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Marktentwicklung: Rohseide (CN 5002) — 2015–2025

Einleitung

Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollcode 5002 (Grège, weder gedreht noch gezwirnt) im Zeitraum 2015 bis 2025. Rohseide ist ein hochspezialisierter Vorprodukt der Textilindustrie, das weltweit nur in wenigen Ländern in relevanten Mengen produziert wird. Die EU ist dabei ein klassischer Nettoimporteur: Die Einfuhren liegen mit zuletzt rund 95,2 Mio. € weit über den Ausfuhren von 2,7 Mio. €. Im Folgenden werden die zentralen Handelsdynamiken, die Marktstruktur sowie auftretende Schocks und Verwundbarkeiten beschrieben und interpretiert.

Weitere Informationen zu Produktabdeckung und Definitionen finden sich im Dashboard zu CN 5002.


1. Vom Seidenproduzenten zum Rohseide-Importeur: Der Zusammenbruch der EU-Produktion

1.1 Die heimische Produktion ist auf null gefallen

Die EU verfügte zu Beginn des Betrachtungszeitraums noch über eine nennenswerte Rohseideproduktion. Im Jahr 2015 wurden laut Produktionsdaten rund 1,73 Mio. Kilogramm Grège im Wert von 24,5 Mio. € produziert. Der Höchstwert lag bei 4,12 Mio. kg bzw. 112,1 Mio. €. Bis 2025 ist die gesamte EU-Produktion auf null gesunken — sowohl mengen- als auch wertmäßig. Dieser vollständige Rückzug markiert das Ende der europäischen Rohseideerzeugung im industriellen Maßstab.

Kennzahl 2015 (erster Wert) Höchstwert 2025 (letzter Wert) Veränderung
Produktionsmenge (kg) 1.732.105 4.119.676 0 −100,0 %
Produktionswert (€) 24.490.000 112.072.000 0 −100,0 %

1.2 Spezialisierte Mitgliedstaaten verlieren ihre Grundlage

Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass insbesondere drei EU-Staaten eine hohe RCA (Revealed Comparative Advantage) für Rohseide aufwiesen: Slowenien (RCA 23,8), Rumänien (RCA 8,8) und Italien (RCA 7,3). Slowenien und Rumänien haben mit Produktionsanteilen von 23,9 % bzw. 14,7 % an der EU-Gesamtproduktion eine erhebliche regionale Bedeutung gehabt. Italien dominierte mit einem Produktionsanteil von 58,6 % und ist zugleich der mit Abstand wichtigste Exporteur der EU — ein Umstand, der auf die traditionell starke italienische Seidenverarbeitung (Como) zurückzuführen ist.

Land RCA Produktionsanteil RSCA
Slowenien 23,78 23,9 % 0,919
Rumänien 8,79 14,7 % 0,796
Italien 7,31 58,6 % 0,759
Deutschland 0,13 2,8 % −0,769
Bulgarien 0,05 0,03 % −0,901

1.3 Die Nettoimportabhängigkeit erreicht 100 %

Der Wegfall der gesamten heimischen Produktion hat die Nettoimportabhängigkeit der EU von 66,8 % im Jahr 2015 auf 100 % im Jahr 2025 ansteigen lassen. Die EU ist damit vollständig auf Importe angewiesen, um den Bedarf ihrer Seidenverarbeitungsindustrie zu decken. Auch die Handelsintensität stieg entsprechend von 67,2 % auf 103,3 %.


2. China als dominierender Lieferant: Konzentration und Diversifizierungslücke bei den EU-Importen

2.1 China stellt über 90 % der EU-Rohseideimporte

Die Importpartneranalyse zeigt eine extreme Abhängigkeit der EU von China. Im Jahr 2025 importierte die EU Rohseide im Wert von 85,6 Mio. € aus China — das entspricht rund 90 % aller Importe. Im Vergleich dazu lag Brasilien als zweitgrößter Lieferant bei nur 8,3 Mio. €, Vietnam bei 1,25 Mio. €. Der Importkonzentrationsindex (HHI) für den Wert stieg leicht von 7.444 auf 8.151, was auf eine noch engere Bindung an China hindeutet.

