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Marktentwicklung: Seide (CN 50) — 2015–2025

Einleitung

Der Handel der Europäischen Union mit Seide und Seidenwaren (Zolltarifkapitel 50) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verändert. Die verfügbaren Jahresdaten zeichnen ein Bild schrumpfender Handelsmengen, deutlich gestiegener Stückpreise und einer wachsenden Nettoimportabhängigkeit. Zugleich verschieben sich die Gewichte sowohl auf der Partner- als auch auf der Mitgliedstaatenebene. Dieser Bericht beschreibt und interpretiert die zentralen Dynamiken auf Basis der Zahlen des Trade Dashboards.

Rückläufige Handelsmengen bei steigenden Preisen

Das Handelsvolumen schrumpft sowohl ausfuhr- als auch einfuhrseitig

Der gesamte EU-Außenhandel mit Seide verzeichnet im Zehnjahreszeitraum starke Mengenverluste. Die Exportmenge sank von 1 537 Tonnen (2015) auf 795 Tonnen (2025), ein Rückgang um 48,3 %. Die Importmenge fiel von 5 943 Tonnen auf 4 480 Tonnen (–24,6 %). Beide Ströme erreichten 2020/2021 ihre Tiefstände und blieben danach unter dem Niveau von 2015.

Kräftige Preiserhöhungen dämpfen den Wertverlust

Trotz des Mengeneinbruchs fielen die Warenwerte weniger dramatisch aus, weil die Durchschnittspreise spürbar anzogen. Der Ausfuhrstückpreis stieg von 132,63 EUR/kg auf 157,05 EUR/kg (+18,4 %), der Einfuhrpreis von 59,67 EUR/kg auf 67,41 EUR/kg (+13,0 %). Deshalb verringerten sich die Exporte wertmäßig „nur“ um 38,8 % (von 203,9 Mio. EUR auf 124,8 Mio. EUR) und die Importe um 14,9 % (von 354,8 Mio. EUR auf 302,0 Mio. EUR). Ein markanter Preisschock bei chinesischen Einfuhren im Jahr 2022 (Preisanstieg um 26,3 %) hat die Einfuhrpreise zusätzlich nach oben getrieben (Schocks und Volatilität).

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Ausfuhrwert (Mio. EUR) 203,9 124,8 –38,8 %
Ausfuhrmenge (t) 1 537 795 –48,3 %
Ausfuhrpreis (EUR/kg) 132,63 157,05 +18,4 %
Einfuhrwert (Mio. EUR) 354,8 302,0 –14,9 %
Einfuhrmenge (t) 5 943 4 480 –24,6 %
Einfuhrpreis (EUR/kg) 59,67 67,41 +13,0 %

Das Außenhandelsdefizit vergrößert sich und die Nettoimportabhängigkeit steigt

Der negative Handelsbilanzsaldo wuchs von –150,9 Mio. EUR (2015) auf –177,2 Mio. EUR (2025), eine Verschlechterung um 17,4 %. Noch deutlicher wird die strukturelle Verwundbarkeit an der Nettoimportabhängigkeit: Sie kletterte von 8,3 % (2015) auf 24,9 % (2024) – ein Anstieg um 198,9 %. Die EU deckt ihren Seidenbedarf heute also zu einem wesentlich höheren Anteil aus Drittstaaten.

Neue Gewichte im Partnermix: Chinas stabile Dominanz und Tunesiens Aufstieg

China dominiert die Einfuhr mit stabilen Marktanteilen

China bleibt mit großem Abstand der wichtigste Lieferant. Die Einfuhren aus China sanken zwar von 280,4 Mio. EUR auf 249,5 Mio. EUR (–11,1 %), ihr Anteil an den Gesamtimporten stieg jedoch leicht, was sich am HHI-Konzentrationsindex von 6 315 (2015) auf 6 874 (2025, +8,8 %) ablesen lässt (Konzentration und Spezialisierung). Mengenmäßig erwiesen sich die chinesischen Lieferungen zudem als relativ wenig volatil (Variationskoeffizient 0,16).

Partner Einfuhr 2015 (Mio. EUR) Einfuhr 2025 (Mio. EUR) Veränderung
China 280,4 249,5 –11,1 %
Indien 21,5 12,1 –43,7 %
Brasilien 11,3 8,5 –24,6 %
Vereinigtes Königreich 11,3 11,2 –0,5 %
Vietnam 8,3 3,8 –54,2 %
Tunesien 3,3 3,0 –10,4 %
Thailand 1,6 2,2 +34,2 %

Datenbasis: Handelspartner der EU

EU-Ausfuhren erleiden Einbrüche auf fast allen großen Märkten – Tunesien als positive Ausnahme

Das Bild der Exportmärkte ist von starken Rückgängen geprägt. Die Ausfuhren nach Madagaskar fielen von 44,5 Mio. EUR auf 14,7 Mio. EUR (–66,9 %), ins Vereinigte Königreich von 25,8 Mio. EUR auf 11,7 Mio. EUR (–54,7 %) und in die USA von 22,5 Mio. EUR auf 12,3 Mio. EUR (–45,3 %). Besonders drastisch waren die Verluste in der Russischen Föderation (–74,4 %) und in Marokko (–56,2 %). Einziger großer Gewinner ist Tunesien, dessen Abnahmen um 85,4 % auf 23,5 Mio. EUR zulegten und das damit zum wichtigsten Exportmarkt aufstieg. Dahinter stehen eine wachsende tunesische Textilindustrie und eine teilweise Verlagerung von Beschaffungsstrukturen.

