Marktentwicklung: Seidengarne (CN 5004) — 2015–2025
Einführung
Der EU-Markt für Seidengarne (CN 5004 — ausgenommen Schappeseidengarne oder Bourretteseidengarne sowie Aufmachungen für den Einzelverkauf) hat sich zwischen 2015 und 2025 in mehrfacher Hinsicht grundlegend verändert. Sowohl die Import- als auch die Exportvolumina sind spürbar zurückgegangen, während die inländische Produktion der EU an Dynamik gewonnen hat. Gleichzeitig haben sich die Handelspartnerstrukturen verschoben, Preisschocks haben die Märkte getroffen und die Konzentrationsverhältnisse haben sich — je nach Handelsrichtung — gegenläufig entwickelt. Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Trends und erklärt die zugrundeliegenden Dynamiken. Detaillierte Übersichten sind im Trade Dashboard verfügbar.
1. Schrumpfender Außenhandel bei differenzierten Preis- und Produktionsentwicklungen
1.1 Deutlicher Mengenrückgang bei Importen und Exporten
Die EU verzeichnete im Betrachtungszeitraum einen erheblichen Rückgang sowohl der Import- als auch der Exportmengen. Die Importmengen sanken von 671,8 Tonnen (2015) auf 370,5 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 44,8 % entspricht. Die Exportmengen fielen im gleichen Zeitraum von 119,3 auf 90,2 Tonnen (−24,4 %). Das Handelsvolumen hat sich damit insgesamt deutlich verringert, wobei der Rückgang auf der Importseite fast doppelt so stark ausfiel wie auf der Exportseite.
1.2 Gegenläufige Preisentwicklungen bei Importen und Exporten
Während die Mengen zurückgingen, entwickelten sich die durchschnittlichen Preise in entgegengesetzte Richtungen. Die Importpreise stiegen um 25,0 % — von 54.248 €/t auf 67.807 €/t — was auf steigende Beschaffungskosten und möglicherweise auf Lieferengpässe bei den Hauptlieferanten hindeutet. Die Exportpreise hingegen sanken um 15,9 % von 71.839 €/t auf 60.406 €/t. Die einstige Preisdifferenz zugunsten der EU-Exporte (über 17.500 €/t im Jahr 2015) ist damit fast vollständig verschwunden. Die EU hat somit einen Teil ihrer komparativen Kostenvorteile bei der Ausfuhr eingebüßt.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 36,4 Mio. € | 25,1 Mio. € | −31,1 % |
| Importmenge | 671,8 t | 370,5 t | −44,8 % |
| Importpreis | 54.248 €/t | 67.807 €/t | +25,0 % |
| Exportwert | 8,6 Mio. € | 5,4 Mio. € | −36,4 % |
| Exportmenge | 119,3 t | 90,2 t | −24,4 % |
| Exportpreis | 71.839 €/t | 60.406 €/t | −15,9 % |
| Handelsbilanz | −27,9 Mio. € | −19,7 Mio. € | +29,4 % |
Quelle: General Overview
1.3 Steigende inländische Produktion als Gegenpol zum Importrückgang
Ein zentraler Erklärungsfaktor für den Importrückgang ist das Wachstum der inländischen EU-Produktion. Die Produktionsmenge stieg von 2.422.471 kg (2015) auf 2.800.000 kg (2025), ein Plus von 15,6 %. Noch deutlicher fiel der Anstieg beim Produktionswert aus: von 68,5 Mio. € auf 100,0 Mio. € (+46,0 %). Diese Diskrepanz zwischen mengen- und wertmäßigem Wachstum deutet auf eine Aufwertung der inländischen Produktion hin — etwa durch die Herstellung höherwertiger Seidengarne oder gestiegene Produktionskosten. Die EU-Produktion übertrifft damit das Importvolumen (25,1 Mio. €) um ein Vielfaches und spiegelt eine zunehmende Selbstversorgung wider, was sich auch in der sinkenden Netto-Importabhängigkeit von 33,2 % auf 20,4 % (−38,6 %) zeigt.
