Marktentwicklung: Glaswaren anderweitig (CN 7020) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Bereich der Glaswaren, anderweitig nicht genannt (CN 7020) für den Zeitraum 2015 bis 2025. Die Position 7020 fungiert als Sammelposition innerhalb des Kapitels 70 (Glas und Glaswaren) und umfasst sämtliche Glaswaren, die nicht anderweitig klassifiziert sind — von Laborgeräten über Glasbehälter bis hin zu dekorativen Glasgegenständen. Die Analyse basiert auf jährlichen Handelsdaten der EU mit Drittländern und beleuchtet Volumen-, Wert- und Preisentwicklungen, die Struktur der Handelsbeziehungen sowie die Verwundbarkeit der EU in diesem Segment.
1. Volumenboom bei Importen trotz rückläufiger Exportmengen: Eine strukturelle Verschiebung
Die EU-Handelsbilanz bei Glaswaren (CN 7020) hat sich im Betrachtungszeitraum fundamental verändert. Während die EU im Jahr 2015 noch einen leicht negativen Handelssaldo von −59 Mio. EUR aufwies, verschlechterte sich dieser bis 2025 auf rund −279 Mio. EUR — eine Verschlechterung um nahezu 370 %. Die Ursache liegt in einer diametralen Entwicklung von Importen und Exporten.
1.1 Importvolumen verdreifacht, Exportvolumen halbiert sich
Die importierte Menge stieg von 81.314 t (2015) auf 246.131 t (2025) — ein Anstieg um +202,7 %. Im gleichen Zeitraum sank das Exportvolumen von 60.427 t auf nur noch 28.700 t (−52,5 %). Die EU hat sich damit von einem marginalen Nettoexporteur zu einem deutlichen Nettoimporteur entwickelt:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (Wert) | 341 Mio. EUR | 742 Mio. EUR | +117,3 % |
| Importe (Menge) | 81.314 t | 246.131 t | +202,7 % |
| Exporte (Wert) | 282 Mio. EUR | 463 Mio. EUR | +64,1 % |
| Exporte (Menge) | 60.427 t | 28.700 t | −52,5 % |
1.2 Preisentwicklung: Gegenläufige Trends bei Importen und Exporten
Die durchschnittlichen Exportpreise stiegen im selben Zeitraum drastisch von 4.668 EUR/t auf 16.114 EUR/t (+245,2 %). Dies deutet auf eine qualitative Aufwertung der EU-Exporte hin — die EU exportiert tendenziell hochpreisigere, spezialisiertere Glaswaren. Im Gegensatz dazu sanken die Importpreise von 4.175 EUR/t auf 3.014 EUR/t (−27,8 %), was auf zunehmende Importe von volumenstarken, preisgünstigeren Standardglaswaren hindeutet. Die EU verlagert offenbar die Produktion von mengenintensiven Standardprodukten ins Ausland, während sie sich im Export auf höherwertige Nischen konzentriert.
1.3 Der Netto-Importabhängigkeitsindikator bestätigt den Richtungswechsel
Der Indikator für die Netto-Importabhängigkeit wechselte von −13,0 % (2015, d. h. Nettoexport) auf +13,5 % (2025, d. h. Nettoimport). Dies unterstreicht, dass die EU ihre Eigenversorgungsfähigkeit in diesem Segment spürbar verloren hat.
2. China als dominierender Handelspartner: Wachsende Konzentration und neue Handelsmuster
Die Analyse der Handelspartnerstruktur zeigt eine erhebliche Konzentrierung auf wenige Schlüsselpartner, insbesondere bei den Importen.
2.1 China dominiert den EU-Importmarkt
China ist mit Abstand der wichtigste Importpartner der EU bei Glaswaren. Die Importe aus China stiegen von 158 Mio. EUR (2015) auf 449 Mio. EUR (2025), was einem Zuwachs von +184,8 % entspricht. China allein machte 2025 damit rund 60 % des gesamten EU-Importwerts bei CN 7020 aus. Auch bei den Exporten gewann China stark an Bedeutung: Die EU-Exporte nach China wuchsen von 19 Mio. EUR auf 75 Mio. EUR (+300,3 %).
| Partner | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|
| China | 158 Mio. EUR | 449 Mio. EUR | +184,8 % | ~60 % |
| USA | 47 Mio. EUR | 68 Mio. EUR | +45,2 % | ~9 % |
| Japan | 35 Mio. EUR | 44 Mio. EUR | +26,3 % | ~6 % |
| Türkei | 8 Mio. EUR | 57 Mio. EUR | +606,6 % | ~8 % |
2.2 Die Türkei als dynamischer Wachstumsmarkt
Besonders auffällig ist das Wachstum der Importe aus der Türkei: Von lediglich 8 Mio. EUR (2015) auf 57 Mio. EUR (2025) — ein Anstieg um +606,6 %. Dies deutet darauf hin, dass die Türkei als alternative Bezugsquelle zu China an Bedeutung gewinnt, möglicherweise begünstigt durch die Zollunion zwischen der EU und der Türkei sowie durch geographische Nähe. Gleichzeitig sanken die EU-Exporte in die Türkei um 54,7 %.
2.3 Russland als exportseitig schrumpfender Markt
Die EU-Exporte nach Russland sanken von 14 Mio. EUR auf 5 Mio. EUR (−66,7 %). Dieser Rückgang ist seit 2022 im Kontext der Sanktionen infolge des Ukraine-Krieges zu sehen. Interessanterweise stiegen die Importe aus Russland im gleichen Zeitraum um 814,5 % auf knapp 2 Mio. EUR — wenngleich dieser Wert absolut gering bleibt.
