Marktentwicklung: Wolle und Tierhaargarne (CN 51) — 2015–2025
Introduction
Der vorliegende Bericht analysiert die Entwicklung des EU-Außenhandels mit dem Produkt CN 51 („Wolle, feine und grobe Tierhaare; Garne und Gewebe aus Rosshaar“) im Zeitraum 2015 bis 2025. Betrachtet werden Ein- und Ausfuhren der Europäischen Union mit Nicht-EU-Staaten auf Basis von Eurostat-Daten. Das Produktbündel umfasst rohe und bearbeitete Wolle, Tierhaare, Kamm- und Streichgarne sowie Gewebe. Alle Zahlen stammen aus dem EU Trade Dashboard. Der Bericht identifiziert die zentralen Mengen-, Wert- und Preisbewegungen, die Verschiebungen unter den Handelspartnern und die strukturelle Entwicklung der EU-internen Spezialisierung und Produktion.
Struktureller Mengenrückgang und überdurchschnittlicher Preisanstieg
Die gehandelten Mengen schrumpfen sowohl bei den Ein- als auch bei den Ausfuhren drastisch
Im Beobachtungszeitraum fiel die Exportmenge von 138,5 Tsd. t (2015) auf 92,0 Tsd. t (2025) und damit um ‑33,6 %. Die Importmenge sank von 162,7 Tsd. t auf 116,5 Tsd. t (–28,4 %). Der volumenmäßige Rückgang beschleunigte sich insbesondere ab 2020 und setzte sich bis zum aktuellen Rand fort. Im Produktvergleich zeigt sich, dass die Einfuhren von Rohwolle (5101) und gekämmter Wolle (5105) die größten absoluten Mengeneinbußen verzeichneten.
Die Einheitswerte steigen kontinuierlich und dämpfen den wertmäßigen Rückgang
Während die Quantitäten stark fielen, legten die Durchschnittspreise (Einheitswerte) auf beiden Handelsseiten zu: Exportpreise um 30,0 % (von 11,6 €/kg auf 15,1 €/kg), Importpreise um 29,5 % (von 9,1 €/kg auf 11,8 €/kg). Diese Preissteigerung bewirkte, dass die Export- und Importwerte weniger stark zurückgingen als die Mengen. Der Exportwert sank von 1,61 Mrd. € auf 1,39 Mrd. € (–13,7 %), der Importwert von 1,49 Mrd. € auf 1,38 Mrd. € (–7,3 %).
Der Handelsbilanzüberschuss schmilzt im Beobachtungszeitraum deutlich ab
Die EU erzielt in CN 51 traditionell einen Ausfuhrüberschuss. 2015 betrug der Handelsbilanzsaldo noch 123,9 Mio. €. Bis 2025 ist dieser auf 11,9 Mio. € (–90,4 %) kollabiert, nachdem er 2020 mit ‑357,9 Mio. € sogar vorübergehend in ein Defizit umschlug. Die Nettoimportabhängigkeit blieb mit Werten um ‑21 % klar negativ – die Union ist unverändert Nettoexporteur, aber mit stark abnehmender Tendenz.
Verschiebungen in der Handelspartnerstruktur – aufstrebende und rückläufige Märkte
China bleibt größter Lieferant und Abnehmer, während Lieferungen aus dem Vereinigten Königreich, Neuseeland und Hongkong stark einbrechen
Die Einfuhren aus China stiegen von 446,8 Mio. € (2015) auf 454,9 Mio. € (2025) und damit nur leicht um 1,8 %. China dominiert das Importgefüge, gefolgt von Australien (162,3 Mio. € auf 108,8 Mio. €, –33,0 %) und dem Vereinigten Königreich (233,3 Mio. € auf 171,4 Mio. €, –26,5 %). Besonders stark fielen die Importe aus Neuseeland (–41,1 %) und aus Australien, wie die Partner-Tabelle zeigt. Bei den Exporten verlor Hongkong mit –57,7 % (von 177,3 Mio. € auf 75,0 Mio. €) deutlich an Bedeutung, ebenso das Vereinigte Königreich (–44,3 %) und die USA (–33,9 %).
Importseitig gewinnen Südafrika, Schweden und Dänemark an Bedeutung
Positiv entwickelten sich unter den Lieferländern Südafrika (+38,0 %), Argentinien (+12,8 %) und Uruguay (+13,2 %). Auf Ebene der EU-Mitgliedstaaten fallen die Importzuwächse Schwedens (+198,8 %), Dänemarks (+15,5 %) und Litauens (+15,4 %) ins Auge. Die Importeure-Rangfolge unterstreicht die anhaltende Dominanz Italiens, das trotz eines leichten Rückgangs (–2,9 %) weiterhin rund 770 Mio. € importiert.
