Marktentwicklung: Glasgeschirr (CN 7013) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Bereich Glasgeschirr (Zolltarifnummer 7013) im Zeitraum 2015 bis 2025. CN 7013 umfasst ein breites Produktspektrum: von Trinkgläsern und Tafelgeschirr über Glaswaren für Küche, Bad und Büro bis hin zu Einrichtungsgegenständen aus Glas. Der Beobachtungszeitraum von elf Jahren erlaubt es, strukturelle Veränderungen, konjunkturelle Schocks wie die COVID-19-Pandemie und geopolitische Umbrüche wie die Sanktionen gegen Russland nachzuverfolgen. Die EU fungiert in diesem Markt sowohl als bedeutender Exporteur als auch als wachsender Abnehmer von Glaswaren aus Drittländern — und die Gewichte verschieben sich spürbar.
Im Folgenden werden drei zentrale Dynamiken herausgearbeitet: erstens die Erosion des historischen Handelsüberschusses der EU, zweitens die zunehmende Konzentration der Importe auf wenige Herkunftsländer mit China als dominierendem Partner, und drittens die qualitative Neuausrichtung des EU-Außenhandels — gekennzeichnet durch schwindende Exportmengen bei gleichzeitig steigenden Preisen.
Datenübersicht und Detaildarstellungen auf dem Trade Dashboard
I. Erosion des Handelsüberschusses: Vom starken Nettoexporteur zum importnahen Markt
Die auffälligste Entwicklung im EU-Glasgeschirrhandel zwischen 2015 und 2025 ist der dramatische Abbau des Handelsbilanzüberschusses. Die EU verlor in nur elf Jahren mehr als zwei Drittel ihres positiven Handelssaldos und nähert sich dem Handelsausgleich.
Der schrumpfende Überschuss: Kernzahlen im Vergleich
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (EUR) | 1.403 Mio. | 1.319 Mio. | −6,0 % |
| Importwert (EUR) | 659 Mio. | 1.061 Mio. | +61,0 % |
| Handelsbilanz (EUR) | 744 Mio. | 258 Mio. | −65,4 % |
| Export-/Importverhältnis (Wert) | 2,13 | 1,24 | — |
Im Jahr 2015 exportierte die EU Glaswaren im Wert von mehr als dem Doppelten ihrer Importe. 2025 betrug das Verhältnis nur noch 1,24 : 1. Der Netto-Importanteil stieg von −76,2 % auf −16,8 % — ein Anstieg um 77,9 %. Negative Werte kennzeichnen Nettoexporteure; die Annäherung an Null signalisiert den Übergang zu einem nahezu ausgeglichenen Handel.
Mengen- und Werteentwicklung: Gegenläufige Trends
Die Ursache der Überschussschrumpfung liegt in gegenläufigen Mengendynamiken:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportmenge (t) | 371.741 | 212.849 | −42,7 % |
| Importmenge (t) | 335.856 | 466.167 | +38,8 % |
| Export-Stückzahl (Mio. p/st) | 1.035 | 728 | −29,6 % |
| Import-Stückzahl (Mio. p/st) | 942 | 1.338 | +42,0 % |
Die EU exportierte 2025 nur noch 212.849 Tonnen Glasgeschirr — weniger als die Hälfte der Menge von 2019 (396.596 t, dem Höchstwert im Zeitraum). Gleichzeitig stiegen die Importe um fast 39 % auf 466.167 Tonnen. In Stückzahlen ausgedrückt, fielen die Exporte von 1,04 Mrd. auf 728 Mio. Stück, während die Importe von 942 Mio. auf 1,34 Mrd. Stück kletterten.
Die Pandemie als Wendepunkt und die Erholung danach
Das Jahr 2020 markierte einen deutlichen Einbruch der Exporte: Mit 1,12 Mrd. EUR wurde der niedrigste Exportwert des gesamten Zeitraums verzeichnet. Die Exporte erholten sich zwar 2021–2022 vorübergehend, fielen danach aber strukturell wieder. Die Importe hingegen überwanden den pandemiebedingten Einbruch schneller und erreichten 2022 mit 1,12 Mrd. EUR ihren Höchststand — bevor sie 2025 mit 1,06 Mrd. EUR erneut nahe an dieses Niveau herankamen.
Besonders auffällig ist die Dynamik ab 2023: Während die Exportmengen weiter sanken (von 371.741 t in 2015 auf 212.849 t in 2025), beschleunigte sich das Importwachstum spürbar. Die EU verlor in diesem Zeitraum kontinuierlich Marktanteile als Nettoexporteur.
