Marktentwicklung: Eisenschwamm (CN 7203) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarif CN 7203 umfasst Eisenerzeugnisse, die durch Direktreduktion (DRI) aus Eisenerzen hergestellt werden, sowie hochreines Eisen (≥ 99,94 %). Diese Produkte bilden einen bedeutenden Rohstoffübergang zwischen Eisenerz und Stahl und sind insbesondere für Elektrostahlwerke von strategischer Bedeutung. Der vorliegende Bericht analysiert die EU-Handelsströme mit Drittländern im Zeitraum 2015 bis 2025 und beleuchtet drei zentrale Entwicklungslinien: die strukturelle Verschärfung des Handelsdefizits durch steigende Preise, die geopolitisch bedingte Umgestaltung der Lieferantenlandschaft sowie den inneren Wandel der EU-Märkte und den Zusammenbruch der Exporte.
1. Steigende Importpreise bei sinkenden Volumen: Ein sich vertiefendes Handelsdefizit
1.1 Der Importwert stieg trotz rückläufiger Mengen deutlich an
Im Zeitraum 2015 bis 2025 entwickelten sich Mengen- und Wertentwicklung der EU-Importe von CN 7203 in entgegengesetzte Richtungen. Die Importmenge sank von 2.853.058 t (2015) auf 2.264.095 t (2025), was einem Rückgang von 20,6 % entspricht. Der Importwert hingegen stieg im selben Zeitraum von 542.660.551 EUR auf 682.388.926 EUR (+25,7 %). Der Höchstwert wurde 2022 mit 1.107.532.196 EUR erreicht.
| Kennzahl | 2015 | Minimum | Maximum | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Importvolumen (t) | 2.853.058 | 2.264.095 (2025) | 3.369.477 | 2.264.095 | −20,6 % |
| Importwert (EUR) | 542.660.551 | 335.214.602 | 1.107.532.196 | 682.388.926 | +25,7 % |
| Importpreis (EUR/t) | 190 | 147 | 377 | 301 | +58,5 % |
Der durchschnittliche Importpreis verdoppelte sich nahezu: von 190 EUR/t (2015) auf 301 EUR/t (2025), mit einem Spitzenwert von 377 EUR/t im Jahr 2022. Die Preisentwicklung spiegelt sowohl die globalen Rohstoffpreisanstiege nach der COVID-19-Pandemie als auch die Energiepreiskrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wider.
1.2 Der Export von Eisenschwamm brach nahezu vollständig zusammen
Während die Importe preisbedingt an Wert gewannen, vollzog sich auf der Exportseite ein dramatischer Einbruch. Der Exportwert fiel von 26.637.127 EUR (2015) auf 3.134.724 EUR (2025), ein Rückgang um 88,2 %. Noch drastischer war der Mengenrückgang: von 61.013 t auf 2.773 t (−95,5 %).
| Kennzahl | 2015 | Minimum | Maximum | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Exportvolumen (t) | 61.013 | 2.720 | 61.013 | 2.773 | −95,5 % |
| Exportwert (EUR) | 26.637.127 | 3.134.724 | 26.637.127 | 3.134.724 | −88,2 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 437 | 425 | 1.300 | 1.130 | +158,9 % |
Der Exportpreis stieg zwar von 437 EUR/t auf 1.130 EUR/t (+158,9 %), konnte aber den volumenbedingten Wertverlust nicht kompensieren. Die EU ist damit faktisch aus dem Exportgeschäft mit DRI ausgestiegen.
1.3 Das Handelsdefizit vertiefte sich trotz Mengenrückgang
Infolge der divergierenden Entwicklungen von Importen und Exporten verschärfte sich der Handelsbilanzsaldo im Betrachtungszeitraum. Er bewegte sich von −516.023.424 EUR (2015) auf −679.254.202 EUR (2025), wobei der tiefste Punkt 2022 mit −1.103.992.662 EUR erreicht wurde.
| Kennzahl | 2015 | Minimum | Maximum | 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Handelsbilanz (EUR) | −516.023.424 | −1.103.992.662 | −324.223.723 | −679.254.202 |
| Netto-Importabhängigkeit (%) | 93,9 | 99,9 | 83,9 | 83,9 |
Die Netto-Importabhängigkeit lag 2025 bei 83,9 % und damit unter dem Höchstwert von 99,9 %, jedoch weiterhin auf extrem hohem Niveau. Die EU produziert nur einen Bruchteil ihres Eigenbedarfs an DRI.