2. Geographische Umorientierung der Handelsströme
2.1 China dominiert die Importseite weiterhin, verliert aber an relativer Basis langsamer als der Markt
China bleibt mit großem Abstand der wichtigste Importpartner der EU für Seidengarne, auch wenn die Importe aus China von 23,5 Mio. € auf 17,8 Mio. € sanken (−24,3 %). Da der Gesamtimportrückgang mit −31,1 % deutlich stärker ausfiel, hat Chinas relativer Anteil an den EU-Importen sogar leicht zugenommen und liegt zuletzt bei rund 70 %.
| Partnerland | Import 2015 (Mio. €) | Import 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 23,5 | 17,8 | −24,3 % |
| Vietnam | 7,6 | 2,5 | −66,9 % |
| Tunesien | 2,9 | 2,7 | −4,7 % |
| Indien | 0,5 | 0,8 | +73,9 % |
| Brasilien | 0,3 | 0,2 | −46,7 % |
| Japan | 1,0 | 0,5 | −46,3 % |
Quelle: Top-Importpartner
2.2 Vietnam und Japan als größte Verlierer unter den Lieferanten
Besonders auffällig ist der Rückgang der Importe aus Vietnam: von 7,6 Mio. € auf 2,5 Mio. € (−66,9 %). Vietnam war 2015 noch der zweitwichtigste Importpartner; 2025 hat es diese Position klar an Tunesien verloren. Japan verlor ebenfalls deutlich (−46,3 %). Demgegenüber konnte Indien seinen Export in die EU von 0,5 Mio. € auf 0,8 Mio. € steigern (+73,9 %) und rückte damit unter die fünf wichtigsten Lieferanten auf. Tunesien blieb als traditioneller Partner bemerkenswert stabil (−4,7 %).
2.3 Dramatische Verschiebung auf der Exportseite: Brexit-Effekt und neue Märkte
Auf der Exportseite vollzog sich eine bemerkenswerte Umorientierung. Das Vereinigte Königreich, 2015 mit 6,9 Mio. € mit Abstand der wichtigste Exportmarkt, verlor massiv an Bedeutung (−62,3 % auf 2,6 Mio. €). Der zeitliche Zusammenhang mit dem Brexit (formaler Austritt 2020) legt nahe, dass neue Handelsbarrieren diese Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben. Gleichzeitig gewannen neue Märkte stark an Bedeutung: Die Exporte in die USA stiegen von 0,16 Mio. € auf 1,08 Mio. € (+593,7 %), diejenigen nach Russland von 0,04 Mio. € auf 0,43 Mio. € (+880,0 %) und nach China von 0,10 Mio. € auf 0,27 Mio. € (+167,0 %).
| Bestimmungsland | Export 2015 (Mio. €) | Export 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 6,9 | 2,6 | −62,3 % |
| USA | 0,16 | 1,1 | +593,7 % |
| Russland | 0,04 | 0,43 | +880,0 % |
| China | 0,1 | 0,27 | +167,0 % |
| Tunesien | 0,28 | 0,24 | −14,8 % |
Quelle: Top-Exportpartner
2.4 Verschiebungen innerhalb der EU: Italiens Dominanz, Sloweniens Aufstieg, Deutschells Rückzug
Innerhalb der EU konzentrieren sich Handelsströme stark auf wenige Mitgliedstaaten. Italien war 2015 der mit Abstand größte Importeur mit 26,7 Mio. € und auch 2025 noch der zweitgrößte mit 9,9 Mio. € (−62,9 %). Der bemerkenswerteste Trend ist der Aufstieg Sloweniens: von lediglich 0,2 Mio. € (2015) auf 10,3 Mio. € (2025), was einem Anstieg von 4.748 % entspricht. Slowenien hat damit Italien als größten EU-Importeur überholt. Demgegenüber kollabierten die deutschen Importe von 8,1 Mio. € auf 0,76 Mio. € (−90,6 %). Auch bei den Exporten dominiert Italien mit 5,1 Mio. € im Jahr 2025 (−33,2 %), gefolgt von Frankreich mit 0,23 Mio. €. Deutschland exportierte 2025 nur noch für 0,04 Mio. € (−59,2 %).