2.4 Zunehmende Konzentration der Handelsbeziehungen
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 2.603 auf 3.900 (+49,8 %). Ein HHI-Wert von nahe 4.000 signalisiert eine hohe Konzentration und damit ein erhöhtes Risiko bei Lieferengpässen oder Handelskonflikten. Auch bei den Exporten nahm die Konzentration zu (HHI von 830 auf 1.546, +86,3 %), was auf eine stärkere Fokussierung auf bestimmte Absatzmärkte hindeutet.
3. Wachsende Handelsintensität trotz differenzierter Spezialisierung im EU-Binnenmarkt
3.1 EU-Produktion wächst, aber Binnenhandel und Drittlandshandel verschieben sich
Die EU-Produktion bei Glaswaren (CN 7020) verzeichnete einen Wertanstieg von 901 Mio. EUR auf 1,520 Mio. EUR (+68,7 %). Die produzierte Menge (in Stück) stieg sogar von 10 Mio. auf 600 Mio. Einheiten. Trotz dieses Produktionswachstums stieg die Handelsintensität (Summe aus Im- und Exporten als Anteil der Produktion) von 26,7 % auf 53,8 % (+101,5 %). Dies zeigt, dass der außenhandelliche Verflechtungsgrad des EU-Glassektors erheblich zugenommen hat.
3.2 Niedrige Spezialisierung vieler EU-Staaten, aber klare Nischenländer
Die Spezialisierungsanalyse (RSCA-Indikator, 2025) zeigt ein heterogenes Bild innerhalb der EU:
| Land | RSCA | RCA | Interpretation |
|---|---|---|---|
| Portugal | 0,56 | 3,59 | Stark spezialisiert |
| Kroatien | 0,53 | 3,23 | Stark spezialisiert |
| Estland | 0,52 | 3,13 | Stark spezialisiert |
| Italien | 0,23 | 1,59 | Mäßig spezialisiert |
| Deutschland | — | — | Größter Exporteur (312 Mio. EUR) |
| Slowakei | −0,93 | 0,04 | Deutlich unspezialisiert |
| Finnland | −0,88 | 0,06 | Deutlich unspezialisiert |
Deutschland ist zwar der mit Abstand größte Exporteur (312 Mio. EUR, +224,6 % gegenüber 2015), aber auch der größte Importeur (201 Mio. EUR). Portugal, Kroatien und Estland weisen die höchsten relativen Komparativvorteile auf, auch wenn ihre absoluten Handelsvolumen deutlich kleiner sind. Italien — traditionell ein bedeutender Glasproduzent — zeigt eine moderate Spezialisierung, hat aber seine Exporte im Zeitraum um 46,3 % reduziert.
3.3 Preisvolatilität und Versorgungsschocks als strukturelle Herausforderungen
Die Volatilitätsanalyse zeigt bei mehreren Handelspartnern erhebliche Schwankungen. Bei den Exporten weisen insbesondere die Republik Korea (CV: 1,05), Vietnam (0,85) und die Türkei (0,89) hohe Variationskoeffizienten auf. Bei den Importen fallen Taiwan (0,82) und Hongkong (0,80) durch hohe Volatilität auf.
Zudem wurden Versorgungsschocks identifiziert, die 2023 besonders ausgeprägt waren:
| Partner | Schocktyp | Richtung | Anomalie | Preisänderung | Zeitpunkt |
|---|---|---|---|---|---|
| Vietnam | Preis | Exporte | 22,1 | +1.300 % | 2023 |
| Mexiko | Preis | Exporte | 12,5 | +459 % | 2023 |
| Schweiz | Preis | Exporte | 9,5 | +18,5 % | 2018 |
Der extreme Preisschock bei Exporten nach Vietnam 2023 (Anomaliefaktor 22,1, Preissteigerung von 1.300 %) könnte auf Einzelaufträge hochspezialisierter Glasprodukte oder auf Sondereffekte bei geringen Handelsvolumen zurückzuführen sein (der Wertanteil betrug lediglich 0,6 %).
Schlussfolgerung
Die EU-Handelsentwicklung bei Glaswaren (CN 7020) im Zeitraum 2015–2025 ist von einer tiefgreifenden strukturellen Veränderung geprägt. Die EU hat sich von einem nahezu ausgeglichenen Handelsverhältnis zu einem deutlichen Nettoimporteur entwickelt. Die Importe haben sich mengenmäßig verdreifacht, wobei China als dominierender Lieferant mit einem Anteil von rund 60 % am Importwert klar die Agenda bestimmt. Gleichzeitig hat die EU ihre Exportpreise um 245 % gesteigert, was auf eine Verlagerung hin zu hochwertigeren, spezialisierten Glaswaren schließen lässt.
Zwei Risikodimensionen sind hervorzuheben: Erstens die hohe und steigende Konzentration der Importe auf wenige Partner (HHI fast 4.000), die die EU bei Handelskonflikten oder Lieferunterbrechungen verwundbar macht. Zweitens die starke Volatilität bei mehreren Handelspartnern, die Planungssicherheit für europäische Unternehmen erschwert.
Die unterschiedliche Spezialisierung innerhalb der EU — von starken Nischenexporteuren wie Portugal und Kroatien bis hin zu weitgehend unspezialisierten Mitgliedstaaten wie der Slowakei — deutet darauf hin, dass der Sektor weiterhin fragmentiert ist. Politische Maßnahmen zur Stärkung der europäischen Glasproduktion und zur Diversifizierung der Bezugsquellen könnten angesichts der zunehmenden Importabhängigkeit und Konzentration sinnvoll sein.