Marktentwicklung: Seidengewebe (CN 5007) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit Seidengeweben (Zolltarifnummer 5007) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Position 5007 umfasst Gewebe aus Seide, Schappeseide oder Bourretteseide und gliedert sich in drei Unterpositionen: 500710 (Bourretteseide), 500720 (mind. 85 % Seiden- oder Schappeseidenanteil) sowie 500790 (überwiegend, jedoch weniger als 85 % Seide oder Schappeseide). Die EU tritt dabei sowohl als Importeurin als auch als Exporteurin auf — mit Italien als dominierendem Mitgliedstaat auf beiden Seiten. Die Daten zeigen über den gesamten Zeitraum hinweg einen deutlichen Strukturwandel: sinkende Handelsvolumen bei gleichzeitig steigenden Preisen, eine Verschiebung der Handelspartner und eine Erhöhung der Importabhängigkeit.
1. Struktureller Rückgang von Volumen und Wert bei steigenden Stückpreisen
1.1 Importe und Exporte verloren jeweils rund die Hälfte ihres Volumens
Im gesamten Beobachtungszeitraum sind sowohl die Import- als auch die Exportmengen massiv geschrumpft. Die Importe fielen von 2.155 Tonnen (2015) auf 1.060 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 50,8 % entspricht. Bei den Exporten war der Einbruch noch deutlicher: von 1.154 Tonnen auf 528 Tonnen (−54,2 %). Der stärkste Einbruch erfolgte dabei 2020 — dem Jahr der COVID-19-Pandemie —, als die Importe auf 932 Tonnen und die Exporte auf 523 Tonnen sanken. Eine partielle Erholung 2022 (Importe: 1.324 t; Exporte: 753 t) konnte den langfristigen Abwärtstrend nicht umkehren.
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2022 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Importe (t) | 2.155 | 932 | 1.324 | 1.060 | −50,8 % |
| Exporte (t) | 1.154 | 523 | 753 | 528 | −54,2 % |
1.2 Steigende Preise pro Tonne dämpften den Wertverlust nur teilweise
Die Rückgänge bei den Handelswerten waren zwar beträchtlich, aber geringer als die Mengenverluste — ein Indiz für steigende Preise. Die Importpreise pro Tonne stiegen von 84.609 € auf 108.900 € (+28,7 %), die Exportpreise sogar von 160.128 € auf 204.671 € (+27,8 %). Der Gesamtwert der Importe sank dennoch von 182,4 Mio. € auf 115,5 Mio. € (−36,7 %), der der Exporte von 184,8 Mio. € auf 108,2 Mio. € (−41,5 %). Die Preiserhöhungen konnten also nur einen Teil des Volumenrückgangs kompensieren.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importpreis (€/t) | 84.609 | 108.900 | +28,7 % |
| Exportpreis (€/t) | 160.128 | 204.671 | +27,8 % |
| Importwert (Mio. €) | 182,4 | 115,5 | −36,7 % |
| Exportwert (Mio. €) | 184,8 | 108,2 | −41,5 % |
1.3 Die EU verlor ihre leichte Handelsbilanzüberschuss-Position
Während die EU im Jahr 2015 noch einen positiven Handelsbilanzsaldo von 2,4 Mio. € aufwies (Exporte leicht über Importe), kehrte sich dieses Verhältnis bis 2025 um: Mit einem Defizit von −7,3 Mio. € ist die EU zum Nettoimporteur geworden. Der tiefste Punkt wurde 2022 mit einem Defizit von −37,5 Mio. € erreicht, als sich die Importe stärker erholten als die Exporte. Die Netto-Importabhängigkeit stieg im selben Zeitraum von −4,8 % auf +1,1 %.
