Marktentwicklung: Altpapier und Zellstoff (CN 47) — 2015–2025
Einleitung
Die Produktkategorie CN 47 umfasst Halbstoffe aus Holz oder anderen cellulosehaltigen Faserstoffen sowie Papier- und Pappeabfälle zur Wiedergewinnung. Sie bildet das Rückgrat der europäischen Papier- und Kartonindustrie. Der vorliegende Bericht analysiert die Entwicklung des Außenhandels der Europäischen Union mit diesen Gütern für die Jahre 2015 bis 2025. Im Mittelpunkt stehen drei fundamentale Dynamiken: die Umkehr von einem chronischen Handelsbilanzdefizit zu einem deutlichen Überschuss, die starken Preisausschläge vor allem in den Jahren 2021–2022 sowie ein tiefgreifender struktureller Wandel von einer importabhängigen zu einer exportorientierten Position.
Vom Handelsdefizit zum Überschuss: Die Wende im EU-Außenhandel mit Zellstoff und Altpapier
Die Ausfuhren stiegen wertmäßig um 76 %, während die Einfuhren um 8 % zurückgingen.
Im Jahr 2015 exportierte die EU Waren des Kapitels 47 im Wert von 3,33 Mrd. EUR; bis 2025 kletterten die Ausfuhren auf 5,87 Mrd. EUR (+76,2 %). Die Ausfuhrmenge wuchs im selben Zeitraum von 11,2 Mio. Tonnen auf 13,9 Mio. Tonnen (+23,9 %). Die Einfuhren hingegen sanken wertmäßig von 5,30 Mrd. EUR auf 4,88 Mrd. EUR (−8,0 %), die Importmenge von 10,5 Mio. Tonnen auf 9,5 Mio. Tonnen (−9,6 %). Die Handelsbilanz, die 2015 noch ein Defizit von −1,97 Mrd. EUR aufwies, drehte bis 2025 in einen Überschuss von +1,00 Mrd. EUR – eine Verbesserung um 150,6 % (trade).
| Jahr | Exportwert (Mio. EUR) | Importwert (Mio. EUR) | Saldo (Mio. EUR) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 3.331,6 | 5.298,8 | −1.967,2 |
| 2018 | 4.384,4 | 5.901,2 | −1.516,8 |
| 2021 | 5.008,6 | 4.808,3 | +200,3 |
| 2023 | 6.074,8 | 4.943,4 | +1.131,5 |
| 2025 | 5.870,8 | 4.875,1 | +995,7 |
Chemischer Zellstoff (CN 4703) wird zum Exportmotor, Altpapier (CN 4707) verliert an Bedeutung.
Die Warenuntergruppe 4703 (chemischer Holzzellstoff, Natron- oder Sulfatverfahren, außer zum Auflösen) dominierte die Einfuhren bereits 2015 und blieb 2025 mit 4,03 Mrd. EUR der größte Importposten. Bei den Ausfuhren hingegen vollzog sich ein bemerkenswerter Wandel: Exportierte die EU 2015 noch 7,18 Mio. Tonnen Altpapier (4707) im Wert von 0,93 Mrd. EUR, so waren es 2025 nur noch 5,97 Mio. Tonnen (0,84 Mrd. EUR). Dagegen schnellten die Ausfuhren von chemischem Zellstoff (4703) von 2,65 Mio. Tonnen (1,49 Mrd. EUR) auf 6,61 Mio. Tonnen (4,05 Mrd. EUR) – ein Zuwachs von +178 % in der Menge und +172 % im Wert (product compare).
| Jahr | Export 4703 (Mio. EUR) | Export 4707 (Mio. EUR) | Import 4703 (Mio. EUR) | Import 4707 (Mio. EUR) |
|---|---|---|---|---|
| 2015 | 1.490,0 | 932,0 | 4.393,9 | 297,5 |
| 2025 | 4.053,2 | 836,2 | 4.031,8 | 338,3 |
China bleibt wichtigster Abnehmer, doch Indien und Vietnam wachsen rasant.
Die Ausfuhren nach China legten um 43,6 % auf 2,25 Mrd. EUR zu und führten die Zielländerliste 2025 an. Indien (+229,3 % auf 615 Mio. EUR), die Türkei (+97,7 % auf 471 Mio. EUR) und insbesondere Vietnam (+473,0 % auf 117 Mio. EUR) verzeichneten noch dynamischere Zuwächse. Importseitig behauptete Brasilien mit 2,25 Mrd. EUR seine Spitzenposition (+8,8 %). Die Vereinigten Staaten, Uruguay und Chile folgten mit deutlichem Abstand (top partners by value).
Preisausschläge und Konzentrationsverschiebungen: Ein turbulentes Marktumfeld
Der globale Zellstoffpreisschock 2021–2022 traf Ein- und Ausfuhren gleichermaßen.
