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Marktentwicklung: Floatglas (CN 7005) — 2015–2025

Einleitung

Der Warencode 7005 umfasst Platten oder Tafeln aus feuerpoliertem Glas „Float-Glass" und auf einer oder beiden Seiten geschliffenes oder poliertes Glas, auch mit absorbierender, reflektierender oder nichtreflektierender Schicht, jedoch sonst unbearbeitet. Er gliedert sich in vier Unterpositionen:

  • 700510 — mit absorbierender, reflektierender oder nichtreflektierender Schicht
  • 700521 — in der Masse gefärbt, undurchsichtig, überfangen oder nur geschliffen
  • 700529 — geschliffenes und poliertes Glas (Standard-Floatglas)
  • 700530 — mit Drahteinlagen verstärkt

Die EU ist im Zeitraum 2015–2025 durchgehend Nettoexporteur von Floatglas. Der Handelsüberschuss schwankte zwischen 171 Mio. EUR und 382 Mio. EUR und betrug 2025 rund 300 Mio. EUR. Gleichzeitig vollzog sich in diesem Jahrzehnt ein tiefgreifender Strukturwandel: Die EU exportierte zwar mengenmäßig weniger Glas, erzielte dafür deutlich höhere Preise. Die Importseite wurde von geopolitischen Ereignissen — insbesondere dem Krieg in der Ukraine und Sanktionen gegen Russland und Belarus — stark geprägt. Dieser Bericht analysiert die zentralen Dynamiken anhand von drei Leitthesen.


1. Preisexpansion statt Mengenwachstum — Die EU als Hochpreisexporteur

1.1 Steigende Exportwerte trotz sinkender Volumina

Der vielleicht auffälligste Befund des gesamten Untersuchungszeitraums ist die zunehmende Diskrepanz zwischen Exportwert und -menge. Der Gesamtexportwert stieg von 418 Mio. EUR (2015) auf 552 Mio. EUR (2025), was einem Plus von 32,0 % entspricht. Gleichzeitig sank das Exportvolumen von 841.789 t auf 731.788 t (−13,1 %). Der durchschnittliche Exportpreis verdreifachte sich nahezu: von 497 EUR/t auf 755 EUR/t (+51,8 %).

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert 418 Mio. EUR 552 Mio. EUR +32,0 %
Exportmenge (t) 841.789 t 731.788 t −13,1 %
Exportpreis (EUR/t) 497 755 +51,8 %
Exportmenge (m²) 73,4 Mio. m² 73,3 Mio. m² −0,1 %

Die stabile Flächenmenge (m²) bei gleichzeitig sinkender Tonnenzahl deutet darauf hin, dass die exportierten Gläser im Durchschnitt dünner wurden — eine Verschiebung hin zu hochwertigen, leichteren Produkten mit höherem Quadratmeterpreis. Der durchschnittliche Exportpreis pro Quadratmeter stieg von 5,70 EUR/m² auf 7,53 EUR/m² (+32,2 %).

1.2 Importpreise blieben moderat — wachsende Preisspanne

Auf der Importseite stiegen sowohl Wert (+59,2 %) als auch Volumen (+46,4 %) stärker als bei den Exporten. Der Importpreis hingegen erhöhte sich nur um 8,7 % — von 435 EUR/t auf 472 EUR/t. Dies führte zu einer wachsenden Preisspanne zwischen EU-Exporten und EU-Importen.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert 159 Mio. EUR 253 Mio. EUR +59,2 %
Importmenge (t) 365.228 t 534.846 t +46,4 %
Importpreis (EUR/t) 435 472 +8,7 %

Die EU importierte also mengenmäßig deutlich mehr Glas, zahlte dafür aber nur marginal höhere Preise. Die Differenz zwischen Export- und Importpreis — ein Indikator für den Qualitäts- und Wertschöpfungsvorsprung — wuchs von rund 62 EUR/t (2015) auf über 282 EUR/t (2025). Die EU positioniert sich damit zunehmend als Anbieter von Hochpreisglas, während sie Standardglas aus Drittländern bezieht.

