Marktentwicklung: Glasstäbe und Röhren (CN 7002) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU im Zeitraum 2015–2025 für den Zolltarifcode 7002 — Glas in Kugeln, Stangen, Stäben oder Rohren, unbearbeitet. Die Produktgruppe umfasst fünf Unterpositionen — von unbearbeiteten Glaskugeln (700210) über Glasstangen und -stäbe (700220) bis hin zu Quarzröhren (700231), speziellen Glasröhren mit niedrigem Ausdehnungskoeffizienten (700232) und sonstigen Glasröhren (700239). Der analysierte Zeitraum erfasst elf vollständige Berichtsjahre (2015–2025). Die EU fungiert in diesem Marktsegment sowohl als bedeutender Exporteur als auch als Importeur; die Bruttowertschöpfung der EU-Produktion lag 2025 bei rund 592 Mio. EUR. Im Folgenden werden die drei zentralen Marktdynamiken identifiziert und interpretiert.
1. Strukturelle Schrumpfung des Exportvolumens bei steigender Importabhängigkeit
1.1 Die EU verliert als Nettoexporteur deutlich an Boden
Die EU war zu Beginn des Betrachtungszeitraums ein starker Nettoexporteur für CN 7002. Das Handelsbilanzüberschuss sank jedoch von 401,8 Mio. EUR im Jahr 2015 auf lediglich 154,3 Mio. EUR im Jahr 2025 — ein Rückgang von 61,6 % (Übersicht Handelsbilanz). Gleichzeitig verbesserte sich die Nettimportabhängigkeit (net import reliance) von −29,7 % auf −15,9 %, was bedeutet, dass die EU zwar weiterhin Nettexporteur ist, der Überschuss sich jedoch erheblich verkleinert hat (Nettoimportabhängigkeit).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 502,2 | 287,7 | −42,7 % |
| Exportmenge (t) | 75.194 | 54.878 | −27,0 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 6.678 | 5.240 | −21,5 % |
| Importwert (Mio. EUR)) | 100,4 | 133,5 | +33,0 % |
| Importmenge (t) | 30.570 | 17.969 | −41,2 % |
| Importpreis (EUR/t) | 3.284 | 7.428 | +126,2 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR)) | 401,8 | 154,3 | −61,6 % |
1.2 Gegenläufige Preisentwicklungen bei Importen und Exporten
Ein bemerkenswertes Muster zeigt sich in den Preisdynamiken: Während die durchschnittlichen Exportpreise von 6.678 EUR/t auf 5.240 EUR/t sanken (−21,5 %), stiegen die Importpreise im selben Zeitraum von 3.284 EUR/t auf 7.428 EUR/t — eine Steigerung um 126,2 %. Dies deutet darauf hin, dass die EU zunehmend hochwertigere, teurere Glasprodukte importiert, während die Exportpreise unter Wettbewerbsdruck stehen. Die Importpreisexplosion führte dazu, dass der Importwert trotz rückläufiger Mengen um 33 % anstieg.
1.3 Deutschland als dominierender, aber schrumpfender Exporteur
Innerhalb der EU ist Deutschland mit großem Abstand der führende Exporteur für CN 7002. Der deutsche Exportwert sank jedoch von 409,7 Mio. EUR (2015) auf 232,8 Mio. EUR (2025), ein Rückgang von 43,2 % (Top-Reporter Exporte). Deutschland allein machte 2025 noch 81 % der gesamten EU-Exporte aus — eine leichte Konzentrierung gegenüber dem Vorjahr. Weitere bedeutende Exportländer wie Frankreich (−49,6 %), die Niederlande (−61,9 %) und Italien (−44,1 %) verzeichneten ebenfalls erhebliche Rückgänge. Einzig Belgien zeigte ein auffälliges Wachstum von 0,3 Mio. EUR auf 5,2 Mio. EUR (+1.645 %), allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Basiswert.
2. Geopolitische Umbrüche und Verschiebung der Handelspartner
2.1 Kollaps des Handels mit Russland und Belarus
Eines der auffälligsten Ereignisse im Betrachtungszeitraum ist der vollständige Einbruch der Importe aus Russland und Belarus. Russische Importe sanken von 577.000 EUR (2015) auf praktisch null (2025, lediglich 54 EUR), und Belarus-importe fielen von 1,2 Mio. EUR auf 4 EUR (Top-Partner Importe). Diese Entwicklung korreliert mit den seit 2022 verhängten EU-Sanktionen nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Volatilitätskoeffizienten beider Handelsströme lagen bei über 0,9, was auf extreme Schwankungen hinweist (Volatilität).
