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Marktentwicklung: Andere legierte Stahlrohblöcke und Halbzeug (CN 7224) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifcode 7224 umfasst legierten Stahl (anderer als nichtrostender Stahl) in Form von Rohblöcken, Ingots und anderen primären Formen (Unterposition 722410) sowie Halbzeug (Unterposition 722490). Dieses Produkt stellt ein wesentliches Zwischenprodukt der europäischen Stahlindustrie dar und dient als Ausgangsmaterial für die Herstellung von Flacherzeugnissen, Profilen und Drähten in zahlreichen Industriezweigen — von der Automobilindustrie bis zum Anlagenbau.

Der untersuchte Zeitraum 2015–2025 war von erheblichen geopolitischen und konjunkturellen Erschütterungen geprägt: Handelskonflikte, die COVID-19-Pandemie, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die darauf folgenden Sanktionen haben die traditionellen Handelsströme nachhaltig verändert. Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Entwicklungen im EU-Außenhandel mit diesem Produktsegment.

Gesamtübersicht auf dem Trade Dashboard


1. Preis-Mengen-Schere: Steigende Kosten bei schrumpfenden Handelsvolumina

Die Kernspannung zwischen Volumen und Wert im Import

Die Analyse des EU-Außenhandels mit CN 7224 offenbart eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertentwicklung auf der Importseite. Während die Importmengen im Zeitraum 2015–2025 um 21,1 % sanken (von 558.723 t auf 440.960 t), stiegen die Importwerte um 15,7 % (von 259,4 Mio. EUR auf 300,1 Mio. EUR). Dieses Muster ist nur durch einen erheblichen Preisanstieg erklärbar: Die durchschnittlichen Importpreise erhöhten sich um 46,6 % von 464 EUR/t auf 680 EUR/t.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert 259,4 Mio. EUR 300,1 Mio. EUR +15,7 %
Importmenge 558.723 t 440.960 t −21,1 %
Importpreis 464 EUR/t 680 EUR/t +46,6 %

Quelle: Handelsübersicht

Gegenläufige Entwicklung bei Exporten

Auf der Exportseite zeigen sich gegenläufige Muster. Die EU-Exporte stiegen sowohl mengen- als auch wertmäßig: Die Exportmenge wuchs von 119.531 t auf 185.073 t (+54,8 %), der Exportwert von 147,8 Mio. EUR auf 227,8 Mio. EUR (+54,1 %). Der durchschnittliche Exportpreis blieb dabei nahezu unverändert bei rund 1.231 EUR/t (−0,4 %). Die EU exportiert demnach zu stabilen Preisen in wachsendem Umfang, importiert jedoch zu stark steigenden Preisen bei schrumpfenden Mengen — ein Hinweis auf zunehmende Preisdruck von außen und eine Verschiebung der Wertschöpfungskette.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert 147,8 Mio. EUR 227,8 Mio. EUR +54,1 %
Exportmenge 119.531 t 185.073 t +54,8 %
Exportpreis 1.236 EUR/t 1.231 EUR/t −0,4 %

Zwei Teilsegmente mit völlig unterschiedlichen Preisentwicklungen

Innerhalb des Produktcodes 7224 verbergen sich zwei stark unterschiedliche Teilsegmente. Der weitaus größte Teil des Handels entfällt auf 722490 (Halbzeug), das 2025 rund 99 % der Importmenge ausmachte. Bei diesem Teilsegment stieg der Importpreis moderat von 453 EUR/t auf 666 EUR/t (+47 %).

Deutlich dramatischer war die Preisentwicklung bei 722410 (Rohblöcke/Ingots): Hier explodierte der Importpreis von 859 EUR/t im Jahr 2015 auf 2.654 EUR/t im Jahr 2025 — ein Anstieg von über 209 %. Zugleich sanken die Importmengen in diesem Segment von 15.843 t auf lediglich 3.187 t. Dies deutet auf eine zunehmende Knappheit und Verdrängung dieses Rohmaterials aus den EU-Bezugsquellen hin.

