Marktentwicklung: Geschweißte Stahlrohre (CN 7306) — 2015–2025
Einleitung
Der Markt für geschweißte Rohre und Hohlprofile aus Eisen oder Stahl (KN 7306) hat sich im Zeitraum 2015 bis 2025 grundlegend verändert. Die Europäische Union, die zu Beginn des Betrachtungszeitraums noch einen deutlichen Exportüberschuss aufwies, hat diesen Vorsprung innerhalb eines Jahrzehnts nahezu eingebüßt. Gleichzeitig haben sich die Handelsströme sowohl mengen- als auch preisbezogen in entgegengesetzte Richtungen bewegt: Während die Importmengen stetig stiegen, sanken die Exportmengen — ein Muster, das auf tiefgreifende strukturelle Verschiebungen in der europäischen Stahlrohrindustrie hindeutet. Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Handelsdynamiken, identifiziert die zentralen Partnerländer und beleuchtet die zugrundeliegenden Marktmechanismen. Die Analyse basiert auf Daten der Gesamtübersicht CN 7306.
1. Schrumpfender Handelsüberschuss: Mengenrückgang bei Exporten trotz steigender Werte
1.1. Die Handelsbilanz hat sich zwischen 2015 und 2025 um über 75 % verschlechtert
Die EU verzeichnete 2015 einen Handelsüberschuss (Außenhandel mit Drittländern) in Höhe von 461 Mio. EUR. Bis 2025 sank dieser Überschuss auf lediglich 111 Mio. EUR — ein Rückgang von 75,9 %. In mindestens einem Jahr (2022, als die Importpreise infolge der Energiekrise stark anstiegen) wurde sogar ein Handelsdefizit von −401 Mio. EUR verzeichnet. Die Netto-Importabhängigkeit bewegte sich dabei von −16,4 % (2015) in Richtung Gleichgewicht bei −1,9 % (2025).
1.2. Exportmengen sanken um fast 30 %, während die Werte leicht stiegen
Die Exporte der EU in Drittländer entwickelten sich mengen- und wertbezogen in entgegengesetzte Richtungen:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportvolumen | 972.525 t | 682.471 t | −29,8 % |
| Exportwert | 1.666 Mio. EUR | 1.920 Mio. EUR | +15,3 % |
| Durchschnittspreis | 1.711 EUR/t | 2.812 EUR/t | +64,3 % |
Diese Gegenläufigkeit — weniger Mengen, aber höhere Werte — zeigt, dass die EU-Exporteure sich zunehmend auf hochwertigere, teurere Spezialprodukte verlagert haben. Allerdings reichte der Preisanstieg nicht aus, um den mengenmäßigen Rückgang vollständig zu kompensieren.
1.3. Importe wuchsen sowohl in Menge als auch im Wert überproportional
Im Gegensatz zu den Exporten stiegen die Importe in beide Richtungen an:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importvolumen | 1.337.438 t | 1.799.014 t | +34,5 % |
| Importwert | 1.205 Mio. EUR | 1.809 Mio. EUR | +50,2 % |
| Durchschnittspreis | 901 EUR/t | 1.005 EUR/t | +11,6 % |
Auffällig ist die enorme Preisdifferenz zwischen Exporten (2.812 EUR/t) und Importen (1.005 EUR/t) im Jahr 2025. Dies deutet darauf hin, dass die EU vor allem preisgünstige Standardrohre importiert, während die Ausfuhren in höhere Preissegmente gehen — ein Muster, das auf eine funktionierende Spezialisierung innerhalb der Produktsegmente hindeutet.
2. Regionale Verschiebungen: Die Türkei als dominierender Importlieferant und Norwegens Exportboom
2.1. Die Türkei hat ihre Exporte in die EU mehr als verdoppelt
Der mit Abstand größte Einzeltrend auf der Importseite ist der dramatische Anstiff der Lieferungen aus der Türkei. Mit einem Plus von 122,4 % (von 276 Mio. EUR auf 614 Mio. EUR) hat sich die Türkei als dominierender Lieferant für die EU etabliert. Gleichzeitig stiegen auch die Importe aus Nordmazedonien (+196,2 %), Indien (+116,3 %) und der Ukraine (+116,7 %) stark an. Diese Dynamik spiegelt die wachsende Importabhängigkeit der EU von Drittländern wider.
| Importpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkiye | 275,9 | 613,7 | +122,4 % |
| United Kingdom | 170,9 | 216,5 | +26,6 % |
| Schweiz | 284,5 | 108,2 | −62,0 % |
| Nordmazedonien | 37,0 | 109,7 | +196,2 % |
| Indien | 57,2 | 123,8 | +116,3 % |
| Ukraine | 30,5 | 66,2 | +116,7 % |
| Russland | 46,5 | 2,3 | −95,0 % |
2.2. Russlands Importe sind nahezu vollständig eingebrochen
Die Importe aus Russland sanken von 46,5 Mio. EUR (2015) auf nur noch 2,3 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 95,0 % entspricht. Dies ist eindeutig auf die nach 2022 verhängten EU-Sanktionen gegen Russland zurückzuführen. Der russische Anteil wurde dabei teilweise durch die Türkei und die Ukraine kompensiert — ein Hinweis auf Lieferkettenumstrukturierungen. Die Volatilität der russischen Importe war bereits vor den Sanktionen hoch (Variationskoeffizient von 0,49).
2.3. Norwegen hat sich zum drittgrößten Exportmarkt der EU entwickelt
Auf der Exportseite ist der spektakulärste Trend der Anstieg der EU-Ausfuhren nach Norwegen: von 102 Mio. EUR (2015) auf 380 Mio. EUR (2025), was einem Plus von 274,5 % entspricht. Norwegen ist damit vom fünft- zum wichtigsten Exportmarkt aufgestiegen. Dies dürfte mit der verstärkten Offshore-Öl- und -Gasförderung im Nordatlantik und der Nachfrage nach spezialisierten Rohren zusammenhängen. Gleichzeitig sanken die Exporte in die USA (−27,5 %) und China (−42,3 %), während die Lieferungen nach Mexiko (+117,4 %) und in die Schweiz (+21,7 %) zunahmen.
| Exportpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| United Kingdom | 279,9 | 303,7 | +8,5 % |
| United States | 302,3 | 219,1 | −27,5 % |
| Schweiz | 194,8 | 237,1 | +21,7 % |
| Norwegen | 101,6 | 380,3 | +274,5 % |
| Türkiye | 111,8 | 115,9 | +3,6 % |
| Mexiko | 36,1 | 78,6 | +117,4 % |
| China | 61,7 | 35,5 | −42,3 % |
Die Handelskonzentration (HHI) blieb sowohl bei Importen (1.436 → 1.590) als auch bei Exporten (904 → 1.039) im moderaten Bereich, stieg aber leicht an — ein Hinweis auf eine zunehmende Konzentration auf weniger Partnerländer.
3. Produktsegmente, Preisvolatilität und Schocks: Stahlrohre im Spannungsfeld von Energiekrise und Handelspolitik
3.1. Quadratische/rechteckige Hohlprofile (CN 730661) dominieren den Import
Das mit Abstand größte Importsegment sind geschweißte Rohre und Hohlprofile mit quadratischem oder rechteckigem Querschnitt (CN 730661). Die Importe stiegen von 627.404 t (2015) auf 977.584 t (2025), was einem Plus von 55,8 % entspricht. Auf der Exportseite dominiert CN 730630 (kreisförmige Rohre aus nichtlegiertem Stahl) mit 242.021 t im Jahr 2025, gefolgt von CN 730661 mit 178.314 t. Die Produktaufschlüsselung zeigt, dass die Importmengen in fast allen Segmenten gewachsen sind, während die Exportmengen in den meisten Segmenten rückläufig waren.
