Marktentwicklung: Rohbaumwolle (CN 52) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Bereich Baumwolle (Kapitel CN 52) im Zeitraum 2015 bis 2025. CN 52 umfasst ein breites Produktspektrum — von roher, weder kardierter noch gekämter Baumwolle (5201) über Baumwollabfälle (5202), kardierte oder gekämte Baumwolle (5203), Baumwollgarne (5204–5207) bis hin zu Baumwollgeweben verschiedener Zusammensetzung und Flächengewichte (5208–5212). Die EU ist traditionell sowohl ein bedeutender Importeur als auch ein relevanter Exporteur von Baumwollprodukten, wobei sich über den Betrachtungszeitraum hinweg erhebliche strukturelle Veränderungen in Handelsvolumen, Partnerländern und Produktsegmenten abzeichnen. (Übersicht auf dem Trade Dashboard)
1. Schrumpfende Handelsvolumina bei steigenden Einheitspreisen — ein Jahrzehnt der Kontraktion
Die EU-Importe verloren über ein Viertel ihres Werts
Über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg sind die EU-Importe von Baumwollprodukten spürbar gesunken. Der Importwert fiel von 3,11 Mrd. EUR im Jahr 2015 auf 2,31 Mrd. EUR im Jahr 2025, was einem Rückgang von 25,7 % entspricht. Noch deutlicher ist der Rückgang bei den Mengen: Die importierte Menge sank von 822.891 t auf 574.420 t — ein Minus von 30,2 %. Damit erreichten sowohl Importwert als auch -menge im Jahr 2025 ihren niedrigsten Stand innerhalb des gesamten Betrachtungszeitraums.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mrd. EUR) | 3,11 | 2,31 | −25,7 % |
| Importmenge (t) | 822.891 | 574.420 | −30,2 % |
| Importpreis (EUR/t) | 3.779 | 4.020 | +6,4 % |
Auch die Exporte gingen zurück — aber schwächer
Die EU-Exporte von Baumwollwaren sanken im selben Zeitraum von 2,28 Mrd. EUR auf 2,06 Mrd. EUR (−9,6 %). Die exportierte Menge fiel von 405.098 t auf 348.474 t (−14,0 %). Der Rückgang ist damit sowohl in absoluten als auch in relativen Werten geringer als auf der Importseite. Die Exportpreise stiegen leicht von 5.618 EUR/t auf 5.906 EUR/t (+5,1 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. EUR) | 2,28 | 2,06 | −9,6 % |
| Exportmenge (t) | 405.098 | 348.474 | −14,0 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 5.618 | 5.906 | +5,1 % |
Der Handelsbilanzdefizit schrumpfte um 70 %
Da die Importe stärker fielen als die Exporte, verbesserte sich die Handelsbilanz der EU im Baumwollbereich erheblich: Das Defizit sank von 834 Mio. EUR im Jahr 2015 auf nur noch 251 Mio. EUR im Jahr 2025 — eine Verbesserung um 69,9 %. Gleichzeitig verschob sich die Netto-Importabhängigkeit von −2,1 % (leichter Nettoexporteur) auf +1,6 % (leichter Nettoimporteur). Die EU ist somit vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur geworden — wenngleich mit sehr geringer Abhängigkeit.
Die Preisentwicklung zeigt gegenläufige Trends zu den Mengen
Während die Volumina sowohl bei Importen als auch bei Exporten sanken, stiegen die durchschnittlichen Einheitspreise. Die Importpreise erhöhten sich um 6,4 %, die Exportpreise um 5,1 %. Bemerkenswert sind die Preispeaks im Jahr 2022, als globale Lieferkettenstörungen und der Ukrainekrieg zu einem starken Anstieg der Baumwollpreise führten — die Importpreise erreichten mit 5.356 EUR/t ihren Höchstwert, die Exportpreise mit 6.868 EUR/t.
2. Zunehmende Konzentration der Lieferantenstrukturen und divergierende Entwicklungen bei den Handelspartnern
Die Importkonzentration nahm deutlich zu
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 1.459 (2015) auf 1.957 (2025) — ein Anstieg von 34,1 %. Bei der Messung nach Volumen war der Anstieg noch steiler: von 1.622 auf 2.387 (+47,1 %). Damit bewegt sich die Importkonzentration am oberen Ende des moderaten Bereichs. Dies bedeutet, dass sich die EU-Importe zunehmend auf weniger Herkunftsländer konzentrieren.
