 30,8 +62,4 %
Exportquote (%) 4,6 2,8 −37,7 %

Die Netto-Importabhängigkeit stieg von unter 12 % auf über 27 %, mit einem Spitzenwert von 32,8 %. Gleichzeitig sank die Exportquote — also der Anteil der inländischen Produktion, der in Drittländer exportiert wird — von 4,6 % auf nur noch 2,8 %. Die EU hat somit ihre Halbzeug-Produktion zunehmend für den Binnenmarkt verwendet und zugleich ihre Abhängigkeit von Importen zur Deckung des Gesamtbedarfs erheblich ausgeweitet. Die Handelsintensität stieg von 18,9 % auf 30,8 %, was unterstreicht, dass der Halbzeug-Markt der EU überproportional in den internationalen Handel eingebunden ist.


2. Geopolitische Umwälzungen verschieben die Bezugsquellen nachhaltig

Russland als dominierender Lieferant im Wandel

Russland war über den gesamten Zeitraum der wichtigste Einzellieferant der EU für Halbzeug (Partnerländer):

Partner Importwert 2015 (Mio. EUR) Importwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Russland 1.050 1.627 +55,0 %
Ukraine 761 434 −43,0 %
Brasilien 351 318 −9,4 %
China 98 715 +626,7 %
Vereinigtes Königreich 306 44 −85,7 %
Indien 30 113 +272,4 %
Vietnam 0,01 312

Die russischen Lieferungen erreichten einen Spitzenwert von 2.618 Mio. EUR, bevor die EU-Sanktionen nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 greifen dürften. Der Wert von 1.627 Mio. EUR im Jahr 2025 — trotz der Sanktionen — deutet darauf hin, dass bestehende Verträge, Übergangsfristen oder Umleitungen über Drittländer eine Rolle spielen konnten. Die Ukraine als zweitwichtigster traditioneller Lieferant verlor ebenfalls deutlich an Bedeutung (−43 %), was mit den kriegsbedingten Zerstörungen der ukrainischen Stahlindustrie zusammenhängt.

China und neue asiatische Lieferanten gewinnen massiv an Bedeutung

Der bemerkenswerteste Trend ist der dramatische Aufstieg Chinas als Lieferant. Der Importwert stieg von 98 Mio. EUR auf 715 Mio. EUR — eine Steigerung von 627 %. China avancierte damit vom Randakteur zum viertwichtigsten Lieferanten. Noch extremer ist die Entwicklung Vietnams: von praktisch null auf 312 Mio. EUR. Indien wuchs ebenfalls kräftig von 30 auf 113 Mio. EUR (+272 %). Diese Verschiebung spiegelt einerseits die preisliche Wettbewerbsfähigkeit asiatischer Hersteller wider, andererseits die strategische Neuausrichtung der EU-Importeure weg von geopolitisch risikobehafteten Quellen.

Der Brexit und die Neuordnung der Exportstruktur

Das Vereinigte Königreich, das 2015 noch 306 Mio. EUR an Halbzeug aus der EU importierte, sank auf nur noch 44 Mio. EUR (−85,7 %) (Partnerländer Exporte). Auf der Importseite fielen die britischen Lieferungen an die EU ebenfalls von 306 Mio. EUR auf 44 Mio. EUR. Der Brexit hat somit die Handelsbeziehungen im Halbzeug-Segment erheblich gestört.

Auf der Exportseite gewannen stattdessen die USA stark an Bedeutung (+3.449 %), gefolgt von Kanada (+1.691 %) und dem Vereinigten Königreich als Exportziel (+238 %). Marokko blieb mit 68 Mio. EUR ein konstanter Exportpartner. Die EU-Exporte verlagerten sich damit deutlich in Richtung nordamerikanischer Märkte.

Die Importkonzentration sinkt, die Exportkonzentration steigt

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) (Konzentration) zeigt eine gegenläufige Entwicklung:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 2.423 2.147 −11,4 %
HHI Exporte (Wert) 1.451 2.105 +45,0 %

Der Rückgang des Import-HHI bedeutet eine Diversifizierung der Bezugsquellen — die EU hat ihre Lieferantenbasis verbreitert, was als Reaktion auf die geopolitischen Risiken interpretiert werden kann. Gleichzeitig konzentrieren sich die EU-Ausfuhren stärker auf wenige große Abnehmer (insbesondere USA, Vereinigtes Königreich, Marokko), was die Exportseite verletzlicher gegenüber bilateralen Handelsstreitigkeiten macht.

Innerhalb der EU verschiebt sich die Rolle der Mitgliedstaaten

Italien war durchgehend der größte EU-Importeur von Halbzeug mit einem Volumen von 1,54 Mrd. EUR im Jahr 2025 (Mitgliedstaaten). Auffällig sind die starken Zuwächse bei Tschechien (+557 %), Polen (+717 %) und Bulgarien (+108 %), was auf die Industrialisierung Ostmitteleuropas und die Verlagerung von Stahlverarbeitungskapazitäten hindeutet.

Auf der Exportseite wurde Rumänien zum mit Abstand größten EU-Exporteur (von 50 auf 239 Mio. EUR, +377 %), gefolgt von den Niederlanden (+396 %) und Griechenland, das von nahezu null auf 39 Mio. EUR anstieg (Mitgliedstaaten Exporte).

Die Spezialisierungsanalyse (Spezialisierung) bestätigt, dass Kroatien (RSCA: 0,51), die Slowakei (0,41) und Deutschland (0,31) die am stärksten auf Halbzeug spezialisierten EU-Volkswirtschaften sind, während Zypern, Malta und Lettland praktisch nicht in diesem Segment aktiv sind.


