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Marktentwicklung: Eisendraht (CN 721710) — 2015–2025

Einleitung

Dieser Bericht analysiert die Entwicklung des EU-Außenhandels mit dem Zollprodukt CN 721710 — Draht aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl, in Ringen oder Rollen, nicht überzogen, auch poliert im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Warengruppe umfasst unlegierten Stahldraht in fünf Unterpositionen, die sich nach Kohlenstoffgehalt und Querschnittsabmessung unterscheiden. Die EU ist bei diesem Produkt grundsätzlich ein Nettoexporteur, wenngleich sich diese Position im Verlauf des Betrachtungszeitraums abgeschwächt hat. Insgesamt zeichnet sich das Bild eines Marktes, der durch drei zentrale Dynamiken geprägt ist: ein deutlicher Preisanstieg bei gleichzeitig rückläufigen Volumina, eine fundamentale Neuausrichtung der Handelspartnerstruktur sowie eine Verschiebung innerhalb der Produktsegmente zugunsten hochwertiger Sorten.


1. Preisexplosion bei schrumpfenden Mengen — Der Wert als trügerischer Kompass

Die auffälligste Entwicklung im Betrachtungszeitraum ist die Diskrepanz zwischen den rückläufigen Handelsmengen und den weitgehend stabilen bzw. steigenden Handelswerten. Wer nur auf die Werte blickt, verkennt das zugrunde liegende Mengenbild.

Exporte: Stabile Werte, sinkende Volumina

Die EU exportierte 2015 insgesamt 385.193 Tonnen Eisendraht im Wert von 325,9 Mio. EUR. Im Jahr 2025 betrug das Exportvolumen nur noch 330.243 Tonnen (−14,3 %), während der Wert mit 342,0 Mio. EUR sogar leicht über dem Ausgangsniveau lag (+4,9 %). Dies lässt sich vollständig auf den starken Preisanstieg zurückführen: Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 846 EUR/t im Jahr 2015 auf 1.036 EUR/t im Jahr 2025 (+22,4 %), mit einem Spitzenwert von 1.343 EUR/t.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert (Mio. EUR) 325,9 342,0 +4,9 %
Exportmenge (t) 385.193 330.243 −14,3 %
Exportpreis (EUR/t) 846 1.036 +22,4 %

Quelle: Allgemeiner Überblick

Importe: Noch stärkerer Rückgang der Mengen

Auf der Importseite fällt der Trend noch deutlicher aus. Die Einfuhren sanken von 361.028 Tonnen (213,4 Mio. EUR) im Jahr 2015 auf lediglich 221.384 Tonnen (208,8 Mio. EUR) im Jahr 2025. Der Mengenrückgang beträgt damit −38,7 %, während der Wert nur um −2,2 % sank. Der Importpreis expl regierte förmlich: von 591 EUR/t auf 943 EUR/t (+59,5 %). Der Preisanstieg war also bei den Importen fast dreimal so stark wie bei den Exporten, was auf steigende Beschaffungskosten insbesondere aus Drittländern hindeutet.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mio. EUR) 213,4 208,8 −2,2 %
Importmenge (t) 361.028 221.384 −38,7 %
Importpreis (EUR/t) 591 943 +59,5 %

Quelle: Allgemeiner Überblick

Die Preisspitze 2021/2022 als Wendepunkt

Die Preise erreichten ihren Höhepunkt in den Jahren 2021 und 2022, sowohl bei Exporten als auch bei Importen. Exportpreise stiegen von 753 EUR/t (Tiefstwert) bis auf 1.343 EUR/t, Importpreise von 511 EUR/t auf 1.210 EUR/t. Diese Phase korrespondiert mit der globalen Rohstoffpreisexplosion nach der COVID-19-Pandemie und dem Beginn des Ukrainekriegs, die Stahlpreise weltweit in die Höhe trieben. Ab 2023 normalisierten sich die Preise wieder, blieben aber deutlich über dem Vor-Krisen-Niveau.

Handelsbilanz und Eigenversorgung

Die EU erzielte im gesamten Zeitraum einen positiven Handelsbilanzsaldo. Dieser schwankte jedoch erheblich: von 112,5 Mio. EUR (2015) über ein Minimum von 30,7 Mio. EUR bis hin zu einem Maximum von 227,3 Mio. EUR, bevor er 2025 bei 133,1 Mio. EUR landete. Die Netto-Importabhängigkeit lag durchgehend im negativen Bereich (d. h. die EU war Nettoexporteur), näherte sich aber dem Nullpunkt: von −2,8 % (2015) auf −0,8 % (2025). In einem Jahr (2020) wurde sogar ein leicht positiver Wert von +3,8 % erreicht, was die Pandemie-bedingte Schwäche der EU-Stahlwirtschaft widerspiegelt.


2. Geopolitische Brüche und Neuausrichtung der Handelspartnerstruktur

Der Betrachtungszeitraum ist durch tektonische Verschiebungen in der Handelspartnerstruktur gekennzeichnet, die sowohl geopolitische Ereignisse (Brexit, Ukrainekrieg, Sanktionen) als auch strukturelle Marktveränderungen widerspiegeln.

