Marktentwicklung: Edelstahlschrott (CN 72042110) — 2015–2025
Einleitung
Der europäische Markt für Edelstahlschrott mit einem Nickelgehalt von mindestens 8 % (CN 72042110) hat sich im Zeitraum 2015 bis 2025 grundlegend verändert. Dieses Sekundärrohstoffsegment — eingebettet in die Kreislaufwirtschaft der Edelstahlindustrie und zunehmend auch relevant für die nickelbasierte Batterieproduktion — zeichnet sich durch drei zentrale Dynamiken aus: einen anhaltenden Rückgang der Handelsvolumina bei gleichzeitig steigenden Preisen, eine geopolitisch bedingte Umgestaltung der Handelsbeziehungen sowie eine zunehmende innereuropäische Selbstversorgung. Der vorliegende Bericht analysiert diese Entwicklungen auf Grundlage der verfügbaren Handelsdaten der EU im Zeitraum 2015–2025.
1. Struktureller Volumenrückgang bei steigenden Einheitspreisen
1.1 Sowohl die Import- als auch die Exportvolumina sind im gesamten Zeitraum deutlich gesunken
Der Gesamthandel der EU mit Edelstahlschrott hat sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite erheblich abgenommen. Die Einfuhren sanken im Wert von 430 Mio. € (2015) auf 271 Mio. € (2025), was einem Rückgang von 36,9 % entspricht. Mengenmäßig fielen die Importe von 340.607 t auf 193.560 t (−43,2 %). Noch drastischer war der Rückgang bei den Ausfuhren: Der Exportwert halbierte sich von 196 Mio. € auf 93 Mio. € (−52,6 %), und die exportierte Menge brach von 150.885 t auf 55.178 t ein (−63,4 %). Die Handelsbilanz blieb über den gesamten Zeitraum negativ — die EU ist und bleibt Nettoimporteur von Edelstahlschrott —, verbesserte sich aber von −234 Mio. € auf −178 Mio. € (+23,7 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (Wert) | 430 Mio. € | 271 Mio. € | −36,9 % |
| Importe (Menge) | 340.607 t | 193.560 t | −43,2 % |
| Exporte (Wert) | 196 Mio. € | 93 Mio. € | −52,6 % |
| Exporte (Menge) | 150.885 t | 55.178 t | −63,4 % |
| Handelsbilanz | −234 Mio. € | −178 Mio. € | +23,7 % |
1.2 Die Einheitspreise stiegen gegenläufig zum Volumenrückgang erheblich an
Gegenläufig zur Mengenkontraktion verzeichneten die Einheitspreise einen spürbaren Anstieg. Der durchschnittliche Importpreis erhöhte sich von 1.262 €/t auf 1.401 €/t (+11,0 %), der Exportpreis sogar von 1.298 €/t auf 1.681 €/t (+29,5 %). Der stärkere Preisanstieg auf der Exportseite deutet darauf hin, dass Edelstahlschrott mit hohem Nickelgehalt auf den Weltmärkten überproportional nachgefragt wird — ein Umstand, der mit der zunehmenden strategischen Bedeutung von Nickel als Rohstoff für Batterien sowie mit der allgemeinen Rohstoffpreisinflation nach der COVID-19-Pandemie zusammenhängt. Die Preissteigerungen kompensierten den Volumenrückgang teilweise, konnten den Gesamtwertverlust aber nicht vollständig ausgleichen.
1.3 Auch die innereuropäische Produktion verzeichnete einen leichten Rückgang
Parallel zum Handelsrückgang ging auch die EU-Produktion von Edelstahlschrott leicht zurück. Die Produktionsmenge sank von 36 Mrd. kg auf 33,6 Mrd. kg (−6,7 %), der Produktionswert von 9,1 Mrd. € auf 8,78 Mrd. € (−3,5 %). Der moderatere Rückgang beim Wert gegenüber der Menge spiegelt auch hier steigende Materialwerte wider. Deutschland dominiert die EU-Produktion mit einem Anteil von rund 50 % am Produktionswert und ist gleichzeitig das am stärksten spezialisierte große EU-Land in diesem Segment (RSCA: 0,41).