Segment Menge 2015 Menge 2025 Preis 2015 Preis 2025 Preisänderung
722490 (Halbzeug) 542.880 t 437.773 t 453 EUR/t 666 EUR/t +47 %
722410 (Rohblöcke) 15.843 t 3.187 t 859 EUR/t 2.654 EUR/t +209 %

Quelle: Produktsegmentvergleich

Der außergewöhnliche Überschuss von 2022

Besonders hervorzuheben ist das Jahr 2022, in dem die EU-Exporte auf 599,1 Mio. EUR explodierten — mehr als das Vierfache des Vorjahreswerts und der höchste Wert im gesamten Beobachtungszeitraum. Die Exportmengen stiegen auf 544.578 t. Infolgedessen verkehrte sich das chronische Handelsdefizit in einen Überschuss von 295,8 Mio. EUR — den einzigen positiven Saldo im gesamten Zeitraum. Die Importe beliefen sich in jenem Jahr auf 303,3 Mio. EUR.

Diese Entwicklung ist auf den drastischen Preisanstieg nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zurückzuführen, der die globalen Stahlmärkte stark destabilisierte. Bereits 2023 normalisierte sich die Situation wieder, und das Handelsdefizit kehrte auf 72,3 Mio. EUR (2025) zurück.


2. Geopolitische Umwälzungen: Russlands Niedergang und der Aufstieg neuer Handelspartner

Russland verliert seine dominierende Stellung als Lieferant

Die gravierendste Verschiebung in den Importpartnern betrifft die Russische Föderation. 2015 war Russland mit 130,6 Mio. EUR der mit Abstand wichtigste Lieferant der EU in diesem Segment und deckte über die Hälfte des Importwerts ab. Bis 2025 sank der Wert auf 68,0 Mio. EUR (−47,9 %). Der Variationskoeffizient (CV = 0,63) bestätigt eine hohe Volatilität über den Beobachtungszeitraum, die den schrittweisen Rückgang begleitete.

Parallel dazu brachen die Lieferungen aus der Ukraine von 33,3 Mio. EUR auf 12,0 Mio. EUR ein (−63,9 %), was sowohl auf die Kriegsauswirkungen als auch auf die Zerstörung ukrainischer Produktionskapazitäten und Logistikrouten zurückzuführen ist.

China, Türkei und Vietnam füllen das Vakuum

In das durch den Rückgang Russlands und der Ukraine entstandene Vakuum stiegen neue Lieferanten ein — mit teils dramatischen Zuwachsraten:

Lieferant 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung Volatilität (CV)
China 3,3 70,6 +2.034 % 1,36
Türkei 25,0 66,6 +167 % 0,37
Vietnam ~0 36,6 0,86
Russland 130,6 68,0 −48 % 0,63
Ukraine 33,3 12,0 −64 % 0,64
Brasilien 11,6 8,3 −29 % 0,78

Quelle: Top-Handelspartner

China verzeichnete das spektakulärste Wachstum und stieg von einem marginalen Lieferanten (3,3 Mio. EUR, 2015) zum zweitgrößten Importpartner (70,6 Mio. EUR, 2025) auf. Mit einem Variationskoeffizienten von 1,36 weist China zugleich die höchste Volatilität aller Importpartner auf, was auf eine noch junge und instabile Handelsbeziehung hindeutet. Vietnam stieg praktisch von null zum fünftgrößten Lieferanten auf — eine bemerkenswerte Entwicklung, die auf die globale Diversifizierung der Stahlproduktion und mögliche Handelsumleitungen im Zuge von Sanktionen hindeutet. Die Türkei als traditioneller Stahlproduzent wuchs kontinuierlich und wurde 2025 zum drittgrößten Lieferanten.

Großbritannien wird wichtigstes Exportziel der EU

Auf der Exportseite zeigt sich eine bemerkenswerte Neuorientierung. Die EU-Exporte nach Großbritannien stiegen von 22,1 Mio. EUR (2015) auf 64,5 Mio. EUR (2025), was einem Zuwachs von 191,6 % entspricht. Großbritannien überholte damit die Vereinigten Staaten, die zwar ebenfalls wuchsen (von 30,6 Mio. EUR auf 38,5 Mio. EUR, +25,7 %), aber an relativer Bedeutung verloren. Die Exporte nach China stiegen ebenfalls kräftig von 19,8 Mio. EUR auf 36,9 Mio. EUR (+86,6 %).

