Marktentwicklung: Glaskolben und Glasrohre (CN 7011) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 7011 umfasst offene Glaskolben und Glasrohre sowie Glasteile davon, die erkennbar für elektrische Lampen, Lichtquellen, Kathodenstrahlröhren oder vergleichbare Anwendungen bestimmt sind. Die drei Unterpositionen unterscheiden dabei Beleuchtungsglas (701110), Glas für Kathodenstrahlröhren (701120) und sonstige Anwendungen (701190).
Im Zeitraum 2015 bis 2025 vollzog sich in diesem Markt ein fundamentaler Strukturwandel. Die EU-Produktion brach volumenmäßig um über 99 Prozent ein, die Exporte verloren fast ihr gesamtes Volumen, und die Handelsströme wurden durch geopolitische Ereignisse wie den Brexit und den Krieg in der Ukraine massiv umgelenkt. Gleichzeitig stiegen die Einheitspreise bei den verbleibenden Handelsströmen teilweise um mehrere tausend Prozentpunkte — ein klares Indiz dafür, dass sich die europäische Industrie vollständig aus dem Massengeschäft zurückgezogen hat und nur noch hochspezialisierte Nischenprodukte liefert.
Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Dynamiken anhand von drei zentralen Befunden.
1. Industrieller Strukturwandel: Vom Massenprodukt zum Nischenartikel
1.1 Der Kollaps der EU-Produktion
Das dramatischste Merkmal der Marktentwicklung ist der fast vollständige Zusammenbruch der europäischen Glasproduktion in diesem Segment. Die Produktionsmengen sanken von 380.226 Tonnen (2015) auf lediglich 2.000 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 99,5 Prozent entspricht. Der Produktionswert fiel von 465,2 Mio. EUR auf 34,6 Mio. EUR (−92,6 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mio. kg) | 380,2 | 2,0 | −99,5 % |
| Produktionswert (Mio. EUR) | 465,2 | 34,6 | −92,6 % |
Auffällig ist die Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertrückgang: Während die Menge um 99,5 Prozent sank, ging der Wert „nur" um 92,6 Prozent zurück. Der verbleibende Produktionsausstoß hat somit einen deutlich höheren Wert pro Kilogramm — ein Hinweis darauf, dass ausschließlich hochwertige Spezialgläser produziert werden.
1.2 Zusammenbruch der Exporte und rückläufige Importe
Die Exportentwicklung zeigt ein vergleichbar drastisches Bild. Das Exportvolumen sank von 6.910 Tonnen auf 159 Tonnen (−97,7 %), der Exportwert von 17,9 Mio. EUR auf 5,4 Mio. EUR (−70,0 %). Auch die Importe verloren deutlich an Volumen: von 5.970 Tonnen auf 2.440 Tonnen (−59,1 %), wobei der Importwert von 23,3 Mio. EUR auf 12,1 Mio. EUR fiel (−48,0 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. EUR) | 23,3 | 12,1 | −48,0 % |
| Importmenge (t) | 5.970 | 2.440 | −59,1 % |
| Importpreis (EUR/t) | 3.893 | 4.954 | +27,3 % |
| Exportwert (Mio. EUR) | 17,9 | 5,4 | −70,0 % |
| Exportmenge (t) | 6.910 | 159 | −97,7 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 2.582 | 33.195 | +1.185 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | −5,4 | −6,7 | −24,5 % |
1.3 Veränderte Importabhängigkeit und Handelsintensität
Die Netto-Importabhängigkeit sank im betrachteten Zeitraum von 22,8 % auf 6,2 % (−72,9 %). Dennoch hat sich die Struktur der Versorgung grundlegend gewandelt: Während die EU im Jahr 2015 mit rund 380.000 Tonnen eigener Produktion praktisch autark war und Importe lediglich 1,6 % des Gesamtangebots ausmachten, stellten Importe im Jahr 2025 bei einer Restproduktion von nur noch 2.000 Tonnen bereits über 50 % des verfügbaren Angebots.
Die Handelsintensität sank von 45,7 % auf 38,9 %, während die Exportquote leicht von 19,2 % auf 21,6 % stieg. Die EU exportiert also einen wachsenden Anteil ihrer Restproduktion — allerdings aus einer dramatisch geschrumpften Basis.
2. Geopolitische Umbrüche und die Neuausrichtung der Handelspartner
2.1 Brexit und der Einbruch des Handels mit dem Vereinigten Königreich
Das Vereinigte Königreich war 2015 mit 5,5 Mio. EUR der drittgrößte Importeur von EU-Glasrohren und -kolben. Bis 2025 sanken die Importe aus dem UK auf 411.000 EUR — ein Rückgang von 92,5 Prozent. Zudem wurde 2019 ein preisbezogener Schock mit einer Abnormalität von 9,4 und einem Preisanstieg von 72,5 % festgestellt — zeitlich korreliert mit der Phase der Brexit-Verunsicherung. Die Volatilität (Variationskoeffizient 1,04) des UK-Handels war über den gesamten Zeitraum hoch.
