Marktentwicklung: Eisen- und Stahlschrott (CN 7204) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union (EU) für Eisen- und Stahlschrott (Zollcode 7204) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Der Zollcode 7204 umfasst diverse Abfall- und Schrottarten aus Eisen oder Stahl, einschließlich Späne und Blöcke, und ist ein zentraler Rohstoff für die Kreislaufwirtschaft und die Stahlproduktion. Die Auswertung der Daten zeigt eine tiefgreifende Transformation des Handelsmusters der EU, die von einer gesteigerten Exportorientierung, einer Umstrukturierung der Partnerschaften und signifikanten Preis- und Strukturverschiebungen geprägt ist. Produktdetails zu CN 7204
1. Vom Nettoimporteur zum signifikanten Nettoexporteur
Die EU hat ihre Position im globalen Handel mit Eisen- und Stahlschrott grundlegend verändert. Zu Beginn des Beobachtungszeitraums war die Union ein marginaler Nettoimporteur; zum Ende des Zeitraums weist sie einen beträchtlichen Handelsüberschuss auf.
1.1 Explosionsartiges Exportwachstum
Die Ausfuhren der EU in Drittländer sind zwischen 2015 und 2025 sowohl mengen- als auch wertmäßig stark angestiegen.
- Die Exportmenge stieg von rund 9,1 Mio. Tonnen im Jahr 2015 auf über 15,8 Mio. Tonnen im Jahr 2025 (Anstieg um 72,5 %).
- Der Exportwert erhöhte sich im selben Zeitraum um 120,5 % von 2,3 Mrd. EUR auf 5,1 Mrd. EUR.
- Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 255 EUR/t auf 326 EUR/t (+27,8 %). Allgemeine Handelsübersicht
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. EUR) | 2,33 | 5,14 | +120,5 |
| Exportmenge (Mio. t) | 9,14 | 15,76 | +72,5 |
| Durchschn. Exportpreis (EUR/t) | 255 | 326 | +27,8 |
1.2 Rückläufige Importe bei steigenden Preisen
Parallel zu den Exporten entwickelten sich die Importe in die EU widersprüchlich. Während die Wertimporte leicht stiegen, ging die physische Importmenge zurück.
- Die Importmenge sank von 5,24 Mio. Tonnen (2015) auf 4,79 Mio. Tonnen (2025), was einem Rückgang von 8,7 % entspricht.
- Der Importwert stieg dennoch um 9,1 % von 1,68 Mrd. EUR auf 1,83 Mrd. EUR, bedingt durch einen Preisanstieg von durchschnittlich 321 EUR/t auf 383 EUR/t (+19,6 %). Allgemeine Handelsübersicht
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mrd. EUR) | 1,68 | 1,83 | +9,1 |
| Importmenge (Mio. t) | 5,24 | 4,79 | -8,7 |
| Durchschn. Importpreis (EUR/t) | 321 | 383 | +19,6 |
1.3 Entwicklung eines großen Handelsüberschusses
Die divergente Entwicklung von Export- und Importvolumen führte zu einer vollständigen Umkehr der Handelsbilanz. Die EU wurde vom Nettoimporteur zum starken Nettoexporteur.
- Die Handelsbilanz (Wert) entwickelte sich von einem Überschuss von 652 Mio. EUR (2015) auf über 3,31 Mrd. EUR (2025). Dies entspricht einer Steigerung um 408 %.
- Die maximale Bilanz wurde 2022 mit über 5,4 Mrd. EUR erreicht, was auf einen globalen Nachfrageschock zurückzuführen ist. Netto-Importabhängigkeit
| Jahr | Handelsbilanz (Wert, Mrd. EUR) |
|---|---|
| 2015 | +0,65 |
| 2018 | +2,60 |
| 2021 | +5,03 |
| 2022 | +5,43 (Maximalwert) |
| 2025 | +3,31 |
2. Neuausrichtung der globalen Handelspartnerschaften
Die Handelsströme der EU haben sich zwischen 2015 und 2025 geografisch stark verlagert. Dies spiegelt geopolitische Veränderungen und Verschiebungen in der globalen Stahlnachfrage wider.
2.1 Importquellen: Rückgang aus Russland, Zunahme aus der Ukraine und den USA
Auf der Importseite sind signifikante Verschiebungen bei den Lieferländern zu beobachten. Der einst größte Lieferant, Russland, verlor stark an Bedeutung.
- Die Importe aus Russland brachen von 346 Mio. EUR (2015) auf nur noch 25 Mio. EUR (2025) ein, was einem Rückgang von 92,6 % entspricht. Dies ist sehr wahrscheinlich eine direkte Folge der Sanktionen nach 2022.
- Gegentrends: Die Importe aus der Ukraine stiegen um fast 1500 % (von 7 Mio. EUR auf 118 Mio. EUR). Ebenso nahmen die Lieferungen aus den USA (+209,7 %) und der Schweiz (+45,5 %) deutlich zu. Top-Handelspartner bei Importen
| Land | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Russland | 346 | 25 | -92,6 |
| Ukraine | 7 | 118 | +1.490,3 |
| USA | 78 | 242 | +209,7 |
| Vereinigtes Königreich | 573 | 461 | -19,5 |
2.2 Exportziele: Starke Ausrichtung auf Schwellenländer
Der steigende Exportbedarf wurde vor allem durch wachsende Märkte in der Türkei und in aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Afrikas gedeckt.
- Die Türkei blieb der mit Abstand wichtigste Exportmarkt, mit einem Anstieg des Exportwerts von 1,19 Mrd. EUR auf 3,05 Mrd. EUR (+157,5 %). Ihr Anteil an den EU-Exporten ist hoch.
