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Marktentwicklung: Eisendraht (CN 7217) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifcode 7217 erfasst Draht aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl in Ringen oder Rollen (ausgenommen Walzdraht). Das Erzeugnis gliedert sich in vier Unterpositionen: unverzinkten/unbeschichteten Draht (721710), verzinkten Draht (721720), mit unedlen Metallen beschichteten Draht (721730) sowie sonstig beschichteten Draht (721790). Als Vorprodukt zahlreicher Branchen — vom Bauwesen über die Automobilindustrie bis hin zur Landwirtschaft — ist Eisendraht ein sensitiver Indikator für industrielle Wettbewerbsfähigkeit und Lieferkettenstruktur.

Der hier betrachtete Zeitraum von 2015 bis 2025 war von tiefgreifenden Erschütterungen geprägt: die COVID-19-Pandemie, der drastische Rohstoffpreisanstieg 2021/2022, der russische Angriffskrieg gegen Ukraine sowie die damit einhergehenden Sanktionen gegen Belarus und Russland. Diese Ereignisse hinterließen im EU-Handel mit Eisendraht deutliche Spuren — sowohl in der Handelsbilanz als auch in der geografischen und produktspezifischen Struktur.

Produktübersicht und Definitionen


1. Vom Überschuss zum Defizit: Die Erosion der EU-Handelsbilanz

1.1 Die Handelsbilanz kehrte sich zwischen 2015 und 2025 ins Negative um

Die EU war zu Beginn des Betrachtungszeitraums Nettoexporteur von Eisendraht. Im Jahr 2015 betrug der Überschuss im Handel mit Drittländern noch rund 102 Mio. EUR. Im Jahr 2025 hatte sich dieses Bild grundlegend gewandelt: Die EU verzeichnete ein Handelsdefizit von rund −33,6 Mio. EUR. Damit vollzog sich innerhalb eines Jahrzehnts ein Strukturwandel vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert 598,4 Mio. EUR 621,3 Mio. EUR +3,8 %
Exportmenge 632.942 t 509.162 t −19,6 %
Exportpreis 945 EUR/t 1.220 EUR/t +29,1 %
Importwert 496,4 Mio. EUR 654,9 Mio. EUR +31,9 %
Importmenge 679.683 t 706.865 t +4,0 %
Importpreis 730 EUR/t 926 EUR/t +26,8 %
Handelsbilanz +102,0 Mio. EUR −33,6 Mio. EUR −132,9 %

Die entscheidende Triebkraft dieses Wandels war die divergierende Mengenentwicklung: Während die EU-Exporte mengenmässig um fast ein Fünftel schrumpften, stiegen die Importe moderat an. Die Preise stiegen auf beiden Seiten — Exportpreise um 29 %, Importpreise um 27 % — was den Wertverlust der Exporte teilweise kaschierte, aber den Rückgang der physischen Handelsströme nicht kompensierte.

Handelsentwicklung im Überblick

1.2 Die EU-Produktion von Eisendraht verlor ebenfalls an Volumen

Die Entwicklung der EU-Binnenproduktion bestätigt das Bild einer strukturellen Schwäche. Die Produktionsmenge sank von 5.618 Mio. kg (2015) auf 4.515 Mio. kg (2025), was einem Rückgang von 19,6 % entspricht. Bemerkenswert ist, dass der Produktionswert im selben Zeitraum von 3.223 Mio. EUR auf 4.766 Mio. EUR (+47,9 %) stieg — ein Beleg dafür, dass der Preisanstieg bei Rohstahl und Energie die nominelle Wertschöpfung erhöhte, die physische Output-Menge jedoch nicht.

Der Nettorelianzgrad (Net Import Reliance) lag 2015 bei −2,8 % und bewegte sich 2025 bei −0,9 % — die EU blieb formal ein Nettoexporteur, jedoch nur noch marginal. In den Jahren 2021 und 2022 erreichte der Indikator sogar kurzzeitig positive Werte (bis +3,8 %), was bedeutet, dass die EU in Spitzenzeiten vorübergehend mehr importierte als exportierte.