Gleichzeitig sanken die EU-Exporte in einige traditionelle Märkte drastisch: Saudi-Arabien (von 2,3 Mio. EUR auf 0,1 Mio. EUR, −94 %) und Mexiko (von 4,1 Mio. EUR auf 0,2 Mio. EUR, −94 %) verloren fast vollständig an Bedeutung.

Exportpartner 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Vereinigtes Königreich 22,1 64,5 +192 %
Vereinigte Staaten 30,6 38,5 +26 %
China 19,8 36,9 +87 %
Indien 18,8 11,8 −37 %
Saudi-Arabien 2,3 0,1 −94 %
Mexiko 4,1 0,2 −94 %

Quelle: Top-Handelspartner Exporte

Konzentrationsverschiebungen: Diversifizierung bei Importen, Konzentration bei Exporten

Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) bestätigen die beobachteten Verschiebungen. Die Importkonzentration sank von 2.910 auf 1.774 (−39 %) — ein Übergang von einer hochkonzentrierten zu einer mäßig konzentrierten Marktstruktur, getrieben vor allem durch den Rückgang des russischen Anteils und den Aufstieg diversifizierter Lieferanten. Die Exportkonzentration hingegen stieg von 1.146 auf 1.692 (+47,7 %), was bedeutet, dass die EU-Exporte zunehmend auf weniger Märkte — insbesondere Großbritannien und die USA — konzentriert sind.

HHI-Indikator 2015 2025 Veränderung
Importkonzentration (Wert) 2.910 1.774 −39 %
Exportkonzentration (Wert) 1.146 1.692 +48 %

Quelle: Konzentrationsanalyse

Erkannte Schocks im Handel

Die Volatilitätsanalyse identifiziert drei bemerkenswerte Schockereignisse im Beobachtungszeitraum:

Schock Typ Zeitpunkt Verschiebung Anteil am Handelswert
Mexiko (Exportpreis) Preis 2023 +416 % 5 %
USA (Exportpreis) Preis 2018 +18 % 50 %
Brasilien (Import) Angebot 2022 −97 % 8 %

Quelle: Schockereignisse

Der Brasilien-Schock von 2022 ist besonders bemerkenswert: Die Importe aus Brasilien brachen nahezu vollständig zusammen (−97 %), was auf die globalen Lieferkettenstörungen nach dem Beginn des Ukraine-Krieges zurückzuführen sein dürfte. Der Mexiko-Preisschock 2023 mit einem Anstieg von 416 % deutet auf eine außergewöhnliche Marktanpassung oder einen Sonderimport zu stark überhöhten Preisen hin.


3. Schwindende Produktionsbasis und wachsende strategische Verwundbarkeit

Rückläufige EU-Produktion trotz Wertsteigerung

Die EU-Produktion von CN 7224 verzeichnete im Beobachtungszeitraum einen deutlichen Rückgang der Mengen. Die Produktionsmenge sank von 4.118.000 t (2015) auf 3.180.000 t (2025), ein Minus von 22,8 %. Der Tiefpunkt wurde mit 2.327.000 t erreicht.

Gleichzeitig stieg der Produktionswert um 120,7 % — von rund 1,5 Mrd. EUR auf 3,3 Mrd. EUR. Die rechnerische Produktionspreiseinheit verdreifachte sich damit von rund 363 EUR/t auf rund 1.038 EUR/t, was die allgemeine Inflation im europäischen Stahlsektor widerspiegelt, insbesondere die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten nach 2021.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Produktionsmenge 4.118.000 t 3.180.000 t −22,8 %
Produktionswert 1.496 Mio. EUR 3.300 Mio. EUR +120,7 %
Produktionspreis (errechnet) ~363 EUR/t ~1.038 EUR/t ~+186 %

Quelle: Produktionsvolumen

Zunehmende Importabhängigkeit

Die Nettostrom-Importabhängigkeit der EU stieg von lediglich 0,18 % im Jahr 2015 auf 3,73 % im Jahr 2025 — eine Veränderung von über 1.900 %. Im selben Zeitraum erhöhte sich die Handelsintensität von 0,30 % auf 6,20 % und die Exportquote von 0,06 % auf 1,32 %.

