Marktentwicklung: Kaltband (CN 720917) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union für Kaltband aus unlegiertem Stahl (Zolltarifnummer 720917) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Daten zeigen eine fundamentale strukturelle Verschiebung: Während die EU-exporte stark rückläufig sind, sind die Importe gestiegen, was zu einer zunehmenden Handelsabhängigkeit führt. Gleichzeitig hat sich die geografische Ausrichtung des Handels deutlich verändert, verbunden mit erheblichen Preis- und Angebotsvolatilitäten. Die wichtigsten Erkenntnisse werden in drei Hauptabschnitten dargestellt.
I. Vom Exporteur zum Importeur: Eine fundamentale Umkehr der Handelsströme
Der Beobachtungszeitraum war von einem deutlichen Rückgang der exportorientierten Kaltband-Produktion der EU und einem parallel dazu steigenden Importbedarf geprägt.
Der Niedergang der EU-Exporte
Die Ausfuhren von CN 720917 aus der EU haben im betrachteten Zeitraum dramatisch abgenommen. Das Exportvolumen sank von 423.214 Tonnen im Jahr 2015 auf nur noch 180.842 Tonnen bis 2025. Im gleichen Zeitraum fiel der Exportwert von 224 Mio. € auf 139 Mio. €. Dies entspricht einem Rückgang des Volumens um 57,3 % und des Wertes um 37,8 %. Die bedeutendsten EU-Exporteure wie Deutschland, Italien und Spanien verloren dabei stark an Boden; ihre Exportwerte sanken um 64,4 % bzw. 79,8 % und 82,5 %.
Die Zunahme der Importe und steigende Preise
Parallel dazu sind die Importe trotz leichter Volumenschwankungen langfristig gestiegen. Der Importwert erhöhte sich von 504 Mio. € (2015) auf 616 Mio. € (2025), was einer Steigerung von 22,2 % entspricht. Das Handelsbilanzdefizit der EU in diesem Produkt vertiefte sich dementsprechend von 280 Mio. € auf 477 Mio. €. Ein prägender Trend war der kontinuierliche Anstieg der durchschnittlichen Einheitspreise für sowohl Exporte als auch Importe. Die Importpreise stiegen von 453 €/t auf 649 €/t, was eine Erhöhung um 43,4 % darstellt und globale Kostendynamiken sowie steigende Rohstoffpreise widerspiegelt.
II. Geografische Neuausrichtung: Wandel der Handelspartnerschaften
Die Zusammensetzung der wichtigsten Handelspartner der EU hat sich während des untersuchten Zeitraums erheblich verschoben.
Der Aufstieg neuer Importquellen in Asien und Osteuropa
Traditionelle Importpartner verloren an Bedeutung, während neue Lieferanten aus Asien und der Türkei massiv an Marktanteilen gewannen. Der Exportwert Chinas in die EU brach von 152 Mio. € (2015) auf 12 Mio. € (2025) ein (Rückgang von 91,9 %). Ebenso brachen die Importe aus dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit von 92 Mio. € auf fast 0 € ein. Im Gegensatz dazu verfünffachten sich die Importe aus Indien (von 47 Mio. € auf 154 Mio. €, Wachstum von 226 %) und aus der Türkei (von 3 Mio. € auf 78 Mio. €, Wachstum von 2261 %). Auch Taiwan und Südkorea wurden zu wichtigen Lieferanten.
Stabilität und Verlagerung bei den Exportzielen
Das wichtigste Exportziel blieb die Türkei, obwohl der Wert von 48 Mio. € auf 33 Mio. € sank. Stabile, wenn auch leicht rückläufige, Handelsbeziehungen bestanden mit der Schweiz und dem Vereinigten Königreich. Auffällig ist die starke Zunahme der Exporte nach Mexiko, die sich von 10 Mio. € auf fast 20 Mio. € nahezu verdoppelten, was auf eine Verlagerung der EU-Exportströme hindeutet. Die Konzentration der Exporte (gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index, HHI) nahm leicht zu, während die der Importe sank, was auf eine Diversifizierung der Importquellen hindeutet.
