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Marktentwicklung: Stahlschrott (CN 72044910) — 2015–2025

Einführung

Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollprodukt 72044910 — Abfälle und Schrott, aus Eisen oder Stahl, geschreddert im Zeitraum von 2015 bis 2025. Der CN-Code 72044910 erfasst geschredderten Eisen- und Stahlschrott — ein zentraler Sekundärrohstoff für die europäische Stahlindustrie und den globalen Kreislauf der Metallverwertung. Im analysierten Zeitraum vollzog die EU eine bemerkenswerte Transformation: Von einem moderaten Nettoexporteur entwickelte sie sich zu einem der weltweit führenden Exporteure dieses Rohstoffs, begleitet von tiefgreifenden geopolitischen und konjunkturellen Umbrüchen, die Handelsströme, Preisbildung und Partnerschaftsstrukturen nachhaltig verändert haben.


1. Von moderaten Überschüssen zum Exportboom: Die EU als globaler Scrap-Lieferant

1.1 Exportwachstum übertrifft Importentwicklung um ein Vielfaches

Die EU-Exporte von geschreddertem Stahlschrott haben sich im Betrachtungszeitraum nahezu verdreifacht — sowohl im Wert als auch, wenngleich abgeschwächt, im Volumen:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert 418,5 Mio. € 1.041,2 Mio. € +148,8 %
Exportvolumen 1.952.253 t 3.351.752 t +71,7 %
Exportpreis 214 €/t 311 €/t +44,9 %
Importwert 276,9 Mio. € 365,9 Mio. € +32,2 %
Importvolumen 1.240.532 t 1.150.081 t −7,3 %
Importpreis 223 €/t 318 €/t +42,6 %
Handelsbilanz +141,6 Mio. € +675,3 Mio. € +376,9 %

(Quelle: Handelsübersicht)

Die Exporte überstiegen die Importe über den gesamten Zeitraum hinweg. Bemerkenswert ist, dass der Exportwert im Höchstjahr 1.611,1 Mio. € erreichte (vermutlich 2022), bevor er sich bis 2025 auf 1.041,2 Mio. € konsolidierte. Die Importe hingegen blieben mit einem Maximum von 448,9 Mio. € deutlich darunter und stagnierten mengenmäßig sogar rückläufig (−7,3 %). Die Handelsbilanz verbesserte sich um fast das Fünffache — ein klarer Indikator für die zunehmende Rolle der EU als Nettoexporteur.

1.2 Preisentwicklung: Langfristiger Aufwärtstrend mit dramatischem Höhenflug 2021–2022

Sowohl Export- als auch Importpreise folgten einem langfristig steigenden Trend, wobei der Preisanstieg mit 44,9 % (Exporte) bzw. 42,6 % (Importe) etwas hinter dem Wertewachstum der Exporte zurückblieb — was auf das zusätzlich hohe Volumenwachstum zurückzuführen ist.

Die Daten deuten auf einen ausgeprägten Preisschock in den Jahren 2021–2022 hin, wie die Volatilitätsanalyse bestätigt. Für die drei wichtigsten Handelspartner wurden signifikante Preisschocks im Jahr 2021 identifiziert:

Partner Schocktyp Abnormalität Preissprung Anteil am Gesamtwert
Norwegen (Importe) Preis 57,2 +54,6 % 31,0 %
Pakistan (Exporte) Preis 33,2 +58,2 % 11,1 %
Türkei (Exporte) Preis 11,1 +47,2 % 73,8 %

Diese Preisbewegungen sind in den globalen Rohstoffboom nach der COVID-19-Pandemie einzuordnen: Nachfrageerholung, Energiekostenanstieg und Engpässe in der Stahlproduktion trieben die Schrottpreise weltweit auf Rekordhöhen. Besonders betroffen war der Export in die Türkei, die mit 73,8 % am Gesamtwert beteiligt war — ein einzelner Preisschock hier hatte entsprechend weitreichende Auswirkungen auf die gesamte EU-Exportdynamik.

1.3 Nettoimportabhängigkeit: Vom starken Überschuss zur Konsolidierung

Die Nettoimportabhängigkeit — definiert als (Importe − Exporte) / Produktion — unterstreicht die Transformation:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Nettoimportabhängigkeit −20,1 % −6,2 % +69,4 %
Handelsintensität 40,2 % 35,0 % −12,8 %
Exportquote 31,4 % 23,5 % −25,1 %

(Quelle: Vulnerabilitätsindikatoren)

Der negative Wert bedeutet stets einen Nettoexport — und die Annäherung an Null zeigt, dass sich die EU-Produktion und die Exporte angleichen. Gleichzeitig sank die Handelsintensität und die Exportquote — was auf fallende Inlandsproduktion bei gleichzeitig hoch bleibenden Exportmengen hindeutet: Immer mehr des inländischen Schrottaufkommens verlässt die EU.