Indikator 2015 2025 Veränderung
Nettostrom-Importabhängigkeit 0,18 % 3,73 % +1.921 %
Handelsintensität 0,30 % 6,20 % +1.936 %
Exportquote 0,06 % 1,32 % +2.099 %

Quelle: Importabhängigkeit, Handelsintensität, Exportquote

Obwohl die absoluten Werte weiterhin relativ niedrig sind — die EU produziert den Großteil ihres Bedarfs an legiertem Stahlhalbzeug selbst — signalisieren die stark steigenden Trends eine zunehmende Verflechtung mit Weltmärkten und damit verbundene Anfälligkeit für externe Störungen. Auffällig ist, dass die Exportquote (+2.099 %) das am stärksten wachsende Salienzmaß darstellt, was darauf hindeutet, dass die EU-Produktion zunehmend auf Exportmärkte ausgerichtet ist.

Spezialisierung und regionale Konzentration innerhalb der EU

Die Analyse der komparativen Vorteile (RSCA-Index, Stand 2025) zeigt eine erhebliche regionale Konzentration der EU-Produktion auf wenige Mitgliedstaaten:

Land RSCA RCA Anteil an EU-Produktion
Österreich 0,65 4,75 15,7 %
Italien 0,30 1,86 14,9 %
Tschechien 0,23 1,58 7,6 %
Deutschland 0,21 1,53 32,3 %
Belgien 0,03 1,06 9,0 %

Quelle: Spezialisierung

Deutschland ist mit 32,3 % der EU-Produktion der mit Abstand größte Hersteller, weist aber nur eine moderate Spezialisierung auf (RSCA = 0,21). Österreich hingegen zeigt die stärkste Spezialisierung (RSCA = 0,65) und verfügt damit über einen ausgeprägten komparativen Vorteil in diesem Segment. Italien vereint mit 14,9 % Produktionsanteil und einer soliden Spezialisierung (RSCA = 0,30) ebenfalls eine Schlüsselrolle.

Die Konzentration der Produktion in wenigen Mitgliedstaaten birgt ein strategisches Risiko: Störungen in diesen Ländern — etwa durch Energiepreisschocks, Arbeitskämpfe oder Lieferkettenprobleme — könnten weitreichende Auswirkungen auf die gesamte EU-Versorgungslage haben.


Schlussfolgerung

Der EU-Außenhandel mit legiertem Stahlhalbzeug (CN 7224) hat sich im Zeitraum 2015–2025 in drei zentralen Dimensionen grundlegend verändert:

Erstens haben geopolitische Umbrüche — insbesondere der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die darauf folgenden Sanktionen — die Handelsströme nachhaltig umstrukturiert. Russland verlor seine dominierende Stellung als Lieferant, während China (+2.034 %), die Türkei (+167 %) und Vietnam als neue Hauptlieferanten aufstiegen. Die Importkonzentration sank entsprechend, was eine Diversifizierung der Bezugsquellen signalisiert.

Zweitens zeigt sich eine zunehmende Preis-Mengen-Schere: Die EU importiert zu steigenden Preisen bei schrumpfenden Mengen, exportiert jedoch zu stabilen Preisen in wachsendem Umfang. Der temporäre Handelsüberschuss von 295,8 Mio. EUR im Jahr 2022 — ein Effekt der globalen Stahlpreisexplosion nach dem Ukraine-Krieg — unterstreicht sowohl die Reaktionsfähigkeit der europäischen Industrie als auch die hohe Volatilität des Marktes.

Drittens geht die EU-Produktion in diesem Segment mengenmäßig zurück (−22,8 %), während die Importabhängigkeit trotz weiterhin niedriger absoluter Werte stetig zunimmt. Die Konzentration der inländischen Produktion auf wenige Mitgliedstaaten — allen voran Deutschland, Österreich und Italien — erhöht die Verwundbarkeit gegenüber externen Schocks.

Für die strategische Autonomie der EU im Stahlbereich bleiben die Diversifizierung der Bezugsquellen, die Stärkung der inländischen Produktionskapazitäten sowie die Überwachung der zunehmenden Importabhängigkeit von zentraler Bedeutung.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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