2. Konzentration auf wenige Partner und regionale Neuausrichtung der Handelsströme
2.1 China dominiert die Importe, doch der Anteil sinkt
China war und bleibt mit großem Abstand der wichtigste Lieferant von Seidengeweben an die EU. Im Jahr 2015 importierte die EU Seidengewebe im Wert von 142,4 Mio. € aus China — das entsprach rund 78 % aller Importe. Bis 2025 sank dieser Wert auf 88,2 Mio. € (−38,1 %), wobei der Anteil Chinas an den Gesamtimporten trotz des Rückgangs hoch blieb. Indien als zweitwichtigster Lieferant verlor noch stärker (von 16,9 Mio. € auf 8,3 Mio. €; −50,8 %). Auffällig ist, dass das Vereinigte Königreich als einziger bedeutender Partner seine Importe in die EU steigern konnte (von 9,7 Mio. € auf 11,0 Mio. €; +13,2 %) — möglicherweise als Nachwirkung des Brexits und veränderter Handelsbeziehungen. Vietnam entwickelte sich von einem marginalen Lieferanten (6.484 €) zu einem kleinen, aber wachsenden Akteur (22.931 €; +253,6 %).
| Lieferant | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 142,4 | 88,2 | −38,1 % |
| Indien | 16,9 | 8,3 | −50,8 % |
| Vereinigtes Königreich | 9,7 | 11,0 | +13,2 % |
| Südkorea | 4,1 | 1,2 | −69,8 % |
| Thailand | 1,5 | 0,4 | −75,6 % |
2.2 Die Exportziele verschoben sich: Tunesien gewinnt, klassische Märkte verlieren
Auf der Exportseite vollzog sich eine bemerkenswerte Neuausrichtung. Tunesien entwickelte sich vom fünftwichtigsten Exportziel (12,2 Mio. €) zum mit Abstand wichtigsten Abnehmer (21,2 Mio. €; +73,9 %). Dies deutet auf eine Vertiefung der Veredelungsbeziehungen hin — Seidengewebe werden offenbar zunehmend zur Weiterverarbeitung nach Tunesien exportiert. Demgegenüber brachen die Exporte in mehrere traditionelle Märkte ein: nach Russland um 79,2 % (von 8,9 Mio. € auf 1,8 Mio. € — hier dürften die Sanktionen nach 2022 eine Rolle spielen), nach den USA um 51,5 %, ins Vereinigte Königreich um 51,3 % und nach Marokko um 56,0 %. Der einst größte Exportmarkt, Madagaskar, verlor 66,9 % seines Werts (von 44,5 Mio. € auf 14,7 Mio. €).
| Exportziel | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Tunesien | 12,2 | 21,2 | +73,9 % |
| Vereinigtes Königreich | 16,2 | 7,9 | −51,3 % |
| Madagaskar | 44,5 | 14,7 | −66,9 % |
| USA | 21,0 | 10,2 | −51,5 % |
| Russland | 8,9 | 1,8 | −79,2 % |
| Marokko | 14,1 | 6,2 | −56,0 % |
2.3 Italien als dominanter EU-Mitgliedstaat, Frankreich und Deutschland verlieren stark
Innerhalb der EU ist Italien der zentrale Knotenpunkt im Seidengewebe-Handel. Italien importierte 2025 Seidengewebe im Wert von 81,6 Mio. € (−34,4 % gegenüber 2015) und exportierte für 82,4 Mio. € (−15,8 %). Damit hält Italien jeweils den Großteil des EU-weiten Handels. Bemerkenswert ist der Rückgang bei den anderen großen Volkswirtschaften: Frankreichs Exporte brachen um 72,5 % ein (von 65,4 Mio. € auf 18,0 Mio. €), Deutschlands um 82,8 % (von 13,8 Mio. € auf 2,4 Mio. €). Einzig Rumänien konnte seine Importe substanziell steigern (+182,9 %, von 1,5 Mio. € auf 4,2 Mio. €), was auf eine wachsende Rolle des Landes in der Bekleidungsfertigung hindeuten könnte.
