Marktentwicklung: Altpapierstoff (CN 4706) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifposition 4706 zugeordnet sind Halbstoffe aus der Aufbereitung von Abfällen und Ausschuss von Papier oder Pappe sowie aus anderen cellulosehaltigen Faserstoffen (ausgenommen Holz). Diese Position umfasst sechs Unterpositionen — von Baumwoll-Linters (470610) über Recyclingfasern (470620) bis hin zu mechanisch, halbchemisch und chemisch aufbereiteten Faserstoffen. Der Zeitraum 2015–2025 war von erheblichen strukturellen Verschiebungen im EU-Außenhandel mit diesen Produkten geprägt: Pandemie-Effekte, Energiepreisschocks, geopolitische Spannungen und eine zunehmende Kreislaufwirtschafts-Regulierung haben die Handelsströme nachhaltig verändert.
Die vorliegende Analyse stützt sich auf die Daten des EU Trade Dashboard für CN 4706. Die EU-Produktion in diesem Bereich (gemessen in kg 90 % sdt) stieg im Zeitraum von 1,506 Mrd. kg auf 1,900 Mrd. kg (+26,1 %), der Produktionswert verdoppelte sich nahezu von 566 Mio. € auf 1.051 Mio. € (+85,5 %). Diese binnenwirtschaftliche Dynamik bildet den Hintergrund für die beobachteten Handelsveränderungen.
1. Strukturwandel im EU-Außenhandel: Vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur
Die EU hat ihre Handelsposition grundlegend gewandelt
Der auffälligste Befund des gesamten Zeitraums ist die vollständige Wende der Nettohandelsposition. Lag die Netto-Importabhängigkeit 2015 noch bei +20,1 %, so sank sie bis 2025 auf −3,4 %. Die EU war damit 2015 ein deutlicher Nettoimporteur und ist 2025 ein leichter Nettoexporteur geworden. Der Wendepunkt fiel in die Jahre 2021/2022.
Mengenrückgänge beim Import waren deutlich stärker als beim Export
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importvolumen (t) | 202.218 | 130.397 | −35,5 % |
| Exportvolumen (t) | 85.566 | 78.563 | −8,2 % |
| Importwert (EUR) | 137.979.812 | 123.576.142 | −10,4 % |
| Exportwert (EUR) | 79.687.204 | 83.080.161 | +4,3 % |
| Handelsbilanz (EUR) | −58.292.608 | −40.495.981 | +30,5 % |
Datenquelle: Allgemeiner Überblick
Die Importmengen fielen mit −35,5 % fast fünfmal so stark wie die Exportmengen (−8,2 %). Bemerkenswert ist, dass der Exportwert trotz rückläufiger Mengen leicht stieg (+4,3 %), was auf erhebliche Preissteigerungen zurückzuführen ist. Der Handelsbilanzdefizit verbesserte sich nominal um gut 30 %, wenngleich die Handelsbilanz per Saldo auch 2025 noch negativ blieb.
Die Handelsintensität ist gesunken — die Exportquote blieb stabil
Die Handelsintensität sank von 51,2 % auf 42,0 % (−17,8 %). Dies bedeutet, dass der Außenhandel relativ zur inländischen Produktion an Bedeutung verloren hat — die EU nutzt ihre eigene Altpapierstoff-Produktion stärker selbst. Die Exportquote blieb hingegen mit 26,1 % (2015) bzw. 27,8 % (2025) nahezu unverändert. Die zunehmende Autarkie geht also vor allem auf den Importrückgang, nicht auf eine exportgetriebene Umorientierung zurück.