Produktionsvolumina

1.3 Handelsintensität und Exportneigung stiegen trotz Bilanzverschlechterung

Paradoxerweise stieg die Handelsintensität (Trade Intensity) der EU im selben Zeitraum von 16,6 % auf 23,8 % (+43 %). Auch die Exportneigung (Export Propensity) erhöhte sich von 10,3 % auf 13,9 %. Das heisst: Der Anteil des Aussenhandels am gesamten Markt wuchs — die EU wurde handelsabhängiger, konnte jedoch ihre Wettbewerbsposition im Drittlandsgeschäft nicht halten. Die Exportneigung erzielte mit 70,8 von 100 Punkten den höchsten Salienz-Score unter den Vulnerabilitätsindikatoren.

Netto-Importrelianz


2. Geopolitische Umbrüche und die Neuordnung der Lieferketten

2.1 China und die Türkei verdrängten traditionelle Lieferanten auf der Importseite

Auf der Importseite vollzog sich eine bemerkenswerte Neugewichtung der Herkunftsländer. Die drei grössten Gewinner waren:

Land Importwert 2015 Importwert 2025 Veränderung
China 135,2 Mio. EUR 262,8 Mio. EUR +94,4 %
Türkei 52,4 Mio. EUR 163,5 Mio. EUR +211,9 %
Ukraine 28,5 Mio. EUR 94,0 Mio. EUR +229,8 %

China verdoppelte seinen Exportwert in die EU nahezu und ist mit 262,8 Mio. EUR der mit Abstand wichtigste Drittlandslieferant. Die Türkei versechsfachte ihren Wert beinahe. Die Ukraine, deren Stahlindustrie trotz Krieg weiter exportiert, stieg ebenfalls markant auf.

Demgegenüber verloren traditionelle Lieferanten an Boden:

Land Importwert 2015 Importwert 2025 Veränderung
Vereinigtes Königreich 42,2 Mio. EUR 8,6 Mio. EUR −79,6 %
Südkorea 45,6 Mio. EUR 19,1 Mio. EUR −58,3 %
Russland 48,7 Mio. EUR 34,5 Mio. EUR −29,2 %
Belarus 88,0 Mio. EUR 67,8 Mio. EUR −22,9 %

Handelspartner (Importe)

2.2 Sanktionen gegen Belarus und Russland verursachten einen drastischen Angebotschock

Ein Schlüsselereignis war der durch Sanktionen ausgelöste Lieferausfall aus Belarus im Jahr 2023. Die Daten zeigen einen vollständigen Einbruch der Importe (−100 % gegenüber dem Vorjahresniveau), mit einer abnormalen Abweichung von 3,6 Standardabweichungen. Belarus hatte bis dato einen Anteil von 18,1 % am Importwert gehabt — dessen Wegfall zwang die EU, alternative Bezugsquellen zu erschliessen. Die stark gestiegenen Importe aus der Türkei und China sind teilweise als Substitutionseffekte zu interpretieren.

Auch die Importe aus Russland sanken um 29,2 % — ebenfalls ein Spiegelbild der nach 2022 verschärften Sanktionslage.

Angebotschocks

2.3 Die Importkonzentration stieg drastisch — die Abhängigkeit von wenigen Partnern wuchs

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 1.489 (2015) auf 2.495 (2025) — eine Zunahme um 67,5 %. Ein HHI über 2.500 gilt in der Wettbewerbstheorie als hoch konzentriert. Die EU bezog damit einen wachsenden Teil ihrer Eisendrahtimporte aus wenigen Ländern — insbesondere aus China, der Türkei und der Ukraine. Dies erhöht die Verwundbarkeit gegenüber geopolitischen Ereignissen und Handelskonflikten.

