Marktentwicklung: Brammen (CN 720712) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union (EU) für das Produkt Halbzeug aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl mit einem Kohlenstoffgehalt von < 0,25 % und rechteckigem, nicht-quadratischem Querschnitt (Zolltarifnummer 720712) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die EU ist bei diesem Grundstoff für die Stahlindustrie ein Nettoimporteur. Der untersuchte Zeitraum war durch fundamentale Umbrüche geprägt: die globale COVID-19-Pandemie und den Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Die Analyse basiert auf den bereitgestellten Handelsdaten und konzentriert sich auf die Interpretation der wichtigsten beobachtbaren Dynamiken.
1. Zunehmende Importabhängigkeit und sinkende inländische Produktion
Die EU hat ihre Abhängigkeit von Importen bei Brammen (CN 720712) im Betrachtungszeitraum massiv erhöht, während die eigene Produktion kontinuierlich zurückging. Diese strukturelle Verschiebung prägt die gesamte Marktdynamik.
1.1 Der steigende Nettodefizit und Handelsintensität
Die EU verzeichnete durchgehend ein negatives Handelsbilanz (Defizit) im Handel mit Drittländern. Dieses Defizit vergrößerte sich nominal von ca. 1,92 Mrd. EUR (2015) auf ca. 2,79 Mrd. EUR (2025), eine Verschlechterung um 45,9 %. Die Netto-Importabhängigkeit stieg im selben Zeitraum sogar sprunghaft von 25,1 % auf 67,9 % an. Die Handelsintensität (Verhältnis von Handelsvolumen zur Produktion) erhöhte sich von 39,1 % auf 74,4 %, was darauf hindeutet, dass der EU-Binnenmarkt zunehmend in globale Lieferketten integriert wurde.
1.2 Der Rückgang der EU-Produktion und Exporte
Parallel dazu sank die EU-Produktion von Brammen erheblich. Die Produktionsmenge fiel von 7,22 Mrd. kg (2015) auf 4,87 Mrd. kg (2025), ein Rückgang von 32,5 %. Die EU-Exporte in Drittländer stiegen zwar im Wert um 179,1 %, aber die Mengenentwicklung blieb mit einem Plus von 43,1 % deutlich hinter dem Importwachstum zurück. Die EU konnte den Wegfall inländischer Produktion nicht durch eigene Exporte kompensieren.
1.3 Interne Spezialisierung versus externe Versorgung
Innerhalb der EU bestehen große Unterschiede in der Spezialisierung auf dieses Produkt. Länder wie Kroatien (RSCA: 0,72), Belgien (0,47) und Deutschland (0,43) verfügten 2025 über einen hohen komparativen Vorteil. Große Volkswirtschaften wie Italien und die Niederlande waren dagegen stark importabhängig. Dies führte zu einer arbeitsteiligen Binnenmarktstruktur, die jedoch anfällig für externe Störungen ist.
2. Geopolitische Umwälzungen im Lieferantenkreis
Die Herkunft der EU-Importe für CN 720712 erlebte zwischen 2015 und 2025 eine tektonische Verschiebung. Traditionelle Handelsbeziehungen wurden durch Kriege und Sanktionen zerschlagen, während neue, teils weit entfernte Lieferanten aufstiegen.
2.1 Russlands anhaltende Dominanz und die Bedeutung der Ukraine
Die Russische Föderation war durchgehend der mit Abstand wichtigste Importpartner der EU. Der Importwert stieg von 906 Mio. EUR (2015) auf 1,63 Mrd. EUR (2025) an, mit einem Spitzenwert von 2,35 Mrd. EUR im Jahr 2022. Die Lieferungen aus Russland waren äußerst preisstabil (Variationskoeffizient von nur 0,10) und zeigten eine hohe Zuverlässigkeit. Die Ukraine war bis 2021 der zweitwichtigste Lieferant (Höchstwert 2018: 1,34 Mrd. EUR). Nach dem Ausbruch des Krieges 2022 brachen die Lieferungen fast vollständig ein und lagen 2025 nur noch bei 10,6 Mio. EUR (-98,1 %).
2.2 Der Aufstieg neuer Lieferanten aus Asien und Lateinamerika
Um die Lieferlücken zu kompensieren und die Abhängigkeit zu diversifizieren, hat die EU ihre Importe aus anderen Regionen stark ausgeweitet. Besonders auffällig sind:
- China: Die Importe stiegen von 1,36 Mio. EUR (2015) auf 355 Mio. EUR (2025), eine Steigerung um über 26.000 %. Die Volatilität dieser Lieferungen war jedoch sehr hoch (CV: 1,38).
- Vietnam: Ein von nahe Null (941 EUR in 2015) auf 279 Mio. EUR (2025) gewachsener Lieferant.