II. China als Motor des Importwachstums und zunehmende Konzentration der Bezugsquellen
Die Importseite des EU-Glasgeschirrmarktes ist geprägt von der wachsenden Dominanz Chinas sowie einer insgesamt steigenden Konzentration der Lieferländer. Gleichzeitig haben geopolitische Ereignisse — insbesondere die Sanktionen gegen Russland — die Handelsströme neu ausgerichtet.
China: Vom wichtigsten zum dominierenden Importpartner
| Herkunftsland | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 377 | 768 | +103,7 % |
| Türkei | 124 | 115 | −7,7 % |
| Ägypten | 8 | 32 | +300,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 33 | 16 | −52,3 % |
| Ukraine | 2 | 9 | +405,6 % |
| Russische Föderation | 4 | 0,2 | −94,3 % |
| Indien | 22 | 14 | −37,0 % |
(Top-Handelspartner nach Wert)
Chinas Anteil an den EU-Glaswarenimporten stieg von 377 Mio. EUR auf 768 Mio. EUR — eine Verdopplung. Damit entfielen 2025 rund 72 % des gesamten EU-Importwertes auf China. Kein anderer Partner konnte auch nur annähernd vergleichbare Wachstumsraten verzeichnen. Ägypten (+300 %) und die Ukraine (+406 %) wuchsen zwar prozentual stärker, bleiben aber mit 32 Mio. bzw. 9 Mio. EUR absolute Nischenpartner.
Steigende Konzentration der Importe — stabile Exportstruktur
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 3.693 auf 5.447 (+47,5 %). Der HHI für Exporte blieb mit 776 auf 792 nahezu unverändert (+2,1 %). Dies zeigt eine asymmetrische Entwicklung:
- Importseite: Die Lieferstruktur wurde deutlich konzentrierter. China dominiert zunehmend, während andere Quellen an Bedeutung verlieren.
- Exportseite: Die EU exportiert weiterhin breit gestreut. Die wichtigsten Abnehmer — Vereinigtes Königreich (208 Mio. EUR, −1,2 %), USA (258 Mio. EUR, −4,0 %) und die Schweiz (79 Mio. EUR, +19,6 %) — blieben relativ stabil.
Geopolitische Umbrüche: Russland und der Brexit
Zwei Entwicklungen haben die Handelsströme besonders geprägt:
Russland: Die Exporte in die Russische Föderation fielen von 85 Mio. EUR (2015) auf 33 Mio. EUR (2025), ein Rückgang um 61 %. Die Importe aus Russland sanken sogar um 94 % auf nur noch 234.000 EUR. Dies spiegelt die Wirkung der seit 2022 verhängten Sanktionen wider. Russland war 2015 noch der drittgrößte Exportmarkt der EU — 2025 rangierte es weit abgeschlagen.
Vereinigtes Königreich: Die Importe aus dem Vereinigten Königreich sind mit einem Variationskoeffizienten von 0,93 die volatilsten aller Partner (Volatilitätsanalyse). Nach dem Brexit sank der Importwert von 33 Mio. EUR auf 16 Mio. EUR (−52 %). Die Exporte in das Vereinigte Königreich blieben hingegen mit 208 Mio. EUR weitgehend stabil — das Land bleibt der größte einzelne Exportmarkt der EU.
Rolle der EU-Mitgliedstaaten: Wachsende Importe über alle großen Volkswirtschaften
Innerhalb der EU haben die Importe in allen großen Volkswirtschaften zugenommen, am stärksten in Polen (+269 %, von 27 Mio. auf 99 Mio. EUR) und Spanien (+91 %, von 55 Mio. auf 106 Mio. EUR). Deutschland blieb mit 188 Mio. EUR der größte EU-Importeur (Top-Reporter nach Importwert).
Auf der Exportseite dominiert Frankreich mit 320 Mio. EUR, gefolgt von Deutschland (231 Mio. EUR) und Italien (163 Mio. EUR). Deutschland ist der einzige große EU-Exporter, der seinen Ausfuhrwert steigern konnte (+23,5 %), während Frankreich (−10,3 %), Italien (−10,7 %), Tschechien (−14,5 %) und Österreich (−26,5 %) Verluste verzeichneten.