Auf der Exportseite war die Konzentration mit einem HHI von 1.305 (2025) moderater, stieg aber ebenfalls um 31,4 % gegenüber 2015. Die Schweiz blieb mit Abstand das wichtigste Exportziel (186,3 Mio. EUR), gefolgt vom Vereinigten Königreich (66,7 Mio. EUR) und den USA (61,4 Mio. EUR).

Konzentration (HHI)

2.4 Auf der Exportseite sind die EU-Länder unterschiedlich betroffen

Italien verdoppelte seinen Exportwert von 87,9 Mio. EUR auf 175,8 Mio. EUR und wurde damit zum grössten EU-Exporteur vor Deutschland (104,1 Mio. EUR, −23,5 %). Frankreich und Spanien verloren hingegen über die Hälfte ihrer Exporte. Innerhalb der EU zeigt sich damit eine zunehmende Polarisierung zwischen Gewinnern und Verlierern.

EU-Mitgliedstaat Exportwert 2015 Exportwert 2025 Veränderung
Italien 87,9 Mio. EUR 175,8 Mio. EUR +100,0 %
Deutschland 136,1 Mio. EUR 104,1 Mio. EUR −23,5 %
Slowakei 37,6 Mio. EUR 73,0 Mio. EUR +94,5 %
Frankreich 102,1 Mio. EUR 43,6 Mio. EUR −57,3 %
Spanien 69,6 Mio. EUR 27,8 Mio. EUR −60,0 %
Tschechien 32,7 Mio. EUR 58,5 Mio. EUR +79,0 %
Österreich 13,5 Mio. EUR 44,7 Mio. EUR +231,4 %

EU-Exporteure nach Wert


3. Produktmix, Preisdynamik und der Strukturwandel im Beschichtungssegment

3.1 Der Preisanstieg von 2021/2022 war ein beispielloser Schock

Die Jahre 2021 und 2022 brachten extreme Preisspitzen, die den gesamten Zeitraum dominieren. Die durchschnittlichen Exportpreise erreichten 2022 einen Höchststand von 1.524 EUR/t — mehr als doppelt so hoch wie der Tiefstwert von 875 EUR/t (2016). Die Importpreise erreichten mit 1.382 EUR/t ebenfalls ein Rekordhoch.

Besonders auffällig war ein extremes Preisereignis bei den Exporten nach Brasilien im Jahr 2022: Die Abnormalität lag bei 355,3 Standardabweichungen bei einem Preisanstieg von 54 %. Brasilien hatte zwar nur einen Anteil von 7,6 % am Exportwert, doch das Ereignis illustriert die Marktspannung jener Zeit, die durch Rohstoffknappheit, Energiekostenexplosion und Nachholeffekte nach der Pandemie getrieben war.

Ein weiterer markanter Preisschock betraf die Exporte in die Schweiz im Jahr 2021 (+33,6 %), was den mit Abstand grössten Exportmarkt (36,3 % Anteil) traf.

Volatilität nach Partnern

3.2 Verzinkter Draht (721720) dominiert nun die Importstruktur — unbeschichteter Draht (721710) verliert markant

Die tiefgreifendste strukturelle Verschiebung vollzog sich im Produktmix der Importe. Unbeschichteter Draht (721710) — lange Zeit das mengenmässig dominierende Segment — verlor 38,7 % seines Importvolumens (von 361.028 t auf 221.384 t). Verzinkter Draht (721720) hingegen verdoppelte seine Importmenge nahezu: von 203.769 t auf 382.144 t (+87,6 %).

Unterposition Importmenge 2015 Importmenge 2025 Veränderung
721710 — unbeschichtet 361.028 t 221.384 t −38,7 %
721720 — verzinkt 203.769 t 382.144 t +87,6 %
721730 — mit unedlen Metallen 81.743 t 78.955 t −3,4 %
721790 — sonstig beschichtet 33.144 t 24.382 t −26,4 %

Verzinkter Draht ist damit 2025 mit 382.144 t mengenmässig das grösste Importsegment und übertrifft die drei anderen Unterpositionen zusammen. Die Importpreise für verzinkten Draht lagen 2025 bei 818 EUR/t — deutlich unter dem Niveau von unbeschichtetem Draht (943 EUR/t), was auf preisgünstige Importe insbesondere aus der Türkei und China hindeutet.