Importseite: Ukraine als Aufsteiger, Belarus als Rückläufer

Auf der Importseite vollzog sich eine bemerkenswerte Umkehrung. Belarus, 2015 noch mit Abstand der wichtigste Importpartner (61,1 Mio. EUR), fiel 2025 auf 48,3 Mio. EUR zurück (−20,9 %). Die Ukraine hingegen stieg von nur 15,8 Mio. EUR auf beeindruckende 67,8 Mio. EUR (+329,6 %) und wurde damit zum wichtigsten EU-Importeur von Eisendraht. Dies ist umso bemerkenswerter angesichts des seit 2022 andauernden Krieges, der die ukrainische Stahlindustrie erheblich belastet, aber offenbar auch zu einer engeren wirtschaftlichen Anbindung an die EU geführt hat.

Importpartner 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Belarus 61,1 48,3 −20,9 %
Ukraine 15,8 67,8 +329,6 %
Russland 28,3 34,1 +20,7 %
China 28,5 39,2 +37,5 %
Türkiye 13,6 29,4 +115,1 %
Südkorea 21,9 13,2 −39,8 %
Vereinigtes Königreich 22,6 4,3 −81,1 %

Quelle: Top-Handelspartner nach Wert

Russland und China konnten ihre Lieferungen trotz der geopolitischen Spannungen ausweiten. Besonders auffällig ist das Wachstum der türkischen Exporte in die EU (+115,1 %), die das Land zu einem bedeutenden Zulieferer machten. Der starke Rückgang des Handels mit dem Vereinigten Königreich (−81,1 %) ist eine klare Brexit-Folge: Großbritannien wird seit dem Austritt aus der EU als Drittland behandelt.

Exportseite: Schweiz als Dreh- und Angelpunkt, Brexit-Effekt auch hier

Die Exportseite wird von der Schweiz dominiert, die 2015 mit 105,1 Mio. EUR und 2025 mit 149,0 Mio. EUR (+41,8 %) mit Abstand der wichtigste Abnehmer war. Mit einem Spitzenwert von 297,3 Mio. EUR entfielen in manchen Jahren fast drei Viertel der EU-Ausfuhren auf die Schweiz. Dies spiegelt unter anderem die Rolle der Schweiz als Drehscheibe für Weiterverarbeitung und Re-Export wider.

Exportpartner 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Schweiz 105,1 149,0 +41,8 %
Vereinigtes Königreich 41,4 18,5 −55,3 %
USA 26,7 29,2 +9,2 %
Brasilien 36,7 49,9 +35,8 %
Serbien 4,2 14,2 +233,3 %
Kanada 5,9 6,7 +13,2 %
Marokko 7,1 3,5 −50,6 %

Quelle: Top-Handelspartner nach Wert

Auch bei den Exporten führte der Brexit zu einem erheblichen Rückgang des Handels mit Großbritannien (−55,3 %). Serbien entwickelte sich dagegen zu einem dynamischen Wachstumsmarkt (+233,3 %), was auf die fortschreitende wirtschaftliche Integration des Westbalkans in die EU-Wertschöpfungsketten hindeutet.

Steigende Konzentration bei Exporten

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte stieg von 1.508 auf 2.270 (+50,6 %), was auf eine zunehmende Konzentration der EU-Ausfuhren auf wenige Partnerländer hinweist — allen voran die Schweiz. Bei den Importen war der Anstieg moderater (von 1.522 auf 1.864, +22,5 %), blieb aber ebenfalls spürbar. Eine höhere Konzentration erhöht die Anfälligkeit gegenüber Handelsstörungen in einzelnen Partnerländern.

Umverteilung innerhalb der EU-Mitgliedstaaten

Auch innerhalb der EU verschob sich die Rolle der einzelnen Mitgliedstaaten erheblich:

  • Italien entwickelte sich zum dominanten Exporteur: von 54,8 Mio. EUR auf 146,4 Mio. EUR (+167,1 %).
  • Österreich verfünffachte seine Exporte nahezu (von 12,3 Mio. auf 44,1 Mio. EUR, +257,1 %).
  • Spanien hingegen brach bei den Exporten ein (von 33,6 Mio. auf 1,5 Mio. EUR, −95,4 %).
  • Frankreich verlor ebenfalls stark (von 71,7 Mio. auf 30,1 Mio. EUR, −57,9 %).
  • Bei den Importen stachen die Niederlande hervor (+285,2 %), während Deutschland und Litauen deutliche Rückgänge verzeichneten.

Diese Verschiebungen deuten auf eine Verlagerung der Exportkapazitäten innerhalb der EU hin, wobei südliche und alpine Mitgliedstaaten an Bedeutung gewannen.


3. Produktsegmentverschiebung und Spezialisierungsmuster

Innerhalb der Warengruppe CN 721710 sind substanzielle Verschiebungen zwischen den einzelnen Unterpositionen erkennbar, sowohl bei Importen als auch bei Exporten. Diese spiegeln veränderte Nachfragestrukturen und Produktionsstrategien wider.