| EU-Mitgliedstaat | Importe 2015 (Mio. €) | Importe 2025 (Mio. €) | Exporte 2015 (Mio. €) | Exporte 2025 (Mio. €) |
|---|---|---|---|---|
| Italien | 124,4 | 81,6 | 97,8 | 82,4 |
| Frankreich | 21,8 | 9,6 | 65,4 | 18,0 |
| Deutschland | 14,4 | 2,8 | 13,8 | 2,4 |
| Spanien | 3,7 | 3,5 | 2,2 | 2,8 |
| Rumänien | 1,5 | 4,2 | — | — |
2.4 Die Importkonzentration blieb hoch, während Exporte breiter gestreut sind
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe lag 2025 bei 6.004 (nach Wert) bzw. 7.034 (nach Volumen) — Werte, die auf eine hohe Konzentration hindeuten. Dies ist vor allem auf Chinas dominante Stellung zurückzuführen. Bei den Exporten war die Streuung deutlich höher (HHI nach Wert: 961), was die Vielfalt der Absatzmärkte widerspiegelt. Die Konzentrationsanalyse zeigt, dass sich die Importkonzentration zwischen 2015 und 2025 nur leicht verringerte (−3,4 %), während die Exportkonzentration ebenfalls moderat sank (−5,0 %).
3. Segmentverschiebung zugunsten hochwertiger Seidengewebe und volatile Handelsströme
3.1 Das Segment 500720 (≥ 85 % Seide) dominiert und zeigt steigende Preise
Das Kernsegment der Seidengewebe mit mindestens 85 % Seiden- oder Schappeseidenanteil (500720) dominiert sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite. Bei den Importen machte 500720 in 2025 einen Wert von 103,6 Mio. € aus (von 164,4 Mio. € in 2015), bei den Exporten 76,0 Mio. € (von 139,3 Mio. €). Die Preise pro Tonne stiegen in diesem Segment bei Importen von 85.342 € auf 110.437 € (+29,4 %) und bei Exporten von 176.761 € auf 213.556 € (+20,8 %). Dies deutet auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen, feineren Seidengeweben oder auf allgemeine Kostensteigerungen in der Seidenproduktion hin.
| Segment | Importe 2015 (Mio. €) | Importe 2025 (Mio. €) | Exporte 2015 (Mio. €) | Exporte 2025 (Mio. €) |
|---|---|---|---|---|
| 500720 (≥ 85 % Seide) | 164,4 | 103,6 | 139,3 | 76,0 |
| 500790 (< 85 % Seide) | 15,8 | 10,7 | 39,4 | 27,8 |
| 500710 (Bourretteseide) | 2,1 | 1,2 | 6,1 | 4,4 |
3.2 Das Segment 500790 zeigt ein dynamischeres Preisverhalten
Während 500720 mengenmäßig dominiert, zeigt das Segment 500790 (Gewebe mit weniger als 85 % Seidenanteil) ein auffälliges Preismuster: Die Exportpreise stiegen von 131.150 €/t (2015) auf 179.457 €/t (2025), was einer Steigerung von 36,8 % entspricht. Bei den Importen war die Preisentwicklung volatiler — mit einem Tiefpunkt von 40.405 €/t im Jahr 2022 (möglicherweise aufgrund veränderter Qualitätsmischungen oder Herkunftsländer), bevor der Preis 2025 auf 98.812 €/t anstieg. Die Mengenentwicklung bei den Exporten war mit einem Rückgang von 301 t auf 155 t (−48,4 %) ähnlich dramatisch wie beim Kernsegment.