1.3 Inlandsproduktion: Mengeneinbruch bei stabilem Wert

Die EU-Inlandsproduktion verzeichnete einen deutlichen Rückgang der Produktionsvolumina: von 835 Mio. m² (2015) auf 552 Mio. m² (2025), ein Minus von 33,8 %. Der Produktionswert blieb hingegen nahezu stabil und stieg sogar leicht um 9,9 % — von 2,93 Mrd. EUR auf 3,22 Mrd. EUR. Der Preisanstieg bei der Inlandsproduktion spiegelt Energiekostensteigerungen (insbesondere 2021–2022) und eine Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten wider.


2. Geopolitische Erdbeben verändern die Handelspartnerlandschaft

2.1 Importseite: China, Türkei und die Neuordnung nach 2022

Die Importpartnerstruktur hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verschoben. Die dramatischsten Veränderungen ereigneten sich bei den osteuropäischen und asiatischen Lieferanten:

Partnerland Importwert 2015 Importwert 2025 Veränderung
China 16,4 Mio. EUR 69,1 Mio. EUR +320,9 %
Iran 0,07 Mio. EUR 11,2 Mio. EUR +16.991 %
Algerien 1,1 Mio. EUR 15,2 Mio. EUR +1.252,9 %
Russland 9,8 Mio. EUR 35,7 Mio. EUR +263,0 %
Türkei 16,6 Mio. EUR 47,4 Mio. EUR +186,0 %
Vereinigtes Königreich 26,7 Mio. EUR 48,5 Mio. EUR +81,6 %
Belarus 14,2 Mio. EUR 0,025 Mio. EUR −99,8 %

Der Zusammenbruch der Importe aus Belarus von 14,2 Mio. EUR auf praktisch null ist eine direkte Folge der EU-Sanktionen nach der politischen Krise 2021 und dem Krieg in der Ukraine ab 2022. Parallel dazu stiegen die Importe aus China um 321 % — China übernahm offensichtlich Marktanteile, die zuvor von Belarus bedient wurden. Die türkischen Lieferungen stiegen ebenfalls stark an (+186 %), was auf die wettbewerbsfähige Lira und die geografische Nähe der türkischen Glashersteller zum EU-Markt zurückzuführen sein dürfte.

Besonders bemerkenswert ist das Wachstum von Nischenlieferanten wie Iran und Algerien, die 2015 noch unbedeutend waren. Beide Länder profitierten von der Nachfrage der EU nach alternativen Quellen, um die Abhängigkeit von belarussischen und russischen Lieferungen zu verringern.

2.2 Exportseite: Ukraine als Wachstumsmarkt, Rückgänge beim Vereinigten Königreich

Auf der Exportseite vollzog sich eine ebenfalls markante Umverteilung:

Zielland Exportwert 2015 Exportwert 2025 Veränderung
Ukraine 3,6 Mio. EUR 76,1 Mio. EUR +2.033 %
Serbien 10,3 Mio. EUR 25,9 Mio. EUR +151,7 %
Bosnien und Herzegowina 9,4 Mio. EUR 21,7 Mio. EUR +130,4 %
Marokko 12,4 Mio. EUR 23,5 Mio. EUR +90,3 %
Schweiz 51,1 Mio. EUR 53,3 Mio. EUR +4,3 %
Türkei 56,7 Mio. EUR 42,0 Mio. EUR −25,9 %
Vereinigtes Königreich 62,1 Mio. EUR 40,2 Mio. EUR −35,4 %

Der explosive Anstieg der EU-Exporte in die Ukraine — von 3,6 Mio. EUR auf 76,1 Mio. EUR — ist ein direktes Spiegelbild des Krieges und des Wiederaufbaubedarfs. Ukraine wurde 2025 zum viertgrößten Exportmarkt der EU für Floatglas. Gleichzeitig sanken die Exporte ins Vereinigte Königreich um 35,4 % — möglicherweise eine Folge des Brexits und damit verbundener Handelsbarrieren. Die westbalkanischen Länder (Serbien, Bosnien und Herzegowina) profitierten von der EU-Nähe und wachsenden Bauinvestitionen.

