Marktentwicklung: Sicherheitsglas (CN 7007) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union (EU) mit dem Produkt Sicherheitsglas (Gemeinsame Nomenklatur, CN 7007) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Definition umfasst einschichtiges, vorgespanntes Sicherheitsglas sowie mehrschichtiges Sicherheitsglas (Verbundglas), ausgenommen Mehrschichtisolierverglasungen sowie Brillen- und Uhrengläser (Produktdefinition im Trade Dashboard). Die Analyse basiert auf den verfügbaren Jahresdaten und zeigt eine fundamentale Veränderung der Handelsbilanz, begleitet von einer Verschiebung in der Partnerstruktur und wachsender Importabhängigkeit.
1. Von Überschuss zu Defizit: Die dramatische Umkehr der EU-Handelsbilanz
Im Betrachtungszeitraum hat sich die Handelsposition der EU bei Sicherheitsglas grundlegend gewandelt. Die EU war zu Beginn des Zeitraums ein Nettoexporteur und wechselte in eine Position als Nettoimporteur.
1.1. Der Einbruch der Exporte bei steigenden Importen
Die EU-Exporte von Sicherheitsglas sind zwischen 2015 und 2025 nominal um 8,5 % gefallen, von 1,13 Mrd. EUR auf 1,03 Mrd. EUR. Mengenmäßig war der Rückgang mit -25,2 % (von 323.259 t auf 241.836 t) sogar noch deutlicher. Gleichzeitig sind die Importe um 58,1 % auf 1,30 Mrd. EUR gestiegen. Mengenmäßig legten sie um 59,3 % zu, von 421.755 t auf 671.831 t (Handelsübersicht). Diese gegenläufigen Trends führten zu einem vollständigen Kollaps der Handelsbilanz.
1.2. Die Entwicklung des Handelsbilanzdefizits
Die Handelsbilanz verschlechterte sich von einem Überschuss von 309,4 Mio. EUR im Jahr 2015 auf ein Defizit von -263,8 Mio. EUR im Jahr 2025. Dies entspricht einer Verschlechterung um 185,3 %. Der Wendepunkt lag zwischen 2020 und 2021, als die Corona-Pandemie und anschließende Lieferkettenprobleme die Dynamik beschleunigten. Die Importabhängigkeit der EU stieg von -5,0 % (Nettoexporteur) auf +2,8 % (Nettoimporteur).
2. Strukturwandel bei den Handelspartnern und Preisentwicklungen
Die Umkehr der Handelsbilanz geht einher mit einer signifikanten Verschiebung der wichtigsten Handelspartner und divergenten Preisentwicklungen.
2.1. China und die Türkei dominieren den Importmarkt
Die Importe aus China haben sich mehr als verdoppelt (+129,7 %) und beliefen sich 2025 auf 757,8 Mio. EUR. Damit ist China mit großem Abstand der wichtigste Lieferant. Die Importe aus der Türkei stiegen ebenfalls stark um 124,4 % auf 232,5 Mio. EUR. Im Gegensatz dazu sind die Importe aus dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit um 61,0 % eingebrochen, und die Importe aus Russland brachen nach 2022 aufgrund von Sanktionen vollständig ein (Partnerländer-Übersicht).
2.2. Die Hauptexportziele unterliegen starken Schwankungen
Bei den Exporten bleibt das Vereinigte Königreich mit 286,4 Mio. EUR (2025) das wichtigste Ziel, obwohl die Ausfuhren um 36,4 % sanken. Interessanterweise sind die Exporte in die Türkei (+123,5 %) und nach Marokko (+209,0 %) stark gewachsen. Die Volatilität (gemessen am Variationskoeffizienten) ist bei Handelsströmen mit Russland und dem Vereinigten Königreich besonders hoch, was geopolitische Unsicherheiten widerspiegelt (Volatilitätsanalyse).
2.3. Differenzierte Preisentwicklung zwischen Import und Export
Der durchschnittliche Importpreis blieb über den Zeitraum relativ stabil (von 1.948 EUR/t auf 1.933 EUR/t). Im Gegensatz dazu ist der Exportpreis um 22,3 % auf 4.279 EUR/t gestiegen. Dies deutet auf eine Spezialisierung der EU-Exporte auf hochwertigere, teurere Produkte hin, während die Importe mengenstark aus kostengünstigeren Produktionsstandorten erfolgen. Die hohen Exportpreise für Kfz-Verbundglas (CN 700721) über 8.000 EUR/t im Jahr 2025 bestätigen diese These (Produktsegmente).
3. Marktstruktur und strategische Implikationen
Die Veränderungen im Handel spiegeln sich in der inneren Marktstruktur der EU und ihrer strategischen Verwundbarkeit wider.
3.1. Zunehmende Konzentration der Importe und abnehmende Spezialisierung der Exporte
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 2.145 auf 3.812, was auf eine stark zunehmende Konzentration der Importe (hauptsächlich auf China) hindeutet. Der HHI für Exporte sank hingegen von 1.943 auf 1.354, was eine leichte Diversifizierung der Exportmärkte anzeigt (Konzentrationsanalyse). Innerhalb der EU haben sich einige mittel- und osteuropäische Staaten wie Polen (RCA von 2,77) und Tschechien (RCA von 2,28) als spezialisierte Exporteure etabliert, während Deutschland seinen dominanten Exporteurstatus trotz Rückgang behält (Spezialisierung der EU-Länder).
3.2. Gleichlauf von Produktions- und Handelsintensität
Die EU-Produktion von Sicherheitsglas (gemessen in Quadratmetern) blieb mit rund 550 Mio. m² relativ stabil, doch der Produktionswert stieg um 37,3 % auf 6,46 Mrd. EUR, was auf steigende Wertschöpfung oder Inflation hindeutet. Gleichzeitig nahm die Handelsintensität (Anteil von Im- und Exporten an der Produktion) von 18,8 % auf 29,8 % zu. Dies zeigt, dass der EU-Binnenmarkt trotz stabiler Produktion stärker in den globalen Handel eingebunden ist, wobei das Wachstum vor allem über Importe erfolgt.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Sicherheitsglas (CN 7007) hat zwischen 2015 und 2025 eine Phase tiefgreifender Transformation durchlaufen. Die einst positive Handelsbilanz ist einem wachsenden Defizit gewichen, das von einem rapiden Anstieg der Importe aus China und der Türkei getrieben wird. Die EU reagiert darauf mit einer Spezialisierung auf hochwertige Exportprodukte und einer Diversifizierung der Exportmärkte, kann aber den Mengenverlust bei den Ausfuhren nicht aufhalten. Die zunehmende Handelsintensität und die konzentrierte Importstruktur erhöhen die strategische Verwundbarkeit des Sektors. Zukünftige Entwicklungen werden stark von globalen Lieferketten, Handelspolitik (insbesondere gegenüber China) und der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Glasindustrie im Hochpreissegment abhängen.