Marktentwicklung: Alteisen (CN 720449) — 2015–2025
Einleitung
Der Handel der Europäischen Union mit Eisen- und Stahlschrott (KN-Code 720449) hat sich im Zeitraum 2015 bis 2025 erheblich verändert. Die EU ist in diesem Segment durchgehend ein Nettexporteur — eine Tatsache, die angesichts der Bedeutung von Schrott als Sekundärrohstoff für die Stahlproduktion sowie der EU-Klimapolitik (u. a. Emissionshandel, CBAM) von besonderer strategischer Relevanz ist. Der Gesamtüberblick über den Handelsverlauf zeigt eine Phase starken Wachstums (2015–2022), gefolgt von einer partiellen Korrektur in den Jahren 2023–2025.
Im Folgenden werden die drei zentralen Dynamiken dieses Marktes analysiert: das überproportionale Exportwachstum und die sich vertiefende Handelsbilanz, die geografische Konzentration und Neuausrichtung der Handelspartnerströme sowie die Preisvolatilität und den markanten Preisschock des Jahres 2021.
1. Deutliches Exportwachstum und steigender Nettexporteurstatus der EU
Die Exporte haben sich fast verdreifacht, während die Importe nur moderat stiegen
Im Zeitraum 2015–2025 verzeichneten die EU-Ausfuhren von Eisen- und Stahlschrott ein außergewöhnliches Wachstum:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. €) | 1,59 | 4,32 | +171,7 % |
| Exportmenge (Mio. t) | 7,38 | 13,87 | +87,9 % |
| Exportpreis (€/t) | 215 | 311 | +44,7 % |
| Importwert (Mrd. €) | 0,80 | 1,16 | +44,5 % |
| Importmenge (Mio. t) | 3,60 | 3,80 | +5,6 % |
| Importpreis (€/t) | 223 | 305 | +36,8 % |
Quelle: Handelsübersicht
Während die Exportmengen um rund 88 % stiegen, wuchs die Importmenge lediglich um 5,6 %. Dies führte zu einer massiven Ausweitung des Handelsbilanzüberschusses: von 786 Mio. € im Jahr 2015 auf 3,16 Mrd. € im Jahr 2025 — eine Steigerung um 301,8 %. Der Höchstwert wurde 2022 mit 5,14 Mrd. € erreicht.
Die EU ist ein struktureller Nettexporteur von Schrott
Die Nettoimportabhängigkeit lag über den gesamten Zeitraum im negativen Bereich, was bedeutet, dass die EU mehr Schrott ausführt als einführt. Im Jahr 2023 betrug der Wert −23,2 %, bevor er 2024 auf −6,2 % zurückging. Die Produktion von Eisen- und Stahlschrott in der EU belief sich 2022–2024 auf rund 32–36 Mrd. kg jährlich (Produktionsvolumina), was die EU zu einem der größten Schrottproduzenten weltweit macht.
Innerhalb der EU dominieren wenige Staaten den Extranschrott-Handel
Die Hauptexporteure innerhalb der EU im Jahr 2025 sind:
| EU-Staat | Exportwert 2025 (Mio. €) | Veränderung vs. 2015 |
|---|---|---|
| Niederlande | 966 | +187,9 % |
| Belgien | 723 | +89,2 % |
| Rumänien | 359 | +247,3 % |
| Deutschland | 353 | +187,2 % |
| Dänemark | 343 | +260,6 % |
| Litauen | 243 | +278,3 % |
| Polen | 278 | +1.567,4 % |
Polen zeigt mit einer Steigerung von knapp 17 Mio. € auf 278 Mio. € das mit Abstand stärkste relatives Wachstum. Die Niederlande und Belgien sind die absoluten Haupttransit- und Exporthäfen, was mit ihrer geografischen Lage und den großen Hafenanlagen (Rotterdam, Antwerpen) zusammenhängt.
2. Geografische Konzentration: Türkei als dominierter Exportpartner und geopolitische Umbrüche bei Importen
Die Türkei absorbiert den Großteil der EU-Schrottausfuhren
Die Partneranalyse zeigt eine bemerkenswerte Konzentration der EU-Exporte auf die Türkei:
| Partnerland | Exportwert 2021 (Mio. €) | Anteil am Export-HHI | Exportwert 2025 (Mio. €) |
|---|---|---|---|
| Türkei | 4.287 | 82,6 % | 2.760 |
| Ägypten | 649 | 10,7 % | 497 |
| Indien | 122 | 6,7 % | 269 |
| Pakistan | 320 | — | 257 |
Im Jahr 2021 gingen 82,6 % der gesamten EU-Schrottausfuhren in die Türkei — ein außergewöhnlicher Konzentrationsgrad. Die türkische Stahlindustrie ist aufgrund ihrer großen Elektrolichtbogenofen-Kapazitäten auf Importe von Alteisen angewiesen. Allerdings sank der türkische Anteil von 4,29 Mrd. € (2021) auf 2,76 Mrd. € (2025), was auf eine gewisse Diversifizierung hindeutet. Das Export-HHI sank von 4.793 (2015) auf 4.316 (2025), bleibt aber auf einem hohen Niveau, was die anhaltende Abhängigkeit von der Türkei widerspiegelt.