Die Exportkonzentration blieb hingegen nahezu unverändert (HHI nach Wert: 572 → 581, +1,5 %) und liegt auf einem deutlich niedrigeren Niveau, was auf eine diversifizierte Exportstruktur hindeutet.
| Kennzahl (HHI) | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (nach Wert) | 1.459 | 1.957 | +34,1 % |
| Importe (nach Volumen) | 1.622 | 2.387 | +47,1 % |
| Exporte (nach Wert) | 572 | 581 | +1,5 % |
| Exporte (nach Volumen) | 1.338 | 1.515 | +13,3 % |
Türkei, Pakistan und Indien bleiben die dominanten Lieferanten — aber mit sinkenden Anteilen
Die drei wichtigsten Importpartner der EU im Baumwollbereich waren durchgehend die Türkei, Pakistan und Indien. Gemeinsam machten sie 2015 rund 57 % der EU-Importe nach Wert aus. Bis 2025 sanken ihre Werte jedoch durchgehend:
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 820 | 764 | −6,8 % |
| Pakistan | 552 | 464 | −15,9 % |
| Indien | 413 | 343 | −17,1 % |
| China | 427 | 327 | −23,4 % |
| Ägypten | 151 | 104 | −31,6 % |
| Usbekistan | 36 | 53 | +46,8 % |
| Brasilien | 17 | 20 | +16,9 % |
Besonders auffällig ist der Rückgang bei China (−23,4 %) und Ägypten (−31,6 %). Demgegenüber konnten Usbekistan (+46,8 %) und Brasilien (+16,9 %) ihre Lieferungen an die EU ausbauen, wenngleich sie insgesamt weiterhin eine untergeordnete Rolle spielen. Die Türkei zeigt sich als stabilster Partner mit dem niedrigsten Variationskoeffizienten (CV = 0,09) aller Importpartner.
Die Volatilität der Importströme variiert stark
Der Variationskoeffizient (CV) der Importwerte zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den Handelspartnern. Während die Türkei (CV 0,09) und Pakistan (CV 0,13) relativ stabile Lieferanten darstellen, weisen Thailand (CV 0,66), das Vereinigte Königreich (CV 0,61), Kasachstan (CV 0,58) und Indonesien (CV 0,50) eine deutlich höhere Volatilität auf. Bei den Exporten ist China mit einem CV von 1,02 der volatilste Partner, was die fragilen Handelsbeziehungen im Baumwollsektor widerspiegelt.
Preis-Schocks betrafen vor allem Exportströme
Die Analyse von Preisschocks identifizierte drei signifikante Ereignisse:
| Schock-Event | Typ | Jahr | Preisänderung | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|
| Schweiz (Exporte) | Preis | 2018 | +46,2 % | 34,8 |
| Tunesien (Exporte) | Preis | 2022 | +32,1 % | 6,3 |
| China (Exporte) | Preis | 2021 | +185,9 % | 6,1 |
Der dramatischste Schock betraf die Exportpreise nach China im Jahr 2021 mit einem Sprung von 185,9 %, was auf die sich erholende Nachfrage nach der COVID-19-Pandemie und globale Preissteigerungen zurückzuführen ist. Der Schweizer Schock von 2018 mit der höchsten Abnormalität (34,8) blieb mengenmäßig begrenzt (Wertanteil 6,5 %).
Die EU-Exporte verschieben sich in Richtung Nordafrika und Südasien
Auf der Exportseite zeigt sich ein differenziertes Bild. Traditionelle Märkte wie die Türkei (−28,9 %) und Indonesien (−36,2 %) verloren an Bedeutung, während Nordafrika und Südasien an Gewicht gewannen:
| Bestimmungsland | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Marokko | 231 | 246 | +6,7 % |
| Tunesien | 230 | 214 | −7,2 % |
| Ägypten | 64 | 127 | +98,4 % |
| Pakistan | 10 | 32 | +231,4 % |
| Bangladesch | 18 | 28 | +56,2 % |
Marokko und Tunesien, als klassische Nearshoring-Partner der europäischen Textilindustrie, blieben die wichtigsten Exportziele mit stabiler Entwicklung. Der starke Anstieg nach Pakistan (+231,4 %) und Ägypten (+98,4 %) deutet auf wachsende Verflechtungen mit aufstrebenden Textilmärkten hin.
3. Struktureller Niedergang der EU-Baumwollproduktion und Verschiebung der Binnenhandelsmuster
Die EU-Produktion von Baumwolltextilien brach massiv ein
Die inländische Produktion von Baumwolltextilien in der EU verzeichnete einen dramatischen Rückgang. Die Produktionsmenge sank von 1,83 Mrd. m² auf 1,14 Mrd. m² (−38,0 %). Noch gravierender fiel der Rückgang beim Produktionswert aus: von 7,84 Mrd. EUR auf 2,77 Mrd. EUR (−64,6 %). Die Wertschöpfung pro Flächeneinheit fiel somit von 4,27 EUR/m² auf 2,44 EUR/m², was auf eine Verlagerung hin zu geringerwertigen Produkten oder einen starken Preisdruck hindeutet.
| Produktionskennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Menge (Mrd. m²) | 1,83 | 1,14 | −38,0 % |
| Wert (Mrd. EUR) | 7,84 | 2,77 | −64,6 % |
Italien, Portugal und Spanien dominieren den EU-internen Spezialisierungsindex
Die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 zeigt, dass bestimmte südeuropäische Mitgliedstaaten eine herausragende komparative Spezialisierung im Baumwollbereich aufweisen:
| Land | RSCA | RCA | Anteil am EU-Export | Anteil am EU-Gesamtexport |
|---|---|---|---|---|
| Portugal | 0,63 | 4,39 | 6,1 % | 1,4 % |
| Italien | 0,52 | 3,14 | 25,1 % | 8,0 % |
| Dänemark | 0,32 | 1,95 | 3,4 % | 1,7 % |
| Spanien | 0,30 | 1,84 | 10,7 % | 5,8 % |
| Rumänien | 0,25 | 1,66 | 2,8 % | 1,7 % |
Portugal und Italien sind mit Abstand die am stärksten spezialisierten EU-Staaten. Italien allein erwirtschaftet rund ein Viertel aller EU-Exporte im Baumwollbereich. Am anderen Ende stehen Luxemburg (RSCA −1,00), Irland (−0,98) und die Slowakei (−0,94), die praktisch keine Baumwollproduktion oder -exporte aufweisen.
Innerhalb der EU haben sich die Import- und Exportmuster stark verschoben
Die Binnenverteilung der EU-Importe zeigt teilweise dramatische Verschiebungen zwischen den Mitgliedstaaten:
| Mitgliedstaat | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 886 | 651 | −26,5 % |
| Portugal | 318 | 397 | +25,0 % |
| Deutschland | 487 | 257 | −47,2 % |
| Spanien | 274 | 265 | −3,3 % |
| Belgien | 221 | 75 | −65,9 % |
| Polen | 145 | 109 | −24,8 % |
| Niederlande | 150 | 115 | −23,5 % |
Italien blieb mit Abstand der größte Importeur, verlor aber über ein Viertel seines Importvolumens. Besonders drastisch waren die Rückgänge in Belgien (−65,9 %) und Deutschland (−47,2 %), was auf die fortschreitende Deindustrialisierung der Textilproduktion in diesen Ländern hindeutet. Portugal als einziges Land mit einem signifikanten Importwachstum (+25,0 %) unterstreicht die Konzentration der verbliebenen europäischen Baumwollverarbeitung auf die iberische Halbinsel und Italien.
Auf der Exportseite stach Österreich mit einem Wachstum von 106,1 % (von 160 Mio. EUR auf 330 Mio. EUR) besonders hervor, während Deutschland (−47,2 %) und Italien (−19,0 %) an Boden verloren.
(EU-Mitgliedstaaten – Exporte)
Garn- und Gewebesegmente zeigen unterschiedliche Dynamiken
Die Produktsegmentanalyse offenbart, dass Baumwollgarne mit ≥85 % Baumwollanteil (5205) das größte Importsegment nach Volumen bilden (203.142 t), gefolgt von Baumwollgeweben ≤200 g/m² (5208: 97.926 t). Beide Segmente verloren im Zeitraum deutlich an Volumen — 5205 sank von 274.655 t (2015) auf 203.142 t (−26,1 %), 5208 von 137.047 t auf 97.926 t (−28,5 %). Der Rückgang bei roher Baumwolle (5201) war mit 148.451 t auf 67.389 t (−54,6 %) am stärksten.
Auf der Exportseite dominiert rohe Baumwolle (5201) mit 241.869 t (2025), was zwei Drittel der gesamten Exportmenge ausmacht. Dies unterstreicht die Rolle der EU als Umschlag- und Veredelungsplatz für Rohbaumwolle, insbesondere über die Häfen in Rotterdam und Antwerpen. Die Exportmengen von 5201 schwankten dabei erheblich — von 248.110 t (2015) über einen Höchstwert von 434.997 t (2021) bis hin zu 241.869 t (2025).
Fazit
Der EU-Baumwollhandel (CN 52) befand sich im Zeitraum 2015–2025 in einem strukturellen Wandel. Die Handelsvolumina — sowohl bei Importen als auch bei Exporten — sind deutlich geschrumpft, parallel zu einem massiven Rückgang der inländischen Produktion (−64,6 % nach Wert). Die EU hat sich von einem leichten Nettoexporteur zu einem leichten Nettoimporteur entwickelt, wobei sich die Importquellen konzentrieren (HHI +34 %).
Die südeuropäischen Länder — allen voran Italien, Portugal und Spanien — sind die tragenden Säulen der verbliebenen EU-Baumwollverarbeitung und -ausfuhr, während Deutschland und Belgien stark an Bedeutung verloren haben. Die Handelspartner außerhalb der EU zeigen ein gemischtes Bild: Traditionelle Lieferanten wie die Türkei, Pakistan und Indien verlieren mengenmäßig an Boden, während Zentralasien (Usbekistan) und Südamerika (Brasilien) als neue Quellen aufsteigen. Die Exportströme verschieben sich zunehmend in Richtung Nordafrika (Marokko, Tunesien, Ägypten), was die Nearshoring-Tendenzen der europäischen Textilwertschöpfungskette widerspiegelt.
Die gestiegene Konzentration der Importquellen birgt mittelfristig ein gewisses Abhängigkeitsrisiko, auch wenn die Netto-Importabhängigkeit der EU mit 1,6 % weiterhin gering ist. Die anhaltende Erosion der europäischen Baumwollproduktion stellt die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der EU im globalen Textilsektor in Frage.