2.5 Spezialisierungsmuster innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 zeigt, dass Rumänien (RCA 41,1) und Slowenien (RCA 9,8) die höchste komparative Spezialisierung bei Seidengarnen aufweisen, wenngleich ihre absoluten Marktanteile gering bleiben. Italien liegt mit einem RCA von 2,3 auf dem dritten Platz und ist sowohl in der Produktion als auch im Handel der mit Abstand wichtigere Akteur. Deutschland, die Niederlande und Spanien weisen trotz ihrer Rolle als Handelsakteure praktisch keine eigenständige Seidengarnproduktion auf (RCA nahe null).
| EU-Mitgliedstaat | RCA (2025) | Produktionsanteil | Anteil am EU-Handel |
|---|---|---|---|
| Rumänien | 41,06 | 0,69 % | 1,7 % |
| Slowenien | 9,77 | 9,8 % | 1,0 % |
| Italien | 2,29 | 18,4 % | 8,0 % |
| Österreich | 0,86 | 2,8 % | 3,3 % |
| Bulgarien | 0,21 | 0,1 % | 0,6 % |
Quelle: Spezialisierung
3. Preisschocks, steigende Importkonzentration und sinkende Exportneigung
3.1 Signifikante Preisschocks im Zeitraum 2015–2025
Im Betrachtungszeitraum wurden drei signifikante Preisschocks identifiziert, die die Marktstabilität beeinträchtigten:
| Schock | Land | Richtung | Jahr | Anomalie-Score | Preisänderung |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Tunesien | Exporte | 2019 | 8,1 | +322,3 % |
| 2 | China | Importe | 2022 | 6,3 | +36,8 % |
| 3 | China | Exporte | 2017 | 4,9 | +95,9 % |
Quelle: Preisschocks
Der ausgeprägteste Schock betraf die Exportpreise nach Tunesien im Jahr 2019 mit einer anomalen Preisverschiebung von +322,3 %. Angesichts des geringen Wertanteils (4,4 %) handelt es sich dabei wahrscheinlich um eine Nischentransaktion — möglicherweise im Rahmen von Veredelungsverkehr. Mengenmäßig weitaus relevanter war der Importpreisschock aus China im Jahr 2022 (Anomalie 6,3, +36,8 %), der angesichts des dominierenden Marktanteils Chains von 82,1 % an den EU-Importwert erhebliche Auswirkungen auf die gesamten Beschaffungskosten hatte.
3.2 Hohe Volatilität bei sekundären Handelsströmen, Stabilität bei Kernströmen
Die Volatilitätsanalyse zeigt ein deutliches Muster: Die Kernströme — insbesondere die Importe aus China (CV 0,27) und Tunesien (CV 0,30) — sind vergleichsweise stabil, während periphere Handelsbeziehungen erheblichen Schwankungen unterliegen. Am volatilsten verhielten sich die Importströme aus Hongkong (CV 2,88), den USA (CV 1,04), Brasilien (CV 0,97) und Japan (CV 0,93). Auf der Exportseite war der Handel mit Vietnam (CV 1,59), der Türkei (CV 0,96) und Russland (CV 0,86) am schwankungsanfälligsten.
