Marktentwicklung: Kaltband (CN 7209) — 2015–2025
Einleitung
Der CN-Code 7209 umfasst Flacherzeugnisse aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl mit einer Breite von ≥ 600 mm, kaltgewalzt, weder plattiert noch überzogen. Es handelt sich dabei um ein zentrales Halbzeug der europäischen Stahlverarbeitung, das in zahlreichen Industriezweigen — von der Automobilproduktion über den Maschinenbau bis hin zur Haushaltsgeräteindustrie — verwendet wird. Der Marktzeitraum 2015 bis 2025 war von erheblichen strukturellen Veränderungen geprägt: geopolitische Spannungen, Handelsmaßnahmen (darunter die EU-Schutzmaßnahmen seit 2018), die COVID-19-Pandemie und ein anschließender Preisboom sowie der Krieg in der Ukraine haben die Handelsströme nachhaltig umgeformt. Im Folgenden werden die wesentlichen Trends in drei Dimensionen analysiert: die Entwicklung von Handelsvolumen und -werten, die Umstrukturierung der Lieferanten- und Abnehmerbasis sowie die veränderte Wettbewerbsposition der EU.
1. Volumenrückgang bei gleichzeitigem Preisanstieg — ein Markt im Strukturwandel
1.1 Die EU-Ausfuhren haben sich nahezu halbiert
Der auffälligste Trend im gesamten Beobachtungszeitraum ist der drastische Rückgang der EU-Ausfuhren von Kaltband in Drittländer. Das Ausfuhrvolumen sank von 1.150.684 t im Jahr 2015 auf 594.091 t im Jahr 2025, was einem Rückgang von 48,4 % entspricht. Parallel dazu fiel der Exportwert von 652 Mio. EUR auf 494 Mio. EUR (−24,2 %). Der Unterschied zwischen Volumen- und Wertverlust erklärt sich durch einen starken Preisanstieg: Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 567 EUR/t auf 832 EUR/t (+46,8 %).
| Kennzahl | 2015 | Tiefpunkt | Hochpunkt | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Exportvolumen (t) | 1.150.684 | 589.908 (2023) | 1.269.074 (2017) | 594.091 | −48,4 % |
| Exportwert (EUR) | 651.885.630 | 434.460.015 (2020) | 767.509.302 (2022) | 494.234.917 | −24,2 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 567 | 531 (2015) | 1.131 (2022) | 832 | +46,8 % |
1.2 Importvolumen blieb relativ stabil, aber mit starken Preisschwankungen
Die EU-Importe von Kaltband aus Drittländern zeigten eine bemerkenswerte Volumenstabilität: Von 2.770.618 t im Jahr 2015 sank das Volumen lediglich auf 2.467.819 t (−10,9 %). Der Importwert stieg jedoch von 1,28 Mrd. EUR auf 1,60 Mrd. EUR (+25,0 %), getrieben durch einen Preisanstieg von 461 EUR/t auf 646 EUR/t (+40,4 %). Die Pandemie markierte hier einen Wendepunkt: 2020 fielen die Importe auf 1.856.806 t, bevor sie 2021 infolge der Nachholeffekte und des globalen Preisbooms auf einen Wertrekord von 2,32 Mrd. EUR anstiegen.
| Kennzahl | 2015 | Tiefpunkt | Hochpunkt | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Importvolumen (t) | 2.770.618 | 1.856.806 (2020) | 2.770.618 (2015) | 2.467.819 | −10,9 % |
| Importwert (EUR) | 1.275.934.566 | 855.717.341 (2020) | 2.323.652.918 (2021) | 1.595.173.392 | +25,0 % |
| Importpreis (EUR/t) | 461 | 433 (2015) | 1.035 (2022) | 646 | +40,4 % |
1.3 Das Handelsdefizit hat sich fast verdoppelt
Aus der Kombination von rückläufigen Exporten und steigenden Importwerten ergibt sich eine deutliche Verschlechterung der Handelsbilanz. Das Defizit wuchs von −624 Mio. EUR (2015) auf −1.101 Mio. EUR (2025), eine Verschlechterung um 76,4 %. Im Krisenjahr 2021 erreichte das Defizit mit −1.745 Mio. EUR seinen Höchststand, bevor es sich 2023/24 infolge der Preisnormalisierung wieder etwas verringerte.
