Marktentwicklung: Edelstahlschrott (CN 720421) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Entwicklung des EU-Außenhandels mit Edelstahlschrott (CN 720421) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Warenerfassung umfasst Abfälle und Schrott aus nichtrostendem Stahl (ausgenommen radioaktive Materialien sowie Batterien und Akkumulatoren), untergliedert in zwei Unterpositionen: 72042110 (Nickelgehalt ≥ 8 %) und 72042190 (übriger Edelstahlschrott). Im Untersuchungszeitraum vollzog sich eine tiefgreifende Strukturveränderung: Geopolitische Ereignisse veränderten die Handelsströme nachhaltig, die EU-Exporte konzentrierten sich zunehmend auf Indien, und die Handelsvolumina gingen insgesamt spürbar zurück. Der vorliegende Bericht beleuchtet diese Entwicklungen in drei Abschnitten.
1. Rückläufige Handelsvolumina bei steigenden Einheitspreisen
Der Gesamthandel ist über den Betrachtungszeitraum spürbar geschrumpft
Der EU-Außenhandel mit Edelstahlschrott hat sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite signifikant an Volumen verloren. Die Importmengen sanken von 481.067 t (2015) auf 317.615 t (2025), was einem Rückgang von 34,0 % entspricht. Die Exportmengen verloren 27,6 % — von 283.485 t auf 205.255 t. Auch wertmäßig gingen die Ströme zurück: Die Importe verloren 29,2 % (von 579,7 Mio. € auf 410,6 Mio. €), die Exporte 22,9 % (von 353,2 Mio. € auf 272,4 Mio. €).
Die folgende Tabelle zeigt die jährliche Entwicklung in Wert und Volumen:
| Jahr | Importe (Mio. €) | Exporte (Mio. €) | Saldo (Mio. €) | Importe (t) | Exporte (t) |
|---|---|---|---|---|---|
| 2015 | 579,7 | 353,2 | −226,5 | 481.067 | 283.485 |
| 2016 | 402,7 | 170,3 | −232,4 | 406.119 | 181.555 |
| 2017 | 448,2 | 268,5 | −179,7 | 390.983 | 277.189 |
| 2018 | 515,3 | 383,2 | −132,1 | 408.081 | 354.067 |
| 2019 | 437,8 | 450,2 | +12,4 | 394.371 | 431.969 |
| 2020 | 391,1 | 329,9 | −61,2 | 367.613 | 332.117 |
| 2021 | 647,3 | 439,4 | −208,0 | 433.779 | 279.784 |
| 2022 | 654,5 | 476,7 | −177,9 | 318.919 | 288.305 |
| 2023 | 637,5 | 423,1 | −214,4 | 419.097 | 306.279 |
| 2024 | 856,8 | 239,3 | −617,5 | 577.600 | 169.521 |
| 2025 | 410,6 | 272,4 | −138,2 | 317.615 | 205.255 |
Quelle: EU Trade Dashboard — Gesamtübersicht, berechnet aus den Segmentdaten.
Die Handelsbilanz zeigt eine wechselhafte, aber insgesamt verbesserte Entwicklung
Im gesamten Zeitraum schwankte die Handelsbilanz zwischen einem maximalen Defizit von −617,5 Mio. € (2024) und einem kurzzeitigen Überschuss von +12,4 Mio. € (2019). Im Jahr 2019 übertrafen die EU-Exporte (450,2 Mio. €) erstmals die Importe (437,8 Mio. €) — ein historischer Ausreißer, bedingt durch starkes Exportwachstum bei gleichzeitig moderaten Importen.
Die COVID-19-Pandemie (2020) dämpfte beide Handelsseiten; das Defizit sank auf −61,2 Mio. €. Der anschließende globale Rohstoffpreisboom 2021–2022 trieb sowohl Import- als auch Exportwerte in die Höhe, ohne die Bilanz grundlegend zu verändern. Der spektakulärste Ausschlag trat 2024 ein: Die Importe schossen auf 856,8 Mio. € (577.600 t) — den höchsten Wert des gesamten Zeitraums —, während die Exporte auf ihr Minimum von 239,3 Mio. € (169.521 t) fielen. 2025 normalisierte sich die Lage wieder (Defizit: −138,2 Mio. €).
