Marktentwicklung: Verbundsicherheitsglas (CN 700721) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht untersucht die Entwicklung des EU-Außenhandels mit Verbundsicherheitsglas für Fahrzeuganwendungen (CN 700721) im Zeitraum 2015 bis 2025. Das Produkt umfasst Mehrschichten-Sicherheitsglas (Verbundglas) in den Abmessungen und Formen, wie sie in Kraftfahrzeugen, Luftfahrzeugen, Wasserfahrzeugen oder anderen Fahrzeugen verwendet werden — ausgenommen Mehrschichtisolierverglasungen. Es gliedert sich in zwei Unterpositionen:
- CN 70072120: Verbundglas für Kraftfahrzeuge (ca. 93 % der Import- und 97 % der Exportwerte)
- CN 70072180: Verbundglas für Luftfahrzeuge, Wasserfahrzeuge und sonstige Fahrzeuge (Nischensegment mit deutlich höheren Einheitspreisen)
Das untersuchte Jahrzehnt war durch drei zentrale Dynamiken geprägt: einen drastischen Einbruch der Handelsbilanz, eine geopolitisch bedingte Neuausrichtung der Handelsströme sowie eine zunehmende regionale Spezialisierung innerhalb der EU. Diese drei Aspekte werden in den folgenden Abschnitten systematisch analysiert.
1. Vom Überschuss zum ausgeglichenen Handel: Der Zusammenbruch der EU-Handelsbilanz
1.1 Exporte schrumpfen in Volumen und Menge — trotz steigender Preise
Die EU-Exporte von Verbundsicherheitsglas haben im Beobachtungszeitraum deutlich nachgegeben. Der Handelsüberblick zeigt:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 535,5 Mio. € | 467,1 Mio. € | −12,8 % |
| Exportmenge | 92.902 t | 55.007 t | −40,8 % |
| Exportpreis | 5.765 €/t | 8.492 €/t | +47,3 % |
Der Rückgang der Exportmengen um über 40 % ist bemerkenswert. Er wurde teilweise durch steigende Preise kompensiert — die EU exportierte also weniger Glas, aber zu höheren Stückpreisen. Dennoch konnte der Wertverlust nicht vollständig aufgefangen werden: Der Exportwert sank nominal um 12,8 %. Der stärkste Mengeneinbruch fiel in die Jahre 2020 (COVID-19-Krise) und 2022/2023 (Energiekrise, geopolitische Schocks).
1.2 Importe wachsen sowohl in Volumen als auch im Wert
Im Gegensatz zu den Exporten verzeichneten die EU-Importe ein kräftiges Wachstum:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 312,3 Mio. € | 442,4 Mio. € | +41,7 % |
| Importmenge | 78.134 t | 105.062 t | +34,5 % |
| Importpreis | 3.997 €/t | 4.211 €/t | +5,4 % |
Besonders auffällig ist der Sprung der Importmengen: Die EU importierte 2025 rund 105.000 Tonnen Verbundglas — ein historischer Höchstwert in der Datenreihe. Die Importpreise blieben dabei relativ moderat (+5,4 %), was auf wettbewerbsfähige Lieferanten — insbesondere aus China — hindeutet.
1.3 Die Handelsbilanz kollabiert: Von +223 Mio. € auf +25 Mio. €
Die Konvergenz von fallenden Exporten und steigenden Importen führte zu einem dramatischen Einbruch der Handelsbilanz:
| Jahr | Handelsbilanz (EUR) |
|---|---|
| 2015 | +223,2 Mio. € |
| 2019 | +155,3 Mio. € (geschätzt aus Trend) |
| 2020 | Einbruch durch COVID-19 |
| 2022 | ~80–100 Mio. € (Energiepreisschock) |
| 2025 | +24,7 Mio. € |
Die EU war 2015 noch ein deutlicher Nettoexporteur mit einem Überschuss von 223 Mio. €. Bis 2025 schmolz dieser Überschuss um 88,9 % auf nur noch 24,7 Mio. € zusammen. Die Netto-Importabhängigkeit nähert sich damit dem Gleichgewichtspunkt.