2.3 Schockereignisse: 2022 als Wendepunkt

Die Volatilitätsanalyse identifiziert das Jahr 2022 als zentralen Schockzeitraum. Drei Preisschocks fallen besonders auf:

Ereignis Typ Richtung Abnormalität Preissprung Zeitpunkt
Türkei Preisschock Exporte 32,5 +69,5 % 2022
Türkei Preisschock Importe 14,0 +64,6 % 2022
Vereinigtes Königreich Preisschock Exporte 8,2 +52,0 % 2022

Die Preisschocks im Handel mit der Türkei (Anstieg von fast 70 % bei Exportpreisen) dürften mit dem drastischen Wertverlust der türkischen Lira und den steigenden Energiekosten im Zuge des Ukraine-Krieges zusammenhängen. Die Volatilität der Importe aus China (Variationskoeffizient 0,77) und aus dem Iran (0,74) zeigt, dass diese neu hinzugekommenen Lieferantenbeziehungen noch instabil sind.


3. Strukturelle Konzentrisierung und veränderte Verwundbarkeit

3.1 Importe werden konzentrierter, Exporte diversifizierter

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) misst die Konzentration des Handels auf einzelne Partnerländer. Für die EU ergibt sich ein differenziertes Bild:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 1.044 1.612 +54,5 %
HHI Exporte (Wert) 728 673 −7,6 %
HHI Importe (Volumen) 1.270 1.918 +51,0 %
HHI Exporte (Volumen) 822 1.036 +26,1 %

Die steigende Importkonzentration (HHI von 1.044 auf 1.612) ist ein besorgniserregender Trend. Mit dem Wegfall von Belarus konzentrieren sich die Importe stärker auf wenige große Lieferanten — allen voran die Türkei, China und das Vereinigte Königreich. Bei einem HHI über 1.500 spricht man von einem moderat konzentrierten Markt. Für Exporte hingegen sank die Wertkonzentration leicht — die EU verteilte ihre Exporte breiter über verschiedene Märkte, was die Abhängigkeit von einzelnen Abnehmern reduzierte.

3.2 Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Spezialisierung im Floatglas-Handel ist innerhalb der EU ungleich verteilt. Für 2025 zeigt sich:

Mitgliedstaat RSCA RCA Produktanteil Anteil am EU-Gesamthandel
Luxemburg 0,864 13,70 4,4 % 0,3 %
Bulgarien 0,705 5,78 3,6 % 0,6 %
Lettland 0,435 2,54 0,8 % 0,3 %
Polen 0,360 2,13 14,1 % 6,6 %
Rumänien 0,278 1,77 3,0 % 1,7 %

Polen ist mit 14,1 % des EU-Produktionsanteils der größte Spezialist mit nennenswertem Volumen. Bulgarien hat sich ebenfalls als relevanter Produzent etabliert — die bulgarischen Exporte stiegen von 39 Mio. EUR auf 82 Mio. EUR (+108 %). Auf der Gegenseite weisen Irland (RSCA nahezu −1,0), Finnland und Schweden keinerlei Floatglas-Spezialisierung auf — diese Länder sind reine Nettoimporteure.

3.3 Veränderte Verwundbarkeit und Exportneigung

Die Netto-Importabhängigkeit der EU blieb im gesamten Zeitraum negativ, d. h. die EU ist Nettoexporteur. Allerdings schwankte sie erheblich: von −3,7 % (2015) über ein Minimum von −18,6 % (höchste Exportüberschüsse) bis zu −12,2 % (2025).