III. Mengenrückgang und Preiswandel: Die qualitative Neuausrichtung der EU-Glaswarenausfuhren
Die EU exportiert weniger Glasgeschirr, aber zu höheren Preisen. Gleichzeitig importiert sie mehr, aber zu niedrigeren Stückpreisen. Diese Divergenz deutet auf eine qualitative Segmentierung: Die EU konzentriert ihre Ausfuhren zunehmend auf hochwertige Produkte und verliert Marktanteile im preisgünstigen Massenmarktsegment.
Steigende Exportpreise bei sinkenden Mengen
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportpreis (EUR/t) | 3.775 | 6.196 | +64,1 % |
| Importpreis (EUR/t) | 1.962 | 2.276 | +16,0 % |
| Export-Stückpreis (EUR/p/st) | 1,36 | 1,81 | +33,5 % |
| Import-Stückpreis (EUR/p/st) | 0,70 | 0,79 | +13,0 % |
Der durchschnittliche Exportpreis pro Tonne stieg um 64 % auf 6.196 EUR/t und lag damit fast dreimal so hoch wie der Importpreis (2.276 EUR/t). Noch deutlicher wird der Unterschied bei den Stückpreisen: 1,81 EUR pro exportiertes Stück standen 0,79 EUR pro importiertem Stück gegenüber — ein Verhältnis von 2,3 : 1. Dies belegt, dass die EU tendenziell hochwertigere Glaswaren exportiert und günstigere Massenware importiert.
Segmentanalyse: Wachsende und schrumpfende Produktgruppen
Die disaggregierten Daten nach Unterpositionen zeigen, dass der Mengenrückgang bei Exporten breit über fast alle Produktgruppen stattfindet, während das Importwachstum vor allem in bestimmten Segmenten konzentriert ist.
Importentwicklung nach Unterposition (Mengen in Tonnen):
| CN-Code | Produkt | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 701349 | Tisch-/Küchenglaswaren (Standard) | 99.490 | 170.658 | +71,5 % |
| 701337 | Trinkgläser ohne Stiel | 81.520 | 124.756 | +53,0 % |
| 701399 | Toiletten-/Büro-/Einrichtungsglaswaren | 115.112 | 104.395 | −9,3 % |
| 701342 | Tisch-/Küchenglaswaren (Borosilikat) | 7.425 | 30.314 | +308,3 % |
| 701328 | Trinkgläser mit Stiel | 20.828 | 21.326 | +2,4 % |
| 701310 | Glaskeramik | 5.287 | 8.564 | +61,9 % |
(Produktvergleich auf dem Dashboard)
Die stärksten Zuwächse bei den Importen verzeichneten Tisch- und Küchenglaswaren (CN 701349: +71,5 %), gefolgt von Trinkgläsern ohne Stiel (701337: +53,0 %) und — mit großem Abstand dem stärksten prozentualen Zuwachs — hitzebeständigen Borosilikatglaswaren (701342: +308 %). Diese drei Segmente erklären den Großteil des Importwachstums.
Exportentwicklung nach Unterposition (Mengen in Tonnen):
| CN-Code | Produkt | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 701337 | Trinkgläser ohne Stiel | 119.547 | 72.963 | −39,0 % |
| 701349 | Tisch-/Küchenglaswaren (Standard) | 98.407 | 54.197 | −44,9 % |
| 701328 | Trinkgläser mit Stiel | 53.208 | 39.167 | −26,4 % |
| 701399 | Toiletten-/Büro-/Einrichtungsglaswaren | 43.503 | 20.309 | −53,3 % |
| 701342 | Tisch-/Küchenglaswaren (Borosilikat) | 32.900 | 21.446 | −34,8 % |
| 701310 | Glaskeramik | 7.392 | 824 | −88,9 % |
Alle großen Exportsegmente verzeichneten erhebliche Mengenrückgänge. Besonders dramatisch fiel der Einbruch bei Toiletten- und Einrichtungsglaswaren (701399: −53,3 %) und bei Glaskeramik (701310: −88,9 %) aus. Trinkgläser ohne Stiel, das mengenmäßig größte Exportsegment, schrumpften um 39 %.