1.4 Die EU produziert weniger Volumen, aber mehr Wert
Ein Blick auf die EU-Produktionsdaten liefert ein wichtiges Komplementärbild:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge | 365.201 t | 364.000 t | −0,3 % |
| Produktionswert | 1.148 Mio. € | 1.800 Mio. € | +56,9 % |
Die EU-Produktion blieb mengenmäßig nahezu konstant, der Produktionswert stieg jedoch um fast 57 %. Dies deutet auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten — etwa Spezialglas für Elektrofahrzeuge, Advanced Driver Assistance Systems (ADAS) oder Leichtbauglas. Parallel dazu sanken die Exportvolumina, während die Importvolumina stiegen: Die EU scheint zunehmend Standardglas zu importieren und sich auf Premiumsegmente zu konzentrieren.
2. Geopolitische Umbrüche und Neuausrichtung der Handelsströme
2.1 China als dominierender Importlieferant: Anstieg um 273 %
Die Partnerländeranalyse zeigt einen dramatischen Anstieg der chinesischen Exporte in die EU:
| Partnerland | Importwert 2015 | Importwert 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 74,5 Mio. € | 278,3 Mio. € | +273,5 % |
| Türkei | 37,2 Mio. € | 46,6 Mio. € | +25,1 % |
| Marokko | 2,6 Mio. € | 15,1 Mio. € | +487,6 % |
| Indien | 6,1 Mio. € | 9,2 Mio. € | +52,2 % |
| Vereinigtes Königreich | 50,6 Mio. € | 16,2 Mio. € | −68,1 % |
| Russland | 7,3 Mio. € | 0,1 Mio. € | −98,6 % |
| Südafrika | 13,7 Mio. € | 4,1 Mio. € | −69,9 % |
China hatte 2015 einen Anteil von ca. 24 % an den EU-Importen; bis 2025 stieg dieser auf über 60 %. Damit ist China mit Abstand der wichtigste Lieferant. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe explodierte entsprechend:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.492 | 4.153 | +178,4 % |
| HHI Importe (Menge) | 2.151 | 6.174 | +187,0 % |
Ein HHI über 2.500 gilt als hochkonzentriert. Die EU-Importe sind damit in hohem Maße von wenigen Lieferanten — insbesondere China — abhängig geworden.
2.2 Russland: Vollständiger Handelszusammenbruch durch Sanktionen
Der bilateralste geopolitische Schocks betraf Russland. Nach dem Beginn des Ukraine-Konflikts und der Verhängung von EU-Sanktionen brach der Handel vollständig zusammen:
- EU-Exporte nach Russland: Von 22,0 Mio. € (2015) auf 0,3 Mio. € (2025) — ein Rückgang von 98,4 %. Der Versorgungsschock wurde 2023 mit einer Abnormalität von 2,6 und einem Rückgang von −100 % identifiziert.
- EU-Importe aus Russland: Von 7,3 Mio. € (2015) auf 0,1 Mio. € (2025) — ein Rückgang von 98,6 %.
Russland war 2015 noch ein bedeutender Exportmarkt für EU-Hersteller. Der vollständige Wegfall dieses Marktes trug erheblich zum Rückgang der Gesamtexporte bei.
2.3 Brexit und der Rückgang des Handels mit dem Vereinigten Königreich
Das Vereinigte Königreich war 2015 das mit Abstand wichtigste Exportziel für EU-Verbundglas mit 263,7 Mio. € (ca. 49 % der EU-Exporte). Bis 2025 sank der Wert auf 161,0 Mio. € (−38,9 %). Auch auf der Importseite fielen die Werte von 50,6 Mio. € auf 16,2 Mio. € (−68,1 %).
Der Brexit führte zu neuen Handelsbarrieren (Zölle, Ursprungsregeln, Zollformalitäten), die den bilateralen Handel erheblich verteuerten. Gleichzeitig verlagerten sich EU-Hersteller möglicherweise teilweise in das Vereinigte Königreich (z. B. zur Belieferung von Jaguar Land Rover und anderen OEMs vor Ort).
2.4 Die Türkei: Vom mittleren Partner zum Export-Boom
Besonders auffällig ist die Entwicklung der EU-Exporte in die Türkei:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert in die Türkei | 17,0 Mio. € | 100,3 Mio. € | +489,8 % |
Die Türkei entwickelte sich vom mittleren Handelspartner zum zweitgrößten Exportmarkt der EU. Ein Preisschock wurde 2023 identifiziert (Abnormalität 5,5, Preisanstieg +33,7 %, Anteil am Exportwert 13,8 %). Hintergrund dürfte die Expansion der türkischen Automobilindustrie (u. a. TOGG, Fiat Tofaş, Ford Otosan, Hyundai Assan) sein, die EU-Zulieferteile nachfragt.