Herkunftsland 2015 (erster Wert) 2025 (letzter Wert) Veränderung
China 69.418.510 € 85.579.318 € +23,3 %
Brasilien 10.941.193 € 8.322.978 € −23,9 %
Vietnam 354.102 € 1.252.075 € +253,6 %
Tunesien 171.891 € 23.200 € −86,5 %
Singapur 421.068 € 91 € −100,0 %
Schweiz 7.616 € 12 € −99,8 %

2.2 Die Importmengen sind trotz Preissteigerungen weitgehend stabil geblieben

Die gesamten EU-Importe stiegen im Wert um 16,9 % (von 81,5 Mio. € auf 95,2 Mio. €), während die Menge sogar leicht sank (von 1.530 Tonnen auf 1.505 Tonnen, −1,7 %). Die Importpreise erhöhten sich dadurch um 18,9 % (von 53.232 €/t auf 63.296 €/t). Der Höchstwert lag bei 66.502 €/t. Dies deutet darauf hin, dass die EU-Seidenindustrie zwar eine gewisse Preissensibilität aufweist, aber trotz steigender Kosten auf Importe angewiesen bleibt.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (€) 81.452.254 95.248.153 +16,9 %
Importmenge (t) 1.530 1.505 −1,7 %
Importpreis (€/t) 53.232 63.296 +18,9 %

2.3 Die innerstaatliche Verteilung der Importe verschiebt sich

Betrachtet man die EU-Mitgliedstaaten als Importeure, fällt die bemerkenswerte Verschiebung innerhalb der EU auf. Rumänien blieb mit 42,3 Mio. € der größte Importeur (leicht rückläufig gegenüber 44,1 Mio. €). Italien stieg auf 27,6 Mio. € (+24,1 %). Der dramatischste Anstieg betraf Slowenien, das von lediglich 14.447 € im Jahr 2015 auf 14,2 Mio. € im Jahr 2025 wuchs — ein Zuwachs von über 98.000 %. Dies korreliert mit der hohen lokalen Spezialisierung und dem Niedergang der eigenen Produktion: Slowenien hat offenbar den Einkauf auf den Weltmarkt verlagert.

Mitgliedstaat 2015 (erster Wert) 2025 (letzter Wert) Veränderung
Rumänien 44.125.909 € 42.265.258 € −4,2 %
Italien 22.263.781 € 27.627.830 € +24,1 %
Frankreich 10.118.559 € 10.740.378 € +6,1 %
Slowenien 14.447 € 14.239.395 € +98.463 %
Deutschland 3.948.379 € 207.893 € −94,7 %

3. Exportwachstum, Preisschocks und steigende Verwundbarkeit

3.1 Italien treibt ein starkes Exportwachstum — mit zunehmender Konzentration

Die EU-Exporte von Rohseide haben sich im Wert mehr als vervierfacht: von 681.890 € auf 2.655.675 € (+289,5 %). Die Menge stieg von 13,7 Tonnen auf 34,9 Tonnen (+154,4 %), der Preis von 49.684 €/t auf 76.048 €/t (+53,1 %). Den Exporten nach Partnerland zufolge sind Tunesien (+1.343 %), das Vereinigte Königreich (+1.288 %) und Bosnien und Herzegovina (+175 %) die am stärksten wachsenden Absatzmärkte. Gleichzeitig sind traditionelle Märkte wie die Türkei und Brasilien auf nahezu null gefallen.

Partnerland 2015 (erster Wert) 2025 (letzter Wert) Veränderung
Tunesien 114.746 € 1.656.225 € +1.343,4 %
Vereinigtes Königreich 45.273 € 628.157 € +1.287,5 %
Bosnien und Herz. 48.473 € 133.474 € +175,4 %
Ägypten 59.660 € 123.394 € +106,8 %
Türkei 171.391 € 13 € −100,0 %
Brasilien 56.080 € 0 € −100,0 %

Innerhalb der EU dominiert Italien die Ausfuhren: Von 665.047 € im Jahr 2015 auf 2.525.006 € im Jahr 2025 (+279,7 %). Italien stellt damit über 95 % der EU-Exporte. Der Export-HHI stieg von 1.812 auf 4.532 — ein deutliches Zeichen für zunehmende Konzentration auf wenige Handelspartner.