2. Deutliche Preissteigerungen und ein Sonderschock bei 470693-Exporten
Die Preise stiegen auf allen Kanälen überproportional
Ein zentrales Merkmal des Zeitraums 2015–2025 ist der erhebliche Preisanstieg sowohl bei Importen als auch bei Exporten:
| Kennzahl | 2015 (EUR/t) | 2025 (EUR/t) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importpreis | 682 | 948 | +38,9 % |
| Exportpreis | 931 | 1.057 | +13,6 % |
Datenquelle: Allgemeiner Überblick
Der Importpreis stieg mit +38,9 % fast dreimal so stark wie der Exportpreis (+13,6 %). Die Preisunterschiede variieren dabei erheblich zwischen den Unterpositionen. Besonders bei 470693 (halbchemisch aufbereitete Faserstoffe) und 470691 (mechanisch aufbereitete Faserstoffe) lagen die Importpreise pro kg 90 % sdt in den letzten Jahren bei 3,74 bzw. 1,89 EUR/kg — weit über dem Niveau von 2015 (1,36 bzw. 1,90 EUR/kg).
Die Unterposition 470693 zeigt eine extreme Volatilität im Export
Die Exporte von halbchemisch aufbereiteten Faserstoffen (470693) sind das volatilste Segment im gesamten CN-4706-Handel. Die Exportmenge schwankte zwischen 124 t (2015) und 10.823 t (2023), der Exportwert zwischen 456.041 € (2015) und 14.036.868 € (2023). Diese Schwankungen lassen sich teilweise auf Einmaleffekte zurückführen — etwa den Preisschock in Vietnam 2020 (Anstieg um 272 %, Abnormalität 44,8) oder den Preisschock in Australien 2022 (Anstieg um 23 %, Abnormalität 304,2).
Der Energiepreisschock 2022/23 und seine Nachwirkungen
Das Jahr 2022 markiert in vielen Teilsegmenten einen Preisgipfel. Der Importpreis für 470610 (Baumwoll-Linters) erreichte 2.379 EUR/t (2022), der Importpreis für 470693 (halbchemisch) 4.000 EUR/t (2022). Dies korrespondiert mit dem globalen Energiepreisschock nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, der die Energiekosten für die Zellstoff- und Recyclingindustrie in die Höhe trieb. Bis 2025 normalisierten sich die Preise teilweise, blieben aber über dem Vorkrisenniveau: Der 470693-Importpreis lag 2025 bei 3.742 EUR/t — immer noch fast dreimal so hoch wie 2015 (1.252 EUR/t).
3. Geopolitische Verschiebungen: Neue Handelspartner, alte verlieren an Bedeutung
Russland als Exportmarkt brach vollständig weg
Der dramatischste geopolitische Effekt zeigt sich bei den Exporten in die Russische Föderation. Der Exportwert sank von 6,7 Mio. € (2015) auf 238.882 € (2025), ein Rückgang um 96,5 %. Der Koeffizient der Variation liegt bei 0,82, was eine hohe Instabilität widerspiegelt. Russland war 2015 noch einer der wichtigsten Exportmärkte der EU für Altpapierstoffe; 2025 spielt es keine Rolle mehr.
Großbritannien und Frankreich kompensieren — mit gegenläufigen Rollen
| Handelspartner | Richtung | 2015 (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Großbritannien | Export | 8.850.867 | 22.816.210 | +157,8 % |
| Frankreich | Export | 4.293.908 | 21.274.464 | +395,5 % |
| Ungarn | Export | 84.416 | 13.466.525 | +15.852,6 % |
| Spanien | Export | 19.940.901 | 110.747 | −99,4 % |
Großbritannien wurde nach dem Brexit zum wichtigsten EU-Exportmarkt für CN 4706 und übernahm die Rolle, die zuvor Russland und China innehatten. Parallel dazu stieg Frankreich vom mittleren Exporteur (4,3 Mio. €) zum zweitgrößten Exporteur (21,3 Mio. €). Ungarn verzeichnete den prozentual stärksten Anstieg aller EU-Lander und entwickelte sich zum drittgrößten Exporteur (13,5 Mio. €). Spaniens Exporte hingegen brachen von fast 20 Mio. € auf nur noch 110.747 € zusammen — ein Rückgang um 99,4 %. Die Exportkonzentration (HHI) stieg im gleichen Zeitraum von 690 auf 1.030 (+49,3 %), was eine zunehmende Abhängigkeit von wenigen Partnerländern signalisiert.