Über den gesamten Zeitraum verbesserte sich die Nettimportabhängigkeit von −20,1 % auf −6,2 % — eine Verbesserung um 69,4 %.
Einheitspreise steigen langfristig, mit Höchstwerten 2022
Trotz rückläufiger Volumina stiegen die durchschnittlichen Einheitspreise über den Betrachtungszeitraum. Die Importpreise erhöhten sich von 1.205 €/t auf 1.293 €/t (+7,3 %), die Exportpreise von 1.246 €/t auf 1.327 €/t (+6,5 %). Der markanteste Preisschub trat 2021–2022 im Zuge des globalen Rohstoffbooms auf. Die maximalen Importpreise erreichten dabei 2.052 €/t, die maximalen Exportpreise 1.653 €/t. Nach 2022 normalisierten sich die Preise wieder, blieben aber über dem Vor-Corona-Niveau.
Die EU-Produktion und die Handelsintensität gehen leicht zurück
Parallel zum Rückgang des Handels sank auch die inländische Produktion um 6,7 % (von 36.000 kt auf 33.600 kt), der Produktionswert sank um 3,5 % (von 9.100 Mio. € auf 8.780 Mio. €). Die Handelsintensität — das Verhältnis von Gesamthandel zur Produktion — sank von 40,2 % auf 35,0 %, und die Exportquote verringerte sich von 31,4 % auf 23,5 %. Dies deutet darauf hin, dass ein wachsender Anteil des in der EU erzeugten Edelstahlschrotts im Binnenmarkt verbleibt — vermutlich infolge des Ausbaus der Kreislaufwirtschaft und gestiegener inländischer Nachfrage.
2. Geopolitische Brüche und die Neuausrichtung der Handelspartner
Russische Importe brachen nach Sanktionen fast vollständig zusammen
Der gravierendste geopolitische Schock im untersuchten Zeitraum war der Zusammenbruch der Importe aus Russland. Russland war 2015 mit 150,5 Mio. € der zweitgrößte Importpartner der EU. Bis 2025 sanken die Importe auf nur noch 3,0 Mio. € — ein Rückgang von 98,0 %. Die Sanktionen im Kontext des Ukraine-Krieges machten diesen Handelsstrom nahezu obsolet. Der Variationskoeffizient der russischen Importe liegt bei 0,72, was die sprunghafte Veränderung widerspiegelt.
Drei bedeutende asiatische Exportmärkte brachen ein
Parallel dazu verlor die EU auf der Exportseite drei wichtige asiatische Märkte:
| Partner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Korea, Rep. | 105,9 | 0,2 | −99,8 % |
| Taiwan | 38,6 | 0,4 | −99,0 % |
| China | 29,5 | 3,1 | −89,4 % |
Diese drei Märkte hatten 2015 zusammen 173,9 Mio. € an EU-Exporten absorbiert — knapp die Hälfte des gesamten EU-Exportwerts. 2025 waren es lediglich 3,7 Mio. €. Diese Entwicklung ist teilweise auf verschärfte chinesische Umweltvorschriften und Importbeschränkungen für Schrott zurückzuführen, die sich auf die Nachfrage in der gesamten ostasiatischen Region auswirkten.
Indien wurde zum dominanten Exportpartner der EU
Als Kehrseite des Wegfalls asiatischer Märkte stiegen die Exporte nach Indien von 134,6 Mio. € (2015) auf 222,6 Mio. € (2025), ein Plus von 65,4 %. Mit einem Anteil von 81,7 % am gesamten EU-Exportwert im Jahr 2025 wurde Indien zum mit Abstand wichtigsten Abnehmer. Die indischen Exportpreise verzeichneten 2021 einen außergewöhnlichen Preisschock: +49,6 % Preisänderung bei einer Abnormalität von 124,7 — das mit Abstand signifikanteste Schockereignis des gesamten Zeitraums.