Der Importmarkt hat sich stärker diversifiziert
Die Importstruktur zeigt eine signifikante Verschiebung:
| Importpartner | Wert 2015 (Mio. €) | Wert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 454 | 373 | −17,8 % |
| Schweiz | 79 | 179 | +125,6 % |
| Norwegen | 65 | 134 | +106,6 % |
| USA | 27 | 189 | +602,4 % |
| Russische Föderation | 107 | 22 | −79,0 % |
| Ukraine | 5 | 100 | +1.843,3 % |
| Israel | 3 | 57 | +1.762,2 % |
Das Import-HHI sank von 3.564 auf 1.792 — ein Rückgang um 49,7 % (Importkonzentration). Das Vereinigte Königreich bleibt der wichtigste Importeur, hat seinen Anteil aber leicht reduziert. Dramatische Veränderungen gab es bei Russland und der Ukraine: Die Importe aus Russland fielen von 107 Mio. € auf 22 Mio. €, was mit den Sanktionen nach 2022 zusammenhängt. Umgekehrt stiegen die Importe aus der Ukraine von praktisch null (2019: 3.000 €) auf 100 Mio. € (2025) — ein Zusammenhang, der vermutlich mit dem Wiederaufbaubedarf und der ukrainischen Stahlindustriekrise nach dem Kriegsbeginn 2022 erklärt werden kann.
Innerhalb der EU zeigen sich divergierende Spezialisierungsmuster
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass vor allem kleinere EU-Staaten (Zypern, Kroatien, Tschechien, Slowenien, Dänemark) eine positive Spezialisierung aufweisen, während große Volkswirtschaften wie Italien (RSCA: −0,90) und Spanien (RSCA: −0,63) unterdurchschnittlich spezialisiert sind — ein Hinweis darauf, dass diese Länder Schrott primär für die heimische Stahlproduktion verwenden.
3. Preisvolatilität und der Preisschock von 2021
Das Jahr 2021 markierte einen historischen Preisschock im Stahlschrotthandel
Die Preisentwicklung zeigt einen klaren Wendepunkt im Jahr 2021, der als globaler Rohstoffpreisschock einzuordnen ist:
| Jahr | EU-Exportpreis (€/t) | EU-Importpreis (€/t) |
|---|---|---|
| 2019 | 249 | 245 |
| 2020 | 235 | 227 |
| 2021 | 358 | 372 |
| 2022 | 409 | 415 |
| 2023 | 363 | 346 |
| 2024 | 361 | 344 |
| 2025 | 311 | 305 |
Quelle: Handelsübersicht
Im Jahr 2021 stiegen die Exportpreise um rund 52 % gegenüber 2020, die Höchstwerte wurden 2022 bei 409 €/t (Export) bzw. 415 €/t (Import) erreicht. Die Schwellenereignis-Analyse identifiziert 2021 als den zentralen Schockzeitpunkt für mehrere Partnerländer gleichzeitig:
| Schockland | Typ | Preissprung 2021 | Abnormalitätswert | Volumenanteil |
|---|---|---|---|---|
| Indien (Export) | Preis | +69,8 % | 46,9 | 6,7 % |
| Norwegen (Import) | Preis | +53,0 % | 15,6 | 14,5 % |
| VK (Import) | Preis | +58,9 % | 13,9 | 49,0 % |
| Türkei (Export) | Preis | +47,9 % | 12,6 | 82,6 % |
Quelle: Schockereignisse
Die Mengenvolatilität variiert stark zwischen den Handelspartnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass bestimmte Handelsbeziehungen erheblich instabiler sind als andere. Auf der Exportseite weisen Bangladesch (CV: 1,03) und Moldawien (CV: 0,77) die höchste Mengenvolatilität auf, während die Handelsströme mit der Türkei (CV: 0,20) und dem VK (CV: 0,17) relativ stabil sind. Auf der Importseite ist die Ukraine (CV: 1,56) der volatilste Partner, gefolgt von Venezuela (CV: 1,13) und dem Libanon (CV: 0,98).
Preiseffekte hielten über den Schock hinaus an
Auffällig ist, dass die Preise nach dem Schock von 2021 nicht auf ihr Vorkrisenniveau zurückkehrten. Die Türkei als Hauptabnehmer zahlte 2019 noch 243 €/t, 2023 lagen die Preise bei 350 €/t — eine dauerhafte Höherbewertung. Dies deutet auf eine strukturelle Veränderung des Marktpreisniveaus hin, die über den konjunkturellen Schock hinausgeht und möglicherweise mit der zunehmenden Nachfrage nach Sekundärrohstoffen im Zuge der Dekarbonisierung der Stahlindustrie zusammenhängt.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Eisen- und Stahlschrott (KN 720449) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die EU hat ihre Position als globaler Nettexporteur von Schrott erheblich ausgebaut, mit einem Handelsbilanzüberschuss, der sich mehr als vervierfacht hat. Gleichzeitig bleibt die Exportseite stark auf die Türkei konzentriert, was trotz leichter Diversifizierung ein erhebliches Abhängigkeitsrisiko darstellt. Auf der Importseite hat sich die Quellenstruktur durch geopolitische Ereignisse — insbesondere die russischen Sanktionen und den Ukraine-Krieg — deutlich verändert. Der Preisschock von 2021 hat das Preisniveau nachhaltig angehoben, was sowohl die Einnahmen der EU-Exporteure erhöht als auch die Kosten für importierende Schrott-Länder gesteigert hat. Angesichts der wachsenden Bedeutung von Kreislaufwirtschaft und grünem Stahl dürfte Alteisen als Sekundärrohstoff in den kommenden Jahren weiter an strategischer Bedeutung gewinnen — sowohl für die EU als Lieferant als auch für die globalen Abnehmerländer.