3.2 Im Jahr 2022 trat ein signifikanter Preisschock bei China-Importen auf

Die Schockerkennung identifiziert das Jahr 2022 als zentrale Anomalie. Bei den Importen aus China wurde ein Preisschock mit einer Abnormalität von 11,3 und einem Preisanstieg von 32,6 % festgestellt. Dies ist plausibel im Kontext der Nach-COVID-Herausforderungen: Lockdowns in China, gestörte Lieferketten und erhöhte Energiekosten dürften zu einem temporären Preissprung geführt haben. Da China nahezu den gesamten EU-Bedarf deckt, wirkt sich ein solcher Schock unmittelbar auf die gesamte europäische Seidenverarbeitung aus.

Schockereignis Land Richtung Abnormalität Preisänderung
Preisschock China Importe 11,3 +32,6 %
Preisschock UK Exporte 2,3 +156,2 %
Preisschock Bosnien und Herz. Exporte 5,1 −17,2 %

3.3 Die Exportvolatilität ist hoch, aber der Handelsdefizit bleibt das dominierende Strukturmerkmal

Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass sowohl bei Importen als auch bei Exporten erhebliche Schwankungen auftreten. Bei den Importpartnern weisen die Schweiz (CV 2,12), Japan (CV 1,78), Indien (CV 1,93) und die Türkei (CV 1,73) die höchste relative Volatilität auf — hier handelt es sich jedoch um kleinere Handelsvolumina. Die beiden wichtigsten Partner, China (CV 0,19) und Brasilien (CV 0,22), zeigen hingegen eine bemerkenswert geringe Volatilität, was auf stabile, langfristige Lieferbeziehungen hindeutet.

Demgegenüber steht das Handelsdefizit, das sich im Betrachtungszeitraum von −80,8 Mio. € auf −92,6 Mio. € vertieft hat (−14,6 %). Trotz des beachtlichen Exportwachstums (+289,5 %) sind die Ausfuhren mit 2,7 Mio. € immer noch um den Faktor 35 kleiner als die Einfuhren (95,2 Mio. €). Der Anstieg der Exportpropensity von 1,0 % auf 833,0 % ist in diesem Zusammenhang ein rechnerisches Artefakt des Zusammenbruchs der heimischen Produktion: Die Exporte beziehen sich nunmehr auf eine inländische Produktionsbasis von null, was die Kennzahl verzerrt, aber die fundamentale Abhängigkeit von Importen verdeutlicht.


Fazit

Die Marktentwicklung von CN 5002 zwischen 2015 und 2025 ist durch drei übergreifende Trends gekennzeichnet:

  1. Vollständiger Rückzug der EU-Produktion: Die einheimische Rohseideerzeugung ist von 1,73 Mio. kg auf null gesunken. Die EU ist heute zu 100 % auf Importe angewiesen — ein fundamentaler Strukturwandel gegenüber einer noch bestehenden, wenn auch rückläufigen Produktion zu Beginn des Zeitraums.

  2. Zunehmende Konzentration auf wenige Partner: China dominiert die EU-Importe mit über 90 % Marktanteil. Auf der Exportseite ist Italien der nahezu alleinige Akteur. Die HHI-Werte sind sowohl bei Importen als auch bei Exporten gestiegen, was die Anfälligkeit der EU gegenüber Störungen in einzelnen Lieferländern erhöht.

  3. Wachsende Verwundbarkeit trotz stabiler Handelsströme: Der Preisschock bei chinesischen Importen im Jahr 2022 hat gezeigt, wie empfindlich die EU-Rohseideversorgung auf externe Störungen reagieren kann. Die Kombination aus vollständiger Importabhängigkeit, hoher Konzentration auf China und anhaltendem Handelsdefizit macht die europäische Seidenverarbeitungsindustrie anfällig für sowohl preisliche als auch mengenmäßige Versorgungsunterbrechungen.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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