Produktvergleich (Importe)

3.3 Auf der Exportseite gehen alle Segmente mengenmässig zurück

Auch bei den Exporten zeigt sich ein rückläufiges Bild — allerdings weniger ausgeprägt beim unbeschichteten Draht und mit einem Sonderweg bei Segment 721730:

Unterposition Exportmenge 2015 Exportmenge 2025 Veränderung
721710 — unbeschichtet 385.193 t 330.243 t −14,3 %
721720 — verzinkt 178.553 t 110.720 t −38,0 %
721730 — mit unedlen Metallen 49.849 t 53.821 t +8,0 %
721790 — sonstig beschichtet 19.347 t 14.377 t −25,7 %

Der verzinkte Draht verlor als Exportgut besonders stark (−38,0 %), während Segment 721730 als einziges Segment ein leichtes Mengenwachstum verzeichnete. Die Preisniveaus lagen bei den Exporten generisch höher als bei den Importen — ein Indiz für eine Qualitäts- oder Veredelungsprämie der EU-Produzenten. So lag der Exportpreis für verzinkten Draht bei 1.489 EUR/t gegenüber nur 818 EUR/t bei den Importen.

3.4 Spezialisierung und Konzentration innerhalb der EU variieren stark

Die Analyse der Spezialisierungskoeffizienten (RSCA) zeigt, dass innerhalb der EU eine klare Arbeitsteilung besteht. Luxemburg (RSCA: 0,69), die Slowakei (0,68) und Tschechien (0,50) weisen die höchste Spezialisierung im Eisendraht-Export auf. Dagegen sind Irland (RSCA: −1,0), Malta (−1,0) und Finnland (−0,98) praktisch nicht in diesem Segment aktiv.

Spezialisierung nach Mitgliedstaaten


Fazit

Der EU-Markt für Eisendraht (CN 7217) durchlief zwischen 2015 und 2025 einen tiefgreifenden Strukturwandel. Drei zentrale Ergebnisse sind hervorzuheben:

Erstens hat sich die EU von einem Nettoexporteur zu einem nahezu ausgeglichenen — zeitweise sogar defizitären — Handelspartner entwickelt. Der Exportmengenrückgang von fast 20 % bei gleichzeitigem Anstieg der Importe um 4 % unterstreicht einen echten Wettbewerbsverlust, der durch Preissteigerungen nur teilweise kaschiert wird.

Zweitens haben geopolitische Ereignisse die Lieferketten grundlegend umstrukturiert. Sanktionen gegen Belarus und Russland haben traditionelle Bezugsquellen verengt, während China und die Türkei die entstandene Lücke füllten. Die Importkonzentration stieg auf ein bedenklich hohes Niveau (HHI > 2.400), was die strategische Verwundbarkeit der EU erhöht.

Drittens zeigt sich im Produktmix eine klare Verschiebung hin zu verzinktem Draht auf der Importseite, während die EU-Produktion mengenmässig schrumpfte. Die EU spezialisiert sich zunehmend auf hochwertigere Beschichtungssegmente (insbesondere 721730), büsst aber im Volumensegment Marktanteile an importierte Ware — insbesondere aus Asien und der Türkei — ein.

Insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass die EU im Bereich des einfachen Eisendrahts zunehmend unter Kostendruck gerät und ihre Wettbewerbsposition vor allem in den energieintensiven Grundprodukten verliert. Die Handelspolitik — namentlich Handelsabwehrinstrumente und Diversifizierungsstrategien — wird entscheidend dafür sein, ob dieser Trend gestoppt oder fortgeschrieben wird.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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