2.2 Krieg in der Ukraine und Sanktionen gegen Russland und Belarus
Der russische Überfall auf die Ukraine ab Februar 2022 hinterließ deutliche Spuren in den Handelsdaten:
- Exporte nach Belarus: Von 1,3 Mio. EUR (2015) auf nahezu null (2025, −100 %). Im Jahr 2022 wurde ein extremes Preisschock-Ereignis mit einer Abnormalität von 5.154 und einem Preissprung von +1.593 % registriert — ein starkes Indiz für durch Sanktionen verursachte Handelsverwerfungen.
- Exporte nach Russland: Von 397.000 EUR auf 1.409 EUR (−99,6 %).
- Exporte in die Ukraine: Von 103.000 EUR auf 437 EUR (−99,6 %). Die Ukraine war zudem als Importeur mit 649.000 EUR (2015) vollständig aus dem Markt verschwunden (−100 %).
- Importe aus Russland: Umgekehrt stiegen die Importe aus Russland von lediglich 71 EUR auf 930.498 EUR — ein bemerkenswerter Anstieg, der möglicherweise mit der Umleitung von Handelsströmen oder Speziallieferungen zusammenhängt.
2.3 Asien als neue Bezugsquelle: China, Thailand und Taiwan
Während die europäischen Handelsströme unter geopolitischen Erschütterungen lagen, gewannen asiatische Lieferanten an Bedeutung:
| Partner | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 12,5 | 4,0 | −68,2 % |
| Thailand | 1,4 | 2,8 | +104,8 % |
| Taiwan | 0,5 | 2,0 | +265,1 % |
| USA | 1,4 | 0,8 | −42,2 % |
Daten zu den wichtigsten Handelspartnern
China bleibt trotz des starken Rückgangs der mit Abstand wichtigste Importeur (33 % der Importe in 2025). Thailand und Taiwan haben ihre Lieferungen jedoch mehr als verdoppelt bzw. verfünffacht. Thailand weist dabei mit einem Variationskoeffizienten von 0,24 die geringste Schwankung aller bedeutenden Importpartner auf — ein Zeichen stabiler Lieferbeziehungen.
Auf der Importkonzentrationsseite sank der HHI von 3.536 auf 2.026 (−42,7 %), was eine deutliche Diversifizierung der Importquellen widerspiegelt. Umgekehrt stieg der Export-HHI von 692 auf 1.438 (+107,7 %) — die EU exportiert inzwischen aus einer kleineren Basis in noch weniger Märkte.
Innerhalb der EU zeigen sich ebenfalls Verschiebungen. Die wichtigsten Importländer im Jahr 2025 sind die Slowakei (4,8 Mio. EUR, +186,5 % gegenüber 2015), Polen (2,7 Mio. EUR) und Deutschland (2,5 Mio. EUR). Die Slowakei hat sich dabei vom fünftgrößten zum größten EU-Importeur entwickelt. Bei den Exporten verzeichnete Tschechien mit einem Anstieg von 65.000 EUR auf 713.000 EUR (+989,7 %) das stärkste Wachstum aller EU-Länder.
3. Preisexplosion und Qualitätsverschiebung im Produktspektrum
3.1 Steigende Einheitspreise trotz Volumeneinbruch
Die auffälligste preisliche Dynamik liegt im extremen Anstieg der Exportpreise. Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 2.582 EUR/t (2015) auf 33.195 EUR/t (2025) — ein Plus von 1.185 Prozent. Die Importpreise entwickelten sich moderater: von 3.893 EUR/t auf 4.954 EUR/t (+27,3 %).
Die Produktspezialisierung innerhalb der EU zeigt, dass Malta (RCA 542,7), Tschechien (RCA 4,0) und Estland (RCA 3,6) die am stärksten spezialisierten Exportländer sind. Malta dominiert dabei mit einem Produktanteil von 22,3 % an seinen Gesamtexporten in diesem Segment — allerdings bei absolut sehr kleinen Volumina.
