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Marktentwicklung: Kaltband (CN 72091790) — 2015–2025

Einführung

Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015 bis 2025 für den Zolltarifcode 72091790 — kaltgewalzte Flacherzeugnisse aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl in Coils (Breite ≥ 600 mm, Dicke 0,5–1 mm, ohne Elektrobleche). Dieses Produkt ist ein zentraler Vorleistungsfaktor für die europäische Industrie, insbesondere im Automobil-, Bau- und Haushaltsgerätesektor.

Der Untersuchungszeitraum umfasst eine Phase außergewöhnlicher Herausforderungen: von den Anpassungen nach der Finanzkrise über handelspolitische Maßnahmen (insbesondere gegen China), die COVID-19-Pandemie, den drastischen Energiepreisanstieg 2021/22 bis hin zu den Folgen des Ukraine-Kriegs und des Brexits. Die Daten zeigen fundamentale Veränderungen in der Handelsstruktur der EU, die sowohl handelspolitische als auch geopolitische Ursachen haben.

Produktübersicht im Trade Dashboard


1. Strukturelle Verschiebung: Vom Exporteur zum Nettoimporteur

1.1 Der wachsende Handelsbilanzdefizit

Die EU hat im Zeitraum 2015–2025 eine deutliche Verschlechterung ihrer Handelsbilanz bei Kaltband erfahren. Das Defizit vertiefte sich von −282 Mio. EUR (2015) auf −477 Mio. EUR (2025), was einer Verschlechterung von 69,4 % entspricht. Der Höchstwert des Defizits lag bei −672 Mio. EUR, der niedrigste bei −112 Mio. EUR.

Trenddarstellung im Trade Dashboard

Indikator 2015 2025 Veränderung
Exportwert (Mrd. EUR) 0,222 0,139 −37,5 %
Exportmenge (t) 420.685 179.999 −57,2 %
Importwert (Mrd. EUR) 0,504 0,616 +22,3 %
Importmenge (t) 1.108.450 948.835 −14,4 %
Handelsbilanz (Mio. EUR) −282 −477 −69,4 %

1.2 Preisanstieg als Treiber — Mengenrückgang als Indikator

Sowohl Import- als auch Exportpreise stiegen im Betrachtungszeitraum erheblich an — um jeweils rund 44–46 %. Die Exportpreise erhöhten sich von 528 EUR/t auf 772 EUR/t (+46,1 %), die Importpreise von 452 EUR/t auf 649 EUR/t (+43,5 %). Der Höchststand der Preise lag jeweils über 1.000 EUR/t (2021/2022), was auf den globalen Rohstoffpreisschock nach der Pandemie und dem Beginn des Ukraine-Kriegs zurückzuführen ist.

Gleichzeitig sanken die Handelsvolumen erheblich: Die Exportmenge halbierte sich nahezu (−57,2 %), während die Importmenge weniger stark rückläufig war (−14,4 %). Dies deutet darauf hin, dass die EU ihre Kaltband-Produktion zunehmend für den Binnenmarkt nutzt und gleichzeitig den Importbedarf trotz sinkender Gesamtnachfrage nicht proportional reduzieren konnte.

1.3 Produktion: Wachstum bei hoher Volatilität

Die EU-Produktionsvolumina zeigen ein bemerkenswertes Wachstum: Die Produktionsmenge stieg von 838 Mio. kg (2015) auf 5.720 Mio. kg (2025), was einem Anstieg von 582 % entspricht. Der Produktionswert erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 293 Mio. EUR auf 4.490 Mio. EUR (+1.433 %). Diese erheblichen Sprünge dürften teilweise auf eine verbesserte Erfassung der Produktionsstatistik (PRODCOM) und den Einbezug zusätzlicher Mitgliedstaaten zurückzuführen sein, spiegeln aber tendenziell auch die Re-Industrialisierungstendenzen in der europäischen Stahlindustrie wider.