III. Innereuropäische Produktion, Volatilität und wachsende Vulnerabilität
Trotz des Rückgangs im Außenhandel hat die eigene EU-Produktion zugenommen, einhergehend mit erhöhter Preissensibilität und volatilen Lieferketten.
Steigende EU-Produktion bei sinkender Exportneigung
Die Daten der EU-Produktion zeigen einen bemerkenswerten Anstieg der inländischen Herstellung von Kaltband. Die Produktionsmenge stieg von 838.163 kg im Jahr 2015 auf 5.920.000 kg im Jahr 2025 – eine Steigerung von über 600 %. Noch deutlicher war der Anstieg des Produktionswertes von 293 Mio. € auf 4,77 Mrd. €. Dies deutet auf eine strategische Neuausrichtung der EU-Stahlindustrie hin, die mehr für den Binnenmarkt produziert. Diese These wird durch den starken Rückgang der Exportneigung (Anteil der Exporte an der Produktion) gestützt, die von 32,9 % im Jahr 2015 auf nur noch 12,0 % im Jahr 2025 sank.
Hohe Volatilität und Schocks auf globalen Märkten
Der Handel war durch eine erhebliche Preisschwankungsanfälligkeit gekennzeichnet, insbesondere bei bestimmten Handelspartnern. Besonders volatil gestalteten sich die Importpreise aus China (Variationskoeffizient von 2,25) und Russland (2,37). Es wurden mehrere markante Preisschocks identifiziert: Ein extremer Preisanstieg bei den Exporten in die USA im Jahr 2021 (Anomalie von 257,5 %) sowie ein sprunghafter Preisanstieg bei Importen aus China im Jahr 2018 um 850 % weisen auf angespannte Märkte und mögliche Handelsmaßnahmen hin.
Wachsende Handelsintensität, aber veränderte Verwundbarkeit
Die Netto-Importquote (Saldo aus Importen und Exporten relativ zur Produktion) verbesserte sich leicht von -29,2 % auf -9,0 %. Dies bedeutet, dass die EU zwar immer noch Nettoimporteur ist, aber ein geringeres Handelsdefizit im Verhältnis zur eigenen Produktionsleistung aufweist. Allerdings ist die allgemeine Handelsintensität (Summe aus Im- und Exporten relativ zur Produktion) von 36,7 % auf 15,0 % gefallen. Dies spiegelt die zunehmende Fokussierung auf den Binnenmarkt wider und verringert die Anfälligkeit für globale Marktschwankungen, erhöht jedoch gleichzeitig die Abhängigkeit von weniger, aber größeren externen Lieferanten.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Kaltband (CN 720917) hat zwischen 2015 und 2025 eine tiefgreifende Transformation durchlaufen. Die Europäische Union hat sich von einem bedeutenden Exporteur zu einem zunehmend auf den Binnenmarkt fokussierten Produzenten und Nettoimporteur entwickelt. Die Importabhängigkeit hat sich geografisch neu ausgerichtet, mit einer klaren Verschiebung von China und dem Vereinigten Königreich hin zu Lieferanten wie Indien, der Türkei und anderen asiatischen Volkswirtschaften. Diese Entwicklung geht einher mit einer erhöhten Preissensibilität und Volatilität an globalen Märkten. Obwohl die stark gewachsene eigene Produktionsbasis die Resilienz der EU stärkt, bleibt die Anfälligkeit für Lieferkettenunterbrechungen bei den neuen Schlüssellieferanten bestehen. Die zukünftige Marktentwicklung wird maßgeblich von der Wettbewerbsfähigkeit der EU-Produzenten, globalen Handelsströmen und der Preisentwicklung bei Rohstoffen abhängen.