Gleichzeitig stiegen auch die EU-Importe aus der Türkei um 25,1 % auf 46,6 Mio. € — ein Hinweis auf zunehmende Integration der türkischen Glasherstellung in europäische Wertschöpfungsketten.
2.5 Marokko als aufstrebender Handelspartner
Marokko zeigt das dynamischste prozentuale Wachstum unter den Importquellen:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| EU-Importe aus Marokko | 2,6 Mio. € | 15,1 Mio. € | +487,6 % |
Auch die Exporte nach Marokko waren mit einem Variationskoeffizienten von 1,33 extrem volatil. Marokkos wachsende Automobilindustrie (Renault Tanger, PSA Kenitra) dürfte die Nachfrage nach Verbundglas als Zulieferprodukt befeuern.
3. Regionale Spezialisierung, Konzentration und Preisentwicklung innerhalb der EU
3.1 Deutschland verliert, neue Exportakteure gewinnen an Bedeutung
Die Analyse der EU-Binnenakteure zeigt eine deutliche Umverteilung der Exportaktivitäten:
| Land | Exportwert 2015 | Exportwert 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 201,9 Mio. € | 106,4 Mio. € | −47,3 % |
| Polen | 101,7 Mio. € | 48,2 Mio. € | −52,6 % |
| Italien | 58,3 Mio. € | 36,3 Mio. € | −37,7 % |
| Frankreich | 52,1 Mio. € | 51,2 Mio. € | −1,7 % |
| Belgien | 41,1 Mio. € | 65,3 Mio. € | +58,7 % |
| Tschechien | 25,2 Mio. € | 42,9 Mio. € | +70,4 % |
| Bulgarien | 0,15 Mio. € | 43,0 Mio. € | +28.644 % |
Deutschland, traditionell der dominierende EU-Exporteur, verlor fast die Hälfte seines Außenhandelswerts. Die Gründe dürften in der Automobilkrise (Rückgang der deutschen Fahrzeugproduktion), Energiekosten und der Verlagerung von Produktionskapazitäten liegen.
Demgegenüber stiegen Belgien, Tschechien und insbesondere Bulgarien zu wichtigen Exporteuren auf. Bulgariens Anstieg ist spektakulär: von 0,15 Mio. € auf 43,0 Mio. € — was auf massive Investitionen in Glasherstellungskapazitäten (u. a. durch Guardian Industries) hindeutet.
3.2 Spezialisierungsmuster: Osteuropa als neues Zentrum
Die Spezialisierungsanalyse (Revealed Symmetric Comparative Advantage, RSCA) für 2025 zeigt:
| Land | RSCA | RCA | Produktionsanteil |
|---|---|---|---|
| Luxemburg | 0,81 | 9,33 | 3,0 % |
| Estland | 0,75 | 6,85 | 2,3 % |
| Polen | 0,55 | 3,45 | 22,9 % |
| Tschechien | 0,49 | 2,90 | 13,9 % |
| Finnland | 0,45 | 2,62 | 2,6 % |
Polen und Tschechien sind die absoluten Schwergewichte mit einem kombinierten Produktionsanteil von fast 37 % und hohen Spezialisierungswerten. Kleine Länder wie Luxemburg und Estland zeigen hohe relative Spezialisierung bei kleinen absoluten Volumina. Demgegenüber sind große Volkswirtschaften wie Österreich (RSCA −0,90), Irland (RSCA −0,99) und Griechenland (RSCA −0,99) Nettoimportoren mit praktisch keiner eigenen Spezialisierung.
3.3 Exportkonzentration sinkt — Importkonzentration steigt drastisch
Die Konzentrationsentwicklung verläuft auf Import- und Exportseite in entgegengesetzte Richtungen:
| HHI-Metrik | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Exporte (Wert) | 2.718 | 1.817 | −33,1 % |
| HHI Exporte (Menge) | 3.982 | 2.213 | −44,4 % |
| HHI Importe (Wert) | 1.492 | 4.153 | +178,4 % |
| HHI Importe (Menge) | 2.151 | 6.174 | +187,0 % |
Die EU-Exporte haben sich auf mehr Märkte verteilt — die Abhängigkeit vom Vereinigten Königreich wurde reduziert und neue Märkte (Türkei, Norwegen) erschlossen. Gleichzeitig konzentrieren sich die Importe in einem beispiellosen Maß auf wenige Lieferanten — vor allem China. Dies birgt das Risiko einer strategischen Abhängigkeit bei gleichzeitig sinkender Diversifizierung der Bezugsquellen.