2. Handelspolitische Schocks und ihre Spuren

2.1 Antidumpingmaßnahmen gegen China: Vom Hauptlieferanten zum Nischenakteur

Die dramatischste Veränderung in der Importlandschaft betrifft China. Der Importwert aus China sank von 152 Mio. EUR (2015) auf lediglich 12 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 91,9 % entspricht. Die Volatilität dieser Handelsbeziehung war extrem hoch: Der Variationskoeffizient (CV) lag bei 2,26 — dem höchsten Wert aller Importpartner.

Importpartner im Detail

Ein markanter Preisschock wurde für chinesische Importe im Jahr 2018 festgestellt: Eine Preissprung von 852,8 % mit einer Abnormalität von 59,3. Dies fällt zeitlich mit der Verhängung von EU-Antidumpingzöllen auf kaltgewalzte Stahlerzeugnisse aus China zusammen, die ab 2016/2017 stufenweise eingeführt wurden. Die Maßnahmen waren offensichtlich wirksam: China verlor seine Position als wichtigster EU-Lieferant.

2.2 Brexit: Kollaps des Handels mit dem Vereinigten Königreich

Der Brexit hat den bilateralen Kaltbandhandel mit dem Vereinigten Königreich nahezu zum Erliegen gebracht:

  • Importe aus UK: Rückgang von 91 Mio. EUR (2015) auf 0,6 Mio. EUR (2025) — −99,3 %
  • Exporte nach UK: Relativ stabil bei rund 24 Mio. EUR (nur −2,2 %)

Handelspartner-Übersicht

Diese Asymmetrie ist bemerkenswert: Während die EU weiterhin Kaltband in das Vereinigte Königreich exportiert (wohl aufgrund fehlender eigener Kapazitäten und fortbestehender Lieferketten), sind die britischen Exporte in die EU praktisch eingebrochen. Ursachen sind Zollformalitäten, Ursprungsregeln und möglicherweise auch der Wegfall der EU-Stahlschutzmaßnahmen für UK-Exporte nach dem Austritt.

2.3 Der Preisschock 2021/22 und seine Auswirkungen

Das Jahr 2021 markiert einen Wendepunkt in der Preisentwicklung. Die Daten zeigen mehrere signifikante Schockereignisse:

Ereignis Land Typ Zeitpunkt Preissprung Abnormalität
Exportpreisschock USA Export 2021 +92,2 % 257,5
Exportpreisschock Serbien Export 2021 +56,2 % 30,9
Importpreisschock China Import 2018 +852,8 % 59,3

Preisschocks im Detail

Der US-Exportpreisschock 2021 (Abnormalität 257,5) spiegelt die globale Stahlpreisexplosion wider, die durch Lieferkettenengpässe, den Nachfrageüberhang nach der Pandemie und die Energiekrise verursacht wurde. Die EU-Exporte in die USA verloren zwar mengenmäßig an Boden (−32,0 %), profitierten aber preislich von der angespannten Marktlage.


3. Neue Handelsachsen und Konzentrationsverschiebungen

3.1 Aufstieg asiatischer Lieferanten als Ersatz für China und UK

Als Reaktion auf den Rückgang chinesischer und britischer Importe haben sich neue Lieferanten etabliert, vor allem aus Asien und der Türkei:

Lieferant 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Indien 47 154 +226,3 %
Südkorea 49 110 +126,3 %
Türkei 3 78 +2.270 %
Taiwan 0,8 70 +8.823 %
Ukraine 16 30 +84,8 %

Importpartner im Detail

Indien wurde 2025 zum wichtigsten EU-Lieferanten (mit einem Höchstwert von 240 Mio. EUR), gefolgt von Südkorea und der Türkei. Taiwan zeigt mit einem Anstieg von 8.823 % das stärkste prozentuale Wachstum, was auf den Ausbau koreanischer und taiwanesischer Kaltbandkapazitäten in den letzten Jahren hindeutet.

Die Türkei entwickelte sich sowohl als Lieferant als auch als Exportmarkt: Während die EU-Importe aus der Türkei um 2.270 % stiegen, gingen die EU-Exporte dorthin um 29,8 % zurück — ein Hinweis auf die zunehmende Eigenproduktion der türkischen Stahlindustrie.

