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Marktentwicklung: Schappeseidengarne (CN 5005) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifcode 5005 erfasst Schappeseidengarne und Bourretteseidengarne (ausgenommen Aufmachungen für den Einzelverkauf) — ein Nischenprodukt innerhalb des europäischen Seidensektors (Kapitel 50). Der Beobachtungszeitraum 2015–2025 war für dieses Segment von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen geprägt: Die einheimische EU-Produktion ist drastisch eingebrochen, während sich die EU gleichzeitig zunehmend von Importen abhängig gemacht hat. Gleichzeitig haben sich die Handelsströme, Preisdynamiken und Lieferantenstrukturen erheblich verschoben. Der folgende Bericht analysiert diese Entwicklungen anhand der verfügbaren Handels- und Produktionsdaten der EU im Trade Dashboard.


1. Vom Produktionsstandort zum Importeur: Europas industrieller Rückzug

Der Zusammenbruch der EU-Produktion von Schappeseidengarnen

Die EU-eigene Produktion von Schappeseidengarnen hat im Zeitraum 2015–2025 einen dramatischen Einbruch erlebt:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Produktionsmenge 9.300 t 400 t −95,7 %
Produktionswert 22,3 Mio. € 4,0 Mio. € −82,1 %

Die Menge sank damit auf weniger als ein Zwanzigstel des Ausgangsniveaus. Der Rückgang des Produktionswerts fiel etwas geringer aus, was darauf hindeutet, dass die verbliebene Produktion tendenziell in höherwertigen Segmenten angesiedelt ist. Dennoch markiert diese Entwicklung einen nahezu vollständigen Rückzug der EU aus der industriellen Herstellung dieses Garns.

Steigende Importabhängigkeit als direkte Folge

Die Nettoimportabhängigkeit spiegelt diesen Strukturwandel unmittelbar wider:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Nettoimportabhängigkeit 30,5 % 88,4 % +190 % (relativ)
Handelsintensität 41,6 % 105,9 % +154 % (relativ)
Exportneigung 10,1 % 159,9 % +1.481 % (relativ)

Die Nettoimportabhängigkeit hat sich von unter einem Drittel auf fast neun Zehntel erhöht. Die EU bezieht nun den Großteil ihres Schappeseidengarnbedarfs aus Drittländern. Bemerkenswert ist der extreme Anstieg der Exportneigung (1.481 %), was sich aus dem Zusammenspiel einer geschrumpften, aber exportorientierteren Produktion und dem Rückgang der Produktionsbasis erklärt — ein klassischer Sondereffekt bei schrumpfender Bezugsgröße.

Italien als letztes EU-Produktionszentrum

Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass die EU-Produktion von Schappeseidengarnen heute weitgehend auf drei Länder konzentriert ist:

Land RSCA Anteil an EU-Produktion Anteil am globalen Handel
Slowenien 0,797 8,9 % 1,0 %
Italien 0,797 70,8 % 8,0 %
Rumänien 0,790 14,2 % 1,7 %

Italien dominiert mit rund 71 % der verbliebenen EU-Produktion und hält auch bei Exporten die führende Position. Gleichzeitig haben Deutschland (RCA < 1, negativer RSCA) und Frankreich (RSCA −0,997) ihre Bedeutung als Produzenten vollständig verloren.


2. Chinas wachsende Dominanz und die Umgestaltung der Lieferketten

China als unangefochtener Hauptlieferant

Die Importstruktur der EU wird von China dominiert — und diese Dominanz hat im Zeitraum noch zugenommen:

Lieferant Importwert 2015 Importwert 2025 Veränderung
China 21,2 Mio. € 34,5 Mio. € +62,6 %
Thailand 0,1 Mio. € 1,5 Mio. € +1.430 %
Schweiz 1,4 Mio. € 1,5 Mio. € +8,3 %
Japan 0,1 Mio. € 0,6 Mio. € +575 %
Indien 0,5 Mio. € 0,01 Mio. € −97,1 %
Vietnam 0,3 Mio. € 0,01 Mio. € −97,4 %

China steuerte 2025 rund 90 % der EU-Importe bei. Thailand hat sich als zweiter bedeutender Lieferant etabliert und Japan hat ebenfalls stark zugelegt. Dagegen sind Indien und Vietnam als Lieferanten nahezu vom Markt verschwunden. Dies deutet auf eine zunehmende Konzentration der Lieferantenbasis hin.

Gleichgewichtsverschiebung bei den Exportzielen

Auch bei den Exporten haben sich die Handelspartner verändert:

Bestimmungsland Exportwert 2015 Exportwert 2025 Veränderung
Türkei 0,8 Mio. € 2,0 Mio. € +156 %
China 0,3 Mio. € 1,1 Mio. € +225 %
Vereinigtes Königreich 1,2 Mio. € 0,3 Mio. € −71,2 %
USA 0,5 Mio. € 0,4 Mio. € −17,8 %
Hongkong 0,6 Mio. € 0,3 Mio. € −53,7 %
Südafrika 0,1 Mio. € 0,4 Mio. € +186 %

Die Türkei ist zum wichtigsten Exportmarkt der EU aufgestiegen, gefolgt von China — das damit sowohl Hauptlieferant als auch bedeutender Abnehmer ist. Der Rückgang der Exporte in das Vereinigte Königreich (−71 %) fällt zeitlich mit dem Brexit zusammen und dürfte mit neuen Handelsbarrieren zusammenhängen.