Die Jahre 2021 und 2022 waren von außergewöhnlich starken Preisanstiegen geprägt. Der durchschnittliche Exportpreis für CN 47 schnellte von 297,6 EUR/Tonne (2015) auf zeitweise 522,6 EUR/Tonne (Maximum im Beobachtungszeitraum). Der Importpreis erreichte mit 670,0 EUR/Tonne seinen Höchststand. In den Einfuhren registrierte der Schockdetektor vier statistisch signifikante Preisausschläge: einen +47,1 %-Sprung bei US-amerikanischen Lieferungen im Jahr 2022, eine +58,5 %-Verteuerung aus Brasilien (ebenfalls 2022) sowie Anstiege bei Bezügen aus dem Vereinigten Königreich und Chile. Auf der Ausfuhrseite traten die stärksten Schocks bei Lieferungen nach Vietnam (+140,6 % Preissprung 2021), Thailand (+113,4 %) und Indonesien (+42,6 %) auf (top shock events). Die folgende Tabelle fasst die Preisausschläge bei den wichtigsten Handelspartnern zusammen.
| Partner | Fluss | Schockzentrum | Preisänderung (%) | Abnormality |
|---|---|---|---|---|
| Vietnam | Export | 2021 | +140,6 | 23,1 |
| Thailand | Export | 2021 | +113,4 | 18,7 |
| Ver. Staaten | Import | 2022 | +47,1 | 8,3 |
| Indonesien | Export | 2021 | +42,6 | 14,3 |
Importkonzentration nimmt zu – Brasilien dominiert die EU-Versorgung.
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Importe stieg wertmäßig von 2 286 (2015) auf 2 869 (2025, +25,5 %). Die Volumenkonzentration nahm mit +33,4 % sogar noch stärker zu. Brasilien trug 2025 mit 2,25 Mrd. EUR fast 46 % zum Importwert bei; der Variationskoeffizient der brasilianischen Liefermenge war mit 0,092 der niedrigste aller wichtigen Partner, was auf eine stabile, aber dominante Versorgungsquelle hindeutet (volatility bars; concentration HHI).
Exportdiversifizierung schreitet voran: Die HHI sinkt um 28 %.
Im Gegensatz zu den Importen streute der EU-Export seine Zielländer merklich breiter. Der wertmäßige HHI der Ausfuhren fiel von 2 452 auf 1 766 (−28,0 %), der mengenmäßige HHI brach sogar um 63,8 % ein. China verliert damit anteilig an Gewicht, während Indien, Vietnam und die Türkei ihren Anteil ausbauen und die Gesamtverteilung ausgeglichener machen (concentration HHI).
Struktureller Wandel: Von der Importabhängigkeit zur Exportorientierung
Die Nettoimportabhängigkeit fiel von 21 % auf 5 % – 2023 wurde die EU kurzzeitig zum Nettoexporteur.
Der Anteil der Nettoimporte (Importe minus Exporte) an der inländischen Verwendung sank von 21,2 % (2015) auf 5,1 % (2024). Im Jahr 2023 war die Quote mit −4,3 % sogar negativ, das heißt die EU exportierte mehr Zellstoff und Altpapier, als sie per Saldo aus Drittländern bezog (net import reliance).
Die Exportneigung der EU-Produktion verdoppelte sich nahezu auf 40 %.
Die Exportquote (Anteil der Ausfuhren an der Produktionsmenge) stieg von 24,8 % (2015) auf 39,5 % (2024), ein Anstieg von 120,2 %. Parallel wuchs die Handelsintensität (Summe aus Ex- und Importen im Verhältnis zur Produktion) von 46,8 % auf 58,3 %. Europa ist damit nicht nur ein bedeutender Papiermarkt, sondern zunehmend eine Drehscheibe für den internationalen Handel mit Zellstoff und Altpapier (export propensity; trade intensity).
Finnland, Schweden und Portugal sind die Speerspitze der EU-Zellstoffexporte.
Die Exporte von CN 47 aus der EU werden stark von wenigen Mitgliedstaaten getragen. 2025 wiesen Finnland (RSCA 0,822), Schweden (0,727) und Portugal (0,606) die höchsten Spezialisierungsindizes auf. Gemeinsam entfielen auf diese drei Länder über 30 % des gesamten EU-Produktionswertes dieser Ware, während sie nur knapp 5 % der gesamten EU-Gesamtexporte aller Güter beitragen. Die Produktionsmenge in der EU blieb mit 18,0 Mio. Tonnen (2024) gegenüber 17,5 Mio. Tonnen (2015) nur moderat gewachsen (+5,5 %). Der Produktionswert erhöhte sich dagegen deutlich von 9,6 Mrd. EUR auf 12,2 Mrd. EUR (+61,4 %), was den anhaltenden Preisauftrieb widerspiegelt (most specialised reporters; production quantity; production value).
Schlussfolgerung
Der EU-Außenhandel mit Zellstoff und Altpapier hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Aus einer defizitären, stark importabhängigen Position hat sich die Union zu einem Nettoexporteur entwickelt, getrieben von der enormen Ausweitung der Ausfuhren von chemischem Holzzellstoff. Gleichzeitig durchlief der Markt eine Phase heftiger Preisausschläge, die ihre Spuren in den Handelsstatistiken hinterließen. Die gestiegene Exportdiversifizierung und der stark gesunkene Nettoimportanteil belegen eine erhöhte außenwirtschaftliche Resilienz. Risiken bleiben jedoch die hohe Importkonzentration auf Brasilien und die Anfälligkeit für globale Preisschocks. Die nordischen Mitgliedstaaten und Portugal haben ihre Rolle als Schlüssellieferanten weiter gefestigt und tragen maßgeblich zur neuen globalen Wettbewerbsfähigkeit der EU in diesem Segment bei.