Exportseitig entwickeln sich Marokko, Indien und Rumänien dynamisch
Bei den Ausfuhren verzeichneten Marokko (+94,2 %) und Indien (+70,6 %) die stärksten Zuwächse. Marokko löste die USA als fünftwichtigsten Exportmarkt ab. Unter den EU-Exporteuren ragte Rumänien mit +48,4 % heraus, während die traditionellen Spitzenreiter Italien (–14,6 %) und Deutschland (–24,2 %) an Boden verloren. Belgien brach sogar um –62,1 % ein. Die Volatilitätsanalyse zeigt besonders hohe Schwankungen der Exportmengen nach Hongkong (CV 0,42) und China (CV 0,38), was auf handelspolitische oder konjunkturelle Unwägbarkeiten hindeutet.
Europäische Produktion schrumpft, während Spezialisierung und Konzentration divergieren
Die heimische Erzeugung von Rohwolle und Tierhaaren erlebt einen tiefgreifenden Kapazitätsabbau
Die EU-Produktion (Daten bis 2024) ist im langfristigen Vergleich dramatisch gesunken: Die Produktionsmenge fiel von 685,7 Mio. kg (2003) auf 252,5 Mio. kg (–63,2 %), der Produktionswert von 4,79 Mrd. € auf 2,85 Mrd. € (–40,5 %). Diese strukturelle Verkleinerung der Rohstoffbasis korrespondiert mit den rückläufigen Ausfuhrvolumina roher und gekrempelter Wolle. Die Handelsintensität nahm zu (von 44,6 % auf 61,1 %), was auf eine steigende Einbindung in globale Lieferketten trotz sinkender heimischer Erzeugung hindeutet.
Italien, Bulgarien und Litauen weisen die stärkste Export-Spezialisierung auf
Im Jahr 2025 verzeichneten Bulgarien (RSCA 0,78), Litauen (0,70), Italien (0,67), Rumänien (0,50) und Tschechien (0,42) die höchsten Spezialisierungsindizes für CN 51. Diese Staaten konzentrieren sich überproportional auf die Herstellung und Ausfuhr von Woll- und Tierhaarerzeugnissen. Demgegenüber spielen Länder wie Luxemburg, Zypern und die Niederlande in diesem Segment kaum eine Rolle. Italien allein vereint einen Produktanteil von 40,6 % an der gesamten EU-Ausfuhr.
Die Einfuhrkonzentration nimmt leicht zu, während die Ausfuhr sich breiter streut
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Importwerte stieg von 1412 (2015) auf 1493 (2025, +5,7 %), was eine leichte Erhöhung der Lieferanten-Konzentration signalisiert. Spiegelbildlich sank der HHI der Exportwerte von 805 auf 679 (–15,6 %). Die EU exportiert das Produktbündel mithin zunehmend auf eine breitere Partnerbasis, während die Importe sich etwas stärker auf wenige große Lieferanten wie China und Australien fokussieren. Preisschocks, wie sie 2022 bei Importen aus Argentinien (+26,5 %) und Australien (+32,0 %) oder bei Exporten nach Indien (+109,2 %) und in die Türkei (+83,5 %) auftraten, blieben überwiegend temporäre Phänomene, die sich ab 2023 normalisierten.
Conclusion
Der EU-Außenhandel mit Wolle und Tierhaargarnen durchläuft eine Phase tiefgreifender struktureller Anpassung. Sowohl Ein- als auch Ausfuhrmengen sind im letzten Jahrzehnt um rund ein Drittel gesunken, während steigende Einheitswerte die wertmäßigen Rückgänge abfederten. Die klassischen Überschüsse der EU schmolzen auf ein nur noch knapp positives Niveau zusammen. Geografisch verlieren traditionelle Partner wie das Vereinigte Königreich und Hongkong stark an Bedeutung, während Marokko, Indien und innerhalb der Union Rumänien und Schweden als dynamische Akteure aufsteigen. Italien bleibt der zentrale Motor des Sektors: spezialisiert, aber rückläufig. Die heimische Rohstoffproduktion hat sich mehr als halbiert, was die Abhängigkeit von Importen erhöht, auch wenn die Union noch Nettoexporteur ist. Für die Zukunft zeichnet sich ein von Hochpreisnischen, selektiven Partnerbeziehungen und schrumpfender Materialbasis geprägtes Handelsbild ab.