Die Türkei bleibt stabilster Importpartner; Norwegen und Mexiko gewinnen hinzu
Auf der Importseite füllen neue Partner teilweise die Lücke, die der russische Rückzug hinterließ:
| Partner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 102,0 | 100,2 | −1,7 % |
| Schweiz | 70,7 | 53,7 | −24,1 % |
| Norwegen | 20,2 | 33,1 | +63,7 % |
| Mexiko | 14,2 | 24,0 | +69,3 % |
| USA | 36,8 | 16,3 | −55,6 % |
Die Türkei blieb mit rund 100 Mio. € über den gesamten Zeitraum der stabilste Importpartner. Norwegen (+63,7 %) und Mexiko (+69,3 %) verzeichneten die stärksten Zugewinne. Die Importkonzentration verringerte sich entsprechend: Der HHI sank von 1.262 auf 1.040 (−17,6 %), was auf eine breitere Diversifizierung der Bezugsquellen hindeutet.
Innerhalb der EU verlagern sich die Handelsströme deutlich
Auch innerhalb der EU verschoben sich die Handelsströme erheblich. Die Niederlande — Europas größter Edelstahlschrotthändler — verloren sowohl bei Importen (−54,8 %, von 268,2 Mio. € auf 121,3 Mio. €) als auch bei Exporten (−63,6 %, von 212,5 Mio. € auf 77,4 Mio. €) stark an Gewicht. Deutschland hielt seine Position als zweitgrößter Exporteur stabil (40,3 → 46,0 Mio. €, +14,1 %). Bemerkenswert ist Italiens Aufstieg zum am stärksten wachsenden Exporteur (+272,4 %, von 9,5 Mio. € auf 35,4 Mio. €). Auch Belgien (+85,7 %) und Schweden (+42,1 %) gewannen als Exporteure deutlich hinzu.
3. Wachsende Exportkonzentration und erhöhte Marktverwundbarkeit
Die Exportkonzentration hat sich auf ein kritisches Niveau erhöht
Die Konzentration der EU-Exporte hat sich im Zeitraum dramatisch verschärft. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) nach Wert stieg von 2.591 auf 6.782 (+161,8 %). Ein HHI über 2.500 gilt bereits als hochkonzentriert; der Wert von 6.782 entspricht einer nahezu monopolistischen Struktur, bedingt durch die Dominanz Indiens mit über 81 % der EU-Exporte. Zum Vergleich: Die Importkonzentration verbesserte sich im gleichen Zeitraum.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.262 | 1.040 | −17,6 % |
| HHI Exporte (Wert) | 2.591 | 6.782 | +161,8 % |
Preis-Schocks betreffen insbesondere den indischen Handelsstrom
Die Schockanalyse identifizierte drei signifikante Preis-Schocks im Zeitraum:
| Schockereignis | Richtung | Zeitpunkt | Preisänderung | Abnormalität | Wertanteil |
|---|---|---|---|---|---|
| Indien (Export) | Export | 2021 | +49,6 % | 124,7 | 73,1 % |
| Kasachstan (Import) | Import | 2018 | +67,9 % | 12,5 | 5,3 % |
| Schweiz (Import) | Import | 2021 | +45,1 % | 10,7 | 15,2 % |
Der mit Abstand bedeutendste Schock betraf die indischen Exportpreise im Jahr 2021. Mit einer Abnormalität von 124,7 und einem Anteil von 73,1 % am Gesamtwert war dies das dominierende Marktereignis. Der einjährige Preisanstieg von 49,6 % unterstreicht sowohl Indiens Preisgestaltungsmacht als auch die Verwundbarkeit der EU bei stark konzentrierten Exporten.
Die Volatilität variiert erheblich zwischen den Handelspartnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass einzelne Handelspartner deutlich höhere Schwankungen aufweisen als andere. Besonders volatil sind die Exportströme nach Korea (CV: 2,95), in die USA (CV: 1,77) und nach Norwegen (CV: 1,39). Auf der Importseite weisen die USA (CV: 1,16) und Kasachstan (CV: 1,15) die höchste Volatilität auf. Die Türkei (CV: 0,23) und die Schweiz (CV: 0,09) als Importpartner zeichnen sich dagegen durch bemerkenswerte Stabilität aus.