3.4 Preisentwicklung: Steigende Exportpreise bei relativ stabilen Importpreisen
Ein besonderes Merkmal des Marktes ist die asymmetrische Preisentwicklung:
| Segment | Importpreis 2015 | Importpreis 2025 | Δ | Exportpreis 2015 | Exportpreis 2025 | Δ |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 70072120 (KFZ) | 3.559 €/t | 3.810 €/t | +7,1 % | 5.605 €/t | 8.104 €/t | +44,6 % |
| 70072180 (Luft-/Wasserfz.) | 8.211 €/t | 11.256 €/t | +37,1 % | 14.596 €/t | 23.950 €/t | +64,1 % |
Die Exportpreise sind systematisch höher als die Importpreise — ein Hinweis darauf, dass die EU vor allem hochwertiges Verbundglas exportiert (z. B. für Premium-OEMs, mit ADAS-Kompatibilität, Heizschichten, Heads-Up-Display-Integration), während günstigeres Standardglas importiert wird. Der Preisaufschlag der Exporte über Importe beträgt beim KFZ-Glas rund 113 % (8.104 € vs. 3.810 €), beim Nischenglas sogar 113 % (23.950 € vs. 11.256 €).
3.5 Die EU wird offener, aber exportorientierter
Die Handelsindikatoren für Autonomie und Verwundbarkeit zeigen eine zunehmende Integration in den Welthandel:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Handelsintensität | 32,4 % | 41,5 % | +28,0 % |
| Exportquote | 21,6 % | 26,9 % | +24,5 % |
| Netto-Importabhängigkeit | −6,0 % | −2,1 % | +65,1 % |
Die Handelsintensität stieg um 28 % — die EU ist also stärker in den globalen Handel mit Verbundglas eingebunden als zu Beginn des Zeitraums. Die Exportquote (Produktionsexportanteil) stieg ebenfalls, was darauf hindeutet, dass die EU-Produktion weiterhin stark exportorientiert bleibt — allerdings auf einem schrumpfenden Volumen. Der Salienz-Score der Exportquote (47,6) übertrifft den der Handelsintensität (36,5), was die anhaltende Bedeutung der Exporte für den EU-Glasmarkt unterstreicht.
Fazit
Der EU-Markt für Verbundsicherheitsglas (CN 700721) durchlebte zwischen 2015 und 2025 eine tiefgreifende Transformation:
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Handelsbilanz unter Druck: Die EU wandelte sich von einem starken Nettoexporteur (Überschuss +223 Mio. €) zu einem nahezu ausgeglichenen Handelspartner (Überschuss +25 Mio. €). Die Exportmengen sanken um 41 %, während die Importmengen um 35 % stiegen.
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Geopolitische Umgestaltung: Der Brexit, die Russland-Sanktionen und der Aufstieg Chinas als dominierender Lieferanten veränderten die Handelsströme grundlegend. China importiert nun Verbundglas im Wert von 278 Mio. € in die EU — ein Anstieg von 273 %. Die Importkonzentration (HHI) hat sich fast verdreifacht.
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Strukturelle Verschiebung innerhalb der EU: Deutschland verlor seine Vorreiterrolle als Exporteur (−47 %), während osteuropäische Staaten (Polen, Tschechien, Bulgarien) an Bedeutung gewannen. Gleichzeitig spezialisiert sich die EU-Produktion auf hochwertigere Segmente mit steigenden Exportpreisen (+47 %), während der Standardbedarf zunehmend durch Importe gedeckt wird.
Die strategische Herausforderung liegt in der wachsenden Abhängigkeit von wenigen Importquellen, insbesondere aus China, bei gleichzeitig schrumpfender Exportbasis. Für die europäische Autoglasindustrie stellt sich damit die Frage, wie die Balance zwischen Kosteneffizienz durch Importe und strategischer Autonomie in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft gehalten werden kann.