Marktentwicklung: Glas bearbeitet (CN 7006) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 7006 erfasst bearbeitete Glasplatten, -tafeln und -profile — gebogen, graviert, gelocht, emailliert oder anderweitig verarbeitet, jedoch weder gerahmt noch mit anderen Stoffen verbunden. Dieses Segment umfasst damit sowohl architektonisches Glas als auch Spezialglas für industrielle Anwendungen und bildet einen wesentlichen Teil der europäischen Glas- und Glaswarenbranche (KN 70).
Im Zeitraum von 2015 bis 2025 hat der EU-Handel mit bearbeitetem Glas durchgreifende Veränderungen erfahren. Der Gesamtüberblick zeigt drei zentrale Dynamiken: eine massive Verschiebung der Preisstrukturen, einen Wandel der Handelsposition der EU von einem Überschuss zu einem Defizit sowie eine zunehmende geopolitische Prägung der Handelsbeziehungen. Die EU-Produktion von bearbeitetem Glas wuchs im gleichen Zeitraum nominal um 60 % (von 1,08 Mrd. € auf 1,72 Mrd. €), bei einem mengenmäßigen Wachstum von lediglich 15,1 % (von 638.764 t auf 735.000 t). Dieses Auseinanderklaffen von Wert- und Mengenentwicklung spiegelt sich auch im Außenhandel wider.
1. Die Wert-Preis-Transformation: Weniger Volumen, mehr Umsatz
1.1 Dramatischer Rückgang der Exportmengen bei stabilen Umsätzen
Die auffälligste Entwicklung im EU-Exportmarkt ist das Zusammenspiel aus stark rückläufigen Mengen und nahezu stabilen Umsätzen. Die Exportmenge sank von 43.030 Tonnen (2015) auf 17.857 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 58,5 % entspricht. Der Exportwert hingegen veränderte sich nur moderat von 115,1 Mio. € auf 117,4 Mio. € (+2,0 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportvolumen | 43.030 t | 17.857 t | −58,5 % |
| Exportwert | 115,1 Mio. € | 117,4 Mio. € | +2,0 % |
| Durchschnittspreis | 2.673 €/t | 6.550 €/t | +145,0 % |
Die implizite Verdopplung des durchschnittlichen Exportpreises pro Tonne deutet auf eine klare Verschiebung in der Produktmischung hin: Die EU exportiert tendenziell weniger Volumen, dafür jedoch hochwertigere, stärker verarbeitete Glaserzeugnisse.
1.2 Importpreise ebenfalls auf stark steigender Bahn
Auch auf der Importseite zeigt sich ein analoges Muster, wenngleich weniger ausgeprägt. Die Importmenge sank von 53.431 Tonnen auf 40.257 Tonnen (−24,7 %), während der Importwert um 59,9 % auf 133,0 Mio. € stieg. Der durchschnittliche Importpreis erhöhte sich von 1.557 €/t auf 3.302 €/t (+112,1 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importvolumen | 53.431 t | 40.257 t | −24,7 % |
| Importwert | 83,2 Mio. € | 133,0 Mio. € | +59,9 % |
| Durchschnittspreis | 1.557 €/t | 3.302 €/t | +112,1 % |
Die Preisunterschiede zwischen Exporten und Importen — 6.550 €/t gegenüber 3.302 €/t im Jahr 2025 — bestätigen die Positionierung der EU als Exporteur von Hochwertglas und Importeur von Standard- und Mittelklasseprodukten.
1.3 Gesamtbilanz des Handels: Von Überschuss zu Defizit
Die konvergierende Preisentwicklung bei divergierender Volumenentwicklung führte zu einem fundamentalen Wandel der Handelsbilanz:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Handelsbilanz | +31,9 Mio. € | −15,7 Mio. € | −149,2 % |
| Min. (Defizit) | – | – | −50,0 Mio. € |
| Max. (Überschuss) | – | – | +31,9 Mio. € |
Die EU wandelte sich vom Nettexporteur zum Nettimporteur. Die Importabhängigkeit lag 2015 bei −3,1 % (Nettoexporteur) und erreichte 2025 einen Wert von +0,8 % (Nettoimporteur). Der Wendepunkt fiel in die Jahre 2020–2022, als die Importnachfrage zeitweise 2,7 % der heimischen Produktion überstieg.