Italien als zentraler Knotenpunkt innerhalb der EU

Auf Ebene der EU-Mitgliedstaaten dominiert Italien sowohl bei Importen als auch bei Exporten:

Land Importe 2015 Importe 2025 Exporte 2015 Exporte 2025
Italien 20,0 Mio. € 34,4 Mio. € 3,7 Mio. € 4,5 Mio. €
Deutschland 1,7 Mio. € 0,9 Mio. € 0,03 Mio. € 0,5 Mio. €
Frankreich 0,5 Mio. € 1,0 Mio. € 0,1 Mio. € 0,2 Mio. €
Slowenien 0,2 Mio. € 0,7 Mio. €

Italien importierte 2025 rund 90 % des EU-weiten Importvolumens und exportierte etwa 86 % der EU-Exporte. Dies unterstreicht die Rolle Italiens als Drehkreuz der europäischen Seidenverarbeitung — ein Muster, das mit der historischen Bedeutung der italienischen Textilindustrie (insbesondere Como) kongruent ist.


3. Preisschocks, Volatilität und Konzentrationsrisiken

Steigende Exportpreise trotz fallender Mengen

Die Preisentwicklung zeigt ein bemerkenswertes Muster:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportpreis (pro t) 56.122 € 91.127 € +62,4 %
Importpreis (pro t) 49.121 € 52.589 € +7,1 %
Exportvolumen 70 t 58 t −17,5 %
Importvolumen 482 t 728 t +51,0 %

Während die Importpreise nur moderat stiegen (+7,1 %), explodierten die Exportpreise um über 60 %. Dies deutet darauf hin, dass die EU zunehmend hochwertige, spezialisiere Schappeseidengarne exportiert, während sie mengenorientierte Standardgarne importiert. Die EU agiert also verstärkt als Nischenanbieter im hochpreisigen Segment, während das Volumengeschäft nach Asien verlagert wird.

Preischock bei China-Importen im Jahr 2022

Die Analyse von Angebotsschocks hat zwei signifikante Ereignisse identifiziert, beide im Zusammenhang mit China und dem Jahr 2022:

Schock Art Richtung Abnormalität Preissprung Zeitpunkt
China Preis Importe 10,6 +28,4 % 2022
China Preis Exporte 4,2 +66,9 % 2022

Der Import-Preisschock mit einer Abnormalität von 10,6 ist außergewöhnlich stark und fällt mit der Phase nach den COVID-19-Lockdowns und den globalen Lieferkettenstörungen zusammen. Die gleichzeitige Preissteigerung bei EU-Exporten nach China (+66,9 %) deutet darauf hin, dass die EU in diesem Jahr insbesondere hochwertige Garne nach China lieferte — möglicherweise bedingt durch eine Erholung der chinesischen Textilnachfrage nach den eigenen Lockdowns.

Volatile Handelsbeziehungen an der Peripherie

Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass einzelne Handelsbeziehungen erheblichen Schwankungen unterliegen:

Höchste Variationskoeffizienten bei Importen:

Lieferant CV
Taiwan 1,54
Indien 1,47
Vereinigtes Königreich 1,21
Peru 0,82

Höchste Variationskoeffizienten bei Exporten:

Bestimmungsland CV
Tunesien 1,64
Indien 1,13
Schweiz 1,10
Südafrika 0,75

Die hohen Volatilitätswerte bei Indien, Peru und Tunesien spiegeln unstetige, teils punktuelle Handelsbeziehungen wider. China hingegen weist bei Importen einen vergleichsweise niedrigen CV von 0,19 auf — was seine Rolle als stabiler, kontinuierlicher Lieferant bestätigt.

Zunehmende Exportkonzentration

Die Konzentrationsindizes (HHI) zeigen eine asymmetrische Entwicklung:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 8.065 8.158 +1,2 %
HHI Exporte (Wert) 1.777 2.181 +22,7 %

Die Importseite war von jeher hochkonzentriert (HHI > 8.000), bedingt durch die Dominanz Chinas, und hat sich kaum verändert. Auf der Exportseite ist die Konzentration jedoch deutlich gestiegen — die EU exportiert Schappeseidengarne zunehmend in wenige Märkte, allen voran die Türkei. Dies birgt Absatzrisiken bei einer möglichen Abschwächung der türkischen Textilnachfrage oder bei handelspolitischen Spannungen.


Schlussfolgerung

Die europäische Schappeseidengarnbranche (CN 5005) durchlebt einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die einheimische Produktion ist innerhalb eines Jahrzehnts um über 95 % eingebrochen, was die EU von einem teilweise autarken Produzenten zu einem stark importabhängigen Markt gemacht hat (Nettoimportabhängigkeit: 30 % → 88 %). China hat diese Lücke gefüllt und dominiert mit rund 90 % der EU-Importe. Gleichzeitig hat sich die EU auf ein hochpreisiges Export-Nischenprofil zurückgezogen, das vor allem von Italien getragen wird. Die Preisschocks des Jahres 2022 und die zunehmende Exportkonzentration auf wenige Märkte wie die Türkei deuten auf wachsende Verwundbarkeiten hin. Für die europäische Seidenverarbeitungsindustrie stellt die Abkehr von der eigenen Garnproduktion sowohl eine Chance (Fokussierung auf höhere Wertschöpfungsstufen) als auch ein strategisches Risiko dar, insbesondere angesichts der hohen Konzentration der Lieferantenbasis.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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