Indikator 2015 2025 Veränderung
Netto-Importabhängigkeit −3,7 % −12,2 %
Handelsintensität 18,5 % 22,1 % +19,4 %
Exportneigung 11,8 % 17,2 % +45,5 %

Die Exportneigung — der Anteil der Produktion, der ins Nicht-EU-Ausland geht — stieg um 45,5 %. Dies ist der salienteste Indikator des Untersuchungszeitraums und spiegelt wider, dass die EU trotz rückläufiger Inlandsproduktion ihren Exportanteil deutlich ausbaute. Die steigende Handelsintensität (von 18,5 % auf 22,1 %) unterstreicht die wachsende Verflechtung des EU-Floatglassektors mit dem Weltmarkt.


3.4 Segmentanalyse: Standard-Floatglas dominiert, Beschichtungsglas gewinnt

Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt, dass 700529 (Standard-Floatglas, geschliffen und poliert) sowohl bei Im- als auch Exporten mengenmäßig dominiert, 700510 (beschichtetes Glas) jedoch den mit Abstand höchsten Preis erzielt:

Importe nach Segment (2025):

Segment Menge (t) Wert (EUR) Preis (EUR/t)
700529 (Standard-Float) 328.832 122,3 Mio. 372
700510 (beschichtet) 99.846 77,9 Mio. 780
700521 (gefärbt/opak) 105.175 51,0 Mio. 485
700530 (Drahtverstärkt) 993 1,5 Mio. 1.535

Exporte nach Segment (2025):

Segment Menge (t) Wert (EUR) Preis (EUR/t)
700529 (Standard-Float) 419.490 291,2 Mio. 694
700510 (beschichtet) 249.551 212,9 Mio. 853
700521 (gefärbt/opak) 62.532 47,5 Mio. 759
700530 (Drahtverstärkt) 216 0,7 Mio. 3.401

Der Preisunterschied zwischen Im- und Exporten ist bei 700529 besonders ausgeprägt: Die EU exportiert Standard-Floatglas für 694 EUR/t und importiert es für 372 EUR/t — ein Preisvorsprung von 87 %. Bei beschichtetem Glas (700510) beträgt der Exportpreisaufschlag lediglich 9 % (853 vs. 780 EUR/t), was darauf hindeutet, dass hier die Qualitätsunterschiede zwischen EU-Produkten und Importen geringer sind.


Fazit

Der EU-Floatglassektor (CN 7005) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental verändert. Drei Kernbefunde prägen die Marktentwicklung:

  1. Preis statt Menge: Die EU erzielte trotz sinkender Exportvolumina steigende Exportwerte — ein Zeichen für die Positionierung als Hochpreisproduzent. Der wachsende Abstand zwischen Export- und Importpreisen (+282 EUR/t Differenz 2025 vs. 62 EUR/t 2015) unterstreicht den Qualitätsvorsprung der EU-Industrie.

  2. Geopolitische Neuausrichtung: Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Belarus veränderten die Handelsströme nachhaltig. China und die Türkei ersetzten Belarus als Hauptlieferanten, während Ukraine zum viertgrößten Exportmarkt der EU aufstieg. Das Jahr 2022 markierte mit massiven Preisschocks im Handel mit der Türkei und dem Vereinigten Königreich einen Wendepunkt.

  3. Wachsende Verflechtung bei steigender Konzentration: Die Exportneigung stieg um 45,5 %, während sich die Importquellen auf weniger Partner konzentrierten (HHI +54,5 %). Diese Gleichzeitigkeit von Exportdiversifizierung und Importkonzentration birgt strategische Risiken — insbesondere bei einem möglichen Handelskonflikt mit China oder der Türkei.

Die sinkende Inlandsproduktion (−33,8 % in m²) bei gleichzeitig steigender Exportneigung deutet darauf hin, dass die EU ihre Floatglasproduktion zunehmend auf hochwertige Nischen konzentriert, während das Volumengeschäft in andere Regionen verlagert wird. Für die europäische Glasindustrie bleibt die Herausforderung, den Qualitätsvorsprung zu sichern und gleichzeitig die Abhängigkeit von wenigen Importquellen zu reduzieren.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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