2. Partnerstrukturen im Wandel: China als dominante Bezugsquelle, Russland als kollabierender Absatzmarkt
2.1 China festigt seine Stellung als wichtigster EU-Lieferant
China ist mit weitem Abstand der größte Importpartner der EU für bearbeitetes Glas. Die Importe aus China stiegen von 40,8 Mio. € (2015) auf 71,6 Mio. € (2025), was einem Zuwachs von 75,7 % entspricht. Damit entfielen 2025 mehr als die Hälfte (53,9 %) der gesamten EU-Importe auf China.
| Rang | Partnerland | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung | Volatilität (CV) |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | China | 40,8 Mio. € | 71,6 Mio. € | +75,7 % | 0,18 |
| 2 | Japan | 18,8 Mio. € | 25,5 Mio. € | +35,3 % | 0,35 |
| 3 | Türkei | 8,5 Mio. € | 6,0 Mio. € | −29,2 % | 0,34 |
| 4 | Belarus | 0,08 Mio. € | 0,88 Mio. € | +949,6 % | 0,73 |
| 5 | Ukraine | 0,07 Mio. € | 0,29 Mio. € | +311,9 % | 0,74 |
| 6 | Russische Föderation | 0,55 Mio. € | 0,71 Mio. € | +29,3 % | 0,61 |
| 7 | Ägypten | 0,16 Mio. € | 0,47 Mio. € | +194,1 % | 0,46 |
Besonders bemerkenswert ist die niedrige Volatilität des chinesischen Handelsflusses (Variationskoeffizient von nur 0,18), was auf eine strukturelle, langfristig angelegte Handelsbeziehung hindeutet. Demgegenüber weisen osteuropäische Partner wie Belarus (0,73), die Ukraine (0,74) und die Russische Föderation (0,61) eine deutlich höhere Schwankung auf.
2.2 Russlands Bedeutung als Exportmarkt kollabiert nach Sanktionen
Im Exportsektor vollzog sich 2022 ein dramatischer Bruch im Handel mit der Russischen Föderation. Die EU-Exporte nach Russland sanken von 7,15 Mio. € (2015) auf 0,53 Mio. € (2025), was einem Rückgang von 92,6 % entspricht. Der Variationskoeffizient von 1,50 für die EU-Exporte nach Russland ist der höchste aller untersuchten Partner und belegt die extremen Schwankungen nach Verhängung der Sanktionen 2022.
| Rang | Partnerland | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung | Volatilität (CV) |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | USA | 27,4 Mio. € | 34,7 Mio. € | +26,8 % | 0,14 |
| 2 | Schweiz | 15,4 Mio. € | 15,2 Mio. € | −1,8 % | 0,16 |
| 3 | China | 13,8 Mio. € | 15,1 Mio. € | +9,4 % | 0,45 |
| 4 | Vereinigtes Königreich | 11,4 Mio. € | 8,7 Mio. € | −23,2 % | 0,29 |
| 5 | Türkei | 1,7 Mio. € | 3,5 Mio. € | +109,0 % | 0,61 |
| 6 | Australien | 1,7 Mio. € | 0,9 Mio. € | −47,6 % | 0,67 |
| 7 | Russische Föderation | 7,2 Mio. € | 0,5 Mio. € | −92,6 % | 1,50 |
Die stabilsten Exportbeziehungen bestehen zu den USA (CV = 0,14) und der Schweiz (CV = 0,16). Der Post-Brexit-Rückgang der Exporte ins Vereinigtes Königreich (−23,2 %) ist ebenfalls signifikant, wenn auch weniger dramatisch als der Russland-Schock.
2.3 Die Europäische Union selbst: Wer exportiert und importiert am meisten?
Innerhalb der EU zeigt sich eine klare Hierarchie. Deutschland dominiert sowohl auf Export- als auch auf Importseite:
| Land | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Deutschland | 64,2 Mio. € | 68,1 Mio. € | +6,2 % | 24,6 Mio. € | 21,2 Mio. € | −13,6 % |
| Belgien | 16,1 Mio. € | 12,1 Mio. € | −25,0 % | 4,8 Mio. € | 2,9 Mio. € | −39,9 % |
| Italien | 9,0 Mio. € | 12,5 Mio. € | +39,1 % | 13,3 Mio. € | 30,1 Mio. € | +125,4 % |
| Spanien | 8,7 Mio. € | 6,0 Mio. € | −31,4 % | 2,6 Mio. € | 4,3 Mio. € | +66,9 % |
| Niederlande | 1,0 Mio. € | 3,7 Mio. € | +276,6 % | 11,0 Mio. € | 17,3 Mio. € | +58,0 % |
| Polen | – | – | – | 2,4 Mio. € | 17,6 Mio. € | +642,1 % |
| Frankreich | 2,4 Mio. € | 3,1 Mio. € | +26,7 % | 5,4 Mio. € | 12,0 Mio. € | +121,3 % |
Quellen: Top-Partner, Top-Reporter
Polands Importexplosion (+642 %) und Italiens verstärkte Importnachfrage (+125 %) deuten auf eine Verschiebung der europäischen Wertschöpfungsketten hin, möglicherweise getrieben durch die Verlagerung von Produktions- und Veredelungsaktivitäten.