2. Radikale Umstrukturierung der Handelspartnerbasis
2.1 China und das Vereinigte Königreich als einst dominante Importquellen fast vollständig verschwunden
Die bedeutendste strukturelle Verschiebung im EU-Kaltbandhandel betrifft die Herkunft der Importe. China war 2015 mit 443 Mio. EUR der mit Abstand wichtigste Lieferant und fiel bis 2025 auf nur noch 46 Mio. EUR (−89,6 %). Das Vereinigte Königreich, 2015 zweitwichtigster Lieferant mit 173 Mio. EUR, brach auf 11 Mio. EUR ein (−93,6 %). Diese Entwicklung ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: Die EU-Schutzmaßnahmen (Safeguard-Maßnahmen seit Februar 2019) beschränkten insbesondere Importe aus Ländern mit hoher Überschusskapazität wie China; der Brexit führte zu handelspolitischen Friktionen mit dem VK.
| Lieferant | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung | Maximum |
|---|---|---|---|---|
| China | 442,6 | 46,1 | −89,6 % | 442,6 (2015) |
| Vereinigtes Königreich | 173,4 | 11,1 | −93,6 % | 186,6 (2018) |
| Indien | 95,1 | 304,3 | +220,1 % | 527,6 (2022) |
| Südkorea | 85,1 | 282,6 | +231,9 % | 365,2 (2022) |
| Türkei | 9,2 | 169,7 | +1.754,6 % | 411,0 (2022) |
| Taiwan | 4,4 | 203,5 | +4.547,6 % | 399,6 (2022) |
| Ukraine | 90,7 | 123,3 | +35,9 % | 298,4 (2021) |
2.2 Neue Lieferanten füllen die Lücke: Indien, Südkorea, Türkei und Taiwan
An die Stelle von China und dem VK traten vor allem asiatische und nahöstliche Anbieter. Indien steigerte seine Exporte in die EU von 95 Mio. EUR (2015) auf 304 Mio. EUR (2025) und wurde damit zum wichtigsten Einzellieferanten. Südkorea erreichte 283 Mio. EUR (+232 %). Besonders dynamisch entwickelten sich die Türkei (von 9 Mio. EUR auf 170 Mio. EUR, ein Anstieg um das 18-Fache) und Taiwan (von 4 Mio. EUR auf 204 Mio. EUR). Der Höchstwert für fast alle neuen Lieferanten wurde 2022 erreicht — dem Jahr der globalen Stahlpreisspitzen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Die Ukraine konnte ihre Position trotz des Krieges halten und belieferte die EU 2025 mit 123 Mio. EUR.
2.3 Die Herkunfts-Konzentration der Importe hat sich stark verringert
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe (nach Wert) sank von 2.142 auf 1.195 (−44,2 %). Das bedeutet, dass die Importe von einer hochkonzentrierten Struktur (dominiert durch China) zu einer deutlich diversifizierteren Basis übergingen. Diese Diversifizierung reduziert grundsätzlich das Lieferrisiko gegenüber einzelnen Anbietern, erhöht aber auch die Komplexität der Handelsbeziehungen.
2.4 Exportzielmärkte: Verschiebung von Europa in Richtung Übersee
Auch auf der Exportseite haben sich die Schwerpunkte verlagert. Die Türkei blieb mit 109 Mio. EUR relativ stabil wichtigster Exportmarkt. Die USA gewannen an Bedeutung (von 68 Mio. EUR auf 109 Mio. EUR, +61,6 %), ebenso Mexico (von 32 Mio. EUR auf 63 Mio. EUR, +98,8 %). Demgegenüber verloren das VK (−30,0 %), Marokko (−69,2 %) und China (−90,9 % %) als Exportziele stark an Relevanz. Die Exportkonzentration (HHI) stieg von 827 auf 1.416 (+71,1 %), was darauf hindeutet, dass sich die EU-Ausfuhren zunehmend auf wenige Hauptmärkte verlagert haben — im Gegensatz zur gleichzeitigen Diversifizierung der Importquellen.
3. Preisbooms, Schocks und die schwindende Exportorientierung der EU
3.1 Das Jahr 2022 markierte den Höhepunkt der globalen Stahlpreise
Der durchschnittliche Importpreis für Kaltband erreichte 2022 mit 1.035 EUR/t seinen Spitzenwert — mehr als doppelt so hoch wie 2015 (461 EUR/t). Die Exportpreise stiegen sogar auf 1.131 EUR/t. Dieser Preisauftrieb war das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Post-Corona-Nachholeffekte, Unterbrechungen der Lieferketten, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die dadurch ausgelöste Energiekrise in Europa. Nach 2022 normalisierten sich die Preise wieder, blieben aber deutlich über dem Vor-Krisen-Niveau: 2025 lagen Importpreise bei 646 EUR/t und Exportpreise bei 832 EUR/t.