2. Geopolitische Umbrüche und die Neuaufstellung der Handelsbeziehungen
2.1 Russland brach als wichtigster EU-Lieferant zusammen, während Kasachstan die Lücke teilweise füllte
Die dramatischste Veränderung im Importpartner-Gefüge betrifft die Verschiebung zwischen Russland und Kasachstan. Russland war 2015 mit 118 Mio. € der mit Abstand wichtigste EU-Lieferant für Edelstahlschrott; 2025 sank der Wert auf lediglich 3 Mio. € (−97,5 %). Dieser Kollaps steht in direktem Zusammenhang mit den nach dem russischen Überfall auf die Ukraine verhängten EU-Sanktionen, die den Handel mit russischen Rohstoffen massiv einschränkten.
Kasachstan füllte diese Lücke teilweise: Der Importwert stieg von 4 Mio. € auf 30 Mio. € (+626 %). Allerdings weist Kasachstan unter den EU-Importpartnern mit einem Variationskoeffizienten von 1,29 die höchste Volatilität auf — ein Zeichen dafür, dass diese neue Handelsbeziehung noch nicht konsolidiert ist. Die Türkei blieb mit einem Rückgang von lediglich −11,1 % (von 75 Mio. € auf 67 Mio. €) der stabilste Importpartner.
| Importpartner | 2015 | 2025 | Veränderung | Volatilität (CV) |
|---|---|---|---|---|
| Russland | 117,6 Mio. € | 3,0 Mio. € | −97,5 % | 0,70 |
| Türkei | 75,2 Mio. € | 66,9 Mio. € | −11,1 % | 0,25 |
| Schweiz | 42,4 Mio. € | 35,6 Mio. € | −15,9 % | 0,17 |
| Kasachstan | 4,1 Mio. € | 29,5 Mio. € | +626,3 % | 1,29 |
| USA | 27,3 Mio. € | 10,6 Mio. € | −61,0 % | 1,14 |
| Ägypten | 10,7 Mio. € | 7,9 Mio. € | −26,2 % | 0,28 |
| Vereinigtes Königreich | 14,2 Mio. € | 7,5 Mio. € | −47,0 % | 0,68 |
2.2 Die EU-Exporte verschoben sich von Ostasien nach Südostasien
Auf der Exportseite vollzog sich eine gleichwertige Umstrukturierung. Indien blieb zwar der wichtigste Abnehmer europäischen Edelstahlschrrotts, verlor aber rund die Hälfte seines Werts (von 115 Mio. € auf 60 Mio. €, −48,1 %). Gleichzeitig brachen die Exporte nach Taiwan von 38 Mio. € auf praktisch null (−99,4 %) und nach China von 20 Mio. € auf 2 Mio. € (−90,0 %) zusammen.
Im Gegenzug entwickelte sich Thailand zum aufstrebenden Abnehmer: Der Exportwert stieg von unter 300.000 € auf 16,4 Mio. € (+5.521 %). Diese Verschiebung deutet auf eine Verlagerung von Edelstahl-Recyclingkapazitäten in Südostasien hin. Die Volatilitätsdaten bestätigen die Instabilität vieler Exportbeziehungen: Neben Thailand (CV 1,45) zählen insbesondere Singapur (CV 2,62), Pakistan (CV 1,60) und die USA (CV 1,80) zu den hochvolatilen Abnehmern. Die Konzentration der Exporte nahm dabei zu: Der HHI stieg von 4.005 auf 4.591 (+14,6 %), was bedeutet, dass sich die EU-Ausfuhren noch stärker auf wenige Märkte — vor allem Indien — konzentrierten.