2. Geopolitische Umbrüche und die Neuaufstellung der Handelspartner

2.1 Importseite: Russlands Zusammenbruch und der Aufstieg des Vereinigten Königreichs

Die geopolitischen Ereignisse seit 2022 — insbesondere die Sanktionen gegen Russland nach dem Angriff auf die Ukraine — haben die Importstruktur der EU grundlegend verändert:

Herkunftsland Importwert 2015 Importwert 2025 Veränderung
Vereinigtes Königreich 125,7 Mio. € 158,9 Mio. € +26,4 %
Norwegen 46,0 Mio. € 86,9 Mio. € +89,0 %
Schweiz 18,5 Mio. € 27,6 Mio. € +49,5 %
Nordmazedonien 6,1 Mio. € 20,7 Mio. € +238,1 %
Serbien 4,8 Mio. € 8,5 Mio. € +78,4 %
Russische Föderation 43,7 Mio. € 63 € −100,0 %

Der vollständige Zusammenbruch der Importe aus Russland — von 43,7 Mio. € auf praktisch null — ist das auffälligste Ergebnis der Sanktionspolitik. Das Vereinigtes Königreich festigte seine Position als wichtigster Importpartner, während Norwegen mit einem Anstieg von 89 % zum zweitgrößten Lieferanten aufstieg. Die Balkanländer Nordmazedonien und Serbien gewannen als regionale Ersatzlieferanten an Bedeutung.

2.2 Exportseite: Die Türkei als dominanter Abnehmer — und die Diversifizierung nach Asien und Afrika

Die Exportseite zeigt eine klare Konzentration auf die Türkei, die über den gesamten Zeitraum der mit Abstand wichtigste Exportpartner blieb:

Zielland Exportwert 2015 Exportwert 2025 Veränderung Volatilität (CV)
Türkei 256,3 Mio. € 655,7 Mio. € +155,8 % 0,25
Pakistan 36,4 Mio. € 92,6 Mio. € +154,4 % 0,35
Ägypten 0,04 Mio. € 70,0 Mio. € +196.002 % 0,78
Norwegen 1,0 Mio. € 69,1 Mio. € +6.659 % 0,68
Moldau 1,2 Mio. € 18,9 Mio. € +1.478 % 0,97
Vereinigte Staaten 23,2 Mio. € 17,8 Mio. € −23,6 % 0,63

(Quelle: Top-Handelspartner)

Die Türkei — mit einer großen Elektrostahlindustrie, die auf importierten Schrott angewiesen ist — absorbierte in Spitzenjahren über 1 Mrd. € an EU-Schrottexporten. Gleichzeitig expandierten die Exporte nach Asien (Pakistan: +154 %) und Nordafrika (Ägypten: exponentielles Wachstum von nahezu null) — ein Zeichen für die Diversifizierung der Abnehmerstruktur. Die hohe Volatilität bei Moldau (CV: 0,97) und Ägypten (CV: 0,78) deutet darauf hin, dass diese Märkte noch keine etablierten Handelsbeziehungen darstellen, sondern von Einzeltransaktionen dominiert werden.

2.3 Umstrukturierung der EU-internen Exportlandschaft

Innerhalb der EU verschob sich die Rolle der einzelnen Mitgliedstaaten als Exporteure erheblich:

Mitgliedstaat Exportwert 2015 Exportwert 2025 Veränderung
Rumänien 85,1 Mio. € 179,9 Mio. € +111,3 %
Schweden 66,8 Mio. € 154,5 Mio. € +131,3 %
Belgien 10,5 Mio. € 122,5 Mio. € +1.072 %
Litauen 31,1 Mio. € 85,0 Mio. € +172,9 %
Dänemark 45,3 Mio. € 82,5 Mio. € +82,1 %
Niederlande 12,3 Mio. € 43,5 Mio. € +253,5 %
Frankreich 21,6 Mio. € 42,9 Mio. € +98,8 %

(Quelle: EU-Reporter nach Exportwert)

Rumänien und Schweden stiegen zu den führenden Exporteuren auf — vermutlich unterstützt durch ihre geografische Nähe zur Türkei (Rumänien) bzw. die hohe Stahlschrott-Verfügbarkeit aus dem Bergbau und der Schwerindustrie (Schweden). Besonders bemerkenswert ist Belgiens Anstieg um über 1.000 % — ein Hinweis auf den Hafen Antwerpen als zentralen Umschlagplatz für Schrottexporte. Auf der Importseite zeigt sich ein gegenläufiges Bild: Die Niederlande stiegen zum drittgrößten Importeur auf (von 4,4 Mio. € auf 82,5 Mio. €), während Deutschland seine Importe von 59,4 Mio. € auf 19,7 Mio. € drastisch reduzierte (−66,9 %).