Auf der Importseite: Zentralasien und Kanada gewinnen an Gewicht
Die wichtigsten Importquellen blieben die USA (von 53,6 Mio. € auf 44,9 Mio. €) und China (von 30,2 Mio. € auf 39,1 Mio. €). Allerdings verschoben sich die Anteile erheblich:
| Importpartner | 2015 (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 53.555.009 | 44.876.770 | −16,2 % |
| China | 30.167.266 | 39.081.625 | +29,5 % |
| Philippinen | 29.622.597 | 22.306.424 | −24,7 % |
| Usbekistan | 468.667 | 10.248.674 | +2.086,8 % |
| Kanada | 81.345 | 1.222.433 | +1.402,8 % |
| Schweiz | 11.230.371 | 2.875.220 | −74,4 % |
Usbekistan und Kanada sind als neue, stark wachsende Lieferanten hervorgetreten. Die Importe aus Usbekistan stiegen um über 2.000 %, die aus Kanada um über 1.400 %. Die Schweiz verlor dagegen als Importquelle stark an Bedeutung (−74,4 %). Der Koeffizient der Variation bei Usbekistan (0,67) und Kanada (1,18) deutet allerdings darauf hin, dass diese Handelsbeziehungen noch nicht gefestigt sind und stark schwanken.
Innerhalb der EU verschiebt sich die Importlast nach Süden und Osten
Die EU-Binnenstruktur der Importe zeigt einen deutlichen Shift. Die Niederlande (von 49,8 Mio. € auf 27,5 Mio. €, −44,7 %) und Frankreich (von 25,2 Mio. € auf 9,2 Mio. €, −63,4 %) verloren als Importeure stark an Bedeutung. Dafür stiegen Italien (von 3,0 Mio. € auf 9,6 Mio. €, +221 %), Belgien (von 5,5 Mio. € auf 12,6 Mio. €, +130 %) und Finnland (von 3,4 Mio. € auf 7,5 Mio. €, +121 %) als Drittland-Importeure. Deutschland blieb mit Abstand der größte Exporteur (41,9 Mio. €, 2025), obwohl seine Exporte leicht rückläufig waren (−11,3 %). Die meistexportierenden EU-Länder zeigen eine zunehmende Spezialisierung: Deutschland konzentriert sich auf chemisch aufbereitete Halbstoffe (470692), Frankreich und Ungarn auf Recyclingfasern (470620) und halbchemische Produkte (470693).
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Altpapierstoffe (CN 4706) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt. Die drei wichtigsten Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
-
Strukturelle Autonomiegewinne. Die EU ist vom Nettoimporteur (20,1 % Netto-Importabhängigkeit) zum annähernd autarken Markt geworden (−3,4 %). Der starke Rückgang der Importmengen (−35,5 %) bei gleichzeitig wachsender inländischer Produktion (+26,1 %) deutet auf eine Verlagerung der Rohstoffversorgung in den Binnenmarkt hin — konsistent mit den Zielen der EU-Kreislaufwirtschaftsstrategie.
-
Preisanstieg als neues Normal. Die Importpreise stiegen um 39 %, die Exportpreise um 14 %. Der Energiepreisschock von 2022 hat die Preise akut getrieben, doch auch danach blieben sie deutlich über dem Ausgangsniveau. Dies spiegelt sowohl die zunehmende Knappheit hochwertiger Recyclingfasern als auch gestiegene Verarbeitungskosten wider.
-
Geopolitische Neuausrichtung der Handelsströme. Der russische Markt brach nahezu vollständig weg, während Großbritannien, Usbekistan und Kanada an Bedeutung gewannen. Innerhalb der EU verschob sich die Exportdominanz hin zu Deutschland, Frankreich und Ungarn, während Spanien und die Niederlande stark an Boden verloren. Die zunehmende Exportkonzentration (HHI von 690 auf 1.030) birgt ein gewisses Diversifizierungsrisiko.