3.3 Italiens Spezialisierung untermauert seine Führungsrolle
Die Spezialisierungsanalyse bestätigt Italiens herausragende Stellung: Mit einem RCA-Wert von 9,50 (2025) weist Italien die mit Abstand höchste komparative Spezialisierung in der EU auf. Der RSCA-Wert von 0,81 deutet auf eine starke und stabile Spezialisierung hin. Slowenien (RCA: 2,42), Rumänien (RCA: 2,39) und Griechenland (RCA: 1,73) folgen mit deutlichem Abstand. Die Konzentration der Produktion auf wenige Mitgliedstaaten spiegelt sich auch in den Produktionsdaten wider: Obwohl die produzierte Fläche von 16,8 Mio. m² (2015) auf 35,0 Mio. m² (2025) stieg (+108 %), sank der Produktionswert von 592,6 Mio. € auf 328,0 Mio. € (−44,6 %) — ein Hinweis darauf, dass die EU zunehmend volumenstärkere, aber wertmäßig geringere Seidengewebe produziert.
| EU-Mitgliedstaat | RCA (2025) | RSCA (2025) |
|---|---|---|
| Italien | 9,50 | 0,81 |
| Slowenien | 2,42 | 0,41 |
| Rumänien | 2,39 | 0,41 |
| Griechenland | 1,73 | 0,27 |
| Frankreich | 1,18 | 0,08 |
3.4 Preisvolatilität und Schocks zeigen strukturelle Risiken
Die Handelsströme mit mehreren Partnern weisen eine erhebliche Volatilität auf. Der Variationskoeffizient (CV) lag bei den Importen aus Vietnam bei 3,20 — dem höchsten Wert aller Partner —, was auf extrem schwankende Handelsströme hindeutet. Bei den Exporten war Algerien mit einem CV von 2,80 am volatilsten. Zudem wurden drei Preisschocks identifiziert: Ein starker Preisanstieg bei Exporten ins Vereinigte Königreich im Jahr 2021 (Anomaliefaktor 19,6, Preisverschiebung +78,4 %), ein Preisschock bei Exporten nach Belarus 2023 (+76,5 %) sowie ein Preisrückgang bei Exporten nach Hongkong 2023 (−40,6 %). Der UK-Schock 2021 dürfte mit dem Brexit und den neuen Handelsbarrieren zusammenhängen.
Schlussfolgerung
Der EU-Handel mit Seidengeweben (CN 5007) befand sich im Zeitraum 2015 bis 2025 in einem anhaltenden Strukturwandel. Drei zentrale Dynamiken bestimmen die Entwicklung:
-
Volumenrückgang bei steigenden Preisen: Sowohl Import- als auch Exportmengen halbierten sich nahezu, wobei steigende Preise pro Tonne den Wertverlust nur teilweise auffingen. Die EU wandelte sich dabei von einem leichten Nettoexporteur zu einem Nettoimporteur.
-
Geopolitische und geografische Verschiebungen: China blieb der dominante Lieferant, verlor aber an Anteil. Auf der Exportseite gewann Tunesien als Veredelungsstandort an Bedeutung, während klassische Märkte wie die USA, das Vereinigte Königreich und Russland — letzteres infolge von Sanktionen — stark an Relevanz verloren.
-
Italienische Dominanz und industrielle Neuausrichtung: Italien konsolidierte seine Stellung als zentraler Handelsknotenpunkt innerhalb der EU. Die steigende Produktionsfläche bei sinkendem Produktionswert deutet auf eine Verschiebung hin zu volumenstärkeren, aber wertmäßig geringeren Erzeugnissen oder auf veränderte Wettbewerbsbedingungen hin.
Die hohe Importkonzentration auf China (HHI ~6.000) stellt ein strategisches Risiko dar, insbesondere vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen. Gleichzeitig signalisieren die steigenden Preise und die Konzentration auf das Segment 500720 (≥ 85 % Seide), dass die Nachfrage nach hochwertigen Seidengeweben trotz des Mengenrückgangs bestehen bleibt. Für die EU-Textilindustrie ergibt sich daraus die Herausforderung, ihre Wettbewerbsfähigkeit in der Premiumsegment zu sichern, während die Abhängigkeit von wenigen Lieferanten reduziert werden muss.