3.2 Segmentanalyse: Der Niedergang des Beleuchtungsglases (CN 701110)
Das Beleuchtungsglas (701110) ist das mit Abstand größte Teilssegment und gleichzeitig das am stärksten betroffene. Die Entwicklung der Unterpositionen zeigt:
Importe 701110 (Beleuchtungsglas):
| Jahr | Menge (t) | Wert (Mio. EUR) | Preis (EUR/t) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 5.479 | 20,8 | 3.788 |
| 2020 | 2.960 | 10,1 | 3.414 |
| 2022 | 2.403 | 13,3 | 5.516 |
| 2025 | 2.178 | 9,6 | 4.408 |
Exporte 701110 (Beleuchtungsglas):
| Jahr | Menge (t) | Wert (Mio. EUR) | Preis (EUR/t) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 3.359 | 9,6 | 2.869 |
| 2019 | 7.490 | 9,4 | 1.255 |
| 2022 | 1.298 | 4,6 | 3.508 |
| 2025 | 12,4 | 0,5 | 38.598 |
Der Exportpreis für Beleuchtungsglas stieg von 2.869 EUR/t auf 38.598 EUR/t — eine Verdreizehnfachung. Gleichzeitig brach das Volumen von 3.359 Tonnen auf nur noch 12,4 Tonnen ein. Dies belegt eindrücklich, dass die EU das Massengeschäft mit konventionellen Glaskolben für Beleuchtung vollständig aufgegeben hat. Die verbleibenden Exportmengen dürften sich auf Spezialanwendungen (z. B. Halogen-, UV- oder Bühnenlampen) konzentrieren, die noch keine LED-Alternative haben.
3.3 Hochpreisige Nische: Sondergläser (701190) und Kathodenstrahlröhrenglas (701120)
Das Segment 701190 (sonstige Glasrohre/-kolben, ausgenommen Beleuchtung und Kathodenstrahlröhren) zeigt eine ähnliche Tendenz, wenn auch weniger dramatisch:
Exporte 701190:
| Jahr | Menge (t) | Wert (Mio. EUR) | Preis (EUR/t) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 3.547 | 7,2 | 2.031 |
| 2020 | 1.860 | 4,9 | 2.619 |
| 2025 | 135 | 3,6 | 26.752 |
Der Exportpreis stieg von 2.031 EUR/t auf 26.752 EUR/t (+1.217 %). Bemerkenswert ist, dass der Exportwert mit 3,6 Mio. EUR in 2025 nur noch knapp unter dem Wert von 2015 (7,2 Mio. EUR) lag — bei einem Volumenrückgang von 96 Prozent. Dies unterstreicht den Shift hin zu Hochwertprodukten.
Importe/Exporte 701120 (Kathodenstrahlröhrenglas):
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importmenge (t) | 14,7 | 0,77 | −94,8 % |
| Importwert (EUR) | 199.534 | 372.751 | +86,8 % |
| Importpreis (EUR/t) | 13.584 | 479.336 | +3.428 % |
| Exportmenge (t) | 4,3 | 0,48 | −88,9 % |
| Exportwert (EUR) | 998.544 | 326.267 | −67,3 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 234.594 | 681.142 | +190,1 % |
Dieses Segment ist die extremste Nische: Importpreise von 479.336 EUR/t und Exportpreise von 681.142 EUR/t in 2025 belegen, dass es sich hier um hochspezialisierte Glasprodukte handelt — vermutlich für wissenschaftliche, medizinische oder industrielle Anwendungen, nicht mehr für Unterhaltungselektronik. Trotz minimaler Volumina blieb der Importwert mit 372.751 EUR sogar über dem Niveau von 2015.
Fazit
Die Marktentwicklung von CN 7011 zwischen 2015 und 2025 ist ein Lehrbeispiel für einen durch technologischen Wandel und geopolitische Umbrüche ausgelösten industriellen Strukturwandel. Die drei zentralen Befunde lauten:
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Vollständiger industrieller Rückzug aus dem Massenmarkt: Der Rückgang der EU-Produktion um 99,5 % und der Exportvolumina um 97,7 % lässt sich am plausibelsten mit dem technologischen Übergang von konventionellen Beleuchtungstechnologien (Glühbirnen, Leuchtstofflampen) hin zu LED-Technologie erklären. Glaskolben für herkömmliche Lampen schlicht nicht mehr in relevanten Mengen nachgefragt.
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Geopolitische Neuausrichtung der Handelsströme: Brexit und der Krieg in der Ukraine haben den Handel mit dem Vereinigten Königreich, Russland, Belarus und der Ukraine nahezu vollständig zum Erliegen gebracht. Gleichzeitig stabilisierten und erweiterten Thailand und Taiwan ihre Lieferungen an die EU, was zu einer Diversifizierung der Importquellen führte (HHI-Rückgang um 42,7 %).
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Qualitätsverschiebung und Nischenspezialisierung: Die verbleibenden Handelsvolumina weisen extrem hohe und stark steigende Einheitspreise auf — ein klares Signal dafür, dass sowohl Produktion als auch Handel sich auf hochspezialisierte, wertintensive Nischenprodukte konzentrieren. Die EU ist in diesem Segment kein Massenproduzent mehr, sondern ein Nischenlieferant für Spezialgläser.
Die Netto-Importabhängigkeit ist zwar nominal gesunken, doch die Versorgungssicherheit hängt angesichts der geschrumpften Produktionsbasis zunehmend von wenigen asiatischen Lieferanten ab — ein Umstand, der angesichts wachsender geopolitischer Spannungen im Indo-Pazifikraum strategische Aufmerksamkeit erfordern dürfte.