2.2 Asien als wachstumsstarker Importpartner — China und Südostasien im Aufwind
Während die östlichen Handelspartner wegbrachen, gewannen asiatische Lieferanten erheblich an Bedeutung. Die Importe aus China stiegen von 27,3 Mio. EUR auf 46,3 Mio. EUR (+69,3 %), aus Malaysia von 6,7 Mio. EUR auf 14,9 Mio. EUR (+121,5 %), und aus Thailand von 593.000 EUR auf 1,2 Mio. EUR (+97,8 %). China ist damit 2025 der mit Abstand wichtigste Importpartner der EU für CN 7002 und hat die USA überholt. Die Importkonzentration (HHI) stieg von 2.830 auf 3.366 (+18,9 %), was auf eine stärkere Fokussierung auf wenige Schlüssellieferanten hindeutet (Konzentration HHI).
2.3 Rückgang der Exporte nach China und in die USA
Auf der Exportseite zeigt sich ein gegenläufiges Bild zu den Importen. Die EU-Exporte nach China sanken dramatisch von 191,8 Mio. EUR auf 54,7 Mio. EUR (−71,5 %), was China vom wichtigsten Exportziel zum zweitwichtigsten werden ließ. Ebenfalls rückläufig waren die Exporte in die USA von 155,0 Mio. EUR auf 71,5 Mio. EUR (−53,9 %). Zusammen verloren diese beiden Märkte rund 220 Mio. EUR an EU-Exporten. Dafür gewannen kleinere Märkte wie Mexiko (+32,1 %) und Ägypten (+8,9 %) an Bedeutung. Die Exportkonzentration fiel entsprechend von HHI 2.484 auf 1.262 (−49,2 %), was eine Diversifizierung der Exportmärkte anzeigt. Ein dokumentierter Preisschock bei Exporten in die USA im Jahr 2022 (Anstieg um 37,2 %) deutet auf mögliche Lieferkettenverwerfungen hin (Supply Shocks).
| Richtung | Partner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Import | China | 27,3 | 46,3 | +69,3 % |
| Import | Malaysia | 6,7 | 14,9 | +121,5 % |
| Import | Russland | 0,6 | 0,0 | −100 % |
| Import | Belarus | 1,2 | 0,0 | −100 % |
| Export | China | 191,8 | 54,7 | −71,5 % |
| Export | USA | 155,0 | 71,5 | −53,9 % |
| Export | Mexiko | 8,5 | 11,2 | +32,1 % |
| Export | Schweiz | 11,0 | 11,4 | +4,2 % |
3. Segmentverschiebung: Quarzröhren im Niedergang, Glasstäbe als Nischenwachstumstreiber
3.1 Dramatischer Rückgang von Quarzröhren (700231) — dem einstigen Exportstar
Das Segment der Quarzröhren (700231 — Rohre aus geschmolzenem Quarz oder aus anderem geschmolzenem Siliciumdioxid) war 2015 mit Abstand das wichtigste Exportsegment der EU mit einem Wert von 278,2 Mio. EUR und einem Exportpreis von 50.973 EUR/t (Produktsegmente Exporte). Bis 2025 sank der Exportwert auf 85,5 Mio. EUR (−69,3 %), bei einem Mengenrückgang von 5.458 t auf 1.085 t (−80,1 %). Der Exportpreis stieg jedoch auf 78.711 EUR/t (+54,4 %), was auf eine Verlagerung hin zu hochwertigeren Spezialröhren hindeutet. Bei den Importen von 700231 blieb der Wert relativ stabil (rund 42–44 Mio. EUR), obwohl die Menge um 55 % sank — die Importpreise explodierten von 16.369 EUR/t auf 37.659 EUR/t.
3.2 Stagnation bei gewöhnlichen Glasröhren (700239) mit steigenden Importpreisen
Das mengenmäßig größte Segment — gewöhnliche Glasröhren (700239) — zeigt eine differenzierte Entwicklung. Die Importmengen sanken von 19.278 t auf 13.290 t (−31 %), doch die Importpreise stiegen kontinuierlich von 1.557 EUR/t auf 2.093 EUR/t (+34,4 %). Auf der Exportseite fielen sowohl Menge (−58 %) als auch Wert (−56 %) erheblich. Dieses Segment ist preissensitiver und unterliegt stärkerem asiatischem Wettbewerbsdruck.