- Indien: Ein Anstieg von unter 10.000 EUR auf 10,5 Mio. EUR, mit einem Spitzenwert von 168 Mio. EUR im Jahr 2017.
- Brasilien: Ein stetiger Lieferant mit einem relativ konstanten Wert um 310-320 Mio. EUR jährlich.
Diese Entwicklung zeigt eine deutliche Verlagerung der Beschaffungsstrategie der EU in Richtung asiatischer und südamerikanischer Produzenten.
2.3 Konzentrationsrisiken und Exportmärkte
Auf der Importseite ist der Markt trotz der Diversifizierung weiterhin stark konzentriert. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für den Importwert lag 2025 bei 3.459, was auf eine moderate bis hohe Konzentration hindeutet. Auf der Exportseite konzentrierte sich die EU noch stärker (HHI: 7.693), wobei das Vereinigte Königreich mit 117 Mio. EUR (2025) mit Abstand der wichtigste Exportmarkt war. Traditionelle Exportziele wie die Türkei oder Algerien brachen im selben Zeitraum fast vollständig weg.
3. Volatile Preisentwicklung und marktbestimmende Schocks
Die Periode 2015–2025 war durch extreme Preisvolatilität gekennzeichnet, die durch mehrere makroökonomische Schocks ausgelöst wurde. Die Preisentwicklung folgte dabei nicht immer der Mengenentwicklung.
3.1 Die generelle Preisentwicklung und die Abkopplung von Werten und Mengen
Die durchschnittlichen Importpreise stiegen von 326 EUR/t (2015) auf 451 EUR/t (2025), was einer Steigerung von 38,3 % entspricht. Die maximale Schwankungsbreite war jedoch enorm: Der Höchstpreis lag 2022 bei 705 EUR/t, der niedrigste 2016 bei 294 EUR/t. Die Werteentwicklung (+49,2 %) und die Mengenentwicklung (+7,8 %) der Importe klafften stark auseinander, was auf einen vorwertsgetriebenen Anstieg des Importwerts hindeutet, nicht auf ein proportionales Mengenwachstum.
3.2 Identifizierte Preisschocks und deren Auslöser
Die Datenanalyse zeigt drei signifikante Preisschock-Ereignisse:
- Brasilien 2021 (Importpreis): Ein abnormaler Preisanstieg von 100,3 % (Abnormalitätsindex: 11,9). Dieser Schock hatte einen Wertanteil von 12,9 % an den gesamten Importen und ist vermutlich auf die globalen Lieferkettenprobleme und steigende Rohstoffkosten nach der COVID-19-Pandemie zurückzuführen.
- Russland 2021 (Importpreis): Ein Preisanstieg von 58,7 % (Abnormalitätsindex: 8,7). Angesichts des hohen Anteils Russlands an den Importen (63,5 % Wertanteil) hatte dies massive Auswirkungen auf die gesamten Importkosten.
- Vereinigtes Königreich 2020 (Exportpreis): Ein Preisanstieg von 56,2 % (Abnormalitätsindex: 8,3) in den Exporten, der möglicherweise mit der Unsicherheit im Vorfeld des endgültigen Brexit-Austritts zusammenhing.
3.3 Hohe Volatilität bei strategischen Handelspartnern
Die Volatilität der Handelsströme, gemessen am Variationskoeffizienten (CV), war bei vielen Partnern extrem hoch. Besonders auffällig war die hohe Volatilität bei Importen aus China (CV: 1,38), Iran (CV: 1,27) und Indien (CV: 1,24). Dies unterstreicht, dass die Diversifizierung auf neue Lieferanten zwar notwendig war, aber auch neue Risiken in Form von Lieferunsicherheit mit sich brachte. Im Gegensatz dazu waren die Lieferungen aus Russland (CV: 0,10) und Brasilien (CV: 0,59) deutlich stabiler.
Schlussfolgerung
Zwischen 2015 und 2025 durchlief der EU-Markt für Brammen (CN 720712) einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die drei wesentlichen Dynamiken waren: Erstens eine deutlich gesteigerte Abhängigkeit von Importen bei gleichzeitigem Rückgang der inländischen Produktion. Zweitens eine gravierende geopolitische Neuausrichtung der Lieferketten, weg von der Ukraine und hin zu asiatischen Produzenten, wobei Russland trotz aller Widrigkeiten seine dominante Stellung behaupten konnte. Drittens eine durch globale Krisen verursachte extreme Preisvolatilität, die die Handelskosten und -mengen stark beeinflusste. Diese Entwicklungen haben die Verwundbarkeit der EU-Stahlindustrie in Bezug auf ihre Grundstoffversorgung erhöht und die Notwendigkeit einer strategischen Neuausrichtung der Beschaffungspolitik unterstrichen.