3. Geopolitische Schocks, Preisinstabilität und strategische Verwundbarkeit
3.1 Identifizierung außergewöhnlicher Preisschocks
Die Schockerkennung hat drei signifikante Preisschocks identifiziert:
| Schock | Partner | Zeitpunkt | Abnormalität | Preisverschiebung | Anteil am Gesamtwert |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Japan (Importe) | 2023 | 44,8 | +58,3 % | 31,8 % |
| 2 | Türkei (Importe) | 2022 | 18,0 | +61,0 % | 7,7 % |
| 3 | USA (Exporte) | 2022 | 14,4 | +68,1 % | 36,5 % |
Der japanische Preisschock von 2023 ist der gravierendste: Mit einer Abnormalität von 44,8 und einem Anteil von 31,8 % am gesamten Importwert betraf er ein Drittel der EU-Glasimporte. Der türkische Schock von 2022 korrespondiert zeitlich mit der Energiekrise und der Währungsturbulenz der türkischen Lira. Der US-Exportpreisschock von 2022 — mit einer Preisverschiebung von 68,1 % — spiegelt möglicherweise die Nachfrageeffekte der US-Investitionswelle im Bausektor wider.
3.2 Spezialisierung und Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse (RSCA-Index, 2025) zeigt ein heterogenes Bild innerhalb der EU:
Am stärksten spezialisierte EU-Länder:
| Land | RSCA | RCA | Produktanteil | Anteil am EU-Export |
|---|---|---|---|---|
| Frankreich | 0,61 | 4,18 | 32,6 % | 7,8 % |
| Litauen | 0,39 | 2,28 | 1,4 % | 0,6 % |
| Rumänien | 0,22 | 1,57 | 2,6 % | 1,7 % |
| Estland | 0,14 | 1,31 | 0,4 % | 0,3 % |
| Spanien | 0,12 | 1,26 | 7,3 % | 5,8 % |
Am wenigsten spezialisierte EU-Länder:
| Land | RSCA | RCA | Produktanteil | Anteil am EU-Export |
|---|---|---|---|---|
| Finnland | −0,94 | 0,03 | 0,03 % | 1,0 % |
| Schweden | −0,92 | 0,04 | 0,1 % | 2,4 % |
| Portugal | −0,86 | 0,07 | 0,1 % | 1,4 % |
| Bulgarien | −0,77 | 0,13 | 0,08 % | 0,6 % |
| Dänemark | −0,77 | 0,13 | 0,2 % | 1,7 % |
Frankreich ist mit einem RCA-Wert von 4,18 der mit Abstand am stärksten spezialisierte EU-Mitgliedstaat — trotz eines eher mittleren absoluten Exportanteils. Deutschland wiederum dominiert zwar absolut (68,1 Mio. € Exporte), weist aber keinen Spitzen-RSCA auf, da seine Exportbasis breiter diversifiziert ist.
3.3 Verwundbarkeit: Sinkende Exportneigung und steigende Handelsintensität
Die Verwundbarkeitsindikatoren zeichnen ein differenziertes Bild:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung | Salienz-Score |
|---|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit | −3,1 % | +0,8 % | +125,1 % | – |
| Handelsintensität | 13,8 % | 14,3 % | +3,3 % | 39,0 |
| Exportneigung | 8,8 % | 7,3 % | −16,7 % | 59,4 |
Die Exportneigung — gemessen als Anteil der Exporte an der heimischen Produktion — sank um 16,7 % auf 7,3 %. Dies ist der verwundbarkeitsrelevante Indikator mit der höchsten Salienz (59,4). Gleichzeitig blieb die Handelsintensität mit 14,3 % relativ stabil. Die EU produziert also weiterhin ähnlich viel bearbeitetes Glas, exportiert aber zunehmend weniger davon und importiert mehr.
Schlussfolgerung
Der EU-Handel mit bearbeitetem Glas (KN 7006) hat zwischen 2015 und 2025 einen tiefgreifenden Strukturwandel durchlaufen. Drei zentrale Erkenntnisse lassen sich zusammenfassen:
Erstens vollzog sich eine deutliche Premiumisierung der Handelsströme. Sowohl Export- als auch Importpreise mehr als verdoppelten sich (+145 % bzw. +112 %), während die Handelsvolumen sanken. Die EU positioniert sich zunehmend als Anbieter von Hochwertglas (6.550 €/t Exportpreis) und Importeur von mittlerem Qualitätssegment (3.302 €/t Importpreis).
Zweitens verschob sich die Handelsbilanz signifikant. Der Überschuss von 31,9 Mio. € (2015) wandelte sich in ein Defizit von 15,7 Mio. € (2025). Dieser Wandel wurde sowohl durch das exponentielle Wachstum der chinesischen Exporte in die EU als auch durch den Kollabs des russischen Absatzmarktes nach den Sanktionen 2022 getrieben.
Drittens nehmen geopolitische Risiken zu. Der Wegfall Russlands als Exportmarkt, die Dominanz Chinas auf der Importseite (54 % Marktanteil) sowie außergewöhnliche Preisschocks bei Japan, der Türkei und den USA zeigen, dass die europäische Glasindustrie in einem zunehmend volatilen und geopolitisch aufgeladenen Umfeld agiert. Die sinkende Exportneigung bei gleichbleibender Handelsintensität unterstreicht die Notwendigkeit strategischer Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz des Sektors.