3.3 Glasstäbe (700220) als unerwartetes Nischenwachstum bei Importen
Ein bemerkenswerter Trend zeigt sich beim Segment 700220 (Stangen oder Stäbe aus Glas, unbearbeitet): Die Importmengen stiegen von 354 t auf 905 t (+156 %), und der Importwert wuchs von 17,7 Mio. EUR auf 57,2 Mio. EUR (+223 %). Die Importpreise liegen bei über 63.000 EUR/t und machen dieses Segment zum mit Abstand teuersten. Gleichzeitig sanken die Exportmengen von 1.955 t auf 1.279 t (−34,5 %), wobei die Exportpreise von 39.373 EUR/t auf 52.818 EUR/t stiegen. Die starke Preisposition deutet auf Spezialanwendungen hin — möglicherweise im Bereich der optischen Industrie oder Halbleiterfertigung — die zunehmend außerhalb der EU bedient werden.
3.4 EU-Produktion: Mengenrückgang bei steigenden Werten
Die EU-Produktion für CN 7002 fiel mengenmäßig von 162,7 Mio. kg auf 141,2 Mio. kg (−13,2 %), während der Produktionswert von 421,5 Mio. EUR auf 592,1 Mio. EUR stieg (+40,5 %). Dieses Muster — fallende Mengen bei steigenden Werten — spiegelt eine qualitative Aufwertung der Produktion wider: Die EU konzentriert sich zunehmend auf höherwertige Spezialgläser (Produktionsvolumen).
| Segment | Beschreibung | Imp.-Menge 2015 (t) | Imp.-Menge 2025 (t) | Exp.-Preis 2015 (EUR/t) | Exp.-Preis 2025 (EUR/t) |
|---|---|---|---|---|---|
| 700239 | Gewöhnl. Glasröhren | 19.278 | 13.290 | 2.233 | 2.371 |
| 700210 | Glaskugeln | 5.049 | 2.071 | 924 | 1.541 |
| 700231 | Quarzröhren | 2.593 | 1.177 | 50.973 | 78.711 |
| 700232 | Spezialröhren (niedr. Ausdehnung) | 3.296 | 526 | 3.142 | 4.703 |
| 700220 | Glasstangen/-stäbe | 354 | 905 | 39.373 | 52.818 |
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für unbearbeitetes Glas in Kugeln, Stangen, Stäben und Rohren (CN 7002) durchlebt zwischen 2015 und 2025 einen tiefgreifenden Strukturwandel. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:
Erstens erlebt die EU einen substanziellen Bedeutungsverlust als Nettoexporteur. Der Handelsbilanzüberschuss schrumpfte um über 60 %, getrieben durch einen Rückgang der Exporte sowohl in Volumen als auch in Wert, während die Importe trotz sinkender Mengen im Wert stiegen — ein Indiz für steigende Importpreise und eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Importgütern.
Zweitens haben geopolitische Ereignisse die Handelslandschaft grundlegend umgestaltet. Der vollständige Wegfall der Importe aus Russland und Belarus sowie der massive Rückgang der EU-Exporte nach China wurden teilweise durch das Wachstum asiatischer Lieferanten (China, Malaysia, Thailand) und neue Exportziele (Mexiko, Ägypten) kompensiert. Die Importkonzentration stieg, während die Exportkonzentration sank — ein Zeichen für eine asymmetrische Anpassung.
Drittens vollzieht sich innerhalb der einzelnen Segmente eine bedeutsame Verschiebung. Das einst dominierende Quarzröhren-Segment (700231) verlor bei Exporten rund 70 % seines Wertes, während Glasstäbe (700220) bei den Importen ein überraschendes Wachstum von über 200 % verzeichneten. Die EU-Produktion zeigt eine qualitative Aufwertung: Sinkende Mengen stehen steigenden Produktionswerten gegenüber, was auf eine Spezialisierung auf höherwertige Nischenprodukte hindeutet.
Hinweis: Die Daten für 2025 sind möglicherweise nicht vollständig, da das Berichtsjahr noch nicht abgeschlossen ist. Dies sollte bei der Interpretation der jüngsten Trends berücksichtigt werden.