Stückpreisvergleich bestätigt Qualitätsdivergenz
Der Vergleich der Stückpreise nach Unterposition untermauert die qualitative Segmentierung:
| CN-Code | Export-Stückpreis 2025 (EUR/p/st) | Import-Stückpreis 2025 (EUR/p/st) | Verhältnis |
|---|---|---|---|
| 701328 | 1,69 | 0,81 | 2,1 : 1 |
| 701337 | 1,09 | 0,52 | 2,1 : 1 |
| 701349 | 1,24 | 0,78 | 1,6 : 1 |
| 701342 | 2,69 | 1,49 | 1,8 : 1 |
| 701399 | 2,75 | 1,05 | 2,6 : 1 |
In jedem Segment liegen die Exportstückpreise über den Importpreisen. Das stärkste Missverhältnis besteht bei Toiletten- und Einrichtungsglaswaren (701399), wo die exportierte Ware im Schnitt 2,7-mal so teuer ist wie die importierte. Dies deutet darauf hin, dass die EU in diesen Segmenten vor allem Premium- und Designprodukte ausführt, während der Massenbedarf zunehmend aus Drittländern — insbesondere China — gedeckt wird.
EU-Produktion wächst, Exporte schrumpfen: Die Binnenmarktverlagerung
Trotz des Exportrückgangs ist die EU-Produktion von Glasgeschirr gewachsen:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mio. p/st) | 1.489 | 1.681 | +12,9 % |
| Produktionswert (Mio. EUR) | 1.833 | 2.107 | +15,0 % |
Die EU produziert also mehr Glasgeschirr als zu Beginn des Beobachtungszeitraums — aber ein wachsender Anteil dieser Produktion verbleibt im Binnenmarkt oder wird innerhalb der EU gehandelt, anstatt in Drittländer exportiert zu werden. Gleichzeitig steigen die Importe aus Drittländern, um die Nachfrage im Binnenmarkt zu decken.
Spezialisierung innerhalb der EU
Laut Spezialisierungsanalyse weisen Bulgarien (RSCA: 0,69), Portugal (0,34), Frankreich (0,29) und Tschechien (0,29) die höchsten komparativen Kostenvorteile bei der Glaswarenproduktion auf. Irland (RSCA: −0,99) und Malta (−0,99) sind am wenigsten spezialisiert. Diese Spezialisierungsmuster unterstreichen, dass die Glasgeschirrproduktion in der EU stark geografisch konzentriert ist — insbesondere in mittel- und osteuropäischen Ländern sowie in den klassischen Glasproduktionsregionen Frankreichs und Tschechiens.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Glasgeschirr (CN 7013) hat sich zwischen 2015 und 2025 tiefgreifend verändert. Die drei zentralen Befunde lassen sich wie folgt zusammenfassen:
-
Strukturelle Verschiebung des Handelssaldos. Der EU-Handelsüberschuss schrumpfte um 65 % von 744 Mio. EUR auf 258 Mio. EUR. Die EU bewegt sich auf einen ausgeglichenen Handel zu — eine fundamentale Veränderung gegenüber der Position als starker Nettoexporteur zu Beginn des Zeitraums.
-
Zunehmende Importabhängigkeit von China. China hat seine Exporte in die EU mehr als verdoppelt und dominiert die Importseite mit einem geschätzten Anteil von über 70 %. Der HHI-Index für Importe stieg um fast 48 %, was die steigende Konzentration und damit einhergehende Anfälligkeit gegenüber Lieferunterbrechungen widerspiegelt. Die geopolitischen Schocks — Sanktionen gegen Russland, Brexit — haben die Handelsströme zusätzlich umverteilt.
-
Qualitative Segmentierung des Handels. Die EU verliert mengenmäßig Marktanteile im Export, insbesondere bei Standardglaswaren und Trinkgläsern. Gleichzeitig steigen die Exportpreise stark an (EUR/t: +64 %), was darauf hindeutet, dass sich die EU-Ausfuhren auf hochwertigere Produkte konzentrieren. Die Importe wachsen insbesondere bei preisgünstiger Massenware. Die EU-Produktion selbst ist gewachsen (+13 %), doch der Anteil, der auf den Weltmarkt gelangt, schrumpft.
Für die europäische Glaswarenindustrie ergeben sich aus diesen Trends sowohl Chancen als auch Risiken: Die Positionierung im Premiumsegment sichert höhere Wertschöpfung, doch die zunehmende Abhängigkeit von Importen — insbesondere aus China — birgt Lieferkettenrisiken. Die Fähigkeit der EU, ihre Wettbewerbsfähigkeit im Hochwertsegment zu halten, während der Massenmarkt an Drittländer verloren geht, wird die künftige Marktentwicklung maßgeblich prägen.