Rückgang des gerippten Drahts bei Importen, Anstieg bei Exporten

Der mengenmäßig dominierende Produktsegment bei Importen war 2015 der gerippte Draht (CN 72171031, ≥0,8 mm, C<0,25 %) mit 120.690 Tonnen. Bis 2025 brach diese Position auf nur noch 15.145 Tonnen ein (−87,5 %). Gleichzeitig blieb der Standarddraht (CN 72171039, ≥0,8 mm, C<0,25 %) relativ stabil (157.334 t → 136.456 t) und wurde so zur unangefochtenen Hauptimportposition.

Produktsegment Import 2015 (t) Import 2025 (t) Veränderung
72171039 — Standard, ≥0,8 mm, C<0,25 % 157.334 136.456 −13,3 %
72171031 — Gerippt, ≥0,8 mm, C<0,25 % 120.690 15.145 −87,5 %
72171090 — C≥0,6 % 65.227 55.020 −15,6 %
72171050 — 0,25 %≤C<0,6 % 15.617 11.127 −28,8 %
72171010 — Feindraht, <0,8 mm, C<0,25 % 2.159 3.636 +68,4 %

Quelle: Produktsegment-Vergleich

Bei den Exporten hingegen wuchs der gerippte Draht (72171031) von 168.498 Tonnen auf 212.890 Tonnen (+26,3 %) und wurde zum mengenmäßig wichtigsten Exportprodukt. Der Export des Standarddrahts (72171039) sank dagegen von 90.635 auf 43.726 Tonnen (−51,7 %). Der hochkohlenstoffhaltige Draht (72171090, C≥0,6 %) verlor ebenfalls deutlich (−44,9 %). Dies deutet auf eine Spezialisierung der EU-Produzenten auf gerippten Draht — ein Produkt mit höherer Wertschöpfung — hin, während der Import einfacherer Sorten zurückgeht.

Produktsegment Export 2015 (t) Export 2025 (t) Veränderung
72171031 — Gerippt, ≥0,8 mm, C<0,25 % 168.498 212.890 +26,3 %
72171090 — C≥0,6 % 98.652 54.336 −44,9 %
72171039 — Standard, ≥0,8 mm, C<0,25 % 90.635 43.726 −51,7 %
72171050 — 0,25 %≤C<0,6 % 16.965 14.452 −14,8 %
72171010 — Feindraht, <0,8 mm, C<0,25 % 10.443 4.840 −53,7 %

Quelle: Produktsegment-Vergleich

EU-Produktion: Weniger Menge, mehr Wert

Die EU-Inlandsproduktion untermauert diesen Trend: Die Produktionsmenge sank von 5,618 Mrd. kg auf 4,515 Mrd. kg (−19,6 %), während der Produktionswert von 3.223 Mio. EUR auf 4.766 Mio. EUR stieg (+47,9 %). Die durchschnittliche Produktionseinheit verteuerte sich damit erheblich, was auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten oder auf gestiegene Inputkosten (Energie, Rohstoffe) zurückzuführen ist.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Produktionsmenge (Mrd. kg) 5,618 4,515 −19,6 %
Produktionswert (Mio. EUR) 3.223 4.766 +47,9 %

Quelle: Produktionsvolumina

Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt ein klares Muster: Italien (RSCA 0,55, RCA 3,40) und Portugal (RSCA 0,50, RCA 3,00) sind am stärksten auf Eisendraht spezialisiert. Gemeinsam mit Tschechien, der Slowakei und Österreich bilden sie den Kern der EU-Exportindustrie für dieses Produkt. Auf der anderen Seite weisen Irland, Finnland und Malta keinerlei relevante Spezialisierung auf. Die hohe italienische Spezialisierung erklärt den dramatischen Exportanstieg des Landes und unterstreicht seine Rolle als Produzent von Eisendraht mit vergleichsweise hoher Wertschöpfung.


Fazit

Die Marktentwicklung von Eisendraht (CN 721710) im Zeitraum 2015–2025 lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen: Erstens sanken die Handelsvolumina sowohl bei Exporten (−14,3 %) als auch besonders bei Importen (−38,7 %) erheblich, während die Werte durch massive Preissteigerungen (bis zu +59,5 %) gestützt wurden — ein Zeichen für eine durch Inflation und Rohstoffpreiszyklen getriebene Scheinstabilität. Zweitens verschob sich die Handelspartnerstruktur grundlegend: Der Brexit reduzierte den Handelsverkehr mit dem Vereinigten Königreich drastisch, die Ukraine stieg zum wichtigsten Importpartner auf, und die Schweiz festigte ihre Vormachtstellung als EU-Exportziel. Drittens zeigt sich innerhalb der Produktsegmente ein Trend zur Spezialisierung auf hochwertigere Sorten (gerippter Draht) bei gleichzeitigem Rückgang einfacherer Produkte, was sich auch in der EU-Produktion widerspiegelt (rückläufige Mengen, steigende Werte). Die zunehmende Konzentration bei Exporten (HHI +50,6 %) birgt jedoch strategische Risiken, die angesichts geopolitischer Unsicherheiten im Auge behalten werden sollten.

Erstellt am 2026-08-09. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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