3.2 Preis-Schocks 2021: Die USA und Serbien als extreme Ausreißer
Die Schock-Analyse identifiziert 2021 als das Jahr der größten Preisdislokationen. Der signifikanteste Schock betraf die Exportpreise in die USA: Mit einer abnormalen Preisabweichung von 36,4 und einem Preissprung von 74,0 % spiegelt dies den US-amerikanischen Stahlpreisboom wider, der durch die expansive Infrastrukturpolitik und angespannte heimische Kapazitäten getrieben wurde. Die EU-Exporte in die USA machten 2021 einen Wertanteil von 17,8 % aus. Ebenfalls 2021 zeigten Importpreise aus Serbien (Anomalie 16,6, +89,1 %) und der Türkei (Anomalie 11,0, +60,7 %) extreme Ausschläge — beides Länder, die von der globalen Nachfrage und den gestiegenen Energiekosten besonders betroffen waren.
3.3 Die höchste Volatilität zeigt sich bei den Importen aus China und Russland
Der Variationskoeffizient (CV) der Importwerte zeigt eine bemerkenswerte Spannbreite. China (CV 2,09) und Russland (CV 2,60) weisen die mit Abstand höchsten Schwankungen auf — ein Ausdruck der handelspolitischen Unsicherheit gegenüber China (Schutzmaßnahmen, Antidumping) und der vollständigen Unterbrechung der Handelsbeziehungen mit Russland nach 2022. Taiwan (CV 0,86), Japan (CV 1,15) und Brasilien (CV 0,74) zeigen ebenfalls hohe Volatilität, während die etablierten EU-Handelspartner wie Südkorea (CV 0,20) und die Ukraine (CV 0,33) vergleichsweise stabile Handelsmuster aufwiesen.
3.4 Die EU wird zunehmend weniger exportorientiert — sinkende Exportpropensität und Handelsintensität
Zwei Indikatoren unterstreichen den strukturellen Wandel der Wettbewerbsfähigkeit: Die Exportpropensität (Anteil der Ausfuhren an der Produktion) sank von 32,9 % auf 12,0 % (−63,6 %), und die Handelsintensität (Handelsvolumen relativ zur Produktion) fiel von 36,7 % auf 15,0 % (−59,2 %). Die Netto-Importabhängigkeit verbesserte sich hingegen leicht von −29,2 % auf −9,0 % — die EU bleibt Nettoexporteur, exportiert aber einen deutlich geringeren Teil ihrer Produktion ins Ausland. Die Gründe hierfür sind vielfältig: gestiegene inländische Nachfrage, Verlagerung der Wertschöpfungsketten, aber auch der Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit angesichts hoher Energiekosten in Europa.
3.5 Spezialisierung: Belgien, Österreich und Schweden führen, Deutschland nur mittelmäßig
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass innerhalb der EU eine deutliche arbeitsteilige Struktur besteht. Belgien weist mit einem RSCA-Wert von 0,558 die stärkste Spezialisierung auf und kontrolliert rund 29,8 % der EU-Produktion bei nur 8,5 % des Gesamthandels. Österreich (RSCA 0,467) und Schweden (RSCA 0,444) folgen. Deutschland, obwohl mit 19,8 % der EU-Produktion zweitgrößter Erzeuger, hat mit einem RSCA von −0,032 und einem RCA unter 1 (0,94) keinen komparativen Vorteil bei Kaltband — ein Hinweis darauf, dass die deutsche Stahlindustrie sich stärker auf höherwertige und legierte Produkte konzentriert. Auf der anderen Seite sind Irland, Litauen, Kroatien, Dänemark und Romania praktisch nicht spezialisiert (RSCA < −0,87).
Fazit
Der EU-Markt für Kaltband (CN 7209) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die drei zentralen Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
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Schrumpfende Exporte, wachsendes Defizit: Die EU-Ausfuhren haben sich volumenmäßig nahezu halbiert, während die Importe trotz leichter Rückgänge in Relation stabil blieben. Das Handelsdefizit hat sich auf über 1,1 Mrd. EUR fast verdoppelt.
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Radikaler Lieferantenwechsel: China und das Vereinigte Königreich als einst dominante Importquellen sind fast vollständig von der Bildfläche verschwunden. An ihre Stelle traten Indien, Südkorea, die Türkei und Taiwan, was die Importbasis zwar diversifizierte, aber auch neue Abhängigkeiten schuf.
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Sinkende Exportorientierung und steigende Preise: Die EU exportiert einen immer geringeren Anteil ihrer Kaltbandproduktion ins Ausland. Gleichzeitig haben sich die Preise seit 2015 um 40–47 % erhöht, wobei das Jahr 2022 infolge der geopolitischen Krisen den Höhepunkt markierte.
Die Entwicklung der kommenden Jahre wird maßgeblich davon abhängen, wie sich die EU-Schutzmaßnahmen weiterentwickeln, ob die europäische Stahlindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit angesichts hoher Energiekosten zurückgewinnen kann und wie sich die globalen Überschusskapazitäten — insbesondere in Asien — weiterentwickeln.