Das hochlegierte Segment verliert stark an Bedeutung im Export
Die Produktsegmentanalyse offenbart eine bemerkenswerte Verschiebung zwischen den beiden Unterpositionen. Der hochlegierte Edelstahlschrott (72042110, Nickelgehalt ≥ 8 %) verlor auf der Exportseite massiv an Gewicht:
Exporte nach Segment:
| Segment | 2015 (t) | 2025 (t) | Δ | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Δ |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 72042110 (Ni ≥ 8 %) | 150.885 | 55.178 | −63,4 % | 195,9 | 92,8 | −52,6 % |
| 72042190 (übrige) | 132.600 | 150.077 | +13,2 % | 157,4 | 179,6 | +14,1 % |
Importe nach Segment:
| Segment | 2015 (t) | 2025 (t) | Δ | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Δ |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 72042110 (Ni ≥ 8 %) | 340.607 | 193.560 | −43,2 % | 429,7 | 271,1 | −36,9 % |
| 72042190 (übrige) | 140.460 | 124.050 | −11,7 % | 150,0 | 139,5 | −7,0 % |
Der hochlegierte Anteil (72042110) dominierte 2015 noch mit 53 % der Exportmengen; 2025 lag sein Anteil nur noch bei 27 %. Dies könnte darauf hindeuten, dass hochwertiger, nickelreicher Edelstahlschrott zunehmend in der EU zurückgehalten und im Inland verwertet wird — im Einklang mit den Zielen der europäischen Kreislaufwirtschaft. Auf der Importseite blieb die Zusammensetzung stabiler, wobei 72042110 weiterhin den größten Anteil ausmachte.
Die EU-Spezialisierung konzentriert sich auf wenige Mitgliedstaaten
Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass der EU-weite Edelstahlschrotthandel stark von wenigen Mitgliedstaaten getragen wird. Deutschland dominiert mit einem Anteil von 42,9 % an der EU-Produktion (RCA: 2,03), gefolgt von den Niederlanden (18,7 %, RCA: 1,29). Estland (RCA: 4,07) und Lettland (RCA: 2,77) sind zwar hochspezialisiert, spielen volumenmäßig jedoch eine untergeordnete Rolle.
Schluss
Der EU-Markt für Edelstahlschrott (CN 720421) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei Entwicklungen prägen das Gesamtbild:
Erstens sind die Handelsvolumina — sowohl bei Importen als auch bei Exporten — spürbar geschrumpft, während die Einheitspreise langfristig stiegen, mit einem Spitzenwert 2022. Zweitens haben geopolitische Ereignisse die Handelspartnerstruktur nachhaltig umgezeichnet: Der russische Importeinbruch (−98 %), der Zusammenbruch der ostasiatischen Exportmärkte (Korea −99,8 %, Taiwan −99,0 %, China −89,4 %) und der Aufstieg Indiens zum dominanten Abnehmer haben die Handelsströme vollständig neu ausgerichtet. Drittens hat sich die Exportkonzentration mit einem HHI von 6.782 auf ein kritisches Niveau erhöht — die EU ist bei ihren Edelstahlschrott-Exporten fast vollständig von einem einzigen Partner abhängig.
Die kurzfristige Handelsbilanz zeigt bemerkenswerte Volatilität: von einem Überschuss 2019 (+12,4 Mio. €) über ein moderates Defizit 2020 (−61,2 Mio. €) bis hin zu einem Rekorddefizit von −617,5 Mio. € im Jahr 2024, bedingt durch einen außergewöhnlichen Importanstieg. Die langfristige Nettimportabhängigkeit verbesserte sich dennoch um 69,4 %, und die sinkende Exportquote (von 31,4 % auf 23,5 %) deutet auf eine zunehmende Verwertung von Edelstahlschrott im EU-Binnenmarkt hin. Der extreme Rückgang der Exporte hochlegierten Schrotts (72042110: −63,4 % in Volumen) stützt diese These.
Für die Zukunft birgt die extreme Exportabhängigkeit von Indien ein erhebliches geopolitisches und marktwirtschaftliches Risiko. Gleichzeitig bieten die tendenziell verbesserte Handelsbilanz und die gestiegene inländische Verwertungskapazität eine gewisse Resilienz. Die Frage, ob die EU ihre Exportbasis künftig breiter aufstellen kann, wird die weitere Marktentwicklung maßgeblich bestimmen.