3. Marktstruktur, Spezialisierung und Preisvolatilität

3.1 Produktion: Rückgang der EU-internen Schrottverfügbarkeit

Die EU-eigene Produktion von geschreddertem Stahlschrott ging im Betrachtungszeitraum leicht zurück:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Produktionsmenge 36,0 Mrd. kg 33,6 Mrd. kg −6,7 %
Produktionswert 9,1 Mrd. € 8,8 Mrd. € −3,5 %

Die rückläufige Produktion bei gleichzeitig steigenden Exporten verstärkt den Eindruck einer zunehmenden Verknappung von Sekundärrohstoffen im EU-Binnenmarkt. Die europäische Stahlindustrie steht damit vor der Herausforderung, ihre Rohstoffbasis sowohl mengen- als auch preismäßig zu sichern.

3.2 Markt-Spezialisierung: Wer exportiert, wer importiert?

Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass bestimmte EU-Mitgliedstaaten eine überdurchschnittliche Exportkompetenz aufweisen:

Mitgliedstaat RSCA RCA Anteil an Produktion Anteil am Gesamthandel
Tschechien 0,488 2,905 14,0 % 4,8 %
Kroatien 0,449 2,629 1,1 % 0,4 %
Portugal 0,444 2,595 3,6 % 1,4 %
Frankreich 0,433 2,526 19,7 % 7,8 %
Dänemark 0,360 2,123 3,7 % 1,7 %

Auf der anderen Seite weisen große Volkswirtschaften wie Italien (RSCA: −0,846) und Deutschland eine negative Spezialisierung auf — sie sind Nettoimporteure von Schrott. Die geografische Verteilung der Spezialisierung folgt dabei einer klaren Logik: Osteuropäische Länder mit wachsender Stahlproduktion (Tschechien, Rumänien) und skandinavische Länder mit hoher Recyclingquote (Dänemark, Schweden) sind die natürlichen Exporteure.

3.3 Konzentration und Preisvolatilität: Ein Markt mit wenigen Schlüsselakteuren

Die Konzentration auf dem Exportmarkt ist hoch und hat zugenommen:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
HHI Exporte (Wert) 3.962 4.164 +5,1 %
HHI Exporte (Volumen) 3.859 4.308 +11,6 %
HHI Importe (Wert) 2.700 2.595 −3,9 %
HHI Importe (Volumen) 2.659 2.421 −9,0 %

Ein HHI über 2.500 gilt als Zeichen einer moderaten Konzentration; Werte über 4.000 deuten auf hohe Konzentration hin. Die Exportseite mit einem HHI von über 4.100 zeigt, dass die EU-Ausfuhren stark auf wenige Partner — allen voran die Türkei — konzentriert sind. Die Importseite hingegen wurde etwas diversifizierter (HHI-Rückgang um knapp 4 %), was teilweise den Wegfall Russlands und die Aufteilung seiner Anteile auf mehrere Lieferanten widerspiegelt.

Die Preisvolatilität variiert je nach Partner stark. Auf der Importseite fallen Israel (CV: 1,81) und die Russische Föderation (CV: 1,26) durch extreme Schwankungen auf — bei Russland ist dies auf den plötzlichen Handelsstopp zurückzuführen. Auf der Exportseite weisen Moldau (CV: 0,97) und Belarus (CV: 0,91) die höchsten Schwankungen auf, was auf instabile Handelsbeziehungen in der östlichen Nachbarschaft hindeutet.


Schlussfolgerung

Die Analyse des EU-Außenhandels mit geschreddertem Stahlschrott (CN 72044910) im Zeitraum 2015–2025 offenbart drei zentrale Trends:

Erstens hat sich die EU von einem moderaten zu einem erheblichen Nettoexporteur entwickelt. Die Exporte verdreifachten sich nahezu (Wert: +149 %), während die Importe mengenmäßig sogar rückläufig waren. Die Handelsbilanz verbesserte sich um fast das Fünffache — ein struktureller Wandel, der auf die steigende globale Nachfrage nach Sekundärrohstoffen bei gleichzeitig rückläufiger EU-Inlandsproduktion (−6,7 %) zurückzuführen ist.

Zweitens haben geopolitische Ereignisse — insbesondere die Sanktionen gegen Russland und die Konjunkturerholung nach COVID-19 — die Handelsströme grundlegend neu geordnet. Russland als einst bedeutender Importpartner fiel vollständig aus, während die Türkei ihre Dominanz als Exportziel weiter ausbaute. Neue Exportmärkte in Nordafrika (Ägypten), Südasien (Pakistan) und Osteuropa (Moldau) gewannen an Bedeutung, bleiben aber volatil.

Drittens birgt die zunehmende Exportkonzentration und der gleichzeitige Rückgang der Inlandsproduktion mittelfristige Risiken für die Versorgungssicherheit der europäischen Stahlindustrie mit Sekundärrohstoffen. Der hohe HHI-Wert von über 4.100 auf der Exportseite und die fallende Exportquote bei gleichzeitig steigenden Exportvolumina deuten darauf hin, dass ein wachsender Anteil des in der EU anfallenden Schrotts ins Ausland abfließt — eine Entwicklung, die im Kontext der europäischen Kreislaufwirtschaftsstrategie und der Rohstoffstrategie kritisch zu beobachten ist.

Erstellt am 2026-08-08. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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