| Exportpartner | 2015 | 2025 | Veränderung | Volatilität (CV) |
|---|---|---|---|---|
| Indien | 115,4 Mio. € | 59,8 Mio. € | −48,1 % | 0,44 |
| Taiwan | 38,5 Mio. € | 0,2 Mio. € | −99,4 % | 0,87 |
| Vereinigtes Königreich | 12,1 Mio. € | 8,9 Mio. € | −26,9 % | 0,93 |
| China | 20,1 Mio. € | 2,0 Mio. € | −90,0 % | 1,04 |
| Thailand | 0,3 Mio. € | 16,4 Mio. € | +5.520,7 % | 1,45 |
| USA | 0,08 Mio. € | 0,1 Mio. € | +41,8 % | 1,80 |
| Pakistan | 0,1 Mio. € | 0,07 Mio. € | −43,4 % | 1,60 |
2.3 Innerhalb der EU verlor die Niederlande ihre Rolle als zentraler Handelsknoten
Die Umwälzungen auf den Weltmärkten schlugen sich auch in der Rolle der EU-Mitgliedstaaten als Handelsakteure nieder. Die Niederlande — traditionell ein zentraler Umschlagplatz für Edelstahlschrott, nicht zuletzt wegen des Hafens Rotterdam — verlor massiv an Bedeutung: Die Importe sanken von 197 Mio. € auf 77 Mio. € (−60,9 %), und die Exporte brachen von 106 Mio. € auf gerade einmal 2 Mio. € zusammen (−98,0 %). Deutschland hingegen hielt seine Position stabil (Importe −22,0 %, Exporte +15,7 %) und blieb der größte EU-Exporteur. Schweden (+53,4 %) und Belgien (+80,6 %) bauten ihre Exporte sogar aus. Spanien war der einzige bedeutende EU-Importeur, der seine Einfuhren leicht ausdehnen konnte (+10,3 %).
| EU-Land | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Niederlande | 197 Mio. € | 77 Mio. € | −60,9 % | 106 Mio. € | 2 Mio. € | −98,0 % |
| Deutschland | 66 Mio. € | 51 Mio. € | −22,0 % | 28 Mio. € | 33 Mio. € | +15,7 % |
| Spanien | 62 Mio. € | 68 Mio. € | +10,3 % | 14 Mio. € | 1,6 Mio. € | −89,0 % |
| Italien | 34 Mio. € | 22 Mio. € | −34,8 % | 4 Mio. € | 0,9 Mio. € | −78,2 % |
| Schweden | 30 Mio. € | 25 Mio. € | −15,3 % | 14 Mio. € | 22 Mio. € | +53,4 % |
| Belgien | 11 Mio. € | 6 Mio. € | −48,0 % | 10 Mio. € | 19 Mio. € | +80,6 % |
3. Geringere Außenabhängigkeit und sinkende Exportorientierung
3.1 Die Handelsbilanz verbesserte sich und die Nettoimportabhängigkeit sank deutlich
Die Nettoimportabhängigkeit der EU verbesserte sich im Betrachtungszeitraum markant: von −20,1 % auf −6,2 %, was einer relativen Verbesserung von 69,4 % entspricht. Obwohl die EU weiterhin Nettoimporteur bleibt, hat sich die Abhängigkeit vom außereuropäischen Zukauf erheblich verringert. Diese Entwicklung ist insofern bemerkenswert, als sie in einem Umfeld rückläufiger Produktionsmengen stattfand — die geringere externe Abhängigkeit erklärt sich also nicht durch eine Ausweitung der heimischen Erzeugung, sondern durch eine Verschiebung der Nachfrage- und Zirkulationsstrukturen. Der Trend korrespondiert mit den Zielen der EU-Rohstoffstrategie und der verstärkten inner-europäischen Kreislaufführung von Sekundärrohstoffen.
3.2 Die Exportquote und Handelsintensität gingen signifikant zurück
Die Exportquote der EU sank von 31,4 % auf 23,5 % (−25,1 %) — ein Zeichen dafür, dass ein wachsender Anteil der in der EU anfallenden Edelstahl-Schrottmengen nicht mehr exportiert, sondern innerhalb des Binnenmarkts verwertet wird. Ebenso ging die Handelsintensität — der Anteil von Im- und Exporten am Gesamtmarkt — von 40,2 % auf 35,0 % zurück (−12,8 %). Der Salienz-Score bestätigt, dass die sinkende Exportorientierung (Salienz: 51,6) der dominierende Verwundbarkeitsfaktor ist, deutlich vor der Handelsintensität (27,8). Dies deutet auf eine zunehmende Entkopplung des EU-Marktes von globalen Handelsströmen hin.