3. Preisschocks, extreme Volatilität und Segmentverschiebungen

Die Stahlpreise durchliefen einen historischen Zyklus

Die durchschnittlichen Import- und Exportpreise für Halbzeug (Handelsübersicht) zeichnen das Bild eines dramatischen Preiszyklus:

Preisindikator 2015 (EUR/t) Maximum (EUR/t) 2025 (EUR/t)
Importpreis 342 710 457
Exportpreis 429 829 618

Die Preise erreichten ihren Höhepunkt im Umfeld der Jahre 2021–2022, als COVID-bedingte Lieferunterbrechungen, die globale Nachfrageerholung und die europäische Energiekrise zusammenwirkten. Bis 2025 waren die Preise wieder deutlich gesunken, lagen aber weiterhin deutlich über dem Niveau von 2015.

Das Segment 720720 zeigt extreme Preisspitzen

Bei der Aufschlüsselung nach Unterpositionen (Produktsegmente) fällt das Segment 720720 (Halbzeug mit ≥ 0,25 % Kohlenstoffgehalt) durch besonders extreme Preisschwankungen auf:

Segment Importpreis 2015 (EUR/t) Max. Importpreis (EUR/t) Exportpreis 2015 (EUR/t) Max. Exportpreis (EUR/t)
720711 343 675 424 709
720712 326 705 285 695
720719 663 996 493 969
720720 452 1.112 833 1.824

Der Exportpreis für 720720 erreichte 2023 mit 1.824 EUR/t ein historisches Extrem, was auf die Knappheit an hochwertigem Halbzeug mit höherem Kohlenstoffgehalt und auf die Konzentration der Lieferanten hindeutet. Die Importmenge in diesem Segment fiel gleichzeitig von 713 kt (2015) auf nur noch 194 kt (2025) — ein Rückgang von 73 %, der die strukturelle Verknappung dieses Segments belegt.

Das mengenmäßig dominierende Segment 720712 (breiter rechteckiger Querschnitt) machte stets über 60 % der Gesamtimporte aus und verzeichnete mengenmäßig die stabilste Entwicklung. Die Importpreise hier stiegen von 326 EUR/t auf maximal 705 EUR/t und sanken bis 2025 wieder auf 451 EUR/t.

Identifizierte Lieferkettenstörungen und Preisschocks

Die Volatilitätsanalyse (Volatilität) und die Analyse von Angebotsstörungen (Lieferkettenstörungen) identifizieren drei signifikante Schocks:

Schock-Ereignis Art Zeitpunkt Preisänderung Anomalie-Score
Tunesien (Exporte) Preisschock 2020 +293 % 35,2
China (Importe) Preisschock 2017 +126 % 19,0
Marokko (Exporte) Preisschock 2021 +38 % 17,0

Der extreme Preisanstieg bei den EU-Exporten nach Tunesien im Jahr 2020 (+293 %) fiel mit der COVID-19-Pandemie zusammen und könnte auf Lieferengpässe und eine Verschiebung hin zu hochwertigerem Halbzeug hindeuten. Der China-Preisschock bei den Importen im Jahr 2017 (+126 %) fällt in die Phase der chinesischen Stahlkapazitätsreduzierungen und Umweltregulierungen.

Die Partnerländer mit der höchsten Handelsvolatilität (gemessen am Variationskoeffizienten) sind:

Partner (Importe) CV Partner (Exporte) CV
China 1,29 Tunesien 1,65
Vietnam 1,17 Algerien 1,32
Algerien 1,07 Saudi-Arabien 1,09
Indonesien 1,00 Vereinigte Staaten 0,85

Die hohe Volatilität bei China und Vietnam unterstreicht, dass die neuen asiatischen Lieferanten zwar mengenmäßig wichtig geworden sind, aber noch keine gleichmäßigen und vorhersagbaren Handelsströme etabliert haben. Russland weist hingegen mit einem CV von nur 0,11 die geringste Volatilität aller Importpartner auf — ein Hinweis auf die historisch tief verankerten und vertraglich abgesicherten Handelsbeziehungen.


Schlussfolgerung

Die Analyse des EU-Handels mit Halbzeug (CN 7207) über den Zeitraum 2015–2025 offenbart drei fundamentale Trends:

Erstens hat sich die EU-Importabhängigkeit in diesem strategischen Stahlvorprodukt mehr als verdoppelt. Die Netto-Importabhängigkeit stieg von 11,6 % auf 27,3 %, getrieben durch einen Rückgang der inländischen Produktionsmengen (−23,6 %) bei gleichzeitig moderat wachsender Gesamtnachfrage. Die EU produziert zwar mengenentlich noch immer deutlich mehr Halbzeug als sie importiert, doch der Bedarf an Importen wächst überproportional.

Zweitens vollzog sich eine tektonische Verschiebung der Handelspartnerstruktur. China, Vietnam und Indien haben die Lücke gefüllt, die durch den Bedeutungsverlust der Ukraine, den Brexit und — potenziell — die Russland-Sanktionen entstanden ist. Die Importkonzentration sank (HHI −11 %), was kurzfristig als Diversifizierungsvorteil gewertet werden kann, doch die neuen Lieferanten weisen eine deutlich höhere Volatilität auf als die traditionellen.

Drittens war der gesamte Zeitraum von erheblichen Preis- und Angebotsstörungen geprägt. Der historische Preiszyklus mit Spitzenwerten 2021–2022 und die identifizierten Preisschocks — insbesondere im hochwertigen Segment 720720 — unterstreichen die Anfälligkeit der europäischen Stahlwertschöpfungskette. Die sinkende Exportquote (von 4,6 % auf 2,8 %) deutet darauf hin, dass die EU ihre Halbzeug-Produktion zunehmend für den Eigenbedarf benötigt und die Rolle als Halbzeug-Exporteur an Bedeutung verliert.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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