Partner Ausfuhr 2015 (Mio. EUR) Ausfuhr 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Vereinigtes Königreich 25,8 11,7 –54,7 %
Tunesien 12,7 23,5 +85,4 %
Vereinigte Staaten 22,5 12,3 –45,3 %
Türkei 5,2 4,2 –18,4 %
Madagaskar 44,5 14,7 –66,9 %
Russische Föderation 9,0 2,3 –74,4 %
Marokko 14,2 6,2 –56,2 %

Datenbasis: Handelspartner der EU

Intra-EU-Verschiebungen und wachsende Verwundbarkeit

Italien bleibt wichtigster Akteur, aber sein Gewicht schwindet

Italien ist nach wie vor der größte Importeur und Exporteur von Seide unter den EU-Mitgliedstaaten. Die italienischen Einfuhren sanken von 212,6 Mio. EUR auf 170,1 Mio. EUR (–20,0 %), die Ausfuhren von 113,4 Mio. EUR auf 96,2 Mio. EUR (–15,2 %). Frankreich und Deutschland verzeichneten noch stärkere Einbußen; die deutschen Seideneinfuhren brachen um 63,0 % und die Ausfuhren um 77,4 % ein, die französischen Exporte sogar um 71,5 %. Die Konzentration auf eine Handvoll Länder bleibt hoch, verschiebt sich aber langsam.

Slowenien katapultiert sich als Importeur in die Spitzengruppe

Eine der auffälligsten Entwicklungen ist der Importboom Sloweniens. Wurden 2015 lediglich 0,09 Mio. EUR eingeführt, waren es 2025 bereits 28,3 Mio. EUR (+32 234 %). Damit rückte Slowenien auf Platz 3 der EU-Seidenimporteure vor – ein klares Zeichen für den Aufbau neuer Verarbeitungskapazitäten in der dortigen Textilbranche.

Mitgliedstaat Einfuhr 2015 (Mio. EUR) Einfuhr 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Italien 212,6 170,1 –20,0 %
Rumänien 46,5 47,0 +1,1 %
Slowenien 0,09 28,3 +32 234,3 %
Frankreich 33,5 25,0 –25,1 %
Deutschland 38,7 14,3 –63,0 %
Spanien 4,5 4,6 +2,9 %
Niederlande 3,7 2,2 –40,9 %

Datenbasis: Mitgliedstaaten

Hohe Spezialisierung in Rumänien, Slowenien und Italien bei schrumpfender EU-Produktion

Der Revealed Comparative Advantage (RCA) misst die Spezialisierung eines Landes. Im Jahr 2025 wiesen Rumänien (RCA 16,6), Slowenien (9,0) und Italien (6,3) extrem hohe Spezialisierungsgrade auf (Spezialisierungskarte). Diese Konzentration auf wenige Standorte steht im Kontrast zur schrumpfenden EU-weiten Produktion: Die Produktionsmenge sank von 42,7 Mio. kg (2015) auf 38,7 Mio. kg (2024), der Produktionswert von 527,9 Mio. EUR auf 466,0 Mio. EUR. Damit wird immer mehr Seide importiert, während die heimische Erzeugung schrumpft. Zusätzlich stieg der Handelsdurchdringungsgrad (Trade Intensity) von 46,5 % auf 54,3 %, was die zunehmende Außenorientierung untermauert.

Steigende Nettoimportabhängigkeit offenbart strukturelle Anfälligkeit

Die Nettoimportabhängigkeit erreichte 2024 mit 24,9 % einen neuen Höchststand, nachdem sie bereits 2022 auf 33,5 % geschnellt war (Nettoimportabhängigkeit). Kombiniert mit der starken Lieferantenkonzentration auf China steigt die Verwundbarkeit des Sektors gegenüber externen Schocks, wie der Preissprung 2022 bei chinesischen Rohseidenimporten zeigte. Die Exportquote (Export Propensity) verharrte dagegen nahezu unverändert bei etwa 26,9 % (2024 gegenüber 27,1 % 2015), was bedeutet, dass die eigene Produktion weiterhin primär für den Binnenmarkt bestimmt ist – nur dass dieser Markt zunehmend aus Importen gespeist wird.

Fazit

Der EU-Seidenhandel der Jahre 2015 bis 2025 ist durch eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Mengenschwund und Preisanstieg gekennzeichnet. Die ein- und ausgeführten Tonnagen sind regelrecht eingebrochen, während höhere Stückpreise den Wertverfall abfederten. China hat seine dominante Rolle als Lieferant gefestigt; andere bedeutende Bezugsquellen wie Indien und Vietnam lieferten deutlich weniger. Im Export brachen die meisten traditionellen Märkte – allen voran Madagaskar, das Vereinigte Königreich und Russland – weg; einzig Tunesien stieg zum Wachstumsmarkt auf. Innerhalb der EU behauptet sich Italien als größter Akteur, doch mit spürbaren Rückgängen. Slowenien hat sich in kürzester Zeit zu einem bedeutenden Importeur entwickelt, während Länder wie Deutschland und Frankreich massiv an Bedeutung verloren. Die gestiegene Nettoimportabhängigkeit und die hohe Angebotskonzentration machen den Sektor anfällig für geopolitische und preisliche Verwerfungen. Die EU-Produktion schrumpft in Menge und Wert, und die Spezialisierung auf nur drei Mitgliedstaaten verstärkt das Bild einer strukturellen Transformation – mit ungewissen Perspektiven für die europäische Seidenverarbeitung.