2. Geopolitische Neuaufstellung der Lieferantenbasis
2.1 Russland war der dominante Lieferant – Sanktionen beendeten diese Rolle
Russland war bis 2025 der mit Abstand wichtigste DRI-Lieferant der EU. Der russische Importanteil betrug 2015 rund 247 Mio. EUR und erreichte mit 681 Mio. EUR seinen absoluten Spitzenwert. Danach sank der Wert bis 2025 auf 176 Mio. EUR (−28,9 % gegenüber 2015). Der Rückgang ist maßgeblich auf die EU-Sanktionen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 zurückzuführen.
| Partnerland | 2015 (EUR) | Maximum (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Russland | 247.022.607 | 681.381.720 | 175.537.786 | −28,9 % |
| Venezuela | 149.476.133 | 193.593.437 | 193.593.437 | +29,5 % |
| USA | 82.925 | 200.151.289 | 171.598.106 | +206.832 % |
| Libyen | 26.071.110 | 140.702.554 | 91.417.324 | +250,6 % |
| Trinidad & Tobago | 106.586.743 | 106.586.743 | 17.352.752 | −83,7 % |
2.2 Neue Hauptlieferanten füllen die Lücke
Nach dem Wegfall russischer Volumen gewannen insbesondere Venezuela, die USA und Libyen an Bedeutung. Venezuela – ein traditionsreicher DRI-Produzent aus dem Orinoco-Gürtel – stellte seine Lieferungen auf stabilem Niveau bereit und erreichte 2025 mit 194 Mio. EUR den höchsten Wert im gesamten Zeitraum.
Am bemerkenswertesten ist der Aufstieg der USA zum zweitgrößten Lieferanten: von lediglich 82.925 EUR im Jahr 2015 auf 171.598.106 EUR im Jahr 2025. Libyen verfünffachte seine Lieferungen von 26 Mio. EUR auf 91 Mio. EUR. Trinidad & Tobago hingegen, einst drittgrößter Lieferant mit 107 Mio. EUR, verlor stark an Bedeutung (−83,7 %) und sank auf 17 Mio. EUR.
2.3 Sinkende Konzentration als Zeichen der Diversifizierung
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Importe nach Wert sank von 3.243 (2015) auf 2.449 (2025), was einem Rückgang von 24,5 % entspricht. Der Spitzenwert lag bei 5.233.
| HHI-Indikator | 2015 | Minimum | Maximum | 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Importe (Wert) | 3.243 | 2.449 | 5.232 | 2.449 |
| Importe (Volumen) | 3.133 | 2.164 | 4.737 | 2.369 |
Obwohl die Konzentration noch immer als moderat hoch einzustufen ist, zeigt der abnehmende HHI eine klare Tendenz zur Diversifizierung. Diese wurde durch die geopolitischen Ereignisse ab 2022 erzwungen, hat sich aber bis 2025 als strukturell erwiesen.
Importpreis-Schocks traten 2021 bei den wichtigsten Lieferanten auf: Bei Russland lag die Preisanomalie bei 12,1 mit einem Preisanstieg von 60,4 % (Wertanteil: 60,2 %), bei Venezuela bei 16,8 mit +76,6 % (Wertanteil: 14,1 %). Diese Schocks fielen mit der globalen Rohstoffpreisinflation und den aufkeimenden Spannungen in der Lieferkette zusammen.
3. Wandel innerhalb der EU: Verschiebungen bei Empfängerländern und schwindende Exportfähigkeit
3.1 Italien festigt seine Stellung als größter EU-Importeur, Deutschland und Spanien verlieren
Die Importverteilung innerhalb der EU verschob sich im Betrachtungszeitraum erheblich. Italien blieb durchgehend der größte Importeur und steigerte seine Einfuhren von 222 Mio. EUR auf 294 Mio. EUR (+32,3 %). Demgegenüber verloren Spanien und Deutschland stark an Boden.