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung | Salienz-Score |
|---|---|---|---|---|
| Nettoimportabhängigkeit | −20,1 % | −6,2 % | +69,4 % | — |
| Exportquote | 31,4 % | 23,5 % | −25,1 % | 51,6 |
| Handelsintensität | 40,2 % | 35,0 % | −12,8 % | 27,8 |
3.3 Preisschocks im Jahr 2021 und unterschiedliche Volatilitätsmuster prägten den Markt
Im Jahr 2021 wurden mehrere Preisschocks identifiziert, die im Kontext der post-pandemischen Rohstoffpreisinflation und globaler Lieferkettenstörungen zu verstehen sind. Der schwerwiegendste Schock betraf die EU-Exporte nach Indien: Die Preise sprangen um 53,2 % (Abnormalitätsindex: 33,5). Da Indien fast 70 % der EU-Exporte ausmachte, hatte dies systemische Auswirkungen auf den gesamten Markt. Auf der Importseite stachen Kolumbien (+93,5 % Preisänderung, Abnormalitätsindex: 48,3) und Norwegen (+39,7 %, Abnormalitätsindex: 14,0) hervor.
Die Volatilitätsstruktur zeigt ein differenziertes Bild. Auf der Importseite sind die etablierten Handelsbeziehungen bemerkenswert stabil: Norwegen (CV 0,12), die Schweiz (CV 0,17) und die Türkei (CV 0,25) weisen die geringsten Schwankungen auf. Die instabilsten Importbeziehungen bestehen hingegen mit Kasachstan (CV 1,29) und den USA (CV 1,14). Auf der Exportseite ist die Volatilität generell höher: Singapur (CV 2,62), Pakistan (CV 1,60), Thailand (CV 1,45) und die USA (CV 1,80) gelten als hochvolatil, während Indien (CV 0,44) und Südafrika (CV 0,66) als die verlässigsten Abnehmermärkte erscheinen.
| Schock-Ereignis | Markt | Preisänderung | Abnormalität | Anteil am Wert |
|---|---|---|---|---|
| Kolumbien (Importe) | Import | +93,5 % | 48,3 | 1,5 % |
| Indien (Exporte) | Export | +53,2 % | 33,5 | 69,6 % |
| Norwegen (Importe) | Import | +39,7 % | 14,0 | 5,0 % |
Schlussfolgerung
Der Markt für Edelstahlschrott (CN 72042110) hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei Dimensionen grundlegend gewandelt. Erstens schrumpften die Handelsvolumina erheblich — mengenmäßig um 43 % bei den Importen und 63 % bei den Exporten —, während die Einheitspreise stiegen, was auf die zunehmende Knappheit und den strategischen Wert nickelhaltiger Sekundärrohstoffe hindeutet. Zweitens führten geopolitische Ereignisse, allen voran die Sanktionen gegen Russland, zu einer drastischen Umgestaltung der Handelsbeziehungen: Russland als wichtigster EU-Lieferant brach fast vollständig zusammen und wurde nur teilweise durch Kasachstan ersetzt, während sich die Exportströme von Ostasien (Taiwan, China) nach Südostasien (Thailand) verlagerten. Innerhalb der EU verlor die Niederlande ihre Rolle als zentraler Handelsknoten. Drittens wurde die EU zunehmend selbstversorgender: Die Nettoimportabhängigkeit sank von −20,1 % auf −6,2 %, und die Exportquote ging von 31,4 % auf 23,5 % zurück — Trends, die auf eine verstärkte inner-europäische Kreislaufführung des Edelstahlschrrotts hindeuten. Angesichts der wachsenden strategischen Bedeutung von Nickel für die Energiewende und der EU-Bestrebungen nach Rohstoffautonomie dürfte dieser Markt auch künftig unter hoher politischer und wirtschaftlicher Aufmerksamkeit bleiben.