- Signifikante Wachstumsraten verzeichneten auch Indien (+135,4 %), Pakistan (+207,3 %) und Ägypten (+519,6 %). Diese Länder entwickelten sich zu wichtigen Abnehmern, was auf ihre eigenen Industrialisierungs- und Infrastrukturprojekte hindeutet. Top-Handelspartner bei Exporten
| Land | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Türkei | 1.186 | 3.055 | +157,5 |
| Indien | 238 | 561 | +135,4 |
| Pakistan | 91 | 279 | +207,3 |
| Ägypten | 83 | 512 | +519,6 |
2.3 Verschärfte Exportkonzentration bei diversifizierter Importbasis
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) misst die Konzentration des Handels. Die Daten zeigen eine gegenläufige Entwicklung bei Importen und Exporten.
- Die Importkonzentration (HHI nach Wert) sank deutlich von 1816 auf 1235 (-32,0 %), was auf eine stärkere Diversifizierung der EU-Importquellen hindeutet.
- Die Exportkonzentration (HHI nach Wert) hingegen stieg von 2852 auf 3798 (+33,2 %). Dies bedeutet, dass die EU-Exporte in 2025 von weniger, aber größeren Abnehmerländern abhingen als 2015. Handelskonzentration (HHI)
3. Preisvolatilität und strukturelle Marktverschiebungen
Neben den Mengen und Partnern unterlagen auch die Preise und die innereuropäische Marktstruktur wesentlichen Veränderungen.
3.1 Asymmetrische Preisentwicklung und dokumentierte Schocks
Die durchschnittlichen Preise für Exporte und Importe sind gestiegen, jedoch mit unterschiedlicher Dynamik. Darüber hinaus lassen sich im Zeitraum 2021/2022 mehrere markante Preisschocks identifizieren.
- Der Importpreis (Anstieg von 321 auf 383 EUR/t, +19,6 %) stieg stärker als der Exportpreis (Anstieg von 255 auf 326 EUR/t, +27,8 % im Zeitraum, der Höchstpreis lag jedoch 2022 bei 433 EUR/t). Dies deutet auf eine insgesamt steigende Nachfrage nach hochwertigem Schrott hin.
- Preisschocks 2021: Analysedaten zeigen extreme Preisanomalien im Jahr 2021, insbesondere bei Exporten in die Türkei (Preisabweichung +47,8 %, Abnormalitätsscore 13,1) und Importen aus dem Vereinigten Königreich (+49,7 %, Score 21,4). Dies spiegelt globale Lieferkettenengpässe und Nachfrageüberhänge nach der COVID-19-Pandemie wider. Volatilität und Schocks
3.2 Dominanz des Generalschrotts (CN 720449) im Handelsvolumen
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt, dass der Handelsboom fast vollständig auf eine einzige Kategorie zurückzuführen ist: CN 720449 ("Abfälle und Schrott, aus Eisen oder Stahl" – der allgemeine, nicht spezifizierte Schrott).
- Dieses Segment machte 2025 rund 87 % der gesamten EU-Exportmenge und 84 % des -wertes aus. Seine Exportmenge verdoppelte sich nahezu (von 7,38 Mio. t auf 13,87 Mio. t).
- Die Importe in dieses Segment waren mengenmäßig relativ stabil (ca. 3,1–3,8 Mio. t), wiesen aber hohe Preisschwankungen auf (von 223 EUR/t in 2015 bis 415 EUR/t in 2022).
- Andere hochwertige Segmente wie nichtrostender Stahl (720421) zeigten mengenmäßig kein solches Wachstum, aber extreme Preisspitzen (Importpreis bis über 2.000 EUR/t). Produktsegment-Aufschlüsselung
3.3 Steigende innereuropäische Produktion und Handelsintensität
Der gesteigerte Export basiert auf einer massiven Ausweitung der innerschrittlichen Erfassung und Produktion von Schrott in der EU.
- Die EU-Produktion von Eisen- und Stahlschrott (gemessen in Kilogramm) stieg zwischen 2015 und 2025 um über 530 %. Der Produktionswert erhöhte sich um 414 %.
- Die Handelsintensität (Exportquote in Bezug auf die Produktion) explodierte von 0,1 % auf 22,5 %. Dies belegt, dass die EU ihre enorme innerschrittliche Schrottproduktion zunehmend exportiert, anstatt sie ausschließlich der eigenen Stahlindiversie zuzuführen. EU-Produktionsvolumen
Schluss
Zwischen 2015 und 2025 durchlief der EU-Handel mit Eisen- und Stahlschrott (CN 7204) eine bemerkenswerte Transformation. Die EU wandelte sich von einem leicht nettoimportabhängigen Markt zu einem der weltweit führenden Exporteure, was sich in einem Handelsüberschuss von über 3 Mrd. EUR äußert. Dieser Wandel wurde durch eine massive Steigerung der innerschrittlichen Schrottproduktion ermöglicht, die nun stark exportorientiert ist.
Die Handelsströme wurden geopolitisch und nachfragebedingt neu ausgerichtet: Der Importrückgang aus Russland wurde durch vielfältigere Quellen kompensiert, während die Exporte stark auf die Türkei und aufstrebende Volkswirtschaften in Asien und Afrika konzentriert sind. Die Preisentwicklung war von einer Volatilität geprägt, die die globale Rohstoffnachfrage und Lieferkettenstörungen widerspiegelt. Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende Bedeutung von Sekundärrohstoffen im globalen Wettbewerb und positioniert die EU als wichtigen Rohstofflieferanten für die internationale Stahlindustrie.