| EU-Mitgliedstaat | 2015 (EUR) | Maximum (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Italien | 221.884.271 | 431.834.270 | 293.506.865 | +32,3 % |
| Spanien | 160.320.245 | 160.539.703 | 73.694.167 | −54,0 % |
| Deutschland | 51.349.121 | 154.211.779 | 10.047.909 | −80,4 % |
| Österreich | 6.662.243 | 133.350.768 | 133.350.768 | +1.901,6 % |
| Belgien | 8.306.189 | 114.634.488 | 63.780.336 | +667,9 % |
| Niederlande | 3.933.453 | 87.483.483 | 51.463.446 | +1.208,4 % |
| Portugal | 59.662.817 | 59.662.817 | 16.130.606 | −73,0 % |
Besonders auffällig ist der Anstieg Österreichs von 7 Mio. EUR auf 133 Mio. EUR (+1.902 %), was auf den Ausbau der DRI-basierten Stahlerzeugung (v. a. durch voestalpine in Linz) und die strategische Neuausrichtung der Rohstoffbeschaffung hinweist. Auch Belgien (+668 %) und die Niederlande (+1.208 %) gewannen stark. Deutschland hingegen reduzierte seine Importe von 154 Mio. EUR (Spitzenwert) auf lediglich 10 Mio. EUR.
3.2 Der EU-Binnenmarkt zeigt Spezialisierungsmuster
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass Belgien (RSCA: 0,52), Polen (RSCA: 0,52) und die Niederlande (RSCA: 0,37) die höchste relative Spezialisierung im DRI-Handel aufweisen. Deutschland (RSCA: −1,00), Österreich (RSCA: −1,00) und die Slowakei (RSCA: −0,99) gelten hingegen als nicht spezialisiert, obwohl Österreich hohe absolute Importvolumina aufweist.
| Stärkste Spezialisierung | RSCA | RCA | Produktionsanteil |
|---|---|---|---|
| Belgien | 0,5185 | 3,1534 | 26,7 % |
| Polen | 0,5168 | 3,1392 | 20,9 % |
| Niederlande | 0,3659 | 2,1543 | 31,3 % |
3.3 Eigenproduktion und Exportfähigkeit der EU sind stark geschrumpft
Die EU-Produktion von CN 7203 (gemessen an PRODCOM 24.10.13.00) sank volumenmäßig von 400.000 t (2015) auf 250.000 t (2025), ein Rückgang um 37,5 %. Der Produktionswert stieg jedoch von 33 Mio. EUR auf 150 Mio. EUR (+357 %), was die extreme Preissteigerung bei gleichzeitigem Mengenrückgang widerspiegelt.
| Produktionskennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Menge (kg) | 400.000.000 | 250.000.000 | −37,5 % |
| Wert (EUR) | 32.809.440 | 150.000.000 | +357,2 % |
Die Exportpropensity der EU fiel von 34,1 % auf 4,0 % (−88,3 %). Die EU produziert heute nur noch marginal mehr Eisenschwamm, als sie selbst verbraucht, und exportiert praktisch keinen DRI mehr in Drittländer. Die Handelsintensität sank von 96,0 % auf 84,6 %, was darauf hindeutet, dass der Markt insgesamt etwas weniger handelsoffen wurde – ein Effekt der zunehmenden Eigenversorgungsbestrebungen und des Wegfalls der Exporte.
Schluss
Der EU-Markt für Eisenschwamm (CN 7203) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei zentrale Trends prägen die Entwicklung:
Erstens hat sich das Handelsdefizit trotz sinkender Importmengen durch drastisch gestiegene Preise vertieft. Die EU zahlte 2025 für weniger Menge mehr Geld als 2015. Zweitens führten die Sanktionen gegen Russland nach 2022 zu einer gravierenden Umstrukturierung der Lieferantenlandschaft: Russlands einst dominante Rolle wurde durch Venezuela, die USA und Libyen teilweise ersetzt, was sich in sinkender Konzentration (HHI) niederschlägt. Drittens haben sich die EU-internen Importmuster verschoben – Österreich, Belgien und die Niederlande gewannen stark, während Deutschland und Spanien an Bedeutung verloren. Gleichzeitig ist die EU-Eigenproduktion von DRI um fast 40 % geschrumpft und die Exportpropensity auf unter 5 % gefallen.
Die extrem hohe Netto-Importabhängigkeit (83,9 % im Jahr 2025) und die anhaltende geopolitische Unsicherheit machen die EU-Abhängigkeit von DRI-Importen zu einem strategischen Risiko, das im Kontext der grünen Stahltransition – DRI gilt als Schlüsseltechnologie für die Defossilisierung der Stahlindustrie – an Relevanz zunehmen dürfte.