| Segment | Importhöchst 2018 (t) | Import 2025 (t) | Exporthöchst 2015 (t) | Export 2025 (t) |
|---|---|---|---|---|
| CN 730661 (quadratisch/rechteckig) | 1.051.667 | 977.584 | 231.762 | 178.314 |
| CN 730630 (kreisförmig, nichtl. Stahl) | 701.923 | 629.242 | 350.342 | 242.021 |
| CN 730640 (rostfreier Stahl) | 64.898 | 74.790 | 132.994 | 82.720 |
| CN 730619 (Line Pipe) | 86.889 | 41.870 | 166.658 | 68.469 |
3.2. Die Stahlpreisexplosion 2021–2022 hat alle Segmente erfasst
Die Periode 2021–2022 markiert einen deutlichen Preisschock über alle Segmente hinweg. Die Importpreise für CN 730630 (kreisförmig, nichtlegierter Stahl) stiegen von 790 EUR/t (2020) auf 1.381 EUR/t (2022), was einem Anstieg von 74,9 % in zwei Jahren entspricht. Die Exportpreise im selben Segment stiegen von 1.293 EUR/t auf 2.238 EUR/t (+73,0 %). Dies spiegelt die globalen Stahlpreisanstiege infolge der COVID-19-Pandemie, der Lieferkettenengpässe und der Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wider.
Bei den Importen aus Nordmazedonien wurde 2021 ein extremes Preisschock-Ereignis mit einer Abnormalität von 51,9 und einem Preisanstieg von 70,7 % detektiert. Ähnliche, wenn auch weniger extreme Schocks traten bei den Importen aus der Ukraine (+62,7 %) und den Exporten nach Brasilien (+52,0 %) auf. Nach 2022 normalisierten sich die Preise teilweise, blieben aber über dem Vorkrisenniveau.
3.3. Italien und Bulgarien sind die spezialisiertesten EU-Exporteure
Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass innerhalb der EU erhebliche Unterschiede in der Exportkompetenz bestehen. Italien (RSCA 0,67, RCA 4,99) und Bulgarien (RSCA 0,66, RCA 4,92) weisen die höchste Spezialisierung auf, d.h. sie exportieren geschweißte Stahlrohre deutlich überproportional zu ihrem Gesamthandelsanteil. Italien war 2025 mit 691 Mio. EUR der größte EU-Exporteur, gefolgt von Deutschland (439 Mio. EUR). Auf der Importseite stachen Rumänien (+262,8 %) und Polen (+152,5 %) als Länder mit dem stärksten Importwachstum hervor, was auf eine wachsende Nachfrage in diesen Volkswirtschaften — möglicherweise im Zusammenhang mit Infrastrukturinvestitionen — hindeutet.
Die Produktionsdaten der EU zeigen ein bemerkenswertes Wachstum: von 1,17 Mrd. kg (2015) auf 8,71 Mrd. kg (2025), was einem Anstieg von 644 % entspricht. Der Produktionswert stieg von 1,34 Mrd. EUR auf 12,05 Mrd. EUR (+799 %). Dieses außergewöhnliche Wachstum könnte teilweise auf erweiterte Meldeverfahren und PRODCOM-Datenanpassungen zurückzuführen sein, spiegelt aber auch die gestiegene Bedeutung des Segments wider.
Fazit
Der EU-Markt für geschweißte Stahlrohre (KN 7306) durchlebt eine Phase tiefgreifender struktureller Veränderung. Die drei zentralen Entwicklungen sind:
-
Erosion des Handelsüberschusses: Der Exportüberschuss ist von 461 Mio. EUR auf 111 Mio. EUR geschrumpft. Die EU importiert mengenmäßig deutlich mehr als sie exportiert — Tendenz steigend. Die Netto-Importabhängigkeit nähert sich dem Nullpunkt.
-
Geopolitische Umstrukturierung: Die Sanktionen gegen Russland, der Aufstieg der Türkei als wichtigstem Importlieferant und der Boom der Exporte nach Norwegen zeigen, dass geopolitische Faktoren die Handelsströme maßgeblich prägen.
-
Preis-Segmentierung: Die extreme Preisdifferenz zwischen Exporten (2.812 EUR/t) und Importen (1.005 EUR/t) zeigt, dass die EU zunehmend Standardrohre importiert und Spezialrohre exportiert — ein Muster, das langfristig die Wertschöpfung in der EU sichern kann, aber auch die Abhängigkeit von günstigen Importen für Grundbedarf erhöht.
Die Exportneigung der EU sank von 20,8 % auf 17,4 %, was darauf hindeutet, dass der Sektor im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Für europäische Politik und Industrie ergibt sich daraus die Herausforderung, die Wertschöpfungskette im Hochpreissegment zu stärken, gleichzeitig aber die Versorgungssicherheit im Volumengeschäft durch diversifizierte Importquellen abzusichern.