3.2 Diversifizierung der Importe, Konzentration der Exporte

Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) zeigen gegenläufige Entwicklungen:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 2.114 1.422 −32,7 %
HHI Exporte (Wert) 960 1.376 +43,4 %

Konzentrationsanalyse

Die Importseite wurde deutlich diversifizierter (HHI-Rückgang von 2.114 auf 1.422). Dies ist eine direkte Folge des Wegfalls der dominanten Position Chinas und des Aufstiegs mehrerer neuer Lieferanten. Ein HHI unter 1.500 gilt als Zeichen eines moderat konzentrierten Marktes — die EU-Importe sind damit weniger anfällig für Lieferrisiken aus einzelnen Ländern.

Die Exportseite hingegen konzentrierte sich stärker (HHI-Anstieg von 960 auf 1.376), was darauf hindeutet, dass weniger EU-Mitgliedstaaten am Kaltbandexport in Drittländer beteiligt sind.

3.3 Spezialisierung innerhalb der EU: Wer exportiert, wer importiert?

Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt deutliche Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten:

Am stärksten spezialisiert (RSCA > 0,4):

Land RSCA RCA Produktionsanteil
Belgien 0,60 3,94 33,4 %
Österreich 0,54 3,35 11,0 %
Schweden 0,42 2,43 5,8 %

Am wenigsten spezialisiert (RSCA < −0,95):

Land RSCA RCA Produktionsanteil
Kroatien −0,99 0,003 0,001 %
Dänemark −0,98 0,008 0,014 %
Ungarn −0,98 0,009 0,025 %

Belgien dominiert sowohl als Exporteur (53 Mio. EUR, stabil bei +4,2 %) als auch als Importeur (156 Mio. EUR, +61,0 %) und fungiert als europäischer Dreh- und Umschlagplatz für Kaltband. Deutschland und Italien, einst bedeutende Exporteure, verloren stark an Bedeutung (Deutschland: −64,2 %, Italien: −79,9 %), während Schweden seine Exporte um 71,0 % steigern konnte.

Auf der Importseite übernahmen Italien (+66,1 %), Spanien (+107,3 %) und Belgien (+61,0 %) eine führende Rolle, während die Niederlande ihre Importe nahezu vollständig einstellten (−99,7 %).


Schlussfolgerung

Der europäische Markt für Kaltband (CN 72091790) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verändert. Drei zentrale Trends prägen die Entwicklung:

  1. Strukturelle Neuorientierung: Die EU hat sich von einem Nettoexporteur mit eigenem Produktionsüberschuss zu einem zunehmend importabhängigen Markt entwickelt. Die Exporte halbierten sich mengenmäßig, während die Importe trotz konjunktureller Schwankungen auf hohem Niveau blieben.

  2. Handelspolitische Umgestaltung: Antidumpingmaßnahmen gegen China und der Brexit haben die Importlandschaft radikal verändert. China verlor seine dominante Stellung (−91,9 %), das Vereinigte Königreich wurde praktisch vom EU-Markt abgekoppelt (−99,3 %). An ihre Stelle traten asiatische Lieferanten — allen voran Indien, Südkorea und Taiwan — sowie die Türkei.

  3. Preisschocks und Volatilität: Die Jahre 2021/22 markierten einen Wendepunkt mit beispiellosen Preissteigerungen. Die globalen Stahlpreissprünge führten zwar zu höheren Einnahmen, verteuerten aber auch die Vorleistungen für die europäische Industrie erheblich.

Für die Zukunft sind mehrere Risikofaktoren zu beachten: die Abhängigkeit von asiatischen Lieferanten, die geopolitische Instabilität (insbesondere hinsichtlich der Ukraine als Lieferant), die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kaltbandproduktion angesichts hoher Energiekosten und die möglichen Auswirkungen neuer handelspolitischer Maßnahmen (z. B. Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM). Die Diversifizierung der Importquellen bietet zwar eine gewisse Resilienz, die gleichzeitige Konzentration der Exporte auf wenige EU-Länder birgt jedoch strukturelle Risiken.

Erstellt am 2026-08-08. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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