| Richtung | Partner | Variationskoeffizient | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Import | Hongkong | 2,88 | Sehr hoch |
| Import | USA | 1,04 | Hoch |
| Import | Brasilien | 0,97 | Hoch |
| Import | Japan | 0,93 | Hoch |
| Import | China | 0,27 | Niedrig |
| Import | Tunesien | 0,30 | Niedrig |
| Export | Vietnam | 1,59 | Sehr hoch |
| Export | Türkei | 0,96 | Hoch |
| Export | Russland | 0,86 | Hoch |
| Export | USA | 0,51 | Mittel |
Quelle: Volatilität
3.3 Wachsende Importkonzentration trotz Exportdiversifizierung
Ein besonders bemerkenswerter Trend zeigt sich in den Konzentrationsindizes. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe stieg sowohl nach Wert (von 4.647 auf 5.233, +12,6 %) als auch nach Volumen (von 4.797 auf 5.919, +23,4 %), was eine zunehmende Abhängigkeit von weniger Lieferanten — insbesondere China — signalisiert. Gleichzeitig sank der Export-HHI nach Wert von 6.490 auf 2.795 (−56,9 %) und nach Volumen von 5.641 auf 1.865 (−66,9 %). Dieser gegenläufige Trend verdeutlicht, dass die EU ihre Exporte deutlich diversifiziert hat — weg von der früheren Konzentration auf das Vereinigte Königreich und hin zu einer breiteren Basis mit den USA, Russland und China als wichtigen Abnehmern.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Import-HHI (Wert) | 4.647 | 5.233 | +12,6 % |
| Import-HHI (Volumen) | 4.797 | 5.919 | +23,4 % |
| Export-HHI (Wert) | 6.490 | 2.795 | −56,9 % |
| Export-HHI (Volumen) | 5.641 | 1.865 | −66,9 % |
Quelle: Konzentration
3.4 Sinkende Exportneigung als langfristiges strukturelles Signal
Die Exportneigung der EU bei Seidengarnen sank von 13,1 % auf 6,2 % (−52,4 %). Dies ist innerhalb der Vulnerabilitätsanalyse der Indikator mit der höchsten Salienz (Score 96,2). Auch die Handelsintensität ging von 46,6 % auf 28,9 % zurück (−38,1 %). Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass die EU zunehmend für den Binnenmarkt produziert und ihr Exportengagement im globalen Seidengarnmarkt reduziert.
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung | Salienz-Score |
|---|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit | 33,2 % | 20,4 % | −38,6 % | — |
| Handelsintensität | 46,6 % | 28,9 % | −38,1 % | 59,2 |
| Exportneigung | 13,1 % | 6,2 % | −52,4 % | 96,2 |
Quelle: Exportneigung
Fazit
Der EU-Markt für Seidengarne (CN 5004) hat sich zwischen 2015 und 2025 in mehrfacher Hinsicht tiefgreifend gewandelt. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:
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Schrumpfender Außenhandel, wachsende Eigenproduktion: Sowohl Import- als auch Exportvolumina sind deutlich zurückgegangen, während die inländische EU-Produktion an Wert (+46 %) und Menge (+15,6 %) zugenommen hat. Die Netto-Importabhängigkeit sank von 33 % auf 20 %.
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Geographische Neuausrichtung: Der Brexit hat den einst wichtigsten Exportmarkt (Vereinigtes Königreich) erheblich an Bedeutung verlieren lassen. Neue Märkte — insbesondere die USA — haben an Gewicht gewonnen. Auf der Importseite hat sich die Abhängigkeit von China trotz Mengenrückgang sogar verfestigt, während Vietnam und Japan stark verloren haben. Innerhalb der EU hat Slowenien Italien als größten Importeur überholt, während der deutsche Markt nahezu kollabierte.
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Zunehmende Verwundbarkeit trotz geringerer Gesamtabhängigkeit: Obwohl die Netto-Importabhängigkeit gesunken ist, hat sich die Konzentration der verbleibenden Importe auf wenige Lieferanten erhöht. Der chinesische Importpreisschock von 2022 illustriert das damit verbundene Risiko. Gleichzeitig ist die Exportneigung der EU um mehr als die Hälfte gesunken — ein Signal für eine zunehmende Hinwendung zum Binnenmarkt und eine Reduktion des globalen Engagements.
Die weitere Entwicklung wird maßgeblich davon abhängen, ob die europäische Seidenproduktion ihren Wachstumskurs fortsetzen kann und ob die gelungene Exportdiversifizierung die verlorene Position